Amery | Durchbruch ins dunkle Glück | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 784 Seiten

Amery Durchbruch ins dunkle Glück

"Die Wallfahrer" und "Das Geheimnis der Krypta": zwei Romane in einem Band
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-28797-9
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

"Die Wallfahrer" und "Das Geheimnis der Krypta": zwei Romane in einem Band

E-Book, Deutsch, 784 Seiten

ISBN: 978-3-641-28797-9
Verlag: Luchterhand Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei der bedeutendsten Romane in einem Band: die große Sonderausgabe zum 100. Geburtstag von Carl Amery am 9. April 2022.

DIE WALLFAHRER: Das Opus Magnum von Carl Amery, ein kühnes Panorama über vier Jahrhunderte, in dessen Zentrum die Wallfahrtskirche in Tuntenhausen steht. Mit opulenter Fabulierkunst verknüpft Amery die Geschichten von sonderbaren Einsiedlern, Kapuzinern, dem Mörder von Kurt Eisner, Kreuzfahrern, Komödianten und anderen Erlösungssuchenden mit einer bissig-kritischen Würdigung der katholischen Tradition und der Sorge um den Fortbestand dieses Planeten.

DAS GEHEIMNIS DER KRYPTA: Carls Amerys Roman vom Ende des Fortschritts - ein Wissenschaftler arbeitet an einem Programm zur Reduzierung der Menschheit um 90 Prozent, um dem Rest eine Überlebenschance zu geben. Ein großer satirischer Roman in der Nachfolge Swifts, mit unverwechselbarer Sprachvirtuosität und anarchischem Spaß am geistigen Abenteuer. Großes phantastisches Welttheater.
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Weisung für Gropp


Halt dich zu Anfang ans Chronologische. Das heißt ans 17. Jahrhundert, an Gropp den Einsiedel, Mühlen bei Innsbruck.

Halt dich an das Wort, das auf ihn fällt – aber trau um Gottes willen nicht dem trauten Bildnis an der Tuntenhauser Kirchenmauer, linker Hand, wenn du durchs schmiedeeiserne Friedhofsgitter kommst, von dem hochgebuckelten asphaltierten Platz her. Was siehst du da schon? Handsamen Greis in sauberem Bett, das Bett steht in sauberer Kammer, das Fenster hat Butzenscheiben, hinter denen du besonnte Giebel wähnen magst, irgendeine Tiroler Marktstraße.

Trau dem nicht. So malt das einer später, in einem andern Jahrhundert-Atelier, wo man das Frommsein ins laue Herbstfenster stellt, damit es brav vor sich hin stöckelt. (Wir kommen noch drauf.)

Vielmehr liegt der Gropp auf schimmeligem Kotzen, der Kotzen auf Kranewitter-Gezweig und Stroh: fauliges Groppzeug auf faulem Unrat. Gropp und Unrat brauchen den halben Boden in der Heuhütte. Die Hütte ist eingelassen in einen sauren aperen Buckelhang, das Frühjahr ist grau und geizig. Der Gropp schnattert auf Zahntrümmern, stiert auf einen Riß, durch den es zwischen schwarzen Rundhölzern hell und kalt kommt. Er mampft an einem Kräutlein Hoffnung, dessen Geruch ist wild wie eine Faust, die von unten gegen aschenfette Sparren und Schindeln stößt.

Den Gropp frißt es von innen heraus, geht so seit einer Woche, geht ans Leben, das merkt er, und das ist schon ein Raufen. Er ist ja fromm, eigentlich. Hat hinlaboriert an eine glückselige Sterbstunde in immer einschichtigerer Landschaft, und Kriege hats auch gegeben und gibts immer noch, zur Zeit den endlos langen um den katholischen Glauben, der, scheints, auch nicht so gut ausgeht. Aber jetzt hat er wutige Angst. Jetzt beißt er aus seinem Scherhaufen gegen den Tod an wie ein verbissener Rattenkönig, schämt sich nicht darob, kaut hexerisches Kraut, klaubt zusammen, was er in sich als Lebenstrotz findet, schiebt es vors Jenseits, das er auf einmal nicht mehr erkennt.

