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E-Book

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

Angelo Follow Us

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-27560-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

ISBN: 978-3-641-27560-0
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei Frauen, ein Deal, ein dunkles Geheimnis

Orla möchte unbedingt Schriftstellerin werden. Dafür braucht sie eine Agentur. Doch sie hat weder die Kontakte noch das Selbstbewusstsein, um auf sich aufmerksam zu machen. Also schreibt sie weiterhin Artikel für eine Klatsch-Website, die sie zu Tode langweilen. Bis sie Floss kennenlernt. Floss ist selbstbewusst, gut vernetzt – und will unbedingt berühmt werden. Die beiden Frauen vereinbaren einen Deal: Floss bringt Orla bei einer Agentur unter, wenn diese im Gegenzug ein paar Artikel über Floss schreibt. Eine harmlose Abmachung, von der beide profitieren. Oder? Zu spät begreift Orla, dass sie damit eine Reihe katastrophaler Ereignisse in Gang setzt, die die Privatsphäre aller bedrohen und einige sogar das Leben kosten wird.

Megan Angelo ist in Quakertown, Pennsylvania, aufgewachsen und hat an der Villanova University studiert. Sie hat u.a. bereits für The New York Times, The Wall Street Journal, Glamour and Elle geschrieben. Sie lebt mit ihrer Familie in Pennsylvania. Followe Me ist ihr Romandebüt.
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1

Orla

New York, New York

2015

Orla war ohne ihr Handy zu der schlechten Salatbar gegangen, weshalb sie erst nach einer Weile herausfand, dass Sage Sterling gestorben war. Man hatte Sage auf einem Liegestuhl am Pool des Hotels in Los Angeles gefunden, in dem sie seit einem Jahr gelebt hatte. Oft war sie so pleite gewesen, dass sie den Hotelangestellten kein Trinkgeld aus ihrer Handtasche, sondern gleich die ganze Tasche überreichte: abgenutzte Louis Vuittons, alte Balenciagas, bei denen die Hälfte der Fransen bereits abgerissen war. Die Pagen dankten ihr immer überschwänglich, nur um die Taschen dann schnell bei den Fundsachen zu deponieren.

Sage war launisch und schlampig und gelegentlich richtiggehend bösartig, und sie hielt in ihrem Zimmer ein Frettchen namens Mofongo. Trotzdem fühlten sich alle verpflichtet, freundlich zu ihr zu sein, denn außerhalb der Mauern des Hotelkomplexes wartete die Welt nur begierig auf ihr nächstes Missgeschick. Deshalb war es auch nichts Besonderes, wie die Angestellten später der Polizei gegenüber aussagten, dