E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Amling Der Harz
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-455-85037-6
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-455-85037-6
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Walpurgisnacht, Burgruinen, Schmalspurbahn, Bergleute, Kaiser, Einhörner, Seltene Erden und tiefe Wälder - der Harz ist ein Naturerlebnis und eine Wiege von Technik und Kultur gleichermaßen. Wie sich Weltgeschichte hier in der schönsten Landschaft ballt, erzählt diese Harzwanderung.
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DAS GEOLOGISCHE MUSTER
Eine kleine Zeitreise
Wenn es bald Regen gibt und die Luft glasklar ist, bietet das Gebirge von meinem Fenster aus einen reich strukturierten Anblick. An den schroffen Felsabhängen des Bodetals kann man von weitem die Bäume zählen, davor ragen die Steinzinnen der Teufelsmauer wie der Rückenkamm eines urzeitlichen Drachens aus der welligen Landschaft, die Wilhelm-Raabe-Warte thront über den Dächern Blankenburgs und in der Ferne erhebt sich das Brockenmassiv. Die rotweißen Sendemasten leuchten in der Sonne, deutlich zu erkennen, auch aus fünfzig Kilometern Entfernung. Im Spätherbst, wenn dort oben der erste Schnee gefallen ist, bedeckt diesen mystischen Berg eine weiße Kappe, und er sieht ein bisschen aus wie der Kilimandscharo. Oft ist der hohe Berg jedoch eingepackt in tiefgraue Wolkenbänke, nur schemenhaft zu erkennen oder ganz den Blicken entzogen. Die Silhouette des Gebirges erhebt sich dann bläulich bis dunkelgrün eingefärbt über der Vorharzlandschaft. In vielfältigen Variationen lagern die wassergetränkten Luftmassen über dieser Charakterlinie zwischen Himmel und Erde. Wird es regnen oder schneien oder stürmen oder gewittern? Manchmal sieht man auch gar nichts, nur trübe Suppe, die vielleicht noch in einer der Harzgemeinden vom matten Glimmen eines besonders starken Scheinwerfers durchstrahlt wird. Und wenn selbst die nahe Teufelsmauer in nasser Nebelwatte zerfließt, sollte man tunlichst am heimischen Herd bleiben und einen Schierker Feuerstein trinken. So erscheinen die Berge vom Stadtrand der mittelalterlich anmutenden Stadt Quedlinburg aus, die heute eines der großen Flächendenkmale des UNESCO-Welterbes ist. Aus dieser Perspektive sehe ich den Harz zeit meines Lebens. Um die uralte Geröllanhäufung näher kennenzulernen, ist man gezwungen, sie auf wunderbaren, romantischen und anstrengenden Wegen und Steigen zu erkunden. Der berühmte und einigermaßen skurrile Professor für Experimentalphysik Alfred Recknagel pflegte bei der Antrittsvorlesung die noch grünen, ganz neuen Studenten an der TU Dresden zu belehren: »Jede Wissenschaft behauptet von sich, die allumfassendste, primäre und tiefgründigste Quelle der Erkenntnis zu sein. Die Physik meint das natürlich auch, allerdings mit einem kleinen Unterschied: Sie ist es wirklich!« Analog dazu möchte ich am Anfang dieser Betrachtung die Behauptung aufstellen: Die Bewohner eines jeden deutschen Mittelgebirges behaupten von sich, auf dem markantesten, romantischsten, lieblichsten und geschichtsträchtigsten Bergstock zu siedeln. Das sagen die Harzer natürlich ebenfalls, nur es gibt einen Unterschied: Sie tun es tatsächlich! Der nun fällige Beweis braucht die Muße genussvoller Wanderungen. Wie bemerkt, handelt es sich bei einem Bergmassiv um eine gewaltige Anhäufung von Steinplatten, Felstrümmern, Mineralien, Sedimenten