Er hat sich ja das Jenseits längst gezeichnet, der Fromme; gepinselt, ja verputzt und mit Goldfirnis belegt durch Jahrzehnte, mit alabasternen Fenstern belichtet: seinen Himmel. Seine Ewigkeit voll Kurzweil: meilenlange Perspektiven, aufspringende Tore, Lichtstiegen, Wolkenleitern zwischen den Seligkeitsrängen, auf denen kräftige Chöre wallen; Bögen Marmors, in denen sich die Jubelgruppen auszählen lassen: Dreifaltigkeit – neun Engelarten – vierzehn Nothelfer – elftausend Jungfrauen – die Hundertvierundvierzigtausend der Offenbarung Johannis, so dem Lamme singen …

Das ist weg. Aber daß ihm das gestohlen oder verweigert ist in seiner kotigen Sterbstunde, das könnte er verkraften, meint der Gropp, käme der Dieb in der Nacht der Seele, durch die heilige Wüste, die man kennt oder kennen müßte von der heiligen Teresa und vom Johannes vom Kreuz. Das wäre, bei aller Angst und Marter, eine glückselige Einsamkeit, eine standesgemäß, ja gnadenhaft für einen Einsiedel. Aber das ist es ja nicht, was ihm sein Fieber vorführt mit immer weniger Vergessen dazwischen, das ist es eben überhaupt nicht. Was ihm vielmehr aufgepackt wird, ist ein Zuviel: quellendes Drängen, Ringe und Sphären, die in geilen chymischen Farben brummen, der guten Natur nicht erreichbar; eine Neue Welt in ahnungsloser Verdammnis; eine Neue Stadt, die treibt türkisene Veranden und rosa Söller hervor, auf denen lebt sichs fürstenmäßig, und so leben die da auch, tausend oder Millionen: Frauen mit bloßen Wadeln, Knien, Bäuchen – und Männer in weißem Zeug, mit hohen kalten Gläsern in der Hand und in kalten Gesprächen, zum Fürchten in vollendeter gottloser Abwendung – aber eben keine Ewigkeit. Keine Ewigkeit, vielmehr allerflüchtigster Durchgang. Denn der Gropp sieht die Sphären wachsen, sie rollen aus der Nacht zwischen den Sternbildern herbei und rempeln sich, er kann die Leute auf den Söllern und Balkonen nicht aufscheuchen, sieht sie dennoch ganz nah, sieht wie einer sein Glas hebt, ein hohes rundes, mit der dreiflammigen Lilie eingeätzt, der Rand ist rauh von geeistem Zucker und ein Spreißl Minz hängt in den bernsteinfarbenen Trank hinein, ganz nah sieht er den Kalten grinsen und trinken, aber warnen kann er nicht. Die feuerroten feuergrünen Sphären sind schon da, und wer löst ihn aus, den erst brummenden, dann grollenden, dann brüllenden Gesang der Vernichtung, wenn nicht er, Gropp, natürlich das verdiente Ende, das pflichtprophetisch vorhergesagte seit dem Hirten von Prag, aber doch das beweinungswürdige Ende der Welt, da gibt es nichts zu windbeuteln, und er siehts wieder und wieder. Die Welt ist viel gläserner, schrundiger, zersprungener als da je einer gemerkt hat, je einer von Adams Kindern bis herauf zum regierenden Kaiser in Wien – denn wie gäb es die sonst, diese kalten Leute und ihr kaltes Reden und Trinken? Das steckt also drin im Weltlauf, bläht sich aus ihm heraus, und es bedarf des hitzigen Fiebers von Gropp, um das aus seinem Zukunftsloch zu kitzeln. So geht die Welt unter; während der Weiße aus dem Minz- und Zuckerglas trinkt, zerstiebt sie grün und hellgelb und himbeerfarben.

Wenn er aufgibt? Das wär ja wohl das, was ein Leben als gottgefälliger Einsiedel ihm beigebracht haben könnte: Fahren lassen. Hingeben, sich und alles andere. Aufgeben. Und dann wär der Schrecken vorbei. Dann wär nichts mehr als die friedsame kalte Wüste. Aber da wäre sein Heil betroffen, das spürt er. Sein Seelenheil, spürt der Gropp, ist angeschirrt an die Unheiligkeit dieser kalten, feurigen Bewegungen; und es ist immer auch er selber, der, unwissend wie und warum, den Stups gibt, der die Ringe krachen und die Sphären stäuben und die Söller bersten läßt, da gilt keine Ausrede. »Nur ein Weniges unter die Engel gestellt«: das gilt für dich, pfeilgrad, du klappriger Gropp im Kot.

Das wär ja dann, wahrhaftig, ein Eigenes, ganz und gar Gropp-zu-eigenes, mitten in der Enteignung. Dann wär das wilde ratzenhafte Sichwehren ein Warten, ein notwendiges, auf Weisung. Gegentat wär geboten, aber die kann er nicht selber finden, wie denn? Er, der Lumpige, keinen Finger breit entfernt vom Wurmfraß, fast schon augenscheinliches Exempel der halb-skelettierten Memento-Mori-Manndeln auf den Andachtszetteln, aber man will was von ihm, das ist offenbar. Wer da will? Mittendrin weiß ers.

