Anderson Das Schild der Zeit
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-11646-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-11646-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Danellianer, eine Spezies von gottgleicher Macht, vertreten ihre Interessen nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit. Auch auf der Erde haben sie ihre Institution: Die Zeitpatrouille, deren Agenten in der Vergangenheit unterwegs sind, um die Geschichte im Sinne der Außerirdischen zu manipulieren. Auf einen Wink von ihnen hin fallen Reiche und sterben Millionen von Menschen. Manse Everard und Wanda Tamberley gehören der Zeitpatrouille an. Ihr Auftrag: Eine Gruppe junger Zeitreisender aufzuhalten, die die Vergangenheit so manipulieren wollen, dass die Danellianer nicht an die Macht kommen …
Poul Anderson (1926-2001) begann schon während seines Physikstudiums in den Vierzigerjahren mit dem Schreiben von Science-Fiction-Stories, um sich das Studium zu finanzieren. 1952 erschien dann sein erster Roman, und bis zu seinem Tod im Jahr 2001 veröffentlichte er sowohl Fantasy- als auch Science-Fiction-Texte, hielt dabei jedoch immer die Trennung der Genres aufrecht. Er gehörte zu den produktivsten SF-Schriftstellern in den USA und wurde mehrfach ausgezeichnet; unter anderem gewann er sieben Mal den Hugo Award. Vor allem seine Geschichten und Romane um die Zeitpatrouille machten ihn auch international bekannt. Anderson starb am 31. Juli 2001 in Orinda, Kalifornien.
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1987 n. Chr.
Vielleicht war es ein Fehler gewesen, schon einen Tag nach seiner Abreise von New York dahin zurückzukehren. Selbst hier und jetzt war das Frühjahr zu schön. In einer solchen Abenddämmerung sollte niemand allein sitzen und sich an alte Zeiten erinnern. Der Regen hatte aufgehört. Durch die offenen Fenster drang ein Hauch von Blüten und frischem Grün herein. Die Lichter und Geräusche von den Straßen unten wurden gedämpft, plätscherten nur wie ein Fluss dahin. Manse Everard wollte hinaus.
Er hätte einen Spaziergang im Central Park machen können, wenn er für alle Fälle seine Betäubungspistole einsteckte. Kein Polizist dieses Jahrhunderts würde das Ding für eine Waffe halten. Aber in letzter Zeit hatte er so viel Gewalt gesehen – jedes bisschen Gewalt war schon zu viel. Da wäre es besser, eine sichere Route durch die Stadt zu wählen und in einer der kleinen Kneipen, die er kannte, ein Bierchen zu trinken und sich nett zu unterhalten. Wenn er ganz weg wollte, konnte er ein Zeitmobil im Patrouillen-Hauptquartier anfordern und damit jedes beliebige Zeitalter an jedem beliebigen Ort der Erde besuchen. Ein Unabhängiger Agent brauchte keine Gründe anzugeben.
Ein Telefonanruf hatte ihn in die Falle gelockt. Jetzt tigerte er in der dunkler werdenden Wohnung hin und her, rauchte Pfeife und verfluchte sich in regelmäßigen Abständen. Diese Stimmung war einfach albern! Klar, nach einem Einsatz war ein gewisses Abschlaffen nur natürlich; aber er hatte schon zwei lockere Wochen in Hiram's Tyre gehabt, um die nach abgeschlossener Mission noch übriggebliebenen Details zu erledigen. Und was Bronwen betraf – für sie hatte er gesorgt. Wenn er sie jetzt wieder besuchte, würde das nur die Zufriedenheit zerstören, die sie gefunden hatte. Laut Kalender lag sie zu Staub geworden schon zweitausendneunhundert Jahre da. Die Sache sollte beendet sein.
