Anet | Ende einer Welt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 123 Seiten

Anet Ende einer Welt


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95676-853-8
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 123 Seiten

ISBN: 978-3-95676-853-8
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Claude Anet (* 28. Mai 1868 in Morges, † 9. Januar 1931 in Paris, bürgerlicher Name Jean Schopfer) war ein französischer Schriftsteller und Tennisspieler Schweizer Herkunft. Anet studierte Philosophie an der Sorbonne. Ab 1888 arbeitete er als Vertreter einer amerikanischen Firma in Paris. Er reiste per Fahrrad und mit dem Auto durch Italien, Iran und Russland. Über seine Erlebnisse schrieb er Reiseberichte. Die Russische Revolution erlebte er als Augenzeuge. Bekannt geworden ist er durch Reiseliteratur, Romane und Bühnenstücke. Seine Reiseberichte aus Iran oder Russland in der Phase der Revolution erreichten Popularität, und drückten sich auch als Hintergrund seiner Romane und Erzählungen aus, die entweder in der französischen Provinz oder in Russland spielten. Als Tennisspieler gewann Anet im Jahr 1892 die Französischen Tennismeisterschaften in Paris, und stand im Jahr darauf im Endspiel. (Auszug aus Wikipedia)

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Da stand er auch eines Tages, in der Kühle des Morgens, ermüdet nach einer Jagd auf ein Hirschkalb, das er die ganze Nacht verfolgt hatte und erst früh in heißem, langem Wettlauf bezwingen konnte. Er warf seine Beute hinter sich und legte sich auf einen Felsen, von dem das Flußtal auf dreißig Schritte zu überblicken war. Von den Sonnenstrahlen erwärmt, war er eben im Begriff, einzuschlummern, als aus der Ferne ein Geräusch zu ihm rang. Er lauschte, sich so flach als möglich an den Boden schmiegend. Bald war er beruhigt. Helles Lachen aus Frauenmund und fröhliche Rufe klangen bis zu ihm herauf. Kurz danach sah er auf dem Pfade, der sich unter ihm durchs Dickicht schlängelte, fünf oder sechs Mädchen auftauchen. Sie gehörten zu einem Stamm, mit dem die Leute des Flusses wenig Beziehungen unterhielten. Es hatte einmal blutigen Streit zwischen ihnen gegeben, und obwohl es schon lange her war, die Erinnerung daran war noch nicht erloschen. Im übrigen betrachteten die Söhne des Bären mit Verachtung diese Nachbarn, die an den Ufern des Flusses wohnten, die Jagd vernachlässigten und fast ausschließlich vom Fischfang lebten. Die Mädchen, deren aufgelöste Haare im Winde flatterten, gingen nahe an No vorüber und verschwanden ein wenig weiter hinter den Weiden, deren Zweige bis auf das Wasser des Flusses niederhingen. Doch wenige Augenblicke später sah No, wie die Zweige sich bewegten, und bald entdeckte er die Mädchen – nun entkleidet – wie sie, Forellen gleich, sich munter im Flusse tummelten. Sie schwammen nur etwa hundert Schritte von ihm entfernt im klaren Wasser, in dem ihre feinen, schlanken Körper in der Tönung dem Elfenbein glichen, aus dem er Mah geschnitzt hatte. Das entzückende Schauspiel dauerte an. Sie bewegten sich in vollkommener Sicherheit. Zweifellos war diese Uferstelle schon seit langem für ihr Bad bestimmt, und die Männer kamen nicht hierher. Eine von ihnen war jetzt näher zu No geschwommen. Er vermochte sogar ihre Züge zu unterscheiden. Etwas in ihrem kleinen Gesichte mit den vollen Wangen erinnerte ihn an seine verschwundene Schwester ... Doch schon entfernte sich die Badende und begab sich zu ihren Gefährtinnen unter den Weiden. No wartete noch. Von der Höhe seines Felsens sah er sie in der Richtung ihrer Wohnstätten vorbeiziehen. Er fand, daß diese Töchter von Fischern anmutig dahinschritten. Da nahm auch er seine Jagdbeute auf die Schulter und machte sich auf den Heimweg, der noch recht lang war. Erst nachts kam er zu Hause an. Und er empfand, wie traurig es sei, wenn man müde von schwerer Arbeit heimkehrt und keine Frau einen empfängt. Keine Frau, die das Essen vorbereitet hat, die dem Manne die Knöchel einreibt und dabei all die hundert Neuigkeiten berichtet, die am Tage von Mund zu Mund gingen. Und während man sich das heiße Fleisch und die in köstlichem Fett zubereiteten Gemüse schmecken läßt, erzählt man von den Zwischenfällen der Jagd. Sie zittert beim Bericht über die Gefahren, die zu überstehen waren, und jubelt über die List, die die Beute schließlich doch erringen ließ. – Nachts wandert der Geist Nos von neuem zu den Ufern des Flusses zurück. Eine einzige der Badenden erwartet ihn. Diesmal ist's Mah selbst. Sie winkt ihrem Bruder von weitem zu. Er eilt hin, sie in die Arme zu schließen, doch sie zerfließt wie ein Schatten ... Morgens erwachte No mit einem Entschluß. Er würde das Mädchen, das er am Vortage sah, rauben und es zu seinem Weibe machen. Die schöne Jahreszeit begünstigte seine Absichten. Er richtete sich unweit des Flusses im Walde ein Lager ein. Des Nachts entzündete er ein Feuer, um sich gegen die Tiere zu schützen. Auf ihm kochte er seine Nahrung. Eine Kette aus Muscheln und ein Zobelfell, die er mitgenommen hatte, sollten ihm helfen, das Mädchen zu gewinnen, denn Gewalt anzuwenden war fast unmöglich. Und jetzt erwartete er eine günstige Gelegenheit. Des Morgens sah er die Mädchen wieder. Sie badeten etwas entfernt von ihm, aber er hatte trotzdem keine Mühe, jene zu erkennen, die er gewählt hatte. Größer war sie als ihre Freundinnen, ihr Haar hatte die Farbe des aufgehenden Mondes, ihre Gestalt glich dem Schilfrohr am Rande eines Flusses, wie Speere waren ihre Beine, weich wie Algen, die in der Strömung schwanken, ihre Füße. No erzitterte bei dem Gedanken, sie sein nennen zu dürfen, und sein Herz pochte erregt. Niemals wurde ein Wild aus geringerer Entfernung belauert, mit einer Aufmerksamkeit, die entschlossener gewesen wäre, den geringsten günstigen Umstand wahrzunehmen. Doch er sah sie stets von ihren Gefährtinnen umgeben, im Bade wie auch auf dem Wege. Es wäre Wahnsinn gewesen, sich ihr zu nähern, wenn sie nicht allein war. Ihre spöttischen Freundinnen würden ihn nicht zu Worte kommen lassen. Er mußte abwarten, bis ein Zufall sie von den anderen entfernte, dann würde er sofort auf sie zugehen und sie zu überreden trachten. Wenn dies nicht gelang, dann vielleicht konnte ein Gewaltstreich gewagt werden ... Tag um Tag blieb er hier, an den Fels geschmiegt, dessen Färbung er schon langsam angenommen hatte. Nachts entfernte er sich, um nachzusehen, ob sich kein Wild in den ausgelegten Fallen gefangen hätte. Und morgens war er wieder an seinem Beobachtungsposten. Geduld war ihm angeboren. Ist nicht langes Warten unerläßlich, um ein ziehendes Wild auf seinem Wechsel zu überraschen? Und welch köstlichere Beute als diese hatte er jemals belauert? Endlich kam der ersehnte Tag. Als die Sonne schon tief am Himmel stand, sah No sie, die er erwartete, mit zwei anderen Mädchen aus dem Lager kommen und den Fluß entlang schreiten. Sie gingen nicht dem Bade zu, sondern schlenderten nur, Beeren pflückend, an den Büschen am Fuße des Felsenhanges entlang. So kamen sie dem Felsen, auf dem No lag, immer näher. Nicht weit von ihm floß in einer Niederung ein kleiner Bach, dessen Ufer von Bäumen bewachsen waren. Wie vor einigen Monaten, als er vor dem Bau des Zobels gekauert hatte, blieb er unbeweglich an den Boden gepreßt. Brombeeren und andere Beeren pflückend, trat das Mädchen allein unter die Bäume. Ihre Freundinnen riefen vom Flusse her: »Komm zurück, es ist Zeit, heimzugehen!