E-Book, Deutsch, Band 1, 332 Seiten
Andrash Milchstraße
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-347-15872-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Perspektiven eines Kriegskindes
E-Book, Deutsch, Band 1, 332 Seiten
Reihe: Perspektiven eines Kriegskindes
ISBN: 978-3-347-15872-6
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cora Andrash, Ende des zweiten Weltkriegs in Südost-Europa geboren, verbrachte ihre früheste Kindheit in einem Konzentrationslager für Deutschstämmige im damaligen Jugoslawien. Danach häufiger Wechsel von Bezugspersonen und Wohnorten. Derzeit lebt sie in Deutschland. Ihr ausgeprägtes Interesse an Menschen und die Neugier auf Neues, führten sie in unterschiedliche Gebiete rund um den Globus. Dabei sammelte sie mit besonderer Vorliebe ungewöhnliche Lebensgeschichten.
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DER ZERSCHOSSENE SALLASCHI
Eva, Michel und das Kind. Weil die drei aus dem Vernichtungslager einen deutschen Namen hatten, waren sie noch immer rechtlos, mittellos, minderwertig. Aber sie durften nicht mehr in Massenlagern gehalten werden. Auf Anordnung von oben mussten die Arbeitsfähigen zwar weiterhin hart arbeiten, allerdings mit Anspruch auf Wohnraum. Die Schwaben würden sich schon wieder einrichten, dessen waren sich die neuen Herren sicher. So wurde die Ruine eines kleinen Gehöfts, das jahrhundertelang zum Gut Melcherhof gehört hatte, zum neuen Zuhause der drei.
Von den ursprünglich fünf Räumen des Wohntrakts war nur noch die Giebelstube überdacht, Wände und Plafond durchlöchert. Einige Patronen steckten fest. Mäuse schauten vom Dachboden durch die Schusslöcher in die Stube hinunter. Aber zum ersten Mal nach einer halben Ewigkeit lebten keine fremden Menschen mit im Raum. Und zum ersten Mal lag das Kind in einem Bett, wenn auch nur auf den Kanten zwischen Eva und Michel. Die Unterlagen in den Betten hießen Strohsäcke. Drin war aber Bast. Michel und Eva hatten eine dicke Gänsefederdecke und ein großes Kissen. Das Kind bekam ein kleines Kissen und eine Schafwolldecke. Wenn das Kind im Schlaf von seiner kantigen Mitte zu Michel rutschte, bekam es einen Fauststoß. Und wenn das Strampeln nicht aufhörte, konnte auch Eva nicht schlafen. Das Kind wollte lieber wieder auf dem Fußboden liegen wie bisher. Es hatte sich mit dem Lagerleben arrangiert. Eva nicht.
Vor den Betten stand ein Tisch aus rohem Akazienholz. Die beiden Lehnstühle gehörten Michel und Eva. Das Kind musste auf dem Hackklotz an der Längsseite sitzen. Unter den Fenstern standen zwei Truhen, eine für Kleider und Wäsche, die andere war bis obenhin mit Essensvorräten gefüllt. Niemand außer Eva durfte etwas herausnehmen. In der Kleidertruhe waren auch Evas Schätze. Das kleine Buch mit schwarzem Einband und vielen schwarzen Zeichen war ein Gebetbuch, die schwarzen Zeichen waren Buchstaben. Die Perlenkette war ein Rosenkranz, ein heiliger Rosenkranz. Besonders heilig war das goldene Kreuz, an dem ein nackter Mann hing.
„Das ist Jesus. Böse Menschen haben ihn ans Kreuz genagelt“, sagte Eva. „Die Partisanen waren es nicht. Das mit Jesus am Kreuz geschah vor sehr langer Zeit. Damals gab es noch keine Partisanen. Und jetzt hör endlich mit den dummen Fragen auf!“
Das Kind schlich durch Ruinen und Stallungen. Es hatte noch nie zuvor so viele Tiere gesehen. Die Tage waren viel heller als im Vernichtungslager, und die Felder reichten bis ans Ende der Welt. Im Hof gab es einen Brunnen mit morschem Holztrog. Das Blechdach über dem Brunnen war auch zerschossen, die Brüstung fehlte ganz. Eva musste weiter Wasser schleppen.
Das Kind sollte aufpassen, dass es nicht in den Brunnen fiel, denn aus einem Brunnen kam niemand lebend herauf. Im Vernichtungslager stürzten sich viele freiwillig in einen Brunnen. Meistens Frauen. Manche nahmen ihr kleines Kind mit. Danach wurden diese Brunnen zugeschüttet, weil man das Wasser nicht mehr trinken konnte.
Auf der anderen Seite des Brunnens lag eine vom Blitz gespaltene Akazie. Das Kind kletterte nach oben. Dort war die Welt hoch und weit.
„Du wirst dir den Hals brechen, wenn du nicht sofort herunter kommst.“
Das Kind kletterte, wenn Evas Stimme nicht da war. Eva arbeitete in der Genossenschaftskäserei und brachte jeden Abend Milch mit, manchmal ein paar Eier, die in einem braunen Weidenkörbchen auf den Markt warteten. Die Milch wartete in Tonkrügen auf dem Fensterbrett, bis sie sauer war, mit einer dicken Rahmschicht obendrauf. Eva sammelte den Rahm in einem Tonkrug, auch für den Markt.
Abends saß Eva lange am Tisch und murmelte mit sich selbst. Das Kind saß auf Michels Stuhl, wenn er nicht da war, und schaukelte mit sich selbst. Die Nacht schaute tiefschwarz durch die Fensterscheiben. Zwischen den Ritzen der gusseisernen Plattenringe zauberte das Herdfeuer Schattenspiele an die Zimmerdecke. Wenn Evas Finger mit den Perlen des Rosenkranzes spielten, nannte sie das Beten und Andachthalten. Aus Evas Augen sickerten kleine Wassertropfen. Ihre Wangen waren feucht. Das Andachthalten endete immer mit einem lauten Amen. Danach rollte sie alles, was zum Andachthalten gehörte, in ein dunkles Samttuch ein und steckte es in die Truhe zurück.
Sobald Michel kam, floh das Kind in seine Stubenecke. Ecken haben beherbergende Arme. Eine Tarnkappe wäre gut gewesen, so eine, wie sie in Onkel Willis Geschichten vorkam. Das Kind wusste nie, ob es brav gewesen war oder nicht. Das entschied Michel immer erst am Abend. Zuerst redete er mit Eva. Wenn er mit ihr redete, schrie er, und wenn er schrie, fluchte er ungarisch oder serbisch oder beides. Deutsche Flüche gab es wahrscheinlich keine. Das Kind hatte noch nie jemanden auf Deutsch fluchen gehört.
Wenn Eva tagsüber nicht in der Käserei arbeitete und auch nicht kochte oder sonst im Haus etwas zu tun hatte, buddelte sie draußen auf den Feldern die Wurzelballen der Maisstauden aus. Das hieß Stumpenlesen. Eva ließ die Stumpen an der Sonne trocknen, schlug die Ballen büschelweise auf den Boden, bis die Erde sich gelöst hatte, und schon war aus den Wurzeln Brennholz geworden. Außer Eva ging niemand zum Stumpenlesen. Das Kind musste auf den Weiden trockene Kuhfladen sammeln, weil auch sie gut brannten. Zuerst suchte es aber dampfende Kuhfladen für seine eisigen Füße. Der Teller war weit oben, wenn das Kind auf dem Holzklotz vor der Tischplatte saß. Auf dem Holzklotz knien durfte es nicht, weil man am Tisch sitzt und nicht kniet. Das Kind musste mit dem Löffel essen lernen. Im Lager hatte es keine Teller und kein Besteck gegeben. Die Lagersuppe, ein trübes Wasser mit schwarzen Punkten, hatte das Kind aus seinem blauen Blechkännchen getrunken.