Die Türklingel erlöste ihn. Er schaltete das Licht ein. In der plötzlichen Grelle musste er blinzeln. Dann ließ er seinen Besucher ein. »Guten Abend, Agent Everard«, begrüßte ihn der Mann. Er sprach Englisch mit leichtem Akzent. »Ich bin Guion. Ich hoffe, dass Ihnen diese Zeit nicht allzu ungelegen ist.«
»Nein, nein. Ich war doch damit einverstanden, als Sie mich anriefen, oder?« Sie gaben sich die Hand. Everard bezweifelte, dass diese Geste in Guions heimischem Milieu üblich war, ganz gleich wann oder wo dies war. »Treten Sie ein!«
»Sehen Sie, ich dachte, Sie möchten vielleicht das weltliche Geschäft hinter sich bringen und vielleicht ab morgen Ferien – nein, ihr Amerikaner sagt ja ›Urlaub‹ – an einem ruhigen Plätzchen machen. Ich hätte Sie natürlich auch danach interviewen können; aber Ihre Erinnerungen wären nicht mehr so frisch. Außerdem möchte ich Sie – ehrlich gesagt – gern näher kennenlernen. Darf ich Sie in ein Restaurant Ihrer Wahl zum Abendessen einladen?«
Während Guion sprach, war er eingetreten und hatte sich in einen Lehnsessel gesetzt. Sein Äußeres war unauffällig. Er war nicht sehr groß, schlank und trug einen einfachen grauen Anzug. Sein Kopf aber war groß. Wenn man genau hinschaute, sah man, dass das fein gemeißelte Gesicht nicht das eines dunklen Weißen war. Es gehörte zu keiner Rasse, die gegenwärtig auf dem Planeten lebte. Everard überlegte, welche Mächte hinter seinem Lächeln lagen.
»Danke«, antwortete Everard. Oberflächlich betrachtet bedeutete das Angebot nicht viel. Ein Unabhängiger Agent der Zeitpatrouille verfügte über unbeschränkte Mittel. Aber tatsächlich gesehen, bedeutete es sehr viel. Guion wollte eine Lebensspanne für ihn ausgeben. »Was halten Sie davon, wenn wir die prinzipiellen Fragen zuerst klären? Möchten Sie was zu trinken?«
Guion äußerte seinen Wunsch. Everard ging zur Hausbar und mixte für beide Scotch und Soda. Guion störte die Pfeife nicht. Everard setzte sich auch.
»Darf ich Ihnen nochmals für ihre Erfolge in Phönizien meine Glückwünsche aussprechen«, sagte sein Besucher. »Einfach außergewöhnlich.«
»Ich hatte eine gute Mannschaft.«
»Gewiss; aber die Führung war erstklassig. Und Sie machten die Vorarbeiten solo unter erheblichem Risiko.«
»Sind Sie deshalb gekommen?«, fragte Everard. »Meine Abschlussbesprechung war verdammt gründlich. Sie haben sicher die Unterlagen gesehen. Ich weiß nicht, was ich Ihnen darüber hinaus sonst noch erzählen könnte.«
Guion starrte in sein erhobenes Glas, als seien die Eiswürfel das Orakel von Delphi. »Möglicherweise ließen Sie einige wenige Details aus, weil Sie sie für unwichtig hielten«, sagte er leise. Ihm war der finstere Ausdruck auf dem Gesicht seines Gegenübers nicht entgangen, auch wenn er gleich wieder verschwand. Er hob die Hand. »Keine Angst! Ich habe nicht die Absicht, in Ihre Privatsphäre einzudringen. Ein Detektiv, der keinerlei Gefühle für die Menschen hätte, mit denen er bei einer Mission zu tun hat, wäre – mangelhaft, wertlos oder geradezu gefährlich. Solange wir nicht zulassen, dass unsere Gefühle unsere Aufgaben gefährden, gehen sie … äh … niemanden etwas an.«
Wie viel weiß oder vermutet er?, überlegte Everard. Eine traurige, kleine Romanze mit einem keltischen Sklavenmädchen, zum Scheitern verurteilt allein schon durch den zeitlichen Abgrund zwischen den Geburtszeiten. Dass er am Schluss ihre Freilassung und Heirat arrangierte? Lebwohl – ich werde nicht nachfragen, sonst erfahre ich womöglich mehr, als mir lieb ist.
Man hatte ihm nicht mitgeteilt, was Guion wollte, auch nicht warum, lediglich, dass diese Person auf alle Fälle seinen Rang hatte, wahrscheinlich aber einen höheren. Die Patrouille führte außer bei den niedrigsten Chargen keine Organisationslisten und hatte auch nichts übrig für offizielle Befehlshierarchien. Das war auch gar nicht möglich. Die Struktur war viel subtiler und stärker. Wahrscheinlich verstanden nur die Danellier sie ganz.
Trotzdem war Everards Ton barscher, als er sagte: »Wir Unabhängigen haben einen großen Ermessensspielraum.« Und damit wiederholte er nicht nur Altbekanntes.
