E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Baumhaus
Alonso / Pelegrin Verdammt wenig Leben
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1997-9
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: Baumhaus
ISBN: 978-3-8387-1997-9
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In Jasons Leben läuft alles rund: Als erfolgreicher Serienstar ist der junge attraktive Mann aus dem Medienhype der Gläsernen Stadt nicht wegzudenken. Die attraktivsten Schauspielerinnen wollen mit Jason vor der Kamera stehen. Dafür nimmt er in Kauf, dass er rund um die Uhr unter der Kontrolle seiner Produktionsfirma steht. Doch plötzlich ändert sich alles: Seine Drehbuchautorin taucht ab und sendet ihm rätselhafte Botschaften. Jason geht der Spur nach und entdeckt: Die tödlichen Unfälle, die in den Erfolgsserien vorkommen, sind von den Produzenten eiskalt geplant: Echter Tod auf dem Set, um die Quoten anzutreiben- Jason beschließt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ein riskanter Plan - denn den Kameras in der Gläsernen Stadt entgeht nichts!
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Jason schaltete das holografische Interface ab und lächelte in die schwebende Kamera, die die Bewegung seiner Hände auf der virtuellen Tastatur aufgezeichnet hatte, bis er ihr befohlen hatte, die Übertragung zu beenden. Die Kamera gehorchte und schwebte mit einem leisen Surren in die rechte Schublade seines Schreibtischs. Zerstreut strich Jason über das alte Mahagoniholz des Möbels, das bronzene Schreibtischset mit dem Tintenfass und die wertvolle, in echtes Leder gebundene Ausgabe der »Odyssee«, die Minerva ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Darin hatte er kurz vor der Sendung geblättert, um sich zu konzentrieren.
Ganz klar war ihm die neue Ausrichtung seiner Figur allerdings noch nicht. Jeden Tag zu senden, wie jemand Tagebuch schrieb, das hatte man schon früher gemacht, und es hatte nie zu den spektakulären Ergebnissen geführt, die Minerva zu erwarten schien. Er erinnerte sich an den Fall einer Jugendlichen aus einem Vorort, die jeden Tag über ihre Freundinnen aus der Tanzschule geschrieben hatte, und zwar ein bisschen ordinär, was anfangs durchaus Interesse weckte. Aber schon bald wurde es langweilig, und die Einschaltquoten des Mädchens gingen so stark zurück, dass mehrere Kanäle ihr Leben nicht länger ausstrahlten. Er selbst war natürlich kein Teenie, der nichts zu sagen hatte. Auf Wunsch seines Produzenten war er vier Jahre durch die transparente Welt gereist und hatte, immer unter dem aufmerksamen Blick eines Millionenpublikums, die schönsten Orte dieser seiner Welt besucht. Und nicht nur das: Er hatte Geige gelernt und tote Sprachen, Naturwissenschaften und Geschichte studiert. Er las fast wie ein Profi, ohne die Lippen zu bewegen. Und was noch wichtiger war: Minerva vertraute ihm und griff immer öfter seine Vorschläge auf. Die Idee, den Pilotenschein für einen Renngleiter zu machen, war zum Beispiel von ihm selbst gekommen. Und das Publikum war begeistert gewesen! Schade, dass es nicht immer so aufgeschlossen war.
»Den Terminkalender bitte«, sagte er, während er zum Fenster ging.
In dieser Jahreszeit sahen die Bäume prachtvoll aus. Die Rot- und Gelbtöne der Blätter standen in reizvollem Kontrast zum tristen, bedrückenden Schiefergrau des Himmels. Im Hochhaus gegenüber wurden gerade verschiedene Familienszenen gedreht. Mehrere Minuten lang verfolgte Jason, wie ein Vater im 34. Stock des Gebäudes, ungefähr auf der Höhe seines Fensters, wild gestikulierend mit seiner Tochter schimpfte. Er kannte die Serie, dieses Mädchen hatte er schon mehr als einmal live gesehen. Sie konnte hervorragend weinen, so verzweifelt, dass man richtig gerührt war. Wenige Figuren waren so glaubwürdig wie sie, wenn es darum ging, Angst auszustrahlen, dabei war sie höchstens zehn Jahre alt. Er würde Minerva empfehlen, sie unter Vertrag zu nehmen, die Kleine hatte wirklich Potenzial. Vielleicht konnten sie ein paar Folgen zusammen drehen.
Jetzt zeichnete sich auf der Fensterscheibe das Bild von Clarissa ab, sie bewegte die Lippen. Das Treffen mit ihr war für später auf halb sechs angesetzt und Minerva hatte entschieden, es nicht live zu senden. Man würde die Liebesszenen nachträglich aus den besten Stellen zusammenschneiden. Das war viel besser und würde ihm peinliche Gefühle ersparen. Das Publikum würde nur die attraktivsten Einstellungen sehen und das würde seine Figur stärker machen.
Schade, dass Clarissa zu seiner neuen Freundin gewählt worden war und nicht Alice. Er fand Alice viel attraktiver, mit diesen süßen Grübchen und ihrem Koboldlächeln, aber er hatte gleich gewusst, dass sie nicht mit Clarissas Bombenfigur würde mithalten können. Na ja, für die Sendung war es eigentlich fast besser...




