E-Book, Deutsch, 218 Seiten
Andresen DER NEBEL WIRD DICHTER
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7487-9200-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker aus dem Norden!
E-Book, Deutsch, 218 Seiten
ISBN: 978-3-7487-9200-0
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein riesiger Schatten tauchte im Nebel auf. Peter Brockmann duckte sich hinter den Grabstein. Würde der Schatten das Geldpäckchen aus der steinernen Vase herausholen? Der Kies knirschte, eine Hand, durch den Nebel ins Gespenstische vergrößert, griff nach oben - Peter Brockmann schoss... 'Dieser Autor kann sich mit international bekannten Namen messen.' (Abendzeitung, München) Der Roman Der Nebel wird dichter des Schriftstellers und Arztes Thomas Andresen (* 19. September 1934 in Flensburg; ? 20. Januar oder 20. Oktober 1989 ebenda) erschien erstmals im Jahr 1970. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der deutschen Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
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Achtes Kapitel Erika merkte nicht, dass er krank war. Sie hatte ihren Blick nur für einen kurzen Gruß gehoben. Sie schien weiterzulesen, als sie sagte: »Wo warst du denn? Jürgen war bis vor einer halben Stunde hier. Er wollte zu dir.« »Jürgen? Was wollte er wissen?« »Ich weiß nicht, ob er etwas wissen wollte. Vielleicht wollte er dir ja etwas erzählen? Jedenfalls wollte er auf dich warten. Aber vor einer halben Stunde hat er es sich wohl plötzlich anders überlegt, obgleich der Krimi, den wir im Fernsehen anguckten, noch gar nicht zu Ende war.« Gleichgültig blätterte sie eine Seite in ihrem Buch um. »Und ihr habt nicht über Gerd Fischer gesprochen?«, fragte er. Sie sah auf und sagte: »Doch.« Jetzt hielt sie ihren Blick in seine Augen. Und sie schlug das Buch zu. Er dachte: Sie sollte ihre Brille abnehmen. Sie steht ihr nicht. Erika wusste das auch und nahm die Brille ab, sobald jemand kam. Es sei denn, er war es. »Ich...«, begann er, doch er brach mit einem Husten ab. Schon bei diesem einen Wort: Ich hatte seine Stimme krank, schwach und brüchig geklungen. Nach dem Husten war es nur noch ein Murmeln: »Ich gehe sofort ins Bett. Wo ist das Fieberthermometer?« Sie hatte ihn verstanden. »Bist du krank?« Er nickte und griff sich mit beiden Händen an die Brust. »Da sitzt es!«, sagte er, »eine Lungenentzündung.« »Das kommt von deinem unfreiwilligen Bad! Entschuldige! Ich meine: Es kommt von deiner Lebensrettung gestern Nacht.« Er blickte sie mit starrem Blick an. So starr hatte er sonst nur geblickt, wenn er geschlagen worden war. Er wollte schlucken, aber die Zunge machte sich dabei steif. »Du hast es doch keinem erzählt?«, fragte er. Jetzt löste sich die Starre. Er hatte sich entschieden, mit Erika zu sprechen. Die Vernunft hatte keinen anderen Ausweg gefunden. »Nein! Was ist denn los?« Er sagte: »Nimm die Brille ab. Du siehst viel hübscher ohne sie aus.« Sie nahm die Brille schnell ab. »Das hast du mir ja noch nie gesagt.« »Du hast die Brille ja auch erst ein paar Jahre.« »Ich habe sie schon ein paar Jahre.« »Ich - ich habe dir nie weh tun wollen.« »Was ist denn plötzlich los mit euch? Mit dir, mit Jürgen und - mit Gerd?« »War die Polizei bei dir?« »Die Polizei?« Er hielt sie fest, als habe er Angst, sie wolle zurück weichen. »Erika, ich bin in so großer Not, dass ich einfach noch nicht dazu fand, mich dir anzuvertrauen. Ich werde es tun. Ich werde dir alles sagen!