Angeli | Die letzte Pille bringt den Tod | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten

Reihe: Ein Allgäu-Krimi

Angeli Die letzte Pille bringt den Tod

Ein Allgäu-Krimi
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7499-5066-9
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Allgäu-Krimi

E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten

Reihe: Ein Allgäu-Krimi

ISBN: 978-3-7499-5066-9
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Himmel ist blau, Blut ist rot - die Walli ermittelt, denn der Apotheker ist tot
Der Fischlinger Ludwig ist tot! So viel Aufregung im sonst allzu beschaulichen Burglbach im Allgäu, das ist für Walli Schimmel eine willkommene Abwechslung. Also stürzt sich die exzentrische Rentnerin in die Ermittlungen - sehr zum Missfallen von Wolfi, ihrem leicht phlegmatischen Polizistensohn. Der glaubt nämlich zunächst an einen ganz natürlichen Tod: zu viel Schweinshaxe, zu wenig Bewegung. Doch Walli bleibt hartnäckig und stößt bald schon auf eine Spur. Wer hat den Apotheker auf dem Gewissen? War es die schöne Witwe? Oder hat der Fischlinger sich auf dubiose Geschäfte eingelassen? Mit Hilfe ihrer Freundin Friedl, ein paar selbstgebrannten Stamperln Obstler und ein bisschen krimineller Energie wird sie den Mördern schon auf die Spur kommen ...



Romina Angeli, geboren 1984 in Kempten, arbeitet seit 2006 als selbstständige Fotografin. Vorbild für Walli Schimmel ist ihre eigene Oma, von der sie vieles gelernt hat, unter anderem, das Leben mit Humor zu nehmen und Spezialitäten der Allgäuer Küche. Heute lebt sie mit Mann und Tochter in der Nähe von Kempten und schreibt in den frühen Morgenstunden.

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1


Ein Toter am Rand vom Nirgendwo

Wie jeden zweiten Dienstag im Monat sitze ich bei Erikas Haartraum, unserem einzigen Friseur hier in Burglbach. Wobei Erika längst Geschichte ist. Seit einem knappen Jahr werden wir nämlich von der Jaqueline aufgehübscht. Allerhand neuen Schnickschnack hat sie uns aus Leipzig mitgebracht. Von Haarextensions bis zu Intimwaxing bekommt man bei ihr alles. Einen richtigen Spatempel hat sie hier kreiert.

Während ich noch meinen Blick über die Neuerungen im Laden schweifen lasse, springt plötzlich die Tür auf, und im Spiegel sehe ich, wie die Friedl aufgeregt und käseweiß hereinstürzt. »Der Ludwig isch tot!«

Unter meiner dröhnenden Trockenhaube glaube ich mich verhört zu haben. »Was ist los?«, frage ich und schiebe die Haube hoch.

»Mei, oh mei, der Ludwig isch tot!«, wiederholt sie aufgeregt.

Ich lege das Schundmagazin, in dem ich ohnehin nur gelangweilt herumgeblättert habe, zur Seite und drehe mich mit meinem Stuhl zur Tür. »Der Ludwig, der Hund vom alten Hintermoser?«, frage ich verwirrt.

»Was? Nein, Schmarrn, der doch net. Unser Apotheker, der Fischlinger Ludwig«, kommt es mir irritiert entgegen.

Ich höre einen lauten Platscher und schaue von Friedl zu Jaqueline. Die Schüssel mit der frisch angerührten Haarfarbe für die alte Berger ist dahin. Wie vom Donner gerührt steht die Jaqueline da, von oben bis unten mit der blutroten Masse besudelt. Schade ist es ja nicht drum, schießt es mir ins Hirn, die Bergerin sieht eh immer aus wie ein Feuermelder.

»Ruft die Polizei!«, schreit die Friedl völlig außer sich und reißt mich aus meinen Gedanken.

Während Jaqueline wie ferngesteuert ihr kindisches Hello Kitty-Handy aus der Hosentasche fischt, kralle ich mir im Vorbeispringen die Hand von der Friedl und ziehe sie mit mir aus dem Salon. Quer über den neu gepflasterten Dorfplatz hetzen wir rüber zu Fischlingers Apotheke. Weit und breit keine Polizei zu sehen. Kaum jemand ist im Dorf unterwegs. In den letzten Jahren ist es leer geworden in Burglbach. Die Jungen drängen aus der Allgäuer Provinz in die Städte. Wer lebt schon gerne in einem 3042-Seelen-Dorf am Rand vom Nirgendwo? Pardon, 3041 Einwohner, falls der Ludwig wirklich tot ist.

Vor der Apotheke angekommen, weigert sich die Friedl vehement, den Ort ihres Schreckens noch einmal zu betreten, schließlich hat sie den Fischlinger Ludwig entdeckt. »Walli, du willsch da jetzt aber it nei, der isch doch tot!?«, schnauzt sie mich an und hält mich am Ärmel fest.

Mit einem Ruck entziehe ich mich ihrem Griff wie ein trotziges Kind. »Dann bleib halt da, ich geh da jetzt rein!«, rufe ich ihr noch zu, während ich mich bereits durch die Ladentür schiebe. Ein Klingeln von dem Glöckchen überm Eingang kündigt mich an. Ich bleibe kurz stehen, atme durch, aber es regt sich nix, mucksmäuschenstill ist es, kein Ludwig weit und breit zu sehen. Ich gehe um die Theke zum hinteren Teil des Ladens. Und da seh ich’s schon. Herrgott, der Allmächtige, da liegt er ja wirklich, der Ludwig, im Türrahmen zwischen der Teeküche und den Medikamentenschränken. Ein, zwei Sekunden zögere ich – falls es um Mord geht, will ich schließlich nicht schon wieder dem Wolfi ins Handwerk pfuschen: Der Wolfi ist mein, leider etwas begriffsstutziger, Sohn, der bei der Polizei im nahe gelegenen Kempten arbeitet. Zu gut kann ich mich erinnern, wie er wochenlang sauer auf mich war, als ich ihm bei der Aufklärung des Illermordes zuvorkam. Dabei war es nicht mal Absicht, eher ein unglücklicher Zufall, würde ich sagen. Selbst mit den hausgemachten Kässpatzen vom Apostlwirt, unserem Gasthof hier im Dorf, konnte ich seinen Missmut nicht vertreiben. Ein richtiges Desaster war das damals vor zwei Jahren.

Wer sagt denn eigentlich, dass es hier um Mord geht, beruhige ich mich selbst. Es wäre ja nicht an den Haaren herbeigezogen, hätte der dicke Ludwig einen Herzanfall erlitten. So wie der jeden Sonntagmittag beim Apostlwirt zugelangt hat … Geschnauft und geröchelt hat der Dicke, bei jeder Bewegung. Der Schweiß auf seiner Stirn hat ihn glänzen lassen wie eine marinierte Speckschwarte, und die wirre spärliche Haarpracht hing ihm auch immer speckig ins Gesicht, erinnere ich mich. Ja, der Ludwig, schön ist er ja nicht, denk ich mir, aber ein netter Kerl war er schon. Also knie ich mich rechts neben ihn und lege zwei Finger an seinen Hals, wie ich es im Tatortspurensicherungsseminar für Hobby-Columbos letztes Jahr gelernt habe. Kurz warten, kein Puls. Sein starrer Blick verrät bereits alles. Die Friedl hatte recht, der Fischlinger Ludwig ist hinüber.

Ich betrachte den Toten von Kopf bis Fuß – kein Blut ist zu sehen. Lediglich etwas gelber Schaum tropft ihm seitlich aus dem Mund und sammelt sich am Boden neben seinem weißen Apothekerkittel. Im anderen Mundwinkel hängen eindeutig noch Reste vom Frühstück, und seine rechte Hand ist seltsam verdreht. Zwischen Daumen und Zeigefinger klebt ein angebissenes Stück Breze. Der Ludwig, wie er leibt und lebt. Immer was zum Futtern in der Nähe, denke ich. Leibte und lebte müsste es jetzt wohl heißen, korrigiere ich mich im Stillen, während ich weiter den Toten neben mir betrachte.

Ich stehe auf und steige vorsichtig, mit einem ziemlich großen Schritt, über seinen massiven Körper hinweg und betrete die kleine Teeküche. Das Lämpchen der Kaffeemaschine auf dem kleinen Schränkchen neben der Tür leuchtet rot und wärmt die verbliebene braune Brühe. Ich blicke hinüber zum Tisch, auf dem noch ein Frühstücksbrettl liegt; ein paar einsame Brezenbrösel liegen verteilt darum. Ganz wahrscheinlich eine Breze von der Bäckerei Biggl. Der Biggl macht weit und breit die besten Brezen; ist auch nicht schwer, könnte man meinen, denn ebenso wie Erikas Haartraum der einzige Friseur ist, ist er der einzige Bäcker hier am Rand vom Nirgendwo.

