E-Book, Deutsch, Band 0024, 144 Seiten
Reihe: Julia
Anderson Zwischen Vernunft und wildem Verlangen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7337-0715-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 0024, 144 Seiten
Reihe: Julia
ISBN: 978-3-7337-0715-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Willst du mich heiraten?' Victoria hat lange darauf gehofft, dass ihr solider Lebensgefährte Oliver ihr endlich einen Antrag macht. Bis sie an Weihnachten Olivers Freund Liam trifft - und beim Blick in dessen goldbraune Augen von einer nie gekannten verzehrenden Sehnsucht erfasst wird. Nur leider für den falschen Mann! Und als Oliver vor ihr auf die Knie fällt, ist sie plötzlich hin- und hergerissen zwischen Vernunft und Verlangen: Soll sie aus Pflichtbewusstsein Ja sagen? Oder doch darauf hören, was das Herz ihr sagt? Victoria steht vor einer dramatischen Entscheidung ...
Natalie Anderson nahm die endgültigen Korrekturen ihres ersten Buches ans Bett gefesselt im Krankenhaus vor. Direkt nach einem Notfall-Kaiserschnitt, bei dem gesunde Zwillinge das Licht der Welt erblickten, brachte ihr ihr Ehemann die E-Mail von ihrem Redakteur. Dem Verleger gefielen ihre früheren Korrekturen und da es gerade einen Mangel an guten Manuskripten gab, musste sie ihre Verbesserungen innerhalb von einer Woche anfertigen. Trotz dieses knappen Zeitfensters hatte ich längst angebissen. Unter starken Schmerzmitteln und ohne den ständigen Kontakt zu meinen frisch geborenen Zwillingen schaffte ich die Revisionen rechtzeitig, sagt sie. Auch ihr Ehemann dachte, dass es eine gute Idee sei, die Sache anzugehen. Darum brachte er ihr den Laptop seines Bruders und Natalie machte sich an die Arbeit. Sie verschickte die Revisionen am Freitag. Am Montag war sie bereits wieder Zuhause und bekam endlich den heiß ersehnten Anruf: Wir wollen ihr Buch kaufen. Ernsthaft schreibt Natalie nun schon seit einigen Jahren. Aber seit sie damit angefangen hat, schreibt sie jede Nacht, nachdem ihre zwei Kinder, und jetzt auch noch ihre Zwillinge, ins Bett gegangen sind. Für ihre Romane hofft sie in der Zukunft auf weitere gute Neuigkeiten und auf eine längere Abgabefrist.
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1. KAPITEL
„Ja, natürlich“, antwortete sie strahlend und ignorierte den brennenden Schmerz in ihrer Hand. „Auf jeden Fall.“
Sie würde tun, was getan werden musste. Das war es, was erfolgreiche Unternehmer auszeichnete. Sie brachten Opfer. Arbeiteten die ganze Nacht. Victoria hatte das Buch „Jeder kann Milliardär werden“ vor Monaten gelesen und wusste, was sie zu tun hatte. Auch wenn das Leben einer Milliardärin oder Millionärin gar nicht ihr Ziel war. Victoria wollte nur zahlungsfähig sein. Um keine dieser schrecklichen roten Zahlen mehr auf ihren Kontoauszügen sehen müssen.
Zudem war das Kalligrafieren von fünf weiteren Tischkarten in geschwungener Kupferschrift nichts im Vergleich zu dem, was Victoria bereits geleistet hatte. Wenn ihre Kundin nur mit den fertigen Exemplaren zufrieden war. So viel hing davon ab.
Aurelie Broussard schritt durch die prunkvolle Bibliothek – direkt auf den großen Schreibtisch zu, an dem Victoria nervös wartete. Wie wohl jeder in Aurelies Nähe konnte Victoria nicht anders, als diese Frau anzustarren. Sie war unglaublich schön. Selbst in einem schlichten weißen Sommerkleid und einem marineblauen Bolerojäckchen überstrahlte sie alles. Ihr langes dunkles Haar fiel in sanften Wellen über ihre Schultern. Es hatte dieselbe Farbe wie Aurelies Augen. So glänzend und verführerisch wie heiße Schokoladensoße. Vielleicht hing es mit ihrem betörenden Aussehen zusammen, dass diese Frau alles erreicht hatte, wovon andere träumten: Die mehrfache Surfweltmeisterin war nicht nur ein gefragtes Model, sondern auch eine überaus erfolgreiche Unternehmerin. Und bald Ehefrau und Mutter – wie die anmutige Wölbung ihres Bauches verriet.
