Andeck Wer liebt mich und wenn nicht, warum?
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8387-4600-5
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 256 Seiten
Reihe: Baumhaus
ISBN: 978-3-8387-4600-5
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Jep. Ich geh in die Wildnis. Ich kämpfe dort gegen Naturgewalten und entwickele Instinkte wie ein Wildtier. Ich bin stark, wild und frei und ich sehe umwerfend dabei aus. Und er ist auch da! Tarzan und Jane waren gestern. Jetzt gibt es Lilia und Tom. Yeah!«
Nach dem Fiasko mit Jakob weiß Lilia inzwischen genau: Sandkastenfreund Tom ist der Richtige! Den aber hat Lilia mit ihrem Balzverhalten vergrault. Aber Lilia wäre nicht Lilia, wenn sie so schnell aufgeben würde. Sie beschließt, Tom zurückzuerobern und auf wissenschaftliche Erkenntnisse künftig ganz zu verzichten. Ab sofort will sie sich nur noch von ihrem Herzen leiten lassen. Als Tom sich für ein Praktikum in der Wildnis bewirbt, schließt Lilia sich an. Dort aber gibt es mehr Natur, als ihr lieb ist. Und dann ist das noch Vicky, Lilias alte Rivalin, die in freier Wildbahn Raubtierqualitäten entwickelt ...
Band 2 von Lilias Tagebuch
Mara Andeck wurde 1967 geboren. Sie hat Journalismus und Biologie studiert, volontierte beim WDR und arbeitet heute als Wissenschaftsjournalistin. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei Töchtern und ihrem Hund in einem kleinen Dorf bei Stuttgart. Lilias Tagebücher erfreut sich bereits vieler Fans und erstrahlt nun in neuem Glanz bei ONE.
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Freitag, 3. Juni
11.30 Uhr Brrr. Wer erforscht denn so was?
Habe eben diesen Artikel in einer Zeitschrift gelesen und kann es nicht fassen. Wer kommt auf die Idee, Frösche zu stressen und dann an ihnen zu riechen? Und wer sammelt Bauchnabelfusseln, um sie unter dem Mikroskop zu untersuchen? Mal ganz abgesehen von der kranken Idee, Heuschrecken vor den Fernseher zu setzen. Gruselig!
Sehe Forschung und Wissenschaft plötzlich mit anderen Augen. Blaugraue Fusseln auch.
11.45 Uhr Mathe ist heute ausgefallen und wir hatten nach der dritten Stunde frei. Auf dem Heimweg habe ich mir diese merkwürdige Wissenschaftszeitschrift gekauft und bin gleich nach Hause geradelt, um sie zu lesen. Ich wollte ja aufstehen und weitergehen. Und Ablenkung ist dafür immer gut. Lernen, lernen, lernen, eine wissenschaftliche Karriere ansteuern. Irgendwie so mach ich jetzt weiter.
Aber das ist ja so was von heiß heute! Fühlt sich an, als wäre alle Flüssigkeit aus meinem Kopf verdampft und mein Gehirn im ausgetrockneten Schädel auf Olivengröße verschrumpelt. Mir reicht’s jetzt mit Wissenschaft. Ich glaub, ich geh mit Maiken ins Freibad.
11.50 Uhr Obwohl – Freibad … Das bedeutet braungebrannte Jungs mit nacktem Oberkörper, das heißt Balzen, das heißt Flirten und das wollte ich ja nicht mehr. Dafür bin ich nicht geschaffen, das gibt nichts als Ärger. Habe ich gerade erst erlebt, muss ich nicht noch mal haben.
11.54 Uhr Andererseits ist es wirklich heiß heute.
12.20 Uhr Bin stolz auf mich, denn ich habe einen Kompromiss gefunden. Bin zwar jetzt im Freibad, aber das Wissenschaftsmagazin ist mit dabei. Werde in regelmäßigen Abständen ins Wasser springen und zwischendurch die Nase tief in mein Heft versenken. So komme ich gar nicht auf dumme Gedanken mit Jungs und so.
12.23 Uhr Au weia. Wenn ich mich hier so umsehe, frage ich mich, ob es klug war, herzukommen. Tom, Jakob, Florian, Dana, alle sind da. Kein Wunder, bei der Hitze. Aber jetzt ist es zu spät. Ich ignoriere die einfach. Augen fest aufs Tagebuch richten und durch!
