Andara / Elbracht / Eschenfelder | Die Zeit der Feuerernte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2017, 250 Seiten

Reihe: Phantastische Stories

Andara / Elbracht / Eschenfelder Die Zeit der Feuerernte


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95719-326-1
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 2017, 250 Seiten

Reihe: Phantastische Stories

ISBN: 978-3-95719-326-1
Verlag: Blitz Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



'Ein Kreuzzug führt in die Tiefe. Knochen lernen sprechen, Krankheiten grassieren, Familien zerbrechen und Reisen enden ebenso unvorhersehbar, wie sie begonnen haben. Dies ist die neue Ordnung einer zerrissenen Welt.'

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Im finsteren Tal

von Tobias Reckermann

Warum ist überhaupt etwas

und nicht vielmehr nichts?“

– Gottfried Wilhelm Leibniz

Den zweiten Tag stieg nun Rauch über der Schlucht auf. Hans beobachtete die Vorboten des Sonnenaufgangs und wie sich das Morgenrot mit dem Rauch paarte. Dunkelgraue Schleier tasteten über das Wildgras am Rand des Abgrunds. Unter seinen Händen fühlte sich die Erde warm an.

Hans stand auf, schritt aus und hielt dabei stets wenigstens einen Steinwurf Abstand zum Steilabhang, behielt linker Hand dessen Rand im Auge und suchte die Ebene mit Blicken nach dem Ende der Schlucht ab. Noch hing im Westen die Nacht am Himmel. Einzelne Sterne im tiefdunklen Blau flackerten noch einmal hell, bevor der Tag sie auslöschen konnte.

Die Sohlen seiner Stiefel erzeugten Tritt für Tritt morsches Knirschen im Untergrund und mehr als einmal an diesem Morgen sank Hans bis zu den Knöcheln in wurzeldurchwirktes Erdreich ein, sich jedes Mal darauf etwas weiter von der Schlucht entfernend.

Die Abdrücke, die seine Schritte hinterließen, schillerten wie die opalisierenden Panzer von Käfern in Blau- und Grüntönen. Leichter Regen setzte ein. Die Feuchtigkeit ließ den Rand der Schlucht in diesen trügerischen Farben aufleuchten und der Nebel schimmerte blass.

Die Überreste der Nacht waren bereits vertrieben, als Hans voraus eine Veränderung in der Graslandschaft wahrnahm. Eine Senke schloss dort an die Schlucht an, bildete den Anfang jenes gesuchten Zugangs zum Riss, der sich wie eine Rampe abwärts in den Nebel hineinstreckte. Binnen einer weiteren Stunde erreichte Hans den Rand der Senke. Dort hielt er inne. Wie eine Pforte zur Unterwelt lag das obere Ende des Zugangs zwischen Abbrüchen von Fels und durchwachsener Erde. Dunkelrote Banner an aufgepflanzten Piken markierten die Schwelle. Auch aus der Entfernung erkannte Hans in Gold gestochene Sakroglyphen auf blutfarbenen Stoffen. Dahinter waberten der schillernde Nebel und darüber Rauch wie Zeugen des Krieges, die er über Schlachtfelder hatte wandern sehen.

Ein Rumoren im Bauch erinnerte ihn an böse Stunden vor und nach dem Hauen und Stechen jener vergangenen Tage. Er setzte sich und nahm aus seinem Gepäck Brot und Fleisch, fing an zu essen, um seinen Leib zu besänftigen.

Das träge Spiel der Nebelschwaden erzeugte indes ein Gefühl von Unwirklichkeit und Traum, indem sich alle Festigkeit des Tages auflösen wollte. Als Hans sich darin fallen spürte, wandte er den Blick von der Schlucht ab und suchte westwärts nach etwas, woran er sich halten konnte. Bereits aus dem Augenwinkel musste dort eine Bewegung auf sich aufmerksam gemacht haben. Die Rücken einer Herde Schafe, die sich entlang der Senke wälzte, fingen Sonnenlicht ein und glänzten hell wie goldenes Tuch.

Hans erhob sich und hielt Ausschau nach dem Schäfer der Herde. An ihr liefen drei Hunde entlang und der Hirte ließ sich als einzelne aus der großen Zahl aufragende Gestalt ausmachen. Es wurde Hans bei dem Anblick nach Tagen allein im Grasland und nahe der Schlucht leichter ums Herz.

Der Grund der Senke war ganz niedergetrampeltes Gras und tote Flecken Erde, Überreste von Feuerstellen, aufgeschüttete Erde über Latrinengruben, all das Anzeichen für eine große Anzahl Menschen, eine Kriegsschar von tausenden, die hier gelagert haben musste und deren Spuren er auf seiner Wanderung gefolgt war. Als Hans sich der Herde näherte, erkannte er die Hunde als eine langbeinige Art mit langen Schnauzen und zottigem Fell, nahe genug am wölfischen Urbild, um die Schafe mit Schrecken zu regieren. Sie beäugten ihn misstrauisch und einer von ihnen beeilte sich, ihm den Weg abzuschneiden, doch der Schäfer pfiff ihn zurück und der Hund kümmerte sich wieder nur um die schwarzgesichtigen Tiere.

Der Schäfer bewegte sich durch die Herde auf Hans zu, hielt an deren Rand, den Blick starr auf ihn gerichtet, inne. Hans wurde sich bewusst, welchen Eindruck er auf ihn machen musste. Ein großer Kerl im Harnisch, mit einer Partisane zur Hand, ein Streitkolben, Langmesser und Helm am breiten Gürtel, graubärtig und kahlköpfig. Auf Rufweite würde er die blasse Narbe und die Vertiefung sehen, die die linke Hälfte seines Gesichts verunstalteten, die Hinterlassenschaft eines Kriegsbeils, das seine Braue geritzt, das Auge verfehlt und sich dafür in die Wange gegraben hatte, als Hans noch jung gewesen war.

Der Anblick ließ Menschen in seiner Nähe zwischen Abscheu und Ehrfurcht schwanken. Solche Zeugnisse von Gewalt veranlassten sie zur Vorsicht.

Das Gesicht des Schäfers lag in tiefen Falten, war ledrig von seinem Tagwerk in allen Wettern. Der Mann sah darum älter aus als er wohl war, fast wie ein Greis im weißen Haar, das jedoch auch nur von Sonne und Wind ausgebleicht sein mochte. Er hob die Hand und sie beide begegneten sich auf Augenhöhe.

Nach einer einsilbigen Begrüßung ließen sich beide inmitten der Herde nieder. Dem Schäfer war der Anblick des alten Kämpen gleichgültig. Noch zwei Monde zuvor würde er ihn erschreckt haben, doch seither hatte er weit grimmigere Männer als diesen gesehen. Ihm schien es das Beste, dem hier mit Offenheit zu begegnen. „Du bist etwas zu spät“ sagte er über einem Schluck Wasser und geteiltem Brot. „Wenn du dich dem Heerbann anschließen wolltest.“

„Du hast ihn also gesehen?“

„Diesen, ja, und viele kleinere Kriegshaufen und Scharen von Pilgern, die vor ihnen hier angekommen und in die Schlucht gestiegen sind.“

„Ich wusste nicht, dass es so viele sind“, meinte Hans.

„Mehr als einer wie ich Schafe hüten kann.“

Hans betrachtete die Hände des Schäfers, die das Brot brachen. Feiner blaugrüner Schimmer saß unter den Nägeln.

Er fragte: „Bist du oft auf diesem Land?“

„Alle ein oder zwei Monde. Von dem großen Lager habe ich mich ferngehalten, aber einer kleinen Gruppe Pilger habe ich ein paar meiner Tiere verkauft. Die sprachen davon, auf dem Weg ins Paradies zu sein. Ihre Augen haben dabei geleuchtet, aber zu hell, wenn du weißt, was ich meine.“

Hans nickte. „Das habe ich mehr als einmal gesehen, vor langer Zeit.“

„Ich glaube, sie werden da unten schon etwas finden, aber das Paradies? Danach sieht es von hier aus betrachtet nicht aus.“

In den Städten im Norden, von wo Hans gekommen war, nannten sie es die Hölle.

