Altmann | Unter Eulen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

Altmann Unter Eulen

Erzählung
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-65746-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erzählung

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

ISBN: 978-3-347-65746-5
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Herrn Hellas´ beruflicher Werdegang kennt nur eine Richtung: immer steil bergauf. Abitur, Examen und Promotion - alles meistert der fettleibige Einzelgänger mit Bravour. Nur privat will es nicht so recht klappen. Seine sexuelle Unerfahrenheit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Das will Herr Hellas nun ändern. Doch dabei tappt er von einem Fettnäpchen ins nächste. Aber vielleicht ist die Lösung all seiner Probleme ganz einfach, denn an einem Sommernachmittag lernt er Corinna kennen und damit ändert sich Herrn Hellas´ Sicht auf die Welt.

Sandra Altmann, 1978 in Landshut geboren, studierte in Regensburg Germanistik und Latinistik. Nach dem Referendariat arbeitete sie erst in Murnau, nun in Marquartstein als Gymnasiallehrerin. Die Autorin ist verheiratet und hat eine Tochter. "Unter Eulen" und "Talsommer" sind ihre ersten beiden Erzählungen. Derzeit arbeitet sie in Kooperation mit ihrem Mann an einem Katzen-Comedy-Roman. Immer wieder beteiligt sich Sandra Altmann an Wettbeweben (z. B. Mölltaler Literaturwettbewerb) und Sammelwerken (z.B. an der Benefizanthologie "Sommerschätze" der Gruppe "Autoren für Autoren", Herausgeber: Hari Patz). Die Autorin lässt sich von antiken Genies (Seneca oder Ovid), von der klassischen Literatur (Friedrich von Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Annette von Droste-Hülshoff) ebenso inspirieren wie von zeitgenössichen Schriftstellern (Walter Kappacher, Mechthild Borrmann, Christian Schnalke, Dörte Hansen oder Leandra Moor).
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Auf den Beginn des Wintersemesters hat Herr Hellas sich gefreut. Ein Oberseminar wird stattfinden. Und obwohl das Thema `Eros´ Herrn Hellas erst einmal befremdete, hatte er sich dennoch dafür angemeldet, schließlich war sein Doktorvater Leiter dieser Veranstaltung, also musste er sich beweisen. Hier kann Herr Hellas auf sich aufmerksam machen. Hier will er wissenschaftlich in Erscheinung treten, hier wird er von sich reden machen und beeindrucken, welch geistige Sprünge ein Dreißigjähriger zu unternehmen versteht. Doch zuerst heißt es sich vorzubereiten. Es gilt, sich mit der Materie vertraut zu machen, um nach den einzelnen Referaten die intelligentesten Fragen stellen zu können. Tage und Wochen hat Herr Hellas damit zugebracht, die einschlägige Literatur zu sichten. Tage und Wochen hat Herr Hellas die Bibliothek nur verlassen, um zu essen oder sich schlafen zu legen. Tage und Wochen hat er abends sogar auf die kleinen Pornofilme verzichtet, die er so gerne auf Türkisch oder Bulgarisch ansieht. Herr Hellas weiß: nach diesem Oberseminar werden seine Kommilitonen seinen Namen kennen und nicht mehr vergessen, sein Doktorvater wird stolz auf ihn sein müssen.

Auf dem Weg zum Seminarraum begegnet ihm Frau Fröhlich, auch sie ist Doktorandin der Latinistik. Doch weitere Gemeinsamkeiten konnte Herr Hellas nie zwischen sich und dieser vulgären Person entdecken, die in der Mensa ordinäre Possen reißt, dem Alkohol zuspricht und ihre Homosexualität in die Welt posaunt, als interessiere sich irgendjemand dafür, wohin sie ihre Zunge steckt. Man hat sich auf ein gegenseitiges Ignorieren verständigt, zu groß scheinen die Unterschiede, doch heute spricht sie mit Herrn Hellas – eine seltsame Sache. Dass sie Gefallen daran findet, ihn zu beschämen, war Herrn Hellas schon aufgefallen. Immer versucht sie das Gespräch auf ein Thema zu lenken, das ihm die Schamesröte ins Gesicht treibt. Und wenn er ins Straucheln kommt, lächelt sie wie jemand, der einen wichtigen Sieg davongetragen hat. Ob er sich mit dem Eingeschlechtermodell beschäftigt habe, fragt sie ihn heute, ohne auf seine Antwort zu warten. Sie finde es hochinteressant, dass Galenos die Genitalien von Mann und Frau als äquivalent ansehe. Nur auf Grund der unterschiedlichen Körpertemperatur sei die Vagina der Frau nach innen gestülpt, während sich Hoden und Penis des Mannes außen befänden. Verblüfft habe sie auch die Aussage von Aristoteles, dass nicht vollzogener gegengeschlechtlicher Sexualverkehr bei Frauen als krankheitserregend gelte. Da müsse man als Frau eben sehr auf die eigene Gesundheit achten, lacht sie und verschwindet im Gedränge.