Victoria hatte nie eine schönere Frau gesehen. Oder eine Frau, die größere Macht hatte, ihrem kleinen Kalligrafie-Unternehmen auf die Beine zu helfen. Beziehungsweise es zu zerstören. Wenn Aurelie ihre Arbeit mochte, käme alles in Ordnung. Wenn nicht, wäre Victoria verloren. Und Bräute waren schrecklich pingelig. Besonders Bräute mit einer Entourage von berühmten Freunden und einer bevorstehenden Superhochzeit.
Victoria gab sich Mühe, ihre Nervosität zu verbergen. Langsam legte sie die fertiggestellten Karten auf die antike Schreibtischoberfläche. Schweigend begutachtete Aurelie das Ergebnis. Es hatte Victoria zahllose Arbeitstage und schlaflose Nächte gekostet, die Tischkarten fertigzustellen. Sie war erst vor vierzehn Tagen für das Erstellen von Aurelies Hochzeitsdekoration auserwählt worden. Nicht gerade der geeignete Zeitraum, um in Perfektion ein Handwerk auszuführen, das eigentlich Licht, Ruhe und Zeit für Kreativität erforderte.
„Sie sind wunderschön.“ Aurelie verkündete endlich ihr Urteil. „Genau, was ich wollte.“
Victoria blinzelte Tränen der Erleichterung fort. Innerhalb kürzester Zeit zweihundertvierunddreißig perfekte Tischkarten zu erstellen, war beinahe unmöglich gewesen. Doch sie hatte es geschafft.
„Ich habe die Namen genauestens von Ihrer Liste abgeschrieben“, sagte sie leise. „Dennoch möchte ich Sie bitten, alles noch einmal Korrektur lesen zu lassen.“ Sie konnte sich nicht leisten, dass irgendein berühmter Gast sich beleidigt fühlte, weil sein Name falsch buchstabiert war.
Aurelie nickte. „Meine Assistentin wird das tun. Vielleicht können Sie die zusätzlichen fünf Tischkarten gleich erstellen, während Sie hier sind?“ Aurelie trat um den antiken Schreibtisch herum und zog aus einer der Schubladen ein Blatt Papier mit getippten Namen.
„Natürlich.“ Victoria hatte vorsorglich ein paar leere Karten, ihren Federhalter und die kupferfarbene Tinte mitgebracht. Doch ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Die Erwähnung von fünf weiteren Gästen würde im schlimmsten Fall bedeuten, dass … „Wie verbleiben wir mit dem Sitzplan?“, begann sie.
Es hatte so viele Tage Arbeit gekostet, ihn zu kalligrafieren. Ein großes Wandbild mit zweihundertvierunddreißig Namen. Dazu die Namen jedes Tisches. Beim Gedanken daran, all das noch einmal machen zu müssen, wurde Victoria ganz schlecht. Ihre rechte Hand tat plötzlich so weh, dass sie am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre.
„Wir brauchen einen neuen.“ Aurelie strich ihre dunklen Locken aus dem Gesicht und stellte sich ganz gerade vor den Schreibtisch. Sie war fast einen Kopf größer als Victoria. „Das wäre doch kein Problem, oder?“
„Überhaupt nicht“, schwindelte Victoria und zwang sich, noch einmal zu lächeln. Sie würde fünf weitere Nächte nicht schlafen und durcharbeiten, bis alles zu Aurelies Zufriedenheit fertiggestellt war.
Unwillkürlich wanderten ihre Gedanken zurück zu dem Tag, an dem sie selbst eine Braut gewesen war. Zu all der Freude und Hoffnung, die sie damals verspürt hatte. Sie würde so hart sie konnte arbeiten, damit ihre Kundin ähnlich glücklich war. Und sie hoffte, dass Aurelies Glück anhielt. Denn während Victorias Hochzeitstag wie der Auftakt einer großen Romanze gewirkt hatte, war ihre Ehe mit Oliver von Tag zu Tag mehr den Bach hinuntergegangen. Viel zu schnell hatte sich ihr Glück in eine Katastrophe verwandelt. Und irgendwann hatte Oliver sie für eine andere Frau verlassen.
Aurelies Hochzeit mitzugestalten, würde Victoria helfen, ihr Leben zumindest finanziell wieder in Ordnung zu bringen. So viele reiche Gäste würden kommen. Wenn sie hier ihre beste Arbeit zeigte, könnte sie sicher neue Kunden gewinnen.
Die Ironie, nach ihrer gescheiterten Ehe einen Beruf zu haben, in dem sie anderen Menschen zu einem perfekten Hochzeitsfest verhalf, war Victoria nicht entgangen. Aber sie war nicht zynisch. Für zwei Menschen, die zusammengehörten, war eine Hochzeit ein wunderbarer Anfang.