« »Ich komme euch gleich nach«, antwortete eine klare Stimme. »Verweile nicht«, riefen die anderen noch und entfernten sich. Jetzt war für No der Augenblick zum Handeln gekommen. Geräuschlos ließ er sich vom Felsen heruntergleiten und machte eilends einen Bogen durch die Büsche, um zwischen das Mädchen und den Pfad zu gelangen, den sie zum Heimweg benutzen mußte. Und als sie hinter einem großen Stein hervorkam, um sich dem schmalen Pfad zuzuwenden, stand er ihr plötzlich gegenüber. Ihre erste Regung war, zu fliehen. Aber sofort ließ sie eine Überlegung, die rascher als ein Blitzstrahl ihr Bewußtsein durchfuhr, das Aussichtslose eines solchen Beginnens erkennen. Einem Manne vom Stamme des Bären entkommt man nicht! Und andererseits lieferte sie sich ihm auf Gnade und Ungnade aus, sobald sie nur zeigte, daß sie Furcht vor ihm habe. Überdies wußte sie ja noch gar nicht, was seine Absicht war. Vielleicht ruhte er nur einfach auf seinem Jagdwege aus. Er war jung und sah nicht übel aus ... Es galt, schlau zu sein, abzuwarten und seinen Vorteil wahrzunehmen ... Ist es denn so schwer, die Männer zu täuschen? Die Arme voll Beerenranken, stand sie unbeweglich, fast lächelnd, vor diesem Unbekannten, der vor ihr aufgetaucht war. Mit sicherem Instinkt kam sie ihm mit ihrem Angriff zuvor. »Was tust du hier? – Das ist nicht euer Gebiet!« Nach einem sehr alten Übereinkommen gehörte das rechte Flußufer mit seinen wenigen und mittelmäßigen Unterschlupfen dem Stamme, der die andere Seite des Flusses bewohnte. »Ich kam deinetwegen!« »Meinetwegen?« Sie war erstaunt ... »Du kennst mich ja gar nicht ...« »Ich habe dich schon vor langer Zeit gesehen«, gab No zurück. »Hier oben lag ich versteckt. Du gefällst mir. Ich will dich mitnehmen, du sollst mein Weib sein.« Auf den schönen vollen Lippen des Mädchens zeigte sich ein leises Lächeln, doch sie besann sich anders. No holte das Zobelfell aus seinem Wams und hielt es ihr hin. »Das habe ich dir gebracht.« Das Mädchen stand unbeweglich vor ihm. Da zog No auch noch die Halskette hervor. Sie nahm die Kette, besah sie, ließ spielend die Perlmuttermuscheln durch ihre Finger gleiten und gab sie dann No, ohne ein Wort zu sagen, zurück. Ein Schweigen. Mit großem Ernst prüften sie einander. No sah sich schon, wie er sie in die Tiefe der Wälder entführte. Sie fragte sich, wie diese Begegnung wohl enden würde. Was tun, um diesen Mann zu täuschen? Durch welche List ihm entschlüpfen? War sie nur einmal in Sicherheit, wie würde sie sich dann über ihn lustig machen! Sich für die Angst rächen, die sie ausgestanden hatte, die sie jetzt noch empfand! »Ich heiße No,« sagte er plötzlich, »und unter den Söhnen des 'Bären' bin ich der rascheste auf hundertfünfzig Schritte. Ich wurde in diesem Jahre eingeweiht. – Und du, wie nennt man dich?« »Mein Name ist Mara.« »Mah-ra«, wiederholte No sinnend. »Mara! So mußte es wohl sein, da meine Schwester Mah hieß ...« Und in seine Erinnerungen verloren, verstummte er... Dann betrachtete er sie sanft. Sie fühlte plötzlich, daß er ihr kein Fremder mehr sei, ja, daß vielleicht, wenn er es wollte ... Aber sofort unterdrückte sie diese Gefühle. Der Instinkt der Abwehr gewann in ihr die Oberhand, und als No sich ihr jetzt näherte und die Hand erhob, wich sie mit behendem Sprung zur Seite. »Rühr mich nicht an!« »Komm...



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