E-Book, Deutsch, 354 Seiten
Anderson Todesfrist
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8190-9943-4
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 354 Seiten
ISBN: 978-3-8190-9943-4
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Holly C. Anderson träumt sich in Fantasywelten, seit sie denken kann. Wenn sie nicht gerade schreibt, liest sie oder verbringt Zeit mit ihren beiden Katzen. Am liebsten schlendert sie durch die Natur und erdenkt sich neue Abenteuer.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Ein leichter Luftzug wehte Kira ins Gesicht, spielte mit ihrem Haar und trug sie aus der Dunkelheit. Kira schlug die Augen auf und sah sich um. In ihrem Kopf wummerte ein schwacher, dumpfer Schmerz. Ihr Atem erzeugte kleine Wölkchen, die Temperatur ließ die Härchen an den Armen sich aufstellen. Dennoch fror sie nicht. Sie spürte die Kälte nicht, sah nur, wie ihr Körper darauf reagierte. Aus der Ferne drang ein Geräusch zu ihr, die sie an den Ruf eines Greifvogels erinnerten. Vorsichtig bewegte sie ihre Arme und Beine, aber nichts tat weh. Langsam richtete sie sich auf und betrachtete ihre Umgebung. Alles war in schummriges Licht gehüllt, sodass sie das Ende des Raumes, falls sie denn in einem war, nicht mit bloßem Auge erkennen konnte. Vor Kira erhob sich ein hohes Pult, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag, sonst gab es nichts um sie herum. Neugierig stand Kira auf, trat näher und untersuchte das Pult. Es wirkte wie ein gewöhnliches Rednerpult, nur ohne Lautsprecher, und war aus dunklem Holz. Sie umrundete das Pult ein Mal, dann ein weiteres Mal, konnte auch dann nichts Ungewöhnliches feststellen. Die Schrift in dem Buch konnte sie nicht lesen, sie erinnerte sie aber entfernt an ägyptische Zeichen.
Kira versank in die Betrachtung des Pultes. Sie zeichnete mit dem Finger die Maserungen nach, roch den Duft frisch lackierten Holzes. Eine Stimme, laut und rau, ließ sie zusammenfahren. Sie klammerte sich an das Pult und wandte sich langsam der Quelle der Stimme zu. Ein hochgewachsener Mann stand einige Meter von ihr entfernt.
»Kira, endlich bist du wach. Hab keine Angst, ich werde dir nichts tun.«
Der Fremde trat ein paar Schritte auf sie zu und umrundete das Pult, bis er ihr direkt in die Augen sehen konnte. Ein Schaudern lief Kiras Rücken hinab. Er schien direkt in ihr Innerstes zu blicken; beinahe enttäuscht zu sein. Aber warum?
»Ich freue mich, dass ich dich kennen lernen kann.« Seine Stimme war leise, aber klar und jedes Wort deutlich zu verstehen.
Endlich löste sich Kira aus ihrer Starre und machte einen Schritt zurück. Ihr erster Reflex war, zu flüchten. In seinem dunklen Anzug und mit dem intensiven Blick seiner braunen Augen sah ihr Gegenüber einschüchternd aus. Er wirkte nicht, als wolle er ihr etwas antun, dennoch sträubte sich alles in ihr, länger mit ihm in einem Raum zu bleiben. Ihr Blick huschte zur Seite, aber sie konnte keine Tür entdecken, und sich auffällig umdrehen wollte sie nicht. Wie kam sie hier raus? Um Zeit zum Nachdenken zu haben, entschloss sie sich, den Mann in ein Gespräch zu verwickeln.
»Wer bist du?«, stammelte sie leise.
»Mein Name ist Ezekiel, ich bin ein Engel Gottes«, stellte er sich vor und breitete in einer einladenden Geste die Arme aus. »Und du, Kira, du gehörst jetzt zu uns.« Kira runzelte die Stirn und trat noch einen Schritt zurück. Was faselte der Typ da? Engel Gottes? Welche Drogen hatten ihm die Sicht vernebelt?