„Kinder müssen den Mund halten, wenn Erwachsene reden.“
Michel und Eva redeten aber nicht. Das Kind musste so lange auf seinem Holzklotz sitzen bleiben, bis Michel mit dem Essen fertig war. Er schmatzte, schlürfte und schlabberte. Das Kind durfte das nicht. Damit die Suppe nicht spritzte, brockte er Brotstücke ein. Das Brot sah aus wie ein nasser Paprikaschwamm. Der Schwamm klatschte zurück in den Teller. Wenn Michel fertig war, stieß er den Stuhl mit dem Fuß zur Seite und ging. Das Kind durfte nicht vom Tisch gehen wie die Sau vom Trog. Das durfte nur Michel. Eva brauchte zum Essen viel länger, weil sie meist erst begann, wenn Michel fertig war. Das Kind musste abräumen helfen. Der neue Rock war zu lang. Das Kind stolperte. Der Rock musste hoch bis unter die Arme. Er war immer noch zu lang. Er musste hoch bis zum Hals. Später spielte das Kind draußen im Hof Vogel flieg. Die Füße verhedderten sich im Rockstoff, der Vogel lag im Dreck. Warum Vögel nach oben fliegen können und Kinder nur nach unten, war wieder eine dumme Frage.
Der Brunnen bekam ein neues Blechdach, einen neuen Holztrog und eine halbhohe Brüstung. Das Rad mit der Kurbel quietschte. Die Kette rasselte in die Tiefe. Der Eimer klatschte unten auf wie eine dumpfe Ohrfeige. Eva kurbelte so lange Wasser nach oben, bis der Trog voll war.
„Endlich Wasser. Ab jetzt werden morgens Gesicht und Hände gewaschen und abends alles von oben bis unten“, sagte Eva.
„Wieso? Im Lager musste ich mich nicht so oft waschen.“
„Weil kein Wasser da war, ab jetzt waschen wir uns regelmäßig. Wir sind doch kein Gesindel.“
„Was ist Gesindel?“
„Verwahrloste Faulpelze. Taugenichtse, die im Dreck leben.“ „Waren wir im Vernichtungslager Gesindel?“
Statt einer Antwort gab es eine Kopfnuss.
Evas Herd bekam ein neues Abzugsrohr und eine Backröhre. Trotzdem stachen graue Schwaden in die Augen.
„Hier stinkt es wie in einem alten Selchloch“, sagte Eva. Zuerst kehrte sie, dann staubte es, dann beklagte sie sich über den Staub und dann rutschte sie auf den Knien mit Wassereimer und Wischlappen durch die ganze Stube. Das Kind durfte nicht hinein, ehe der Fußboden trocken war. Auf der Türschwelle sitzen und Eva zuschauen bedeutete: „Den Weg versperren“. Vor der Tür stehen und zuschauen, hieß „im Weg herumstehen“.
An manchen Tagen gingen Eva und Michel nicht zur Arbeit. Sie mussten sich ausruhen, damit sie an den anderen Tagen arbeiten konnten. Das Kind sollte sich auch ausruhen. Es lag wach auf den harten Brettern zwischen Eva und Michel und schwitzte, weil es sich nicht bewegen durfte. Der weißblaue Tag war da. Auf dem Dachboden trippelten die Mäuse. Das Kind schaute hinauf, die Mäuse schauten durch die Schusslöcher herunter. Draußen zwitscherte, bellte, blökte, gackerte, schnatterte und quiekte es. Das Kind ordnete die Laute den jeweiligen Tieren zu und malte Traumbilder.
In Tante Resis Geschichten konnten die Tiere sprechen. Vielleicht verstanden die Tiere ja wirklich etwas, nur sprechen konnten sie nicht. Tagsüber waren die Bilder bunt, nachts schwarzweiß-grau.
Graue Flügel kleben an weißen Armen, die geflügelten Arme reichen bis in den farblosen Himmel, die Füße...