Was ihn anschaut (zuerst nur blitz-augenblicklich hinter den Kataklysmen heraus, dann steter, schon auf eigener Wolke, in eigenem Glanz), ist die Himmelskaiserin. Auch auf sie sollte er vorbereitet sein, Jesusmariandjosef, durch etliche tausend Rosenkränze und das kleine marianische Brevier. Aber was sind schon tausend vor dem ersten Blick von Angesicht zu Angesicht? Zuerst nicht mehr als ein dreieckiges Prunkkleid, dann nicht mehr als zwei ebene Augen und ein ebener Mund unter der goldenen Kugelkrone, dann eine kleinere Kugel für das Söhnchen, dann dichter farbig im Hauch ihres Drängens: ihre Backenknochen, die heiß sind, ihr rötliches Haar federnd unter dem edelsteinernen Kronenrand. Eja, Fürsprecherin, umschäumt von den totschlagenden Sternen des Gerichts? Gar nicht so heilig, das Gesicht, er kennts so gradhin, es könnte aus Rattenberg sein, aus Kastelruth, aber auch aus dem Chiemgau, ein hiesiges Gesicht, nicht exquisit, aber schon gar nicht das Gesicht der sanften Magd, vielmehr von einer, die selber anschafft und Weisung gibt. Siegreiche Weisung? Weisung unserer Lieben Frau vom Sieg? Vom Weißen Berg? Von Lepanto? So auch nicht. Denn sie läßt nicht wissen, ob sie siegt, ganz und gar nicht, das verweist sie an ihn, IHN, den Menschen-schon-halb-Unmenschen, den Un-Mächtigen inmitten von Gestank und Grauen, von Er versteht nur Trümmer der Weisung zwischen kosmischen Krachen und eisigem Lachen –

TUN HAUSTEN SEN‹ ›TUNT’NHAUS

Mehr nicht. Die paar Silben, in die Welt-Fährnis gesprochen: mit denen muß er sich aufmachen. Muß sich aufmachen bar jeder himmlischen und schon gar jeder irdischen Pracht, bar auch jeder Aussicht auf glückselige Einsamkeit; muß frostschnatternd, dreckstarrend, auf durchbohrtem Gebein die Schlammrinnen und Steinrunsen zwischen den Weidzäunen hinuntertorkeln, muß an Bauerntüren und Wirtstüren und Pfarrhaustüren schlagen, muß in den geschundenen Stumpfsinn, die abweisende Salbung, die weinige Lustbarkeit, den Hochmut, den Hohn, den Ekel hineinfragen: TUN TE TEN HAU SEN –?

Bis einer »Tuntenhausen« nickt und sich erinnert, daß das im Chiemgau ist, ein Wallfahrtsplatz im jetzt Churbairischen: »Hast dich hinverlobt, Gropp?« Und er nickt zurück, versteht sich, wird von jetzt an das erzählen und nichts anderes, nichts als hundsordinäre vereinzelte Todesangst und Lebensgier und wundersame Erhörung, Heilung von fiebriger Bresthaftigkeit, ein Votivtaferl wie jedes andere:

Gropp, GANZ FREMDE TUNTENHAUSEN; er

Er könnte es ja doch keinem verdolmetschen, wozu er sich sonst einen Sack als Mantel und Zudeck, kalten Sterz und eine Schwarte Geselchtes als Wegzehrung erbetteln müßt, für die Reise in den Chiemgau –

Aber kommt er hin? Steht er überhaupt auf? Kommt er wirklich heraus aus seinem Rattenloch? Hat seine...


Amery, Carl
Geboren am 9. April 1922 in München. Studium der Neuphilologie sowie der Literaturtheorie und -kritik in München und Washington. Mitglied der Gruppe 47, von 1989 bis 1991 Präsident des bundesdeutschen PEN-Zentrums sowie Mitbegründer der E.F. Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie. Amery schrieb neben einigen Hörspielen zahlreiche Romane und wurde vor allen Dingen durch seine kulturkritischen Essays sowie als engagierter Ökologe bekannt. Jahrzehntelang hat er mit Büchern wie "Die Botschaft des Jahrtausends", "Hitler als Vorläufer" oder "Global Exit" die politische Diskussion in der Bundesrepublik entscheidend mitgeprägt. Zuletzt erschienen im Frühjahr 2005 die von ihm herausgegebenen "Briefe an den Reichtum". Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem "Tukan Preis", dem "Bayerischen Friedenspreis" und 1991 mit dem "Literaturpreis der Stadt München". Carl Amery starb am 24. Mai 2005 im Alter von 83 Jahren in seiner Heimatstadt München. Bei Luchterhand erschienen u.a.: "Global Exit" und "Briefe an den Reichtum". In der Sammlung Luchterhand: "Hitler als Vorläufer", "Das Geheimnis der Krypta" und "Die Wallfahrer".



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