E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Alt Die außergewöhnlichste Liebe aller Zeiten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-451-82240-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die wahre Geschichte von Jesus, Maria Magdalena und Judas
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-451-82240-7
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Er ist der Inbegriff des miesen Verräters und sie die schillerndste Frau im Christentum: Um Judas und Maria Magdalena ranken sich unzählige Gerüchte und Vermutungen, sie faszinieren seit zwei Jahrtausenden die Menschen. Nach jahrelangen Recherchen zeigt Franz Alt in diesem bahnbrechenden Buch, dass Judas ein Freund Jesu war und Maria Magdalena als vertraute Gefährtin Jesu nicht länger das Schmuddelimage und Quotenfrau-Dasein verdient. Ein fesselnder Streifzug durch die Bibel und Kirchengeschichte mit spektakulären Wendungen. Eine Antwort auf die Frage, wie Kirche wieder »systemrelevant« sein kann.
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16. Jesus, der erste neue Mann
Ich nenne Jesus den ersten neuen Mann, weil er beispielhaft das Weibliche in sich nicht verdrängt und unterdrückt, sondern entwickelt und integriert hat. Als Mann des rationalen Gefühls ist Jesus das leuchtende Beispiel für emanzipierte Frauen, erwachsene Männer und suchende Jugendliche. Deshalb waren Frauen vor 2000 Jahren verrückt nach diesem Mann. Jesus ist der Traum von einem Mann.
Jesus war ein »Anima-integrierter« Mann, schreibt die Theologin und Tiefenpsychologin Hanna Wolff. Ein Mann wird ein neuer Mann, wenn er seine weiblichen Seelenanteile entdeckt und lebt, wenn er – wie Jesus – die Wertschätzung des Weiblichen lernt und lebt. Und eine Frau wird eine Persönlichkeit, wenn sie ihre männlichen Seelenanteile, ihren Animus, entdeckt und integriert. Jesus hat seine weiblichen Seelenanteile integriert. Und deshalb war und ist er ein heilsamer Heiler, das Modell menschlichen Lebens für alle Menschen. Was Jesus nach 2000 Jahren heute so faszinierend macht, hat der indische Philosoph und Reformer Keshab Chandra Sen schon im 19. Jahrhundert erkannt: »Was war Christus anderes als die Vereinigung männlicher und weiblicher Vollkommenheit?« Und er fügte hinzu: »Der Christus aber, der, von einer Frau geboren, selbst eine Frau im Manne ist, wartet noch darauf, erkannt zu werden.«
Zum Verwirklichen dieser Erkenntnis hat Hanna Wolff vor vierzig Jahren in ihren Jesus-Büchern einen wesentlichen Beitrag geleistet. Frauen und Männer können ganzheitliche oder »vollkommene« Menschen werden, wenn sie die Polarität des Männlichen und Weiblichen in sich leben. Margret Mead schrieb dazu schon 1958 in ihrem Buch »Mann und Weib«: »Wir können nur dann eine vollkommene Welt aufbauen, wenn wir die besonderen Gaben beider Geschlechter sowie auch die ihnen gemeinsamen benutzen und so die Begabungen der ganzen Menschheit nutzen.«
Sind wir heute wenigstens auf dem Weg, um dieses große Ziel zu erreichen? Was meinen Sie?
Hanna Wolff dazu: »Diese Anima-Animus-Konzeption Jungs verbunden mit seinen von ihr unabtrennbaren Integrations- und Individuationsabsichten halte ich in der Tat für einen fundamentalen Beitrag zur psychischen Reifung und weiteren Bewusstwerdung der Menschheit … aus ihr erfolgt ein neues psychisch geistiges Verständnis der Ganzheit des Menschen selbst, aber auch ein ganzheitlicheres und vertieftes Weltverständnis. Nächst der Entdeckung des Unbewussten ist Jungs Anima-Animus-Konzeption die genialste Einsicht der Neuzeit in das Wesen des Menschseins. Sie ist ein fundamentales Ereignis in der neueren Geistesgeschichte der Menschheit.«
Dieser Fortschritt verhilft uns auch zu einem neuen und tieferen Verständnis des Menschen Jesus. Wenn wir gut sind, hilft es auch uns zu neuen Einsichten über uns selbst.
Christa Mulack sieht »Weiblichkeit als Grundlage christlicher Ethik«: »So wie nur Mann und Frau gemeinsam den Menschen abgeben, kann auch das Göttliche nur aus der polaren Einheit von Männlichem und Weiblichem bestehen. Ein solches Gottesbild hat die Theologie bis heute noch nicht entwickelt – ein Versäumnis, durch das sie jede Legitimation, auch für die Frau zu sprechen, verloren hat.«
Entscheidend ist also nicht, ob Jesus vor 2000 Jahren ein Mann oder eine Frau war, entscheidend ist vielmehr, dass er als erster prominenter Mann der Weltgeschichte männliche und weibliche Charakterzüge zeigte, also ganzheitlich lebte. Das hätte auch eine Frau sein können. Jesu absolut neue Haltung gegenüber Frauen inmitten einer frauenfeindlichen und männerorientierten Welt in der Antike zeigt am deutlichsten den »neuen Mann« Jesus und macht ihn einmalig. Mit seiner Lehre vom »Reich Gottes« meinte Jesus als ersten Schritt wohl das Ende des Patriarchats. Frauennahe Symbole wählte Jesus, wenn er vom »Reich Gottes« sprach: Bäume, die Früchte tragen; Sauerteig, der den ganzen Teig durchsäuert; den lebenspendenden Weinstock; die wachsende Saat auf dem Feld. Jesus selbst sah in Ruah, der Geistin, seine geistige Mutter, die Göttin oder die Weiblichkeit Gottes.
Das Christentum war die beiden letzten Jahrtausende eine Männerkirche, weitgehend vorchristlich-patriarchalisch geprägt. Jetzt, im dritten Jahrtausend, besteht die Chance, dass das Jesustum ganzheitlich, also weiblich-männlich, wird und so endlich »das Licht der Welt« werden kann.
Sowohl aus den Texten des Neuen Testaments, aus den Gottesvorstellungen wie auch aus den Kirchen als Institutionen wurden und werden das Weibliche und die Frauen verdrängt. Jesus als der »erste neue Mann« (mein Buch unter diesem Titel schrieb ich 1990) mit vielen weiblichen Seelenanteilen ist bei den Kirchen bis heute noch keine Realität. Diesen kirchlichen Antifeminismus will ich in diesem Buch am Verhältnis Jesu zu Maria Magdalena ebenso aufzeigen wie den kirchlichen Antisemitismus am Verhältnis Jesu zu Judas. Beide Antipositionen sind nicht jesuanisch und führten und führen zu verheerenden Folgen.
Mulack zitiert für ihre These neben vielen anderen historischen Quellen aus dem apokryphen Philippusevangelium: »Der Retter (Jesus) aber liebt Maria Magdalena mehr als alle seine Schüler. Und er küsste sie oft auf den Mund. Da waren die übrigen Schüler auf sie eifersüchtig. Sie fragten ihn deshalb: ›Warum liebst du sie mehr als uns alle?‹ Der Retter antwortete und sprach zu ihnen: ›Warum ich euch nicht so liebe wie sie? Ein Blinder und ein Seher unterscheiden sich dann nicht voneinander, wenn beide im Finstern sind. Wenn aber das Licht kommt, wird der Sehende das Licht sehen, doch der Blinde wird im Finstern bleiben.‹«
Das klingt wie gnostisches Geheimwissen. Aber damit ist die kirchliche Vorstellung, Jesus habe nur Männer dazu berufen, seine Botschaft zu verkünden, endgültig widerlegt. »Das Evangelium ist die Frohe Botschaft von der Überwindung patriarchaler Verhältnisse, für die Jesus und die Frauen sich einsetzten.« (Christa Mulack)
17. Ostern verändert alles
Das entscheidende Wort für die Zukunft des gesamten Christentums sprach Maria Magdalena am Ostermorgen, als sich alle Männer um Jesus herum bereits in großer Verzweiflung mit seinem Tod abgefunden hatten. Als ihnen Jesu Freundin, die sich als Erste zwei Tage nach seinem Tod ans Grab getraut hatte, verkündete: »Ich habe unseren Meister gesehen« (Joh 20,18 RÜ), also: er lebt – er hat die Kreuzigung überstanden, meinten die Herren zunächst nur: »Weibergeschwätz!« Diese Frau musste einfach verrückt sein. Maria Magdalena hatte als Erste verstanden, was wirklich passiert war: Jesus hatte den Tod überwunden. Menschen, die wir lieben, sterben nicht. Unzerstörbar ist die Macht der Liebe. Die Osterbotschaft der Jesus-Gefährtin heißt: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Gott will, dass wir leben. Wir sind berufen zur Unsterblichkeit. Es war also eine Frau, der wir diese Osterbotschaft verdanken. Sie hatte Jesus in seinem »Auferstehungskörper« gesehen.
Es war die Liebe einer Frau, mit der Jesus Weltgeschichte machte.
Mit welchem Recht verbietet dann die katholische Kirche bis heute Frauen, die frohe Botschaft zu verkünden? Nur weil Paulus den absolut jesusfremden Satz geschrieben hat: »Das Weib schweige in der Kirche … Wenn sie etwas wissen wollen, so sollen sie zuhause ihre Männer fragen, denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden« (1 Kor 14,34–35)? Mein Gott, Bruder Paulus!
An dieser Stelle werde ich bei meinen Vorträgen oft gefragt: »In welcher Form hat denn Jesus die Kreuzigung überstanden, wie den Tod überwunden?« Meine Antwort muss natürlich viele enttäuschen, denn ich war vor 2000 Jahren nicht dabei. Mit Amos Oz könnte ich auch sagen: »Pardon, ich hatte damals gerade einen Zahnarzttermin.« Nur eines können wir über die »Auferstehung« wirklich wissen. An Ostern ist etwas ganz Außergewöhnliches passiert. Vielleicht hat es mit dem zu tun, was wir heute über Nahtod-Erlebnisse wissen, die wissenschaftlich tausendfach belegt sind. Jesus hat eine Güte in die Welt gebracht, die den Tod überwindet. Jetzt können wir wissen und darauf vertrauen, dass wir nie tiefer fallen als in die Hände des menschenfreundlichen Gottes.
Jesus propagiert keinen blind-frommen Glauben, sondern einen mit Verstand und Herz – so wie er es Maria Magdalena gelehrt hat (siehe Seite 202). Der Theologe Karl Herbst hat nachgewiesen, dass der gekreuzigte Jesus durch eine Summe günstiger Zufälle und mit Hilfe achtsamer Freundinnen und Freunde, die ihn im Grab aufpäppelten, überleben konnte – ohne jeden theologischen Hokuspokus. Er schreibt, dass der »wirkliche Gott keinerlei Zaubertricks braucht, um einen Menschen vor dem sicheren Tod zu retten, wohl aber gute und mutige Menschen«.
Auch das Turiner Grabtuch zeigt deutliche Blutspuren, die nur von einem lebenden Menschen stammen können – wie Herbst in seinem Buch »Kriminalfall Golgotha. Der Vatikan, das Turiner Grabtuch und der wirkliche Jesus« nachweist. Moderne medizinische Erkenntnisse bestätigen diesen Befund. Schon Papst Johannes Paul XXIII. urteilte spontan: »Dieses Tuch ist ein Fingerzeig Gottes.« Also: Auferstanden oder doch nicht? Wie ist die Beweislage? An Ostern 2020 fragt Die Zeit: »Was war geschehen, dass Menschen sich für ihren Glauben an einen vom Tode Zurückgekehrten foltern ließen?«
Auch die heutigen Theologen und die Kirchenhierarchen waren damals nicht dabei. Aber sie geben vor, alles über die rational nicht erklärbare »Auferstehung« Jesu zu wissen. Er muss unbedingt biologisch tot gewesen sein und danach wieder gelebt haben. So erzählt es Paulus, der aber auch...




