Liebe Besucherinnen und Besucher,
aufgrund unseres Sommerfestes sind wir am 03. September 2026 bis 14 Uhr erreichbar. Am 04. September 2026 sind wir wieder wie gewohnt für Sie da. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: HarperCollins
Angeli Wer zweimal stirbt, ist trotzdem tot
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7499-0359-7
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: HarperCollins
ISBN: 978-3-7499-0359-7
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Wald ist kalt, morsch der Baum - Walli ermittelt, denn der Jäger hängt tot überm Zaun
Polizeioberkommissar Wolfi Schimmel könnte sich besseres vorstellen, als den Babysitter für seine Mama zu spielen, weil diese, bei einem waghalsigen Manöver von der Leiter gestürzt ist. Und dann ereilt ihn plötzlich auch noch ein Notruf, im Wald wurde eine Leiche gefunden. Da hilft alles nichts, seine Mama Walli muss mit. Den Lerpscher Georg hats erwischt - tot hängt der Jäger unter seinem Hochsitz. Doch wie konnte das passieren? Walli ahnt gleich, hier stimmt was nicht. Der Spürsinn der Hobbydetektivin ist geweckt. Wenn der Wolfi doch bloß nicht so sehr mit seinen Infos geizen würde ...
Romina Angeli, geboren 1984 in Kempten, arbeitet seit 2006 als selbstständige Fotografin. Vorbild für Walli Schimmel ist ihre eigene Oma, von der sie vieles gelernt hat, unter anderem, das Leben mit Humor zu nehmen und Spezialitäten der Allgäuer Küche. Heute lebt sie mit Mann und Tochter in der Nähe von Kempten und schreibt in den frühen Morgenstunden.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
INDIANEREHRENMORD
»Auaaaaa, jetzt pass halt auf!«, schrei ich und weiß gar nicht, wo ich an meinen schmerzenden Körper zuerst hinlangen soll, als der Wolfi erneut ein Schlagloch überfährt und ich dabei hart mit dem Kopf gegen die Deckenverkleidung seiner Uraltschüssel knalle.
»Sorry, Mama. Ab jetzt pass ich auf!«, kommt es nur knapp von dem dilettantischen Fahrer, den ich meinen Sohn nennen muss.
Wir kommen gerade vom Arzt. Nicht von unserem Dorfdoktor, dem Brandl aus Burglbach, nein, denn der weilt derweil, wie ich am Aushang seiner Praxistüre entnommen habe, ganze drei Wochen in der Karibik und lässt sich die Sonne auf seinen Allerwertesten scheinen. Wir waren im nahe gelegenen Kempten bei irgendeinem unhöflichen Quacksalber, den ich namentlich hier nicht nennen möchte. Dieser unsympathische Möchtegern-Mediziner hat mir innerhalb seiner gefühlt nur zwanzig Sekunden dauernden Untersuchung eine astreine Gehirnerschütterung diagnostiziert. »Drei Tage strikte Bettruhe und zwei Wochen keine körperliche Anstrengung und nächstes Mal lassen Sie Ihren Sohn das Windspiel im Garten aufhängen. Eine Frau in Ihrem Alter sollte keine Leitern mehr hochkraxeln!«, hat er genuschelt, während er uns mit seiner hektischen Art aus dem Behandlungszimmer geschoben hat. Spinnt der? Ich bin gerade mal Anfang sechzig und fit wie ein Turnschuh. Wäre es mir nicht so elend, würde ich diesem überheblichen Futzi mal anständig die Meinung geigen.
Auf dem Weg zurück nach Burglbach ist mir immer noch speiübel, obwohl ich mich schon, sehr zum Leidwesen vom Wolfi, auf der Hinfahrt zur Arztpraxis in die Seitenverkleidung seines BMWs übergeben musste.
»Jetzt fahr ich dich erst einmal heim, und dann ruhst du dich erst a mal richtig aus, Mama«, meint der Wolfi rücksichtsvoll und steuert seine Schüssel am Ortsschild von Burglbach vorbei, als plötzlich sein Diensthandy bimmelt.
»Ah, der Freirer is es. Dann sag ich ihm gleich, dass ich mir heute für den Rest des Tages freinehme, Mama«, flötet mein Sohnemann. Mit einem lässigen »Servus, Freirer. Du, ich komm heute nicht mehr. Meine Mama hatte einen S08!«, geht der Wolfi ans Telefon.
