Andrews Land der Schatten - Spiegeljagd
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8025-8535-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 02, 544 Seiten
Reihe: Land-der-Schatten-Reihe
ISBN: 978-3-8025-8535-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cerise Mar lebt im Sumpfland zwischen Louisiana und einer magischen Welt, die an unsere Wirklichkeit angrenzt. Ihre Familie gehört einem weitläufigen Clan an, der sich im Laufe der Zeit einige Feinde gemacht hat. Als Cerises Eltern verschwinden, fällt der Verdacht daher als erstes auf die Gegner des Clans. Cerise macht sich auf die Suche nach ihnen und begegnet dem Gestaltwandler William, einem ehemaligen Soldaten aus der Welt der Magie. William soll einen Spion ausfindig machen, der sein Land verraten hat. Der verschlossene Mann übt eine unwiderstehliche Faszination auf Cerise aus ...
Ilona Andrews ist das Pseudonym des Autorenehepaars Ilona und Andrew Gordon. Während Ilona in Russland geboren wurde und in den USA Biochemie studiert hat, besitzt Andrew einen Abschluss in Geschichte. Mit ihrer Urban-Fantasy-Serie Stadt der Finsternis landeten sie einen internationalen Bestseller.
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1
William trank einen Schluck Bier aus der Flasche Modelo Especial und starrte den Green Arrow unnachahmlich finster an. Aber das Stück bemaltes Plastik reagierte nicht auf die Herausforderung. Die Actionfigur stand weiter reglos an den Verandapfosten von Williams Haus gelehnt. Eigentlich mehr eine Hütte als ein Haus, dachte William, aber immerhin ein Dach über dem Kopf, und er war keiner, der groß rumjammerte.
Von seinem Standpunkt aus hatte der Green Arrow einen großartigen Überblick über Williams auf der Veranda aufgestellte Armee aus Actionfiguren, und wenn der Bursche seine Meinung hätte kundtun wollen, wäre er dafür in einer geeigneten Position gewesen. William zuckte die Achseln. Ein Teil von ihm war sich darüber klar, dass seine Unterhaltung mit einer Actionfigur an Irrsinn grenzte, aber er hatte momentan niemanden, mit dem er reden konnte, musste sich jedoch unbedingt mal aussprechen. Er steckte bis zum Hals im Schlamassel.
»Die Jungen haben geschrieben«, sagte er.
Der Green Arrow sagte nichts.
William blickte über ihn hinweg in den jenseits der Wiese raschelnden Wald. Zwei Meilen weiter würde sich der Wald in einfache Wälder aus schlichten Georgia-Kiefern und Eichen verwandeln. Hier jedoch, im Edge, ließ Magie die Bäume wuchern, und der Wald war alt. Der Tag war einem langen, trägen Sommerabend gewichen. Kleine, namenlose Krabbler, die es nur im Edge gab, jagten einander durch die Zweige der uralten Bäume, ehe die Dunkelheit die Raubtiere aus ihren Schlupfwinkeln lockte.
Das Edge war ein seltsamer Ort zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite lag das Broken, ohne Magie, dafür mit jeder Menge Technik. Und Regeln. Und Gesetzen. Und Papierkram. Diese verfluchte Gegend konnte ohne Papierkram nicht leben. Und im Broken arbeitete er derzeit, auf dem Bau.
Auf der anderen Seite lag das genaue Gegenteil des Broken, das Weird, wo Magie herrschte und alte, adlige Familien das Sagen hatten. Er kam aus dieser Welt. Im Weird war er ein Ausgestoßener, ein Soldat, ein Sträfling, ein paar kurze Wochen lang sogar ein Edelmann gewesen. Und im Weird hatte man ihm einen Tritt in den Hintern nach dem anderen verpasst, bis er schließlich genug hatte und gegangen war.
Das Edge gehörte zu keiner der beiden Welten. Der perfekte Ort für den Mann, der nirgends hinpasste. Dort hatte er auch die Jungen kennengelernt: George und Jack. Die beiden lebten mit ihrer Schwester Rose im Edge. Rose war nett und hübsch, er hatte sie gleich gemocht. Ihm hatte gefallen, was sie und die Kinder hatten, eine nette, kleine Familie. Wenn William sie zusammen sah, tat ihm etwas tief im Innern weh. Jetzt wusste er, warum: Er hatte sofort begriffen, dass er so eine Familie niemals haben würde.
Trotzdem hatte er es weiter bei Rose versucht. Und vielleicht hätte er sogar eine Chance gehabt, aber dann war Declan aufgekreuzt. Declan, Blaublütiger und Soldat, mit seinen makellosen Manieren und seinem hübschen Gesicht. »Wir waren mal Kumpel«, teilte er dem Green Arrow mit. »Aber ich hab ihm alles aus dem Leib geprügelt, ehe er weg ist.«
Allerdings war er der Angeschmierte, denn Declan hatte Rose und die Jungen mitgenommen. William ließ sie ziehen. Jack verlangte nach jeder Menge Aufmerksamkeit, und Declan würde sich gut um ihn kümmern. Und Rose brauchte jemanden wie Declan. Jemanden, der noch alle Tassen im Schrank hatte. Sie hatte mit den Jungen schon genug am Hals. Die Frau benötigte ganz sicher kein weiteres Wohltätigkeitsprojekt, und er wollte sich ihr nicht aufdrängen.
Sie waren nun schon fast zwei Jahre fort. Seitdem lebte er im Edge, und das ständige Kribbeln der Magie sorgte dafür, dass er nicht einrostete. Er ging seiner Arbeit im Broken nach, saß am Wochenende vor der Glotze, trank viel Bier, sammelte Actionfiguren und tat die meiste Zeit so, als hätte es die ersten sechsundzwanzig Jahre seines Lebens gar nicht gegeben. Die Edger, also die paar Familien, die wie er zwischen den Welten lebten, blieben unter sich und ließen ihn in Ruhe.
Die meisten Leute im Broken oder im Weird wussten gar nicht, dass die jeweils andere Welt überhaupt existierte, aber hin und wieder kamen Händler durch das Edge, die zwischen den Welten herumreisten. Vor drei Monaten hatte Nick, einer dieser Handlungsreisenden, erzählt, er sei gerade auf dem Sprung ins Weird, genauer in die Südprovinzen. William hatte darauf aus einer Laune heraus ein Päckchen Spielzeug zurechtgemacht und den Mann für die Auslieferung bezahlt. Mit einer Antwort oder sonst was hatte er nicht gerechnet. Die Jungen hielten sich an Declan. An ihm waren sie nicht interessiert.
Nick hatte gestern Abend vorbeigeschaut. Die Jungen hatten ihm geschrieben.
William nahm den Brief und sah ihn an. Er war kurz. Georges Buchstaben standen sauber in Reih und Glied. Jacks Schrift sah aus, als hätte ein Huhn im Dreck gescharrt. Die beiden bedankten sich für die Actionfiguren. George gefiel es im Weird. Man überließ ihm dort genug tote Körper, um sich in Nekromantie zu üben, und er lernte, mit dem Rapier zu fechten. Jack beschwerte sich über zu viele Vorschriften und darüber, dass man ihn nicht nach Lust und Laune jagen ließ.
»Das ist nicht gut«, sagte William zu dem Green Arrow. »Er sollte sich austoben können. Die Hälfte aller Probleme wäre gelöst, wenn er ordentlich Druck ablassen dürfte. Der Kleine ist ein Gestaltwandler, ein Raubtier. Er verwandelt sich in einen Luchs, nicht in einen Plüschhasen.« Er hob den Brief auf. »Anscheinend wollte er denen zeigen, was er draufhat. Jack hat einen Hirsch erlegt und den blutigen Kadaver mitten auf dem Esstisch abgeladen, weil er eine Raubkatze ist und die anderen für lausige Jäger hält. Er meint, es wäre nicht gut ausgegangen. Er wollte denen was zu essen bringen, aber die haben nichts geschnallt.«
Jacks Energien mussten nur in die richtigen Bahnen gelenkt werden. Aber William hatte nicht vor, ins Weird zu gehen und auf Declans Schwelle zu erscheinen. Hi, weißt du noch, wer ich bin? Wir waren mal Kumpel, aber dann wurde ich zum Tode verurteilt, und dein Onkel hat mich adoptiert, damit ich dich umbringe? Und, ach ja, hast du mir nicht Rose weggeschnappt? Klar doch. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Brief zu beantworten und noch mehr Actionfiguren zu schicken.
William zog das Paket zu sich heran. Für George hatte er Deathstroke reingelegt – die Figur sah ein bisschen wie ein Pirat aus, und George stand auf Piraten, weil sein Großvater einer war. Für Declan hatte er Grayskull dazugepackt. Nicht, dass Declan mit Actionfiguren spielte – schließlich hatte er eine Kindheit gehabt, während er, William, seine in der Hawk’s Akademie zugebracht hatte, was kaum besser war als Knast. Trotzdem gefiel es William, ihm eine lange Nase zu drehen, und King Grayskull sah Declan mit seinen langen, blonden Haaren ziemlich ähnlich.
»Die eigentliche Frage ist, schicken wir Jack die rote Wildkatze oder die schwarze?«
Der Green Arrow äußerte sich nicht.
Da stieg William Moschusgeruch in die Nase. Er drehte sich um. Aus dem Gebüsch am Wiesensaum starrten ihn zwei schmale, glühende Augen an.
»Du schon wieder.«
Der Waschbär fletschte seine kleinen, spitzen Zähne.
»Ich hab dich gewarnt. Bleib mir vom Acker. Oder ich fress dich.«
Das kleine Biest klappte sein Maul auf und fauchte wie eine beleidigte Katze.
»Jetzt reicht’s.«
William zog sein T-Shirt aus. Jeans und Unterwäsche folgten. »Bringen wir’s hinter uns.«
Der Waschbär fauchte erneut und richtete sein Fell auf, um größer zu wirken. Seine Augen glühten wie zwei Kohlestückchen.
William griff in sein Innerstes und ließ die Wildheit von der Kette. Der Schmerz schüttelte ihn, warf ihn haltlos hin und her. Seine Knochen wurden weich, bogen sich, die Sehnen schnalzten, sein Fleisch zerfloss wie geschmolzenes Wachs. Dann hüllte ihn dichtes, schwarzes Fell ein. Die Quälerei war zu Ende, und William kam auf die Beine.
Der Waschbär erstarrte.
Eine Sekunde lang sah William sein Spiegelbild in den Augen des kleinen Biests – eine wuchtige dunkle Gestalt auf allen vieren. Der Eindringling wich einen Schritt zurück, wirbelte herum und floh.
William heulte, stimmte einen langen, traurigen Gesang an, der von der Jagd und den Freuden der Hatz handelte und von den Verheißungen warmen Blutes zwischen seinen Zähnen. Die Kleintiere versteckten sich, als sie ein Raubtier in ihrer Mitte gewahrten, hoch oben im Geäst.
Dann verklang der letzte Nachhall des Liedes im Wald. William schlug seine langen, weißen Fänge in die Luft und machte sich auf die Jagd.
William trottete durch den Wald. Der Waschbär hatte sich als Weibchen mit sechs Jungen erwiesen. Wieso ihm der Duft des Weibchens entgangen war, würde er nie erfahren. Das Edge machte ihn wohl ein bisschen träge. Seine Sinne waren hier nicht so scharf wie sonst.
Er ließ das Tier ziehen. Man jagte kein Weibchen mit einem Wurf – das würde nur dazu beitragen, dass die Art ausstarb.
Stattdessen schnappte er sich ein schönes saftiges Kaninchen. William leckte sich die Lippen. Hmm, gut. Jetzt musste er nur noch dafür sorgen, dass der Deckel auf seinem Mülleimer blieb. Vielleicht mit einer seiner Hanteln oder ein paar schweren Steinen …
Durch die Bäume erhaschte er einen Blick auf sein Haus. Wieder nahm er einen Duft wahr: würzig, wie Zimt, mit einer Beimischung von Kreuzkümmel und Ingwer.
Seine Nackenhaare sträubten...