»Und das soll ich dir glauben?«, fragte sie skeptisch.
Ezekiel hob die Schultern. »Was soll ich dazu sagen? Natürlich sollst du mir das glauben, sonst würde ich dir das nicht so freimütig erzählen. Meine Liebe, sag mir, kannst du dich an irgendetwas erinnern, was geschehen ist, bevor du aufgewacht bist?«
Kira holte Luft, um etwas zu erwidern, blieb aber stumm. Sie kniff die Augen zusammen, legte den Kopf schief. Je angestrengter sie sich zu erinnern versuchte, desto mehr schienen ihr die Erinnerungen zu entgleiten. Kein Name fiel ihr ein, kein Gesicht, kein Ort. Was machte sie aus?
Ezekiel grinste selbstzufrieden und verschränkte die Arme. »Na?«
Schließlich schüttelte Kira frustriert den Kopf. »Nein, ich kann mich an nichts erinnern«, gab sie widerwillig zu und Ezekiels Grinsen wurde noch breiter.
»Ich kann dir verraten, woran das liegt. Aber vielleicht solltest du dich dafür setzen.«
Demonstrativ blickte sich Kira im Raum um. »Auf das Pult?«, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. Ezekiel schnippte ein Mal kurz, dann erschien neben Kira ein Holzstuhl.
»Nein, hierauf. Dummerchen.«
Kira betastete den Stuhl skeptisch, und obwohl er aus dem Nichts gekommen war, wirkte er massiv.
»Du kannst dich ruhig drauf setzen, das ist ein ganz normaler Stuhl.« Ezekiel grinste süffisant. »Dann können wir auch endlich weitermachen. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, weißt du?«
Vorsichtig setzte sich Kira, aber der Stuhl hielt stand und sie entspannte sich ein wenig.
»Na endlich«, Ezekiel seufzte, dann räusperte er sich bedeutungsschwer, »meine Liebe, ich muss dir leider sagen, dass du gestorben bist.«
Kira klappte der Mund auf. Nicht, dass der Name Ezekiel nicht schon ungewöhnlich genug gewesen wäre, vielleicht kam der sogar in der Bibel vor. Aber sich den Scherz noch zu erlauben? Damit hatte er den Bogen überspannt. Betont langsam erhob sich vom Stuhl, tastete ihren Rücken ab, aber sie spürte nichts. Wie hätte es auch sonst anders sein sollen?
»Was suchst du auf deinem Rücken?«, fragte Ezekiel mit einem amüsierten Glucksen.
»Flügel, angeblich bin ich doch ein Engel, hast du gesagt«, gab Kira schlicht zur Antwort, was Ezekiel zum Lachen brachte.
»Du glaubst das alles sehr bereitwillig«, stellte er fest und legte den Kopf schief. Ezekiel betrachtete Kira, als wäre sie eine neue Attraktion in einem Zirkus.
Kira zuckte mit den Schultern. »Nein, eigentlich nicht. Ich dachte immer, wenn man tot ist, wird man ein Engel. Und Engel haben Flügel. Wo sind denn deine Flügel überhaupt?«.
Ezekiel seufzte. »Du liest zu viele Bücher. Wir können auch ohne Flügel fliegen, weißt du? Am besten zeige ich es dir gleich, du fragst mich ohnehin.«
Vor Kiras Augen schwebte Ezekiel langsam nach oben und verharrte einen Meter über dem Boden, bevor er ebenso langsam wieder nach unten schwebte. Angestrengt suchte Kira irgendwelche Seile oder Fäden, die Ezekiel in die Luft heben könnten. Irgendetwas anderes, dass Ezekiels Show als Lüge entlarvte, aber sie fand nichts. War das ein Traum? Sie rieb sich die Augen und blinzelte ein paar Mal, Ezekiel war immer noch da.
»Das ist unglaublich«, murmelte sie.