« Als er allein im Badezimmer war, ließ er sich schwach auf den Rand der Badewanne sinken. Er dachte mühsam nach. Er wollte sich über Erika klar werden, und das war mühsam. Er wusste genau, was er Erika gleich erzählen würde. Aber über Erika wusste er nicht genau Bescheid. Sie war in seiner Rechnung ein Unsicherheitsfaktor. Er hatte sie an den Schultern gepackt und ihr ein schweres Geständnis angekündigt. Oberflächlich gesehen, hatte sie wie erwartet reagiert. Dem Ungeübten fällt in einer solchen Szene eben nicht viel mehr ein als: »Oh, Peter! Oh mein Gott! Was ist denn?« Und im Gesicht natürlich Erschrecken, Angst, Neugier. Klar, eine ausgesprochen ungewöhnliche Frau war sie eben nicht. Aber wozu würden sich ihre gewöhnlichen Reaktionen in dieser gefährlichen Situation mischen? »Ich bin zehn Jahre mit ihr verheiratet«, sagte er sich, »wenn einer sie kennt, dann ich. Aber schließlich können aus zwei Personen nicht eine werden. Etwas Fremdes bleibt immer an einem anderen Menschen, etwas, das man nie in die Hand bekommt. Ich habe sie nicht in der Hand wie eine Kasperle-Puppe.« Bei der Hochzeit war sie gerade einundzwanzig Jahre alt gewesen. Er war vierzehn Jahre älter als sie. Sie war Tochter einer annehmbaren Flüchtlingsfamilie - ihr Vater hatte es hier rasch zu etwas gebracht. Sie hatte einen kleinen niedlichen Körper und ein ganz hübsches Gesicht gehabt. Sie hatte klug gewirkt, oder jedenfalls witzig. Auch mit ungewandten Leuten hatte sie sich unterhalten können. Und dann hatte sie Temperament gehabt und gerne getanzt. Ohne Frage war sie bei allem gut erzogen. Und so gut wie unberührt. Peter Brockmann hatte es eine Liebesheirat genannt. In Gedanken, nicht in Worten. Worte machen lächerlich. Er war ihr treu gewesen. Gewiss, er hatte nach neun Jahren Ehe die Affäre mit Gisela Remming gehabt. Aber im Grunde hatte das gar nicht zu ihm gepasst. Es war eine Ausnahme, wie Gisela eben eine Ausnahme war. Selbstverständlich liebte er Erika im Ehebett immer noch. Aber natürlich war es nicht mehr die wahnsinnige Gier der Pubertät. Blonde Haarsträhnen im Frühlingswind und jung wippende Mädchenpullover rührten wohl noch an die Tollheiten von einst, aber sie packten bei Peter Brockmann nicht mehr zu. Er wollte treu sein, und er war auch treu. Sekretärinnen, zum Beispiel, hatten keine Chancen bei ihm. Und seinen so ganz anderen Freund Gerd Fischer hatte er im Grunde ob seiner Frauenerfolge verachtet - bei aller zünftigen Bewunderung! Die Affäre mit Gisela Remming hatte er nicht gesucht. Sie war ihm in den Weg gelaufen. Gisela trug daran mehr Schuld als er. Das hat mit meiner Ehe gar nichts zu tun, hatte er sich gesagt. Und er hatte geglaubt zu begreifen, was das Sprichwort Einmal ist keinmal bedeutet. Auch wenn es mit Gisela beinahe ein Jahr gedauert hatte. Er war ein treuer Ehemann gewesen und es in seiner Gesinnung auch geblieben, und er hatte sich das Recht bewahrt, über Schürzenjäger die Nase zu rümpfen. Er ging seinen Weg nach vorn und hatte keinen Sinn für kleine Dummheiten am Rande. Er baute etwas auf. Jede neue Planierraupe war auch für seine Familie, die gehörte auch seinen Kindern und Erika. Erika ist mir eine Menge schuldig, sagte er sich. Aber jetzt, als er schwach auf dem Rand der Badewanne saß, fühlte er sich ihrer nicht sicher. Er verlangte sehr viel von ihr. Aber da gab es noch etwas, das ihn unsicher machte. War in ihrer Reaktion das Misstrauen nicht stärker gewesen als die Sorge? Nein, auch das war nicht die Erklärung für seine Unsicherheit. Es war tiefer. Wenn er die Jahre zurückdachte, wie fest war es eigentlich zwischen ihm und Erika gewesen? Die Unstimmigkeiten, ihre spitzen Bemerkungen ab und zu, einige Wortwechsel hatte er nie wichtig genommen. So etwas gehörte zu einer Ehe. Er war schließlich kein Träumer! Er erwartete sogar, dass sie kein Verständnis hatte, wenn er mal betrunken nach Hause kam. Ein Mädchen, das auch von der Flasche will, das sich im Auto lieben lässt und nur den Rock zurechtzieht, wenn man Tschüss sagt, hätte er nicht geheiratet. Erika sollte seine Kinder erziehen, und die sollten schließlich eine feste Moral mit ins Leben bekommen. Und dass sie nicht begriff, wie wichtig die Planierraupen waren, hatte ihn auch nie gestört Ich habe ihr alles verziehen und hatte nie im Ernst etwas an ihr auszusetzen, sagte er sich, sie ist mir also etwas schuldig. Aber wenn er jetzt in seiner Krankheit und seiner Not grübelte, kam es ihm vor, als sei in den letzten Jahren doch nicht alles in Ordnung gewesen. Dass sie gleichgültiger und kühler geworden war, lag im natürlichen Lauf einer Ehe. Reichte es noch tiefer? Woher rührte seine Unsicherheit? Eine Szene kam ihm plötzlich in den Sinn. Das letzte Fest bei Konsul Remming. Die erste Nacht der Erpressung. Er muss sich mit einer Entschuldigung davonstehlen. Um halb zwölf fährt er mit der Hand über die Stirn und flüstert Knut zu: »Ich werde die Kopfschmerzen heute Abend nicht los! Ich gehe mal ein Viertelstündchen an die frische Luft.« Erika hat damenhaft an Likör und Cognac genippt und hat einen Schwips, wie es sich für solch einen Abend gehört. Er will ihr nicht sagen, dass er einmal kurz weggeht. Er will nicht stören. Gerd Fischer präludiert gerade, und sie lehnt am Flügel und hört zu. Und blickt Gerd an... Ja, diese Stelle schmerzt, wenn man daran rührt. Da irgendwo sitzt die Entzündung. Untreue. Sollte Gerd Fischer, der Eroberer, es auch bei Erika geschafft haben? Ausgeschlossen! Die Frau seines besten Freundes hätte Gerd Fischer nie angerührt! Bei Knut Remmings Frau war das etwas anderes. Knut Remming tat in seiner lässigen Geschniegeltheit ein derber Streich gut. Und wer weiß überhaupt, ob die Geschichte mit Frau Konsul stimmte? Gerd Fischer war ein Aufschneider, daran gab es keinen Zweifel. Gerd und Erika? Ausgeschlossen! Aber ihre Worte von eben fielen ihm wieder ein: »Was ist plötzlich mit euch los? Mit dir und Jürgen und - mit Gerd?« Mit Gerd. Ein anderer Klang. Und davor eine angstvolle Pause. Hirngespinste! Er hatte Fieber! Auf Gerd Fischer konnte er sich verlassen! Jetzt, wo er tot war. Er würde die Wahrheit in Erikas Gesicht erkennen, wenn er es ihr sagte: »Gerd Fischer ist tot.« Er stemmte sich vom Rand der Badewanne hoch und stellte sich vor den Spiegel. Er wollte sehen, wer er noch war. »Ich sehe nicht krank aus, sondern fett«, sagte er, »im letzten Jahr bin ich fett geworden.« Verachtete er sich? Nein. Er versuchte nur, über sich zu spotten. Nicht über sich, sondern über die Angst in ihm. Es war jetzt mehr als die Furcht um seine Zukunft, um seine Planierraupen, seine Kinder und Erika. Er spürte eine nackte, einsame Angst. »Willst du nicht allmählich anfangen zu erzählen?«, fragte Erika. Er behielt die Augen geschlossen und drückte sein Gesicht noch tiefer in das Kopfkissen. »Die fünf Minuten sind noch nicht um«, murmelte...