und einer erheblichen Menge Wasser. All das wird überwuchert und durchsetzt von einer wenige Meter hohen Schicht aus Pflanzen, Pilzen und Flechten, die artig dazu beitragen, das Gebirge nach und nach in seine Bestandteile zu zerlegen. Dazwischen wimmelt es von Mikroben, Würmern und Insekten, allerlei bunten Vögeln, einigen Füchsen und Rehen, und hin und wieder tauchen auch ein paar Menschen oder Autos auf. Um die Dynamik in einem derart komplexen ökogeologischen System zu verstehen, ist ein winziger Einblick in seine Entstehungsgeschichte nicht zu vermeiden. Alles hängt mit allem zusammen, und deshalb kann auch das Gehäuse einer devonischen Koralle heute die Lebensgrundlage eines bunten, kalkliebenden Blümeleins sein! Glücklicherweise ist es nicht nötig, allzu weit in die Erdgeschichte hinabzusteigen. Nur etwa vierhundert Millionen Jahre. Unser Planet hatte damals bereits gut neunzig Prozent seiner bisherigen Lebenszeit abgearbeitet. Alles was unser liebenswertes Gebirge betrifft, spielt sich in den verbleibenden zehn Prozent ab. Die Landmasse der Erde war damals noch ein einfacher zusammenhängender Kontinent mit dem Namen Pangäa. Das Gebiet, wo sich heute der Harz aufrichtet, befand sich in einer ausgedehnteren Bucht eines gewaltigen, den Planeten umspannenden Urozeans. In diesem Meerbusen lagerten sich über mindestens hundert Millionen Jahre tonige Schlämme ab und bildeten mächtige Schichten, unter deren Gewicht sich die Erdkruste durchbog. Es entstand eine Geosynklinale, wie es uns Schülern der GutsMuthsOberschule zu Quedlinburg die weise Geographie-Lehrerin Käthchen Hoffmann beschrieb. Der Schlamm sank tiefer und presste sich unter dem eigenen Gewicht und dem der darüber lastenden Wassermassen zu unglaublich festen Gesteinsschichten. Und die Reaktion blieb nicht aus. Druck erzeugt Gegendruck. Im Karbon vor etwa 300 Millionen Jahren bäumten sich die vereinigten plutonischen Kräfte der zusammengequetschten Umgebung auf. Allerorts brachen gewaltige Vulkane aus, die Unterwelt geriet aus den Fugen, unvorstellbare Mengen von Magma quollen mit Hochofen-Temperatur an die Oberfläche, gesättigt mit Mineralien der profansten und kostbarsten chemischen Elemente. Großräumig wurde das Gebiet, das heute den Namen einer phönikischen Prinzessin trägt, Europa, gefaltet, gekippt, gestürzt und auf den Kopf gestellt. In diesem Prozess der variszischen Gebirgsbildung entstand der Harz oder eher der »Proto-Harz«. In einem Gemenge von Stein, Feuer, Wasser und Atmosphäre konzentrierten sich Substanzen, die viele Millionen Jahre später für die Angehörigen einer denkenden Hominiden- Art zu Objekten der Begierde werden sollten. Auf dem Territorium des Harzes lagerten sich eisenhaltige Schlämme und aufkochende Erzadern in mächtigen Schichten ab, die die Region zu einer der größten Eisenerzlagerstätten Europas werden ließen. Sonnenheiße Schmelzen aus dem Inneren der Erde ließen an der Oberfläche Blei, Zinn, Silber und Gold in hohen Konzentrationen erstarren. Das vielleicht berühmteste Beispiel für eine märchenhafte Lagerstätte ist der Rammelsberg bei Goslar, dessen Vielfalt an Erzen über tausend Jahre lang ausgebeutet wurde. Johann Wolfgang von Goethe bezeichnete dieses Gebiet als die Klassische Quadratmeile der Geologie, jedoch hätte der Meister diese Definition getrost auf den gesamten Gebirgszug ausdehnen können. Fakt ist, dass sich Fürsten, Könige und Kaiser bis aufs Blut um diese gewaltigen Schätze stritten. Sie errichteten Burgen, Pfalzen und Klöster neben den Horten urzeitlicher Destillation. Der Kupferschiefer des Mansfelder Landes wird bis in unsere Tage in einem Hunderte Kilometer langen Stollensystem abgebaut. Die Anfänge dieser Metallernte reichen nachweislich bis in die Bronzezeit. Die Himmelsscheibe von Nebra lässt grüßen, falls sie denn echt ist ... Dagegen muten die Tonschiefer des Urmeeres eher unspektakulär an, obgleich Zigtausende Häuser im Harz mit den charakteristischen dunkelgrauen Plättchen gedeckt oder verkleidet sind. Auch die Parallelvariante, die Grauwacke, wird stillschweigend in riesigen Tagebauen gebrochen. Gerade soll das allergrößte dieser Riesenlöcher zwischen dem anhaltinischen Städtchen Ballenstedt und dem romantischen, von Burgen gesäumten Selketal eröffnet werden. Eisenbahnzüge sollen das Gestein von Quedlinburg aus ins ferne Holland transportieren, um dort die Deiche zu erhöhen, falls zum Ende unseres Jahrhunderts der Meeresspiegel dramatisch ansteigt. Sauropoden beherrschten den Planeten über Äonen und vergingen wieder im Strudel der Zeiten. Mit den Verschiebungen der Erdplatten wurde der »Proto-Harz« als Insel zweitausend Meter hoch in den Himmel gehoben, um dann wieder in die Fluten des hereinbrechenden Tethys- Meeres getunkt zu werden. Alle erdenklichen Schlämme und Sande lagerten sich ab, kilometerdicke Korallenstöcke nisteten auf seinen bebenden Flanken, Muscheln und Kieselalgen ohne Ende, zwischendurch immer wieder ein moderater Vulkanausbruch. Geologische Schichten verschoben sich und gerieten zu Strukturen, die heutzutage Laien und Fachleute zu andächtigem Staunen anregen. Sande entstanden, Kalk- und Gipsschichten, die derzeit in langen Eisenbahnzügen hinwegtransportiert werden. Im Tertiär vor 65 Millionen Jahren stiegen die Temperaturen in schwindelnde Höhen. Lustig zwitschernde Vögel flogen allenthalben umher. Auch die Säugetiere entfalteten sich zu ungeahnter Vielfalt, Größe und Pracht. Und es gab eine Neuschöpfung der Natur: die Blütenpflanzen! Die Kontinente hatten sich fast an ihre heute bekannten Plätze begeben, das Thethys-Meer war zu einer neuen Geosynklinale geschrumpft. Europa war inzwischen Festland. Die variszische Platte zerbrach in viele Schollen. Ganz vorn im Norden, am weitesten entfernt, entstanden zwei Störungszonen, eine nördliche und eine südliche. Dazwischen lag eine Scholle, die sich seit der höheren Kreidezeit aus ihrer Zwangslage aufbäumte, steil empor nach Norden, flacher gehalten nach Süden. Eine sogenannte Pultscholle war geboren, der man einige Millionen Jahre später den Namen »Harz« gab, was angeblich nur soviel bedeutet wie »bewaldete Berge«. Den zugehörigen Störungsverlauf nennen die Geologen deshalb »herzynisch«. Was sonst noch geschah, beschrieb Käthchen Hoffmann auf einprägsame Weise: Vor der steilen Kante des Pultes lag die nördliche Vorharzlandschaft wie ein ausgebreitetes Tischtuch. Schieben wir es von einer Seite her zusammen! Es bildet Falten, die steilsten davon, direkt vor dem Pult, stehen sogar senkrecht. Das sind die imposanten, steil aufgerichteten Sandsteinbänke der Teufelsmauer. Dahinter kommen die parallel liegenden Höhenzüge der Seweckenberge, des Steinholzes, der Heidberge, des Huys und des Hakels, um nur einige zu nennen. Drastischer konnte man es kaum illustrieren. Am besten, Sie versuchen es gleich selber mit der Decke...




