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Andersen Andersens Märchen. Zweiter Band

Ergänzungsband
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96130-420-2
Verlag: apebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

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Die Märchen von H. C. Andersen zeichnen sich durch eine ganz eigene Atmosphäre aus. Seine durch und durch originellen Geschichten vermeiden den moralischen Zeigefinger und die Klischees, mit denen Märchen oft in Verbindung gebracht werden. Stattdessen haben die Schönheit, Tragik und Seltsamkeit seiner Kunstmärchen seit jeher die Fantasie von jungen und alten Lesern in ihren Bann gezogen. Andersen betrachtete das Leben als etwas Geheimnisvolles, das jedoch von der Vorsehung gelenkt wird, als einen Ort, an dem Magie unter jedem gefallenen Blatt zu finden ist und an dem sich die Regeln der Moral in den Geschehnissen der Natur widerspiegeln. Wie kaum einem Zweiten gelang es dem dänischen Dichter, diesen wundervollen Blick auf die Welt in seinen Geschichten lebendig werden zu lassen. Dieser zweite Band von insgesamt zwei Bänden versammelt 45 der sämtlichen Märchen von Hans Christian Andersen und entspricht dem ursprünglichen Ergänzungsband.

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DER STEIN DES WEISEN
Du kennst doch die Geschichte von Holger Danske? Wir wollen sie dir auch nicht erzählen, sondern nur fragen, ob du dich erinnerst, daß »Holger Danske das große Indien östlich an der Welt Ende gewann, bis an den Baum, welcher der Baum der Sonne genannt wird,« wie Christian Pedersen sagt. Kennst du Christian Pedersen? Es macht nichts, wenn du ihn nicht kennst. Holger Danske verlieh dem Priester Jon Macht und Würde über Indien. Kennst du den Priester Jon? Nein? Es ist auch einerlei, ob du ihn kennst; denn er kommt in dieser Geschichte nicht vor. Du sollst hier von dem Baum der Sonne »in Indien östlich an der Welt Ende« hören, wie die Leute es damals verstanden, die noch keine Geographie gelernt hatten, wie wir heutzutage. Aber das ist auch einerlei. Der Baum der Sonne war ein prächtiger Baum, wie wir noch keinen gesehen haben und auch du keinen zu sehen bekommen wirst. Die Krone erstreckte sich mehrere Meilen im Umkreis; sie war eigentlich ein ganzer Wald. Jeder ihrer kleinsten Zweige war wieder ein Baum. Es waren Palmen, Buchen, Pinien, Platanen; ja alle Baumarten, die man rings in der Welt finden konnte, schossen hier, wie kleine Zweige, aus den großen Zweigen hervor, und diese glichen mit ihren Krümmungen und Auswüchsen Tälern und Höhen. Sie waren mit einem samtweichen Grün bekleidet und mit Blüten übersät. Jeder Zweig glich einer blumigen Wiese oder einem lieblichen Garten. Die Sonne strahlte in vollem Glanze herab – es war ja der Baum der Sonne – und die Vögel aus aller Welt Ende versammelten sich hier: aus den fernen Wäldern Amerikas, aus den Rosengärten von Damaskus und aus den Waldwildnissen des inneren Afrika, wo Elefanten und Löwen sich einbilden, allein zu regieren. Die Eisvögel, Störche und Schwalben kamen natürlich auch. Aber die Vögel waren nicht die einzigen lebenden Geschöpfe, die hierher kamen. Hirsche, Eichhörnchen, Antilopen und hunderte anderer Tiere, durch Schnelligkeit und Schönheit ausgezeichnet, waren hier zu Hause. Ein großer duftender Garten war ja die Krone des Baumes, und inmitten, wo die allerstärksten Zweige sich wie grüne Berge erstreckten, lag ein Schloß aus Kristall, mit Aussicht über alle Länder der Welt. Jeder Turm erhob sich wie eine Lilie; man konnte in dem Stengel hinaufsteigen; denn dort war eine Treppe. Nun wirst du verstehen können, daß man auf die Blätter hinaustreten