Wovon redet mein Sohn, frage ich mich und höre, wie er kurz darauf scharf die Luft einzieht. »Was meinst? Wir haben eine 107!«, brüllt der Wolfi aufgeregt in den Hörer. »Wo? Im Burglwald sagst du. Freilich, ich komm sofort. Gib mir zehn Minuten. Servus«, ruft er und hängt ohne ein weiteres Wort ein.
»Was ist los?«, frage ich, doch der Wolfi scheint mich gar nicht wahrzunehmen. »Sind wir hier jetzt in einer Quizshow oder was? Warum zum Teufel bin ich ein S08, und was ist bitte schön eine 107?«, rufe ich leicht benebelt vom Rücksitz hervor, doch auch diese Frage bleibt unbeantwortet, als mein Sohn unerwartet eine Vollbremsung reinhaut. Da ich nicht vorschriftsmäßig angeschnallt bin – was im Übrigen mittlerweile liegend gar nicht möglich ist –, reißt es mich auf dem Rücksitz erst ruckartig nach hinten, und als das Auto zum Stehen kommt, wieder nach vorn, und ich rolle mit voller Wucht in den Fußraum, wo ich liegen beziehungsweise stecken bleibe.
»Auaaaahhh, zefix, Wolfgang!«, quietsche ich und greife nach meinem wummernden Schädel.
»Mama, oweia. Jetzt hab ich dich ganz vergessen. Ich muss dringend zu einer 107 – ähm, ich mein zu einer Leiche.« »Leiche? Was, welche Leiche?«, frage ich aufgeregt und glaube, mich verhört zu haben.
»Am besten, ich liefer dich schnell bei der Friedl ab, das liegt doch quasi auf dem Weg«, sagt er mehr zu sich selbst und drückt aufs Gas. »Sobald ich fertig bin, hol ich dich da wieder ab, ja?«
Ein Toter im Wald, habe ich das richtig verstanden, frage ich mich und meine Benommenheit von eben ist Schnee von gestern. »Die Fiedl is niet da«, rufe ich aus meiner Grube heraus. »Die is bit Moragan nog in Dussendoof, äh Dusseldoof, nei Düsseldorf«, meine ich und stelle fest, dass meine Zunge beim Sprechen komische Verrenkungen macht. Was ist denn bloß los mit mir? Die Worte purzeln wie Buchstabensalat aus mir heraus. »Du nimmt mig mit! Ik kann nigt alleine bleiben, hat de Dokotor gesahgt«, schnalze ich hervor.
Der Wolfi dreht sich herum und haut erneut eine Vollbremsung rein, als er mich in meinem Elend liegen sieht. Wie der Blitz ist er aus dem Auto raus und reißt die hintere Tür auf. Durch den Ruck sack ich gleich noch ein bisschen tiefer in den Fußraum. Der Sauesel zieht und zerrt an mir, es ratscht, und meine bis dato nur mit Kotze besudelte Bluse ist endgültig dahin. Nur fürs Protokoll, in meiner Mega-ends-fashionvictim-de-luxe-Bluse klafft nun ein mindestens zwanzig Zentimeter langer Riss. Ich schnaube wie ein wild gewordenes Happy Hippo und muss mich richtig anstrengen, nicht gleich zu explodieren. »Dad Ding wird du asessen«, schimpfe ich, schließlich war die Bluse ein absolutes Einzelstück, wie meine Lieblingsverkäuferin, die nette Eva, mir anvertraut hatte. Untröstlich gebe ich mich meinem Leid hin. Natürlich geht es hier nicht nur um den Verlust meiner wunderbaren Bluse, nein, auch mein Schädel wurde heute bereits zum zweiten Mal stark in Mitleidenschaft gezogen. Er hämmert und dröhnt so arg, dass mir fast die Rübe platzt. Als der Wolfi mich endlich losbekommt, hievt er mich zurück auf die Rückbank. Diesmal schnallt er mich höchstpersönlich an und tätschelt mir die Stirn. »Hör zu, Mama! Ich nehme dich jetzt mit, weil ich nicht weiß, wo ich dich sonst hinbringen soll. Egal was passiert, du bleibst im Streifenwagen sitzen und wartest, bis ich zurück bin, gell?!«, sagt er und fixiert mich mit einem eindringlichen Blick.
»Okay! Mag ik. Indianerehrenmord, ähm – wort«, gebe ich zurück, hebe erschöpft meine Linke und kreuze heimlich die Finger meiner Rechten hinter meinem Rücken, so wie wir als Kinder es immer gemacht haben, um ein Ehrenwort zu umgehen.
Mit einem besorgten Blick tätschelt er mir die Wange, schwingt sich zurück hinters Lenkrad und setzt seine Fahrt fort. Keiner von uns sagt etwas, selbst das blecherne Radio, das noch aus der Steinzeit stammt, hat ausgekrächzt. Drei Kilometer hinter Burglbach biegen wir auf einen geschotterten Waldweg. Ein Beamter in neongelber Warnweste winkt uns hektisch die Richtung, und der alte BMW heult auf, als wir über den unbefestigten Weg und durch die Tannenallee holpern. Ich heule auch gleich, denke ich mir und halte meinen lädierten Schädel fest zwischen beide Hände gestützt. Mir ist erneut speiübel, und ich versuche vehement, dem Drang nach Erleichterung nicht nachzugeben. Die Rüttelkiste kämpft sich weiter über Stock und Stein, bis wir nach einer gefühlten Ewigkeit am Rand einer Lichtung endlich zum Stehen kommen. Abrupt würgt der Wolfi den Motor ab, und der BMW setzt zu einem letzten Zuckler an. Neugierig schaue ich aus dem Fenster, sehe zu meiner Überraschung aber nur verschwommene Umrisse. Ist die Scheibe so dreckig oder was, frage ich mich und wische mit dem Ärmel am Glas herum. Als ich bemerke, dass die schlechte Sicht von meinen Augen herrührt, versuche ich, meinen Blick scharf zu stellen, was mir aber nur ansatzweise gelingt.
»Du bleibst im Wagen, Mama! Wenn was ist, hup einfach. Okay?«, weist der Wolfi mich an und steigt aus seiner Karre. Als die Autotür zuknallt, spähe ich aus dem Wagen. Mehrere Personen in Uniform stehen mit dem Rücken zu mir in einem Halbkreis und begutachten irgendwas, das ich, verflucht noch mal, nicht sehen kann. Ich lehne mich erschöpft zurück und schließe meine brennenden Augen. Wer ist der 107? Also der oder die Tote, von dem der Wolfi am Telefon gesprochen hat, und warum stehen die ganzen Beamten wie Falschgeld herum und sehen so aus, als wüssten sie nicht, was zu tun ist, frage ich mich und versuche verzweifelt, meine Sinne zu bündeln, um den Schwindel in meinem Hirn endlich loszuwerden.
Als ich erneut aus dem Fenster schiele, sehe ich, wie sich die Gruppe teilt, als der Wolfi dazustößt. Einen kurzen Blick kann ich auf das erhaschen, worauf wohl alle Herumstehenden blicken. Okay, also ich habe etwas gesehen. Was es aber war, konnte ich dummerweise nicht erkennen, zu verschwommen war dieses komische Gebilde in einiger Entfernung. Die Gruppe schließt sich erneut, und jeder weitere Blick bleibt mir verwehrt. So ein Mist aber auch. Da hat man schon mal eine Leiche vor der Linse, und ich bin dermaßen lädiert, dass ich nur unscharfe Umrisse erkennen kann, ärgere ich mich. Apropos Linse, schießt es mir ins Hirn, vielleicht spielen mir meine Augen im Moment einen Streich, aber auf den Kopf gefallen bin ich noch lange nicht. Okay, das stimmt jetzt nicht ganz, denn vor gut zwei Stunden bin ich im wahrsten Sinne des Wortes auf den Schädel geflogen, aber meiner Kreativität tut das jedenfalls keinen Abbruch. Ich kruschtle in meiner Handtasche nach meinem Smartphone. Eins, zwei, drei – nach einem kurzen Moment und einem gekonnten Entsperrmanöver habe ich das Handy gezückt und halte mit der Kamera auf die Rücken der herumstehenden Männer in Uniform. Sobald sie beiseitegehen, drücke ich ab, so jedenfalls lautet mein Plan. Nur leider bewegt sich kein einziger dieser rumstehenden Schnarchzapfen auch nur einen einzigen Millimeter. Ich warte und warte, gespannt wie ein Flitzebogen mit der Linse im Anschlag, darauf, dass sich endlich die Gruppe teilt, so wie bei Moses das Meer, doch es passiert minutenlang rein gar nichts. Langsam fangen auch schon die Scheiben der alten Knatterkiste an zu beschlagen, oder ist das ein weiterer Schleier, der sich über mein Sehvermögen legt? Kein Wunder, dass sich der deutsche...




