E-Book, Deutsch, 405 Seiten
Reihe: LYX.digital
Andrews Stadt der Finsternis - Unheiliger Bund
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7363-0477-2
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 405 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-0477-2
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Seit Atlanta unter Kate Daniels Schutz steht, hat sich das Verhältnis zu ihrem mächtigen Vater nicht zum Besten gewendet. Roland fordert sie stets heraus, doch einem Kampf ist Kate noch nicht gewachsen. Zu allem Überfluss hat ein Orakel geweissagt, dass Atlanta brennen wird und ihr Geliebter Curran Lennart für immer verloren ist, sollten Kate und er ihren Bund durch eine Hochzeit besiegeln. Die Zukunft sieht wirklich düster aus ... doch hat sich Kate jemals dem Schicksal unterworfen?
Ilona Andrews ist das Pseudonym des Autorenehepaars Ilona und Andrew Gordon. Während Ilona in Russland geboren wurde und in den USA Biochemie studiert hat, besitzt Andrew einen Abschluss in Geschichte. Mit ihren Urban-Fantasy-Serien Stadt der Finsternis und Land der Schatten gelingt ihnen regelmäßig der Einstieg in die New-York-Times-Bestsellerliste.
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KAPITEL 1
Der Totenschädel starrte mich aus leeren Augenhöhlen an. Auf der Stirn prangten merkwürdige Runen, die in den gelblichen Knochen eingeritzt und mit schwarzer Tinte ausgefüllt waren. Der schwere Unterkiefer trug eine Reihe langer Reißzähne, die scharf und kegelförmig wie Krokodilzähne aussahen. Der Schädel steckte oben auf einem alten Stoppschild. Jemand hatte die Fläche des Achtecks weiß übermalt und mit großen gezackten Buchstaben BETRETEN VERBOTEN! quer darüber geschrieben. Ein rötlich brauner Spritzer beschmutzte den unteren Rand und sah verdächtig nach getrocknetem Blut aus. Ich beugte mich näher heran. Ja, Blut. Auch ein paar Haare. Menschenhaare.
Curran betrachtete stirnrunzelnd das Schild. »Meinst du, er will uns damit etwas sagen?«
»Ich weiß nicht. Er macht es sehr dezent.«
Ich blickte am Schild vorbei. Etwa hundert Meter weiter stand ein zweistöckiges Haus. Offensichtlich war es in der Nachwendezeit aus solidem Holz und Sandstein von Hand gebaut worden, damit es die Magiephasen sicher überstand. Doch es war kein quadratischer oder rechteckiger Kasten wie die meisten Gebäude der Nachwendezeit, sondern mit dem Schnickschnack eines modernen Hauses im Prärie-Stil der Vorwendezeit ausgestattet: hohe Fenster in schwungvollen horizontalen Reihen und ein großzügiger Grundriss. Doch im Gegensatz zu den üblichen langen Flachdächern mit wenig Ornamentik des Prärie-Stils protzte dieses Haus mit aufwendig geschnitzten Giebeldächern, schönen Ortgängen und kunstvoll verzierten Holzfenstern.
»Als hätte man ein russisches Blockhaus und ein Haus aus der Vorwendezeit in einen Mixer gesteckt und dann hier abgeladen.«
Curran blickte finster drein. »Das ist sein … wie nennst du es? Terem.«
»Ein Terem ist, wo russische Prinzessinnen wohnten.«
»Genau.«
Zwischen uns und dem Haus war der Boden schwarz. Er sah weich und pulvrig aus, wie Blumenerde oder ein frisch gepflügter Acker. Ein Pfad aus wackeligen, halb vermoderten und gespaltenen alten Brettern zog sich in weitem Bogen bis zur Eingangstür. Ich hatte, was die schwarze Erde betraf, kein gutes Gefühl.
Wir hatten versucht, um das Haus herumzugehen, und waren in einen dichten, dornigen Naturzaun aus wilden Rosenbüschen, Brombeergestrüpp und Bäumen geraten. Der Zaun war vier Meter hoch, und als Curran versucht hatte, hoch genug zu springen, um hinüberschauen zu können, waren die dornigen Ranken wie Lassos hervorgeschossen und hatten sich heldenhaft bemüht, ihn auf das Grundstück zu ziehen. Nachdem ich ihm geholfen hatte, die Stacheln aus den Händen zu zupfen, entschieden wir uns zum Frontalangriff.
»Keine Tierfährten auf dem Boden«, berichtete ich.
»Ich wittere auch keine Tiere«, sagte Curran. »Überall um uns herum und im Wald sind Duftspuren, nur nicht hier.«
»Deshalb hat er diese riesigen Fenster ohne Gitter. Nichts kann sich dem Haus nähern.«
»Entweder das, oder es ist ihm egal. Warum zum Teufel geht er nicht ans Telefon?«
Wer konnte schon die Handlungen des Priesters des Gottes Allen Übels und der Finsternis nachvollziehen?
Ich nahm einen Kieselstein, warf ihn in auf den Erdboden und machte mich auf etwas gefasst. Nichts. In der Erde explodierten keine Mäuler voller Zähne, es gab weder ein magisches Feuer noch einen erderschütternden Knall. Der Stein blieb einfach liegen.
Wir könnten später zurückkommen, nach der Magiephase. Das wäre vernünftig. Doch wir waren zehn Meilen durch den nervigen Verkehr in der strapaziösen Sommerhitze Georgias gefahren und eine weitere Meile durch den Wald hierhergelaufen, und unser Termin rückte schnell näher. Irgendwie würde ich in das Haus hineinkommen.
Ich setzte den Fuß auf das erste Brett. Es sank unter meinem Gewicht ein wenig ein, aber es hielt. Ein Schritt. Noch ein Schritt. Es hielt immer noch.
Ich ging auf Zehenspitzen über die Bretter, Curran dicht hinter mir. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …
Der dunkle Boden erzitterte.
Noch zwei Schritte.
Rechts von uns bildeten sich Wellen in der Erde, wie in einem pechschwarzen Meer, und ein kleiner Hügel wölbte sich auf.
Au weia!
»Rechts!«, murmelte ich.
»Ich sehe es.«
Lange schlangenartige Knochendornen stachen durch den Hügel und glitten durch den Boden auf uns zu wie die Finnen einer Seeschlange dicht unter der Oberfläche eines mitternachtsschwarzen, pulvrigen Ozeans.
Wir sprinteten zur Tür.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie links eine Wolke aus loser Erde explodierte. Ein schwarzer Skorpion von der Größe eines Ponys schoss heraus und krabbelte hinter uns her.
Würden wir seinen Hausskorpion töten, würde er uns das nie verzeihen.
Ich rannte die Veranda hinauf und schlug gegen die Tür. »Roman!«
Hinter mir brachen die knöchernen Dornen aus der Erde. Was mir wie Finnen vorgekommen war, erwies sich als ein Gewimmel aus Tentakeln, deren einzelne Segmente durch Knorpelreste und getrocknetes faseriges Bindegewebe zusammengehalten wurden. Die Tentakel peitschten und packten Curran. Er schloss die Hände um die Knochen und zog sie mit aller Kraft auseinander. Die Knochen knirschten, das Bindegewebe zerriss, und der linke Tentakel schlug wild um sich, als die Hälfte auf dem Boden lag.
»Roman!« Verdammt noch mal!
Ein knöcherner Tentakel packte mich und riss mich zurück und in die Höhe und ließ mich zwei Meter über dem Boden hängen. Der Skorpion schoss vor und hielt seinen Stachel zum Töten bereit.
Die Tür schwang auf, und da stand Roman. Er trug ein T-Shirt und eine karierte Pyjamahose. Das dunkle, an den Seiten ausrasierte Haar bildete eine lange pferdeähnliche Mähne, die links vom Kopf abstand. Er machte den Eindruck, als hätte er geschlafen.
»Was hat das zu bedeuten?«
Alles erstarrte.
Roman sah mich blinzelnd an. »Was macht ihr beiden denn hier?«
»Wir mussten zu dir kommen, weil du nicht an dein verdammtes Telefon gehst.« Currans Stimme klang eiskalt, was bedeutete, dass er mit seiner Geduld am Ende war.
»Ich bin nicht rangegangen, weil ich den Stecker gezogen hatte.«
Roman winkte. Der Skorpion zog sich zurück. Die Tentakel setzten mich sanft ab und glitten in die Erde zurück.
»Das würdest du auch machen, wenn du mit meiner Familie verwandt wärst. Meine Eltern streiten sich mal wieder, und ich soll Partei ergreifen. Ich habe ihnen gesagt, sie könnten mit mir reden, wenn sie sich wieder wie verantwortungsbewusste Erwachsene benehmen.«
Eher würde die Hölle gefrieren! Romans Vater Grigorii war der oberste schwarze Wolchw der Stadt. Seine Mutter Evdokia war ein Drittel des Hexenorakels. Wenn sie Streit hatten, kochte er nicht nur über, sondern explodierte förmlich.
»Bislang bin ich beiden aus dem Weg gegangen und genieße die Ruhe und den Frieden. Kommt herein.«
Er hielt uns die Tür auf. Ich trat an ihm vorbei in ein riesiges Wohnzimmer. Goldene Holzböden, ein riesiger Kamin, zehn Meter hohe Decken und bequeme Möbel. Überfüllte Bücherregale säumten die hintere Wand. Hier sah es richtig gemütlich aus.
Curran kam hinter mir herein und ließ das Wohnzimmer auf sich wirken. Er zog die dichten Augenbrauen hoch.
»Was?«, fragte Roman.
»Kein Altar?«, fragte Curran. »Keine blutigen Messer und verängstigte Jungfrauen?«
»Keine von Totenschädeln umringte Opfergrube?«, fragte ich.
»Ha, ha.« Roman verdrehte die Augen. »Der ist gut. Die Jungfrauen sind im Keller angekettet. Wollt ihr einen Kaffee?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Ja«, sagte Curran.
»Schwarz?«
»Nein, mit Sahne.«
»Guter Mann. Nur zwei Sorten Mensch trinken ihren Kaffee schwarz: Bullen und Serienmörder. Nehmt Platz.«
Ich setzte mich aufs Sofa und versank fast darin. Beim Aufstehen würde ich Hilfe brauchen. Curran lümmelte sich neben mich.
»Hübsch«, sagte er.
»Hm.«
»Wir sollten uns so eins fürs Wohnzimmer zulegen.«
»Bei uns würde nur Blut draufkommen.«
Curran zuckte mit den Schultern. »Na und?«
Roman kehrte mit zwei Bechern zurück, der eine pechschwarz, der andere offensichtlich zur Hälfte mit Sahne gefüllt. Er reichte Curran den helleren Becher.
»Du trinkst ihn schwarz, verstehe«, sagte ich zu ihm.
Mit einem Schulterzucken setzte er sich aufs Sofa. »Äh, das gehört zum Job. Und was kann ich für euch tun?«
»Wir wollen heiraten«, sagte ich.
»Ich weiß. Glückwunsch! In der Iwan-Kupala-Nacht, der Sommersonnenwende. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, aber jedenfalls ist es mutig.«
Die Iwan-Kupala-Nacht war in der slawischen Folklore eine Zeit wilder Magie. Die alten Russen glaubten, dass an diesem Datum die Grenzen zwischen den Welten verschwammen. In unserem Fall würde die Woge der Magie sehr stark sein. In der Iwan-Kupala-Nacht ereigneten sich merkwürdige Dinge. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich einen anderen Tag gewählt, aber Curran hatte das Datum festgelegt. Für ihn war es der letzte Tag des Werwolfsommers, ein Feiertag der Gestaltwandler und der perfekte Tag für unsere Hochzeit. Ich hatte ihm zugesagt, ihn zu heiraten, und wenn er in der Iwan-Kupala-Nacht heiraten wollte, dann sollte es so sein. Nachdem ich den Tag mehrere Male verschoben hatte, war es das Mindeste, was ich tun konnte.
»Seid ihr gekommen, um mich einzuladen?«, fragte Roman.
»Ja«, sagte Curran. »Wir möchten, dass du die Trauung...