konnte, die Altanen glichen, und ganz oben in der Blüte war ein runder, glänzender Festsaal, der kein anderes Dach als den blauen Himmel mit Sonne und Sternen hatte. Ebenso schön – nur in anderer Weise – war es in den unteren weiten Sälen des Schlosses. Rings an den Wänden spiegelte sich die ganze Welt ab. Man konnte alles sehen, was in ihr geschah, so daß man keine Zeitungen zu lesen brauchte, und die gab es hier auch gar nicht. Alles war in lebenden Bildern zu sehen, hätte man es nur sehen wollen oder sehen mögen. Aber zu viel ist zu viel, selbst für den weisesten Mann, und hier wohnte der weiseste Mann. Sein Name ist so schwer auszusprechen, daß du es nicht kannst, und deshalb brauchst du ihn auch nicht zu kennen. Er wußte alles, was ein Mensch wissen kann und jemals wissen wird. Er kannte jede Erfindung, die gemacht war und gemacht werden sollte, aber auch nicht mehr; denn alles hat seine Grenze. Der weise König Salomo war nur halb so klug und war doch sehr klug. Der weise Mann herrschte über die Naturkräfte, über mächtige Geister; ja der Tod selbst mußte ihm jeden Morgen Nachricht bringen und die Liste derjenigen vorlegen, die an dem Tage sterben sollten. Aber auch der König Salomo mußte sterben, und das war der Gedanke, welcher den Forschergeist, den mächtigen Herrn im Schlosse des Sonnenbaums mit lebhafter Unruhe erfüllte. Auch er sollte einst sterben, wie hoch er auch in der Weisheit über den Menschen stand; das wußte er. Seine Kinder sollten sterben; wie die Blätter des Waldes sollten sie niedersinken und Staub werden. Er sah die Menschengeschlechter wie das Laub der Bäume vergehen und neue an ihre Stelle treten; aber die Blätter, die niederfielen, wuchsen niemals wieder; sie wurden zu Staub, zu anderen Pflanzenteilen. Was geschah mit den Menschen, wenn der Engel des Todes kam? Was war der Tod? Der Körper löste sich auf, und die Seele – ja, was war mit ihr? Wo blieb sie? Wohin ging sie? »Zum ewigen Leben,« sagte tröstend die Religion. Aber wie war der Übergang? Wie lebt man? Wo lebt man? In dem Himmel, sagten die Frommen, »aufwärts gehen wir.« »Aufwärts,« wiederholte der Weise und sah gegen die Sonne und die Sterne. »Aufwärts,« und er sah aus der Kugelgestalt der Erde, daß oben und unten ein und dasselbe ist, je nach dem Ort, den man auf der schwebenden Kugel einnimmt, und stieg er so hoch, wie die höchsten Berge der Erde ihre Gipfel erheben, so wurde die Luft, die wir klar und durchsichtig »den reinen Himmel« nennen, zur kohlenschwarzen Finsternis, gleich einem ausgespannten Tuch, und die Sonne glühte ohne Strahlen und unsere Erde lag in einem orangegelben Nebel eingehüllt. Begrenzt ist das leibliche Auge, begrenzt auch das geistige Auge! Wie gering ist unser Wissen! Selbst der Weiseste weiß nur wenig von dem, was uns das Wichtigste erscheint. In der Geheimkammer des Schlosses lag der größte irdische Schatz: »Das Buch der Wahrheit.« Er las es Blatt für Blatt. Es ist ein Buch, in welchem jeder Mensch lesen kann, aber nur stückweise. Die Schrift zittert vor manchem Auge, so daß es die Worte nicht zu entziffern vermag; auf einigen Blättern ist die Schrift so blaß und undeutlich, daß man dort nur ein leeres Blatt sieht. Je weiser man ist, desto mehr kann man lesen, und der Weiseste liest das meiste. Er wußte dazu das Licht der Sterne, der Sonne, verborgener Kräfte und der Geister zu sammeln, und bei diesem verstärkten Schein trat auf den Blättern mehr der Schrift hervor. Aber bei dem Abschnitt des Buches mit der Überschrift: »Das Leben nach dem Tode« war nicht einmal ein Tipfelchen zu sehen. Das betrübte ihn! Sollte er hier auf der Erde nicht ein Licht finden können, wodurch ihm sichtbar