»Vielleicht. Lässt du mich dir jetzt erzählen, wer du bist?«
Kira hob wieder die Schultern. »Ich vermute mal, dass ich keine andere Wahl habe. Habe ich recht?«
Ezekiel nickte zufrieden. »Und wie recht du hast, meine Liebe. Also gut. Ich werde dir jetzt erzählen, warum du hier bist und was ich damit zu tun habe. Also spitz die Ohren und höre gut zu. Wie ich schon erwähnt habe, bist du hier, weil du auf der Erde gestorben bist.«
»Also bin ich auch ein Engel«, unterbrach Kira ihn, aber Ezekiel räusperte sich vernehmlich.
»Unterbrich mich nicht. Und nein, du bist kein Engel. Noch nicht, jedenfalls.« Ezekiel faltete die Hände und lächelte. Kira schluckte den dicken Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. Zu hören, dass sie tot sein sollte, versetzte ihr auch jetzt noch einen heftigen Stich ins Herz. Und wenn sie kein Engel war, was war sie dann? So viele Fragen schwirrten in ihrem Kopf umher, und gleichzeitig fand sie nicht die Stimme, auch nur eine davon laut auszusprechen. Es war, als wären ihre Stimmbänder verknotet. Ihr Mund war trocken, dafür ihre Hände schwitzig. Sollte das nicht eigentlich andersherum sein? Kira versuchte, mit gleichmäßigem Atmen ihren Puls wieder unter Kontrolle zu bringen. In Panik zu verfallen, würde ihr nicht helfen. Sie musste einen klaren Kopf behalten und so viele Informationen sammeln wie möglich.
Nachdem sie ein paar Mal tief ein- und ausgeatmet hatte, war sie wieder einigermaßen ruhig. Schnell stellte sie eine Frage, bevor die Panik wieder Oberhand gewinnen konnte: »Ist es wirklich wahr? Wie bin ich gestorben?«
»Das weiß ich nicht, das müsste ich nachschauen; was mich dazu bringt, dir zu erklären, wer ich bin. Meinen Namen kennst du schon, ich heiße Ezekiel. Ich verwalte die toten Seelen und bin deshalb auch für dich verantwortlich.«
Kira dachte über Ezekiels Worte nach. Sie war immer noch skeptisch, denn nur, weil Ezekiel ihr gezeigt hatte, dass er ohne Flügel fliegen konnte, hieß es für Kira nicht, dass seine ganze Geschichte wahr war. Falls er sie nicht ohnehin mit einem Trick reingelegt hatte, den sie nur noch nicht durchschaut hatte. Dass sie tot sein sollte, konnte sie sich einfach nicht vorstellen. Wieso konnte sie dann das alles hier sehen und erleben? Nach dem Tod kam doch nichts mehr, oder?
Bisher hatte sie sich noch nie Gedanken über den Tod gemacht, aber warum hätte sie das auch tun sollen? Sie war gerade mal 19 Jahre alt, da dachte man noch nicht über den Tod nach. Und schon gar nicht, wenn man nicht einmal bemerkte, dass man vermeintlich gestorben war. Kira konnte den Gedanken, tot zu sein, nicht annehmen. Was hatte sie mal gelesen, man sollte sich Dinge genau anschauen, wenn man feststellen wollte, ob man träumt. Falls sich die Objekte immer wieder veränderten, träumte man. Da das einzige Objekt in diesem Raum das Rednerpult war, betrachtete Kira es mit zusammengekniffenen Augen. Allerdings veränderte sich nichts daran. Es wies noch immer dieselbe Farbe auf und hatte, zumindest oberflächlich geschätzt, noch immer dieselbe Höhe und Form. Träumte sie also doch nicht? Aber das war verrückt!
Ezekiel schnippte mit den Fingern, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen, und unterbrach sie in ihren Gedanken. »Hör mir jetzt bitte gut zu, Kira. Du bist noch kein Engel, aber du möchtest doch sicher einer werden, oder?«...