Hoffentlich war Aurelies Verlobter ein anständiger Kerl. Victoria fiel in diesem Moment auf, dass sie eigentlich gar nichts über ihn wusste. Sie hatte nicht die Zeit gehabt, sich im Internet über ihn zu informieren, und auf Tischkarte und Sitzordnung war er nur mit dem Wort „Bräutigam“ vermerkt. Einige der Gästenamen hingegen hatte Victoria sofort einordnen können: Elitesportler, Berühmtheiten, Models.
„Ich bin sicher, dass ich mich auf Sie verlassen kann.“ Aurelie schenkte ihr eins dieser Lächeln, die unterschwellig sagten: „Falls irgendetwas schiefgeht, bringe ich Sie um.“
Gut zu wissen. Während Aurelie sich auf sie verließ, müsste Victoria sich wohl auf Kaffee verlassen. Gallonen davon.
„Ich kann die Karten jetzt gleich schreiben, wenn Sie das möchten, aber den Sitzplan muss ich zu Hause anfertigen. Ich konnte die Materialien dafür nicht mitbringen.“
Aurelie nickte. „Ich sorge dafür, dass meine Assistentin Ihnen die Änderungen umgehend mitteilt.“
„Und ich bringe Ihnen den Plan, sobald er fertig ist.“
„Wann wird das sein?“ Die eisige Frage und dabei dieses Lächeln. Victoria stand unter Druck.
Sie war in der verzweifelten Lage, jemandem etwas recht machen zu wollen, das eigentlich unmöglich war. Zögerlich antwortete sie: „Rechtzeitig.“ Noch einmal setzte sie ein gezwungenes Lächeln auf, während Aurelie sie mit ihren dunklen Augen musterte.
Irgendwann lächelte die Braut zurück. „Danke schön.“
Großartig. Victoria griff nach ihrer Tasche und zog ihren Federkasten und das Tintenglas hervor. Für fünf Karten sollte sie nicht allzu lange brauchen. Ihrer Kundin würde sie damit guten Willen beweisen. Vielleicht könnte sie auf der Heimfahrt im Zug ein wenig schlafen. Und zu Hause würde sie sich sofort an das erneute Kalligrafieren der Sitzordnung machen. Vorher musste sie jedoch in der Apotheke irgendetwas kaufen, das sie wach hielt.
„Gefallen Ihnen die Kerzen?“, fragte Aurelie plötzlich.
Victoria blickte zu ihr auf. Ihre Kundin hatte eine große Kiste auf den Schreibtisch gestellt, aus der sie eine von vielen zylinderförmigen weißen Kerzen nahm. „Sie riechen nach Surfbrettwachs.“ Aurelie kicherte. „Das ist mein Lieblingsduft.“
Victoria musste ebenfalls schmunzeln. Eine Hochzeit in einem französischen Schloss mit Kerzenlicht, kalligrafierten Tischkarten und Plänen, überall Dekorationen aus Spitze und Seide, obendrein ein Streichorchester, Springbrunnen und Wasserspiele. Und dazu der Duft von Surfbrettwachs? Klassisch und dennoch ohnegleichen. Aurelie hatte alles. Die Glückliche.
„Sie sind toll. Alles, was Sie geplant haben, ist toll. Ihre Hochzeit wird sicher traumhaft.“ Victoria meinte es so. Wirklich.
Aurelie legte die Kerze zurück in den Karton. „Sie wird perfekt.“
„Das wird sie.“ Victoria holte tief Luft, um den Mut zu finden, eine letzte gefürchtete Frage zu stellen: „Die Speisekarte hat sich nicht zufällig auch geändert, oder?“
„Selbstverständlich nicht.“ Aurelie lachte, sichtlich amüsiert über Victorias Worte. „Aber vielen Dank, dass Sie fragen. Ich bin so froh, dass Sie mir empfohlen wurden. Sie sagen Ja – egal was man von Ihnen verlangt.“
Innerhalb von zwei Minuten hatte Aurelie sie durchschaut. Victoria zuckte zusammen. Sie war stets zu gut darin gewesen, Ja zu sagen. Zu ihren Eltern. Zu Oliver. Zu all den Menschen, die sie glücklich machen wollte. Nur ihr eigenes Glück war dabei auf der Strecke geblieben. Und noch etwas an Aurelies Kommentar ließ sie aufhorchen.
„Ich wurde Ihnen empfohlen?“
Von wem? Victoria war erst seit sieben Monaten in Paris, und den Großteil ihres Einkommens verdiente sie sich durch Sekretariatsaufgaben, die sie von einer Zeitarbeitsagentur bekam. Und ihr kleines Onlineunternehmen...