Ich lasse meinen Blick wandern. Eine Tasse Kaffee, die gefährlich nah an der Tischkante steht, ist noch zu drei Vierteln gefüllt. Rabenschwarz trank er ihn, der Ludwig, mei, da würd’s mich schütteln, denke ich spontan. Der Gedanke an einen Cappuccino vom Café Florence in Kempten hingegen, mit einem laktosefreien Milchschaumberg drauf, größer als die Tasse selbst, bringt mich zum Träumen. Zugegeben, ich bin ein Cappuccinojunkie, nicht erst, seit ich dieses kleine italienische Stehcafé mit diesem überaus gut aussehenden Barista Massimo entdeckt habe. Ich greife nach der Tasse des toten Apothekers – eiskalt ist sie. Ich kombiniere blitzschnell, ohne weiter meine Gedanken an eine gute Tasse Cappuccino zu verschwenden, und komme zu dem Schluss, dass unser Medikamentendealer schon eine ganze Weile hier im Türrahmen liegen muss. Der restliche Tisch wird von der Allgäuer Zeitung eingenommen, der Gesundheitsteil liegt aufgeklappt da – mei, Ludwig, der bringt dir jetzt auch nix mehr. Ein blau-grüner Kugelschreiber mit der Aufschrift Heidpharm, offensichtlich ein Werbegeschenk eines Pharmaunternehmens, liegt quer über einem verknitterten Zettel. Unleserliche Buchstaben reihen sich in mehreren Zeilen aneinander. Wie soll man das bitte lesen können?, frag ich mich.

Meine Nasenspitze beginnt wie wild zu kribbeln, gerade noch so kann ich mir ein Niesen verkneifen. Da höre ich schon die Polizeisirene schrillen. Jetzt muss ich mich aber beeilen. Nix wie raus hier, bevor der Wolfi und sein Polizeispezi Harald mich erwischen. Geistesgegenwärtig und gewitzt wie ich bin, ziehe ich mein brandneues Smartphone aus der Tasche und hoffe, die Kameraapp schnell zu finden. Gar nicht so leicht mit einem 62 Jahre alten Augenpaar, diese kleinen fisseligen Dingsdabumsda auf Anhieb auszumachen. Mist! Jetzt habe ich mich auch noch vertippt, und es öffnet sich die neue Fitnessapp, mit der ich mir vorgenommen habe, zwei, drei Kilo durch Zumba binnen kürzester Zeit abzuzappeln. Immerhin hat das der heiße Latino mit der sexy Zahnlücke auf dem Sportkanal versprochen.

Hektisch schließe ich das dumme Programm wieder, das mir bis jetzt eh noch nix gebracht hat, und finde endlich das Zeichen mit der Fotolinse. Als Erstes schieße ich ein Bild vom Tisch, danach eines vom Fenster. Ich drehe mich um und will noch schnell ein Bild vom Toten knipsen. Da erschreck ich fast selbst zu Tode: Die Friedl steht neben der Leiche.

»Walli, Schluss jetzt, komm sofort da raus! Die Polizei isch glei da«, zischt sie und tritt hibbelig von einem Bein aufs andere.

»Jaja, ich komm gleich. Geh zur Seite, ich brauch noch schnell ein Bild vom Ludwig. Oder bist du scharf auf ein Foto mit dem Toten?«

Erschrocken springt die Friedl zur Seite, ohne den Blick vom toten Ludwig abzuwenden. »Jessas, na, der duat mir so leid!«, jammert sie.

»Jetzt braucht er dir nimmer leidzutun, der hat’s geschafft und ist bei unserem ewigen Schöpfer. Predigt doch der Pfarrer Hockl jeden Sonntag«, sage ich, fokussiere den toten Berg Mensch und drücke den Auslöser. In diesem Moment schnappt die Friedl mich am Arm und schleift mich hastig Richtung Ausgang. Beim Hinausstolpern komme ich aus Versehen noch mal auf den Auslöser und schieße ungewollt ein verwackeltes Bild vom Ladenlokal. Als wir zwei die Tür aufreißen, versperren uns zwei werte Herren in Grün den Ausgang.

»Moment a mal, Moment a mal«, hält uns der Freirer Harald zurück. »Ja, wen hamma denn da, die Allgäu Miss Marple und ihre Busenfreundin, da schau her«, dröhnt er uns selbstgefällig entgegen.

Da rauscht auch schon der Wolfi an, richtig wütend schreit der mich an:...



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