»Selbstverständlich, selbstverständlich«, meinte Guion mit katzenhafter Freundlichkeit. »Ich erhoffe mir ja nur ein paar weitere Tropfen Information aus allem, was Sie erlebten und beobachteten.« Noch butterweicher. »Darf ich fragen, ob Ihre Pläne auch Miss Wanda Tamberly einschließen?«
Everard zuckte zusammen. Beinahe hätte er seinen Drink verschüttet. »Was?« Reiß dich zusammen! Ergreif die Initiative! »Sind Sie deshalb gekommen? Um über sie zu sprechen?«
»Nun, Sie empfahlen ihre Einstellung.«
»Und sie hat die Aufnahmeprüfungen bestanden, stimmt's?«
»Gewiss. Aber Sie lernten sie kennen, als sie in dieser peruanischen Episode steckte. Eine kurze, aber anstrengende und aufschlussreiche Bekanntschaft.« Guion lachte leise. »Seitdem kultivierten Sie die Beziehung. Das ist kein Geheimnis.«
»Nicht sehr«, fuhr Everard ihn an. »Sie ist sehr jung. Aber – na ja, ich betrachte sie als eine Freundin.« Er machte eine Pause. »Eine Art Protégée, wenn Sie so wollen.«
Wir hatten ein paar Verabredungen. Dann bin ich nach Phönizien gegangen. Auf meiner Zeitlinie waren es Wochen … und ich kam in denselben Frühling zurück, als wir beide zum ersten Mal zusammen in San Francisco waren.
»Ja, ich werde sie bestimmt wiedersehen«, fügte er hinzu. »Aber sie hat viele andere Dinge, die sie auf Trab halten. Sie muss zurück in den September auf den Galapagos-Inseln, aus dem sie herausgerissen wurde, dann auf dem üblichen Weg wieder nach Hause. Danach hat sie mehrere Monate, um Auftritte im zwanzigsten Jahrhundert so zu arrangieren, dass sie verschwinden kann, ohne in den Köpfen der Leute Fragen auszulösen – Ach! Warum, zum Teufel, wiederhole ich, was Sie doch genau wissen?«
Laut denken, nehme ich an. Wanda ist keine Bronwen, könnte mir aber – natürlich ohne ihr Wissen – helfen, über Bronwen hinwegzukommen, was unbedingt sein muss. Was ich auch schon ab und zu früher tun musste … Everard neigte nicht zur Selbstanalyse. Es gab ihm einen Ruck, als ihm klar wurde, dass er, um seinen inneren Frieden zurückzubekommen, keine neue Liebesaffäre brauchte, sondern noch ein paar Aufenthalte unter Unschuldigen. Wie ein Durstiger hoch oben auf dem Berg eine Quelle findet – danach wollte er gern sein Leben weiterführen, wie auch sie ihr neues in der Patrouille.
Eiskalt: Es sei denn, sie akzeptieren sie nicht, trotz allem. »Und warum interessieren Sie sich überhaupt für sie? Sind Sie für das Personal zuständig? Hat irgendjemand Zweifel über sie geäußert?«
Guion schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil. Die Psychosondierung bescheinigt ihr ein hervorragendes Persönlichkeitsprofil. Die späteren Untersuchungen sind hauptsächlich für die üblichen Zwecke: Hilfreiche Richtlinien für ihr Training und ihre früheren Aufträge.«
»Gut.« Everard spürte ein warmes Gefühl aufsteigen das ihn ruhiger machte. Er hatte zu viel geraucht. Die Eiseskälte eines kräftigen Schlucks linderte das Brennen der Zunge.
»Ich erwähnte Miss Tamberly lediglich, da die Ereignisse, welche dazu führten, dass Ihre Weltlinie sich mit der von Miss Tamberly kreuzte, Exaltationisten miteinschlossen«, erklärte Guion. Seine Stimme war sehr leise für das, was sie mitteilte. »Sie hatten zu einem früheren Zeitpunkt Ihrer Linie deren Bemühungen, Simon Bolivars Karriere gewaltsam zu ändern, vereitelt. Bei Ihrer Hilfestellung für Miss Tamberly – die sich so hervorragend verteidigte – verhinderten Sie, dass die Exaltationisten Atahuallpas Lösegeld...