12.26 Uhr Auf dem Handtuch neben mir liegt Maiken und döst in der Sonne. Sieht sehr entspannt aus. Kein bisschen gestresst. Oder täuscht das? Ich wollte gerade an ihr schnuppern, um festzustellen, ob sie gechillt riecht, aber da hat sie mich angeknurrt. Sie sei kein Frosch, sagte sie, und ich solle sie nicht stören!
12.28 Uhr Pffff. Stören? Wobei denn? Mal ehrlich: Maiken ist faul. Eigentlich wollte sie genau wie ich ihr Leben ändern. Sie wollte es der Musik widmen und in jeder freien Minute komponieren. Aber das tut sie nicht. Liegt einfach nur so da und behauptet, sie würde meditieren. Summt nicht mal eine kleine Melodie vor sich hin. Maiken lässt sich ein bisschen gehen, finde ich. Ich bin da anders. Zum Glück. Ich halte mich an gute Vorsätze!
12.36 Uhr Hmmm. Sieht schon gemütlich aus, wie sie da liegt.
12.42 Uhr Hm. Hm. Hm.
12.43 Uhr Pah! Daran darf ich nicht mal denken. Zurück zu meiner Zeitschrift: Wissenschaftler haben herausgefunden, warum amerikanische Männer häufiger von umstürzenden Getränkeautomaten erschlagen werden als amerikanische Frauen. Das liegt daran, dass Männer öfter an den Getränkeautomaten rütteln. Wenn man die Dinger nämlich in Schräglage bringt, kommt manchmal ein Gratisgetränk heraus und Männer sind da total scharf drauf. Das weckt ihren Jagdinstinkt.
Tssss, was es alles gibt. Aber muss ich das wirklich wissen?
12.47 Uhr Nö, muss ich nicht. Wissenschaft ist schon wichtig, weil sie Klarheit ins Denken bringt, aber ich erforsche doch lieber mein eigenes Leben. Ich könnte zum Beispiel untersuchen, wie ich in diese bescheuerte Situation hier geraten bin und vor allem, wie ich wieder rauskomme. Das bringt wenigstens irgendwen weiter. Nämlich mich.
(Anmerkung 1: Wissenschaftliche Arbeiten haben immer Anmerkungen. Am besten ich gewöhne mir das jetzt auch mal an. Deswegen hier die Frage: Sollten sich Forschende selbst zum Objekt ihrer Studien machen? Bin unschlüssig. Aber warum eigentlich nicht! Ich wette, der Typ mit den Bauchnabelfusseln hat auch seine eigenen Flusen mikroskopiert. Muss mich eben ganz nüchtern und emotionslos beobachten. Bin schließlich Profi.)
12.59 Uhr Wenn man sich selbst erforschen will, gelten die gleichen Regeln wie für jede andere Forschung. Erst muss man den Ist-Zustand erheben. Dann formuliert man eine Theorie, die diesen Zustand – rein theoretisch – erklären könnte. Und anschließend macht man Experimente und stellt fest, ob die Theorie stimmt. Danach weiß man entweder, warum die Welt ist, wie sie ist, oder man braucht eine neue Theorie.
Okay. Also los.
1. Zustandsanalyse von Lilia K. (16) am Freitag, 3. Juni
Objektiv betrachtet liegt die Testperson im rosa Bikini in der Sonne, schreibt in ihr Tagebuch und futtert Gummibärchen. Ein außenstehender Betrachter könnte daraus schließen, dass es ihr bestens geht.
Gut eingeweihte Kreise wissen aber: Gerade in diesem Moment beherrschen mehrere Störfaktoren die Gedanken von Lilia K.
a) Einer davon ist Maiken, ihre Freundin, die neben ihr auf einem rotgetupften Handtuch liegt und sich tot stellt. Maiken tut zwar so, als wäre alles okay, und Lilia K. spielt mit, aber beide wissen genau: Nur ein paar Meter weiter links liegen Dana (16) und Florian (18) im Schatten einer Kastanie und halten Händchen. Im Klartext: Maiken sieht gerade durch die halbgeschlossenen Augenlider dabei zu, wie das Objekt ihrer Begierde, also Florian K. (Anmerkung 2: gleichzeitig der Bruder der Testperson Lilia K.) und eine ihrer Freundinnen (Anmerkung 3: zugleich auch eine der besten Freundinnen von Lilia K.) auf Wolke sieben schweben.
Da! Jetzt küssen sich die beiden. Maiken seufzt und presst die Augenlider zusammen. Lilia K. hatte also recht und sie ahnt: Sie muss in der nächsten Zeit den Kontakt zu ihrem Bruder und zu ihrer geliebten Freundin Dana auf ein Minimum reduzieren, um Maiken in dieser schwierigen Phase nicht allein zu lassen.
Nur – wie soll das gehen??? Sie kann den beiden ja keinen Grund nennen, das wäre nicht fair ihrer Freundin Maiken gegenüber. Boah, was für eine Sackgasse! Lilia K. fühlt sich gestresst. (Anmerkung 4: Riecht sie jetzt anders als in entspanntem Zustand? Das sollte in einer späteren Studie geklärt werden!)
b) Ein weiterer Störfaktor lagert in der Nähe des Volleyballfeldes auf der Freibadwiese. Obwohl Lilia K. den Blick auf ihr Tagebuch richtet, weiß sie genau, dass dort ihr Exfreund Jakob mit einer aus der Neunten knutscht.
Im Prinzip ist ihr das ja total egal. Sie hat schließlich mit Jakob Schluss gemacht. Sie! Er kann also küssen, wen er will. (Anmerkung 5: Das war allerdings erst vorgestern. Und die Maus, der er gerade die Zunge in den Hals steckt, ist gerade mal vierzehn und hört auf den vielsagenden Spitznamen Titti. Das ist total niveaulos und sagt viel über Jakob aus. Aber Lilia K. steht da drüber. Echt!)
Trotzdem. Ein bisschen leiden könnte dieser Flachpinsel schon, findet sie. Grummel. (Anmerkung 6: Man bemerkt hier einen gewissen Widerspruch in der Argumentationskette und tatsächlich ist Lilia K. in diesem Punkt gespalten. Man kann ihre Haltung wohl so zusammenfassen: Sie regt sich nicht wirklich über das Geknutsche auf, aber es nagt schon ein bisschen an ihr, dass sie anscheinend so leicht ersetzbar ist.)
c) So. Und jetzt kommen wir zum Hauptstörfaktor: Ein paar Meter weiter Richtung Nichtschwimmerbecken hat ein gewisser Tom B. sein Handtuch ausgebreitet. Allein der Anblick seiner braungebrannten Arme treibt den Puls der Testperson in ungeahnte Höhe. Sie will in diese Arme sinken. Unbedingt. Daraus kann man schließen, dass sie diesem männlichen Wesen nicht gleichgültig gegenübersteht. Und man kann daraus weiter folgern, dass die Testperson sich selbst etwas vormacht, wenn sie behauptet, sich für männliche Wesen nicht mehr zu interessieren und ihr Leben einer wissenschaftlichen Karriere weihen zu wollen. (Anmerkung 7: Wer es seltsam findet, dass Lilia K. erst vor zwei Tagen die Beziehung zu Exfreund Jakob beendet hat und jetzt Herzrasen beim Anblick von Sandkastenfreund Tom verspürt, liegt richtig: Es ist seltsam. Das findet sogar die Testperson selbst.)
d) Und nun zu einer noch viel dringenderen Frage: Was ist mit den Gefühlen von Tom B.? Wie steht er zur Testperson?
Lilia K. weiß es nicht. Sie hat ihn zwar vor drei Tagen erst geküsst und er hat die Augen zugemacht, zurückgeküsst und gar nicht mehr damit aufgehört. Aber danach ist er auf Distanz gegangen und hat um Bedenkzeit gebeten. (Anmerkung 8: Er findet das Verhalten der Testperson nämlich ebenfalls seltsam). Jetzt will er seine Gefühle ordnen, so hat er das zumindest der Testperson mitgeteilt.
Okay. Lilia K. hat dafür Verständnis. Aber was sie überhaupt nicht versteht, ist Folgendes: Warum verbringt Tom B. diese Bedenkzeit ausgerechnet im Freibad und dann auch noch in Begleitung von Vicky-Zicky, die einen Bikini trägt, so knapp, dass man...