wurde, was in dem Buche der Wahrheit stand? Wie der weise König Salomo verstand er die Sprache der Tiere. Er lauschte ihrem Gesange und ihren Gesprächen; aber er erfuhr von ihnen über jene Frage nichts Neues. Er entdeckte die Kräfte der Pflanzen und Metalle, Kräfte, um Krankheiten zu vertreiben, den Tod zu vertreiben, aber nicht, ihn aus der Welt zu schaffen. In allem, was erschaffen war und er erreichen konnte, suchte er das Licht zu finden, das die Gewißheit eines ewigen Lebens zu beleuchten vermöchte; aber er fand es nicht. Das Buch der Wahrheit lag wie mit unbeschriebenen Blättern vor ihm. Das Christentum zeigte ihm in der Bibel die Worte der Vertröstung auf ein ewiges Leben; aber er wollte es in seinem Buche lesen, und dort sah er nichts. Fünf Kinder hatte er, vier Söhne, so wohlunterrichtet, wie der weiseste Vater seine Kinder unterrichten kann, und eine Tochter, schön, sanft und klug, aber blind. Doch das schien für sie kein Mangel zu sein; Vater und Brüder waren ihre Augen, und ihre Liebe ließ sie den Mangel des Augenlichts nicht fühlen. Niemals hatten sich die Söhne weiter aus den Sälen des Schlosses entfernt, als sich die Zweige des Baumes erstreckten, die Schwester noch weniger. Sie waren glücklich in dem Heim, in dem Lande ihrer Kindheit, in dem schönen, duftenden Baume der Sonne, Wie alle Kinder hörten sie gern erzählen, und der Vater erzählte ihnen vieles, was andere Kinder nicht verstanden haben würden; aber sie waren ja auch so klug, wie bei uns die alten Menschen. Er erklärte ihnen, was sie in den lebenden Bildern an den Wänden des Schlosses sahen, die Tätigkeit der Menschen und den Gang der Begebenheiten in allen Ländern der Erde, und oft wünschten die Söhne, daß sie mit draußen wären und an allen den Großtaten teilnehmen könnten. Und der Vater sagte ihnen dann, daß es schwer und ungerecht in der Welt zuginge, daß es nicht ganz so wäre, wie sie es aus ihrer schönen Kinderwelt sahen. Er erzählte ihnen von dem Schönen, Wahren und Guten, sagte, daß diese drei Dinge die Welt zusammenhielten und daß unter dem Drucke, den sie erlitten, sie zu einem Edelstein würden, klarer als das Wasser des Diamanten. Sein Glanz hätte Wert vor Gott; er überstrahlte alles und wäre eigentlich das, was man »Den Stein des Weisen« nenne. Er sagte ihnen auch, daß, wie man durch die Schöpfung zur Erkenntnis Gottes käme, so käme man durch die Menschen zur Erkenntnis, daß es einen solchen Edelstein gäbe. Mehr könnte er ihnen nicht sagen; mehr wüßte er nicht. Diese Erzählung wäre nun anderen Kindern zu schwer verständlich gewesen; aber sie verstanden dieselbe, und später verstehen die anderen sie auch. Sie fragten ihren Vater nach dem Schönen, Wahren und Guten, und er erklärte es ihnen, sagte ihnen gar vieles, sagte auch, daß Gott, als er die Menschen aus Erde schuf, seinem Geschöpf fünf Küsse gegeben hätte: Feuerküsse, Herzensküsse, einige Gottesküsse, und daß sie es sind, was wir die fünf Sinne nennen. Durch sie wird das Schöne, Wahre und Gute gesehen, empfunden und verstanden; durch sie wird es geschätzt, beschirmt und gefördert. Fünf Sinnestätigkeiten sind für innen und außen gegeben, sind Wurzel und Spitze, Körper und Geist. Darüber dachten die Kinder nun häufig nach; das war in ihren Gedanken Tag und Nacht. Da träumte dem Ältesten ein schöner Traum, und seltsam genug, der zweite Bruder träumte ihn auch, und der dritte träumte ihn und der vierte ebenfalls. Jedem von ihnen träumte dasselbe, träumte, er zöge in die weite Welt hinaus und fände den Stein des Weisen. Wie eine leuchtende Flamme strahlte er auf seiner Stirn, als er im Morgenröte auf...



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