„Das Heer, das hier zuletzt durchgekommen ist – sie haben die Banner dort aufgestellt?“

Der Schäfer bestätigte das. „Ja.“

„Sie sind hier, um die Teufel aus dem Abgrund zu erschlagen, wie es die Hohepriester des Aimos’, Güdjans und Tolstoks allen Gefolgsleuten der Archonten befohlen haben.“

„Dann bist du auch deswegen hier?“

„Vielleicht bin ich das.“ Hans fasste sich unwillkürlich an die Brust, wo unter Kettenzeug, dem gehärteten Leder seines Panzers und dem wattierten Unterkleid sein wundes Herz schlug. „Mein Bruder Arno ist bei dem Heer. Ich bin seinetwegen gekommen.“ Hans ließ sich den Wasserschlauch reichen. „Was glaubst du, kann dort unten brennen, das so viel Rauch erzeugt?“

Der Schäfer dachte über die Frage nach, antwortete erst, nachdem Hans ihm den Schlauch zurückgegeben und er selbst daraus getrunken hatte. „Sie haben irgendetwas gefunden, das sie anzünden konnten. Die einen oder die anderen.“

Hans stimmte dem insgeheim zu. Seiner Erfahrung nach fanden sie immer etwas, das sich im Glauben entzünden ließ. Feuer und Flamme, dachte er, die Werkzeuge der Gerechten.

„Hast du gesehen, wie der Stern vom Himmel gestürzt ist? Vielleicht ist er es ja, der brennt.“

Der Schäfer schüttelte den Kopf. „Es ist kein Stern vom Himmel gefallen. Das behaupten die Priester zwar, aber der Wanderstern des Sommers ist nur verblasst, wie sie es alle tun. Die Erde hat hier schon seit Menschengedenken Dämpfe ausgestoßen und dann hat sich der Riss geöffnet. So ist das gewesen. Er ist größer und größer geworden, hat sich zu dieser Schlucht ausgeweitet und dann kamen die Menschen, um ihn anzustaunen.“

Eine Lüge also. Hans war davon nicht überrascht. Immer stellten sie die Dinge größer dar, als sie waren, mischten Ehre hinein, wo keine Ehre existierte, und nannten sie Werke der Archonten.

„Das Blöken deiner Schafe lässt mich ganz dumm im Kopf werden“, sagte er. „Ich werde jetzt aufbrechen.“ Kurz überlegte er und erinnerte sich an alte Zeiten, in denen er, wenn nötig mit Gewalt, sein ungeschriebenes Recht als Lanzknecht auf freie Verpflegung bei Bauern, Schankleuten und Viehtreibern eingefordert, oder die Vorräte der Besiegten geplündert hatte. Vielen war Schlimmeres zugestoßen, als gerade ihm zu begegnen. „Ich habe nicht viel und werde dort unten kaum etwas brauchen. Aber wenn du etwas entbehren kannst ...“

Sie tauschten Fleisch und Käse gegen ein paar mit Aimos’ Siegel geprägte Stücke Zinn, die der Schäfer in einem kleinen Beutel an einer Schnur um seinen Hals verschwinden ließ. „Man sagt, die Hölle sei entweder heiß oder eiskalt. Da drüben, am Rand der Senke, ist ein Wasserloch. Das Heer hat es bis auf den letzten Tropfen geleert, aber es füllt sich bereits wieder.“

Der Mann gab ihm zum Abschied die Hand, um ihren Handel zu beschließen. Der Schäfer entschied, dass sie letztlich im selben Alter sein mussten, und fragte sich, wie es wohl wäre, wären ihre Leben...



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