E-Book, Deutsch, 286 Seiten
Anders Zärtlichkeit der Stille
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-4858-2
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 286 Seiten
ISBN: 978-3-7517-4858-2
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Neuhaus am Inn, 1940: Die junge Therese findet sich in einer unglücklichen Ehe mit dem alten Witwer Anton wieder, in die sie von ihren Eltern gedrängt wurde. Ihre einzigen Glücksmomente erlebt sie auf dem Bauernhof ihrer besten Freundin, wo sie Zuflucht sucht. Doch dann begegnet sie Maurice, einem französischen Kriegsgefangenen, und alles ändert sich. In seiner Gegenwart erwacht ihr Herz zu neuem Leben, und Therese erkennt, dass sie für ihr Schicksal und ihre wahre Liebe kämpfen muss ...
'Zärtlichkeit der Stille' basiert auf einer wahren Begebenheit und erzählt die bewegende Geschichte einer verbotenen Liebe, die sich gegen alle Widerstände durchsetzt.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
»Der gefühlvolle Schreibstil hat mich von der ersten Zeile an gefangen genommen. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen. Fazit: gefühlvoll, einfühlsam und unterhaltsam.« (Helgas Bücherparadies)
»Ganz besonderer Schreibstil und eine bewegende Geschichte. Nur zu empfehlen!« (Kristall86, Lovelybooks)
Aufgewachsen in einer österreichischen Kleinstadt, verspürte Susann Anders schon früh den Drang, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Bevor sie sich an ihr erstes Buch wagte, lebte sie ihre Kreativität als Kostümbildnerin an renommierten Wiener Opernhäusern aus. Heute lebt sie mit ihrem Mann und zwei Kindern auf dem Land, wo sie an ihrem Schreibtisch den Blick in die Ferne genießen kann.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Die Hand meiner Mutter
Neuhaus am Inn im September 1940
Es war ein unangenehm kühler Abend, an dem die Stille in meiner Seele Einzug hielt. Am Flussufer sitzend beobachtete ich die Nebelschleier, die mit dem Wasser an mir vorbeizogen – langsam und andächtig, als hätten sie sich einem Trauermarsch angeschlossen. Meine Blicke hafteten an den weißen Schwaden und folgten ihrer trägen Prozession, bis sie von der Ferne verschluckt wurden. Mit dürren Armen krallten sich Nebelfetzen an meinen Waden fest, krochen an mir hoch, bis sie mein Herz für sich eingenommen hatten. Eisig und grausam. Die Kälte wetteiferte mit der Düsternis des Abends und breitete sich erschreckend schnell aus. Niemand sonst war zu dieser Uhrzeit draußen, alle saßen bei Kerzenschein in ihren Stuben und gingen ihren alltäglichen Arbeiten nach. Nur ich suchte die Einsamkeit, um meine Gedanken zu reinigen und das Unbegreifliche zu realisieren.
Es war der Abend vor meiner Hochzeit mit Anton. Bis zum Schluss hatte ich gehofft, dass diese Verbindung nicht zustande käme, dass sich ihre Androhung auflösen würde wie die Nebelschwaden im Sonnenlicht. Vermutlich hätte ich weglaufen sollen oder gegen den Willen meines Vaters ankämpfen. Bestimmt hätte es Möglichkeiten gegeben, aber ich hatte beschlossen, voller Angst der Heirat mit dem viel zu alten Anton zu harren und mir ein Wunder herbeizusehnen.
Hoffen und beten – mehr blieb mir nicht übrig.
Ich betete also um ein Wunder, das nicht eintrat. Wunder gibt es nicht, sie sind pure Erfindung, um unseren Geist an der Hoffnung wachsen zu lassen. Und die Hoffnung selbst ist ein grausames Spiel, bei dem man nur verlieren kann.
Ich zumindest habe verloren.
Der nächste Tag kam, meine Mutter weckte mich, polterte, ohne anzuklopfen, in meine Kammer, zog mir die Decke vom Leib und tätschelte meinen Oberarm. So hatte sie mich schon als kleines Schulmädchen geweckt. Ehe ich wusste, wie mir geschah, zog sie mich an beiden Händen aus dem Bett und half mir beim Ankleiden. Es war ein liebloses Ritual, das eine lieblose Ehe einläuten sollte. Während sie murmelnd auf mich einredete, verharrte ich in einer Schockstarre, in der ich alles über mich ergehen ließ. In Feinarbeit schloss sie die unzähligen Knöpfe am Rücken und wies mich an, mich an die Kommode zu setzen. Dabei tat sie, als sähe sie meine Tränen nicht.
Bewegungslos und starr blickte ich in den ovalen Spiegel, der vor mir auf der Anrichte stand. Die Oberfläche war rissig und trüb – ebenso wie mein Lebensmut. Was ich darin sah, war ein Häuflein Elend und hatte nichts zu tun mit der lebenslustigen Frau, die ich bis vor ein paar Wochen gewesen war. Meine sonst so rosige Haut war erblasst, meine blauen Augen untermalt von dunklen Augenringen, meine Lippen wirkten schmal und kalt. Sogar mein Haar, das für gewöhnlich in sanften Wellen mein Gesicht umrahmte, hatte an diesem Morgen seinen Glanz verloren und hing kraftlos über meine Schultern.
Während Mutter sich an einer Steckfrisur versuchte, fiel es mir immer schwerer zu atmen, ohne zu schluchzen. Ich war hin- und hergerissen. Zum einen wollte ich stark sein und meinen Kummer für mich behalten. Andererseits sollte Mutter sehen, wie schlecht es mir ging und wie sehr sie sich an mir schuldig gemacht hatte. Sie hatte Verrat an mir begangen, hatte mich im Stich gelassen. Wie konnte sie nur? Was ließ sie in dem Glauben, dass Vater recht daran tat, mich mit dem Mann seiner verstorbenen Schwester Ludmilla zu verheiraten? Vater war schon seit jeher ein herrischer Mensch gewesen, der kein Widerwort duldete. Mutter hatte es gewiss nicht leicht mit ihm. So gut es ging, hatte sie in sämtlichen Meinungsverschiedenheiten für mich Partei ergriffen und seine gefühlsbeladenen Explosionen schweigsam über sich ergehen lassen. Warum also kehrte sie mir den Rücken, wenn ich ihre Stimme am dringendsten benötigte?
Tante Ludmilla war vor etwa einem Jahr gestorben, und ich hatte mich auf Vaters Bitten Onkel Antons angenommen und neben meiner Arbeit als Schneiderin in der Hemdenfabrik mehrmals wöchentlich ein paar Stunden für den Witwer geopfert. Dabei hatte ich für ihn und seinen Sohn Peter den Haushalt geführt und manchmal sogar für die beiden gekocht. Es war mir ein Leichtes gewesen, mich in das geordnete Hauswesen meiner Tante Ludmilla einzufügen. In den Räumen hing auch Monate nach ihrem Tod noch der Duft ihrer zarten Ringelblumenseife und ihrer sanftmütigen Liebe. Es war nicht zu übersehen, wie sehr Anton am Verlust seiner Frau litt. Abends, wenn er mit seinem Kummer allein war, hielt ich ihm tröstend seine Hand und ließ sie erst wieder los, wenn seine letzten Tränen getrocknet waren.
War es am Ende meine eigene Schuld? Hatte ich den alten Mann dazu ermutigt, mehr in mir zu sehen als eine Haushaltshilfe? Dachte er, er würde in meinem Sinne handeln, wenn er meinen Vater um meine Hand bat? Für die beiden war es schnell beschlossene Sache gewesen, dass eine Heirat zum Wohle aller Beteiligten wäre. Anton hätte wieder eine Frau, die sich um den Haushalt und sein Gefühlsleben kümmerte, Vater hätte einem guten Freund einen Gefallen getan, und ich hätte eine gesicherte Zukunft. Nur meine Gefühle hatte man dabei nicht berücksichtigt.
Es traf mich wie ein Schlag, als die zwei mir von ihrer Entscheidung berichteten. Ihre Gesichter strahlten vor Freude, und beide waren wohl der Meinung, dass ich nach Unterbreitung ihres Beschlusses mit ihnen gemeinsam strahlen würde. Die Strenge meiner Erziehung erlaubte mir kein Wort des Widerspruches, und so kredenzte ich ihnen den Wein, mit dem sie auf mein Verderben anstießen.
Als ich mich Stunden später in den Schlaf weinte, hörte ich Vater und Anton noch immer ausgelassen in der Kammer lachen und plaudern. Anton war vielleicht kein schlechter Mann, aber ich war ihm nicht im Mindesten zugetan und würde es auch nie sein.
Ich hatte Mutter angefleht, mit Vater zu reden, ihn zu überzeugen, dass diese Ehe mein Unglück bedeutete. Doch Mutter schwieg, beschwichtigte mich und schalt mich ein undankbares Kind. Insgeheim wusste ich, dass sie mit mir trauerte und sich für mich ein glücklicheres Leben gewünscht hätte.
»Die Zeiten sind nun mal so«, hatte sie gesagt, »wir müssen froh sein, dich so gut versorgt zu wissen. Deine Arbeit in der Näherei wirft weiß Gott nicht genug Lohn ab, um dich durch den Alltag zu bringen.«
Damit war sie also gefallen, die Entscheidung, die mein Leben in neue Bahnen lenken sollte.
Es war nicht zu übersehen, wie sehr Anton die Aussicht auf unsere Ehe aufblühen ließ. Es schien, als würde er sich meiner Energie bemächtigen. Während die Erwartung der Vermählung meine Leidenschaft schmälerte, zierte sein sonst so verhärmtes Gesicht immer öfter ein glückseliges Lächeln.
»Der Anton wird dir ein guter Mann sein, Rese«, flüsterte Mutter, als sie zufrieden meine Frisur begutachtete und mir dabei zärtlich über die Wange strich. »Es mag für dich den Anschein haben, dass diese Verbindung falsch ist, aber glaub mir, in ein paar Wochen wirst du anders darüber denken.«
»Nein, das werde ich nicht!«, erwiderte ich mit belegter Stimme und wandte mich ab. Ich stand auf und ging zum Fenster. Es war Ende September, die Sonne schien mit letzter Kraft vom Himmel und wärmte mühevoll die Dächer der Nachbarhäuser. Es würde ein schöner Tag werden, zumindest für alle anderen. Kinder tobten durch die Gärten, Frauen hängten die Wäsche auf die Leinen oder harkten die Gemüsebeete um. Keiner von ihnen ahnte, wie sehr ich in diesen Minuten mit meinem Schicksal haderte. In wenigen Stunden wäre ich Ehefrau, und meine Freiheit und Träume wären für immer verloren.
Meine Freundin Magdalena und ich hatten oft Pläne geschmiedet, welche Städte wir eines Tages bereisen würden. Manchmal sprachen wir heimlich darüber, einfach durchzubrennen, um in Wien oder München berühmte Theaterschauspielerinnen zu werden. Das waren die Fantasien junger Frauen gewesen, und bei der Erinnerung daran musste ich lächeln. Vermutlich hätten Magdalena und ich es nicht einmal bis Wien geschafft und wären nach ein paar Tagen reumütig nach Hause zurückgekehrt. Aber das war egal. Wichtig war, dass wir damals der Meinung waren, jede Möglichkeit zu haben.
Und nun stand ich am Fenster und sah alle meine Träume in weite Ferne entrücken. Für mich würde es keine Reise mehr geben, nur noch die schmutzigen Hemden eines alten Mannes.
»Rese, komm runter, wir sind spät dran! Der Anton wird gleich kommen.« Das Geschrei meines Vaters riss mich aus den Gedanken. Vater war ein strenger Mensch, nicht nur zu allen anderen, sondern auch mit sich selbst. Er arbeitete stets hart, um seine Familie zu ernähren. Wir waren an unsere armen Verhältnisse gewöhnt, ich war damit aufgewachsen und störte mich nicht daran, zerschlissene Kleider zu tragen. Kaum einer aus unserem Ort kannte Reichtum, jeder musste sehen, dass er über die Runden kam. Die meisten führten ein karges, aber zufriedenes Leben.
Mir hätte dieses Leben genügt, ich hätte keine Heirat gebraucht, um abgesichert zu sein. Lieber mittellos und allein als an der...