Pünktlich findet sich Herr Hellas – in einen grauen Anzug gesteckt - im angegebenen Seminarraum der geisteswissenschaftlichen Fakultät ein, bescheiden wählt er einen Randplatz in der dritten Reihe, um sich nicht in den Vordergrund zu drängen. Der Stuhl neben Herrn Hellas wird frei bleiben, seit seinem ersten Semester bleiben die Plätze neben ihm unbesetzt, mag die Veranstaltung auch noch so überfüllt sein. An diesem kalten Februarmorgen nun heißt sein Doktorvater die anwesenden Studenten willkommen, erklärt, dass er sich auf das Seminar freue. Es verspreche ein elitärer Kreis zu werden, schließlich hätten sich nur Doktoranden angemeldet. Dann gibt er das Wort weiter an den ersten Referenten. Der spricht über Orpheus´ Verhältnis zum Weiblichen. Unabhängig davon, was der Kommilitone erzählen wird, hat sich Herr Hellas vorgenommen, sich nach der tragischen Schuld im Orpheusmythos zu erkundigen, schließlich liegt der Vorteil jeder wissenschaftlichen Diskussion darin, vorher überlegte Fragen zu stellen, um dadurch ausufernd sein eigenes Wissen mitzuteilen. Konzentriert, seine dicken Beine elegant verschränkt lauscht Herr Hellas den Worten des Studenten, nickt bisweilen, um sein Interesse zu bezeugen.

Doch den ganzen Vormittag über hatte Herr Hellas in der Magengegend ein flaues Gefühl, das er aber durch die Gedanken an sein glänzendes Auftreten zu verdrängen versuchte. Konsul Volusius in Herrn Hellas´ Kopf hatte ihn schon beim Aufstehen gemahnt, die Öffentlichkeit heute zu meiden, die Vorzeichen sprächen nichts Gutes, und Seneca hatte beim Frühstück noch daran erinnert, Herr Hellas solle seine Gesundheit nicht sträflich vernachlässigen. Doch wie ein Caesar alle Prophezeiungen in den Wind schlug, hatte sich Herr Hellas einfach in den Sitzungssaal begeben und seinen Schwindel schlichtweg hinuntergeschluckt. Als Herr Hellas schon bei den einleitenden Worten des ersten Referenten erneut ein Gefühl der Ohnmacht übermannt, schlingt er seine klobigen Herkulesarme noch ein wenig enger um seinen mächtigen Bauch und ermuntert sich selbst, keine körperliche Schwäche zu zeigen. Der Doktorand erläutert Orpheus´ Abstieg in die Unterwelt, da durchfährt Herrn Hellas ein Schmerz, der vom Bauch zum Kopf aufsteigt. Herr Hellas hört ein Hämmern, begleitet von lauten Sirenen. Er fühlt, nicht mehr Herr über die Situation zu sein, sein schwerfälliger Oberkörper fällt vornüber und ruht auf seinen Beinen. Nur mit Mühe ist er noch in der Lage sein eigenes Gewicht zu halten. Er atmet tief und laut. Mit einer gleichmäßigen Atmung meint er, das Steuer noch einmal herumreißen zu können. Doch es hilft nicht. Er sinkt wie ein ungezogenes Kind vom Stuhl. Fragmentarisch kann Herr Hellas sich an den Ablauf des Folgenden erinnern: Der Referent weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Sein Blick wandert zwischen seinen Unterlagen, Herrn Hellas und seinem Doktorvater hin und her. Er versucht für kurze Zeit seinen Vortrag fortzusetzen, doch haben die ersten beiden Reihen bereits ihre Aufmerksamkeit dem am Boden liegenden Hellas zugewandt. Einige sind schon aufgestanden in der Meinung, dem Doktoranden helfen zu müssen. Der Referent legt seine Aufzeichnungen aus der Hand, Herrn Hellas´ Doktorvater bittet das Auditorium Ruhe zu bewahren. Ein Großteil der Kommilitonen hat die Plätze nun verlassen und sich kreisförmig um Herrn Hellas gruppiert, der zitternd und keuchend am Boden liegt. Seine Zunge hängt über die Lippen und berührt den staubigen Boden. Herr Hellas möchte seine Zunge in den Mund zurückziehen, doch es gelingt ihm nicht, sie hängt im rechten Mundwinkel wie der Rüssel eines Insekts. Herr Hellas möchte schweigen, doch seine Kehle gibt Töne von sich, die niemand versteht, nicht einmal er selbst, Speichel tropft, die Augen starren ins Leere. Unaufhörlich zuckt Herrn Hellas´ rechtes Bein und schlägt gegen einen Stuhl, ein seltsamer Rhythmus entsteht, zu dem der Doktorand gleichzeitig mit dem Kopf wippt.

Alles Weitere entzieht sich der Erinnerung des Doktoranden. Gegen zehn Uhr muss Herr Hellas ins angrenzende Klinikum eingeliefert worden sein, erst hier setzt seine Erinnerung wieder ein.

Von den Diagnosen und Ratschlägen der Ärzte will Herr Hellas nichts wissen, er verlangt nach seinen Büchern und seiner Brille, die irgendwo auf dem Boden des Seminarraumes liegen muss. Außerdem fordert er, die Klinik sofort verlassen zu dürfen. Er möchte keine Medikamente, keine Therapie und auch auf Krankenruhe könne er verzichten. Als bedauerlich empfindet Herr Hellas weniger seinen physischen Zustand als mehr die Tatsache, dass er seine über Monate geplante Frage im Anschluss an den Vortrag seines Kommilitonen nicht stellen kann. Dennoch hat man Herrn Hellas einige Wochen zur Beobachtung, wie die Ärzte so gerne sagen, im Krankenhaus zurückbehalten, alle geistige Arbeit hat man ihm untersagt, demnach durfte Herr Hellas nicht einmal lesen. Die im Seminarzimmer verlorene Brille nahm Herrn Hellas´ Mutter in Verwahrung, da sich kein Kommilitone finden wollte, der den Doktoranden aus freien Stücken besucht hätte. Erst Ende Februar darf Herr Hellas kleine Spaziergänge im Innenhof der Klinik unternehmen. Vom Gerede an der Universität muss Herr Hellas, wollen wir sagen, Gott sei Dank, nicht viel erfahren. Wie auch immer. Der Doktorand konzentriert sich auf die Hoffnung, das Krankenhaus bald verlassen zu können. Mag man über ihn tuscheln. Er würde seine Studien wieder aufnehmen. Er würde vormittags lesen, in der Mensa zu Mittag essen, er würde am Nachmittag eine schöne Vorlesung besuchen und am Abend einen bulgarischen Film ansehen. Das Leben wird weitergehen.

Beim Entlassungsgespräch erkundigt sich die Ärztin noch einmal, was Herrn Hellas denn belaste, und hier sieht der Doktorand die Möglichkeit, seinen Sorgen Platz zu machen: Die Welt sei ungerecht, erläutert Herr Hellas, daran leide er, denn die Welt teile das Glück nicht auf nach Leistung und nach Forschung, der Dumme werde belohnt, der Dumme nur sei glücklich, der Dumme liebe, lebe und heirate. Doch er, Hellas, sei nicht dumm, im Gegenteil, er sei genial, ein gebildeter Mensch und damit zum Unglücklichsein verdammt. Er werde Professor der Latinistik werden und besitze alle Qualifikationen, sein Werdegang suche Seinesgleichen, so schwärmt er: Einschulung mit fünf, Abitur und erstes Staatsexamen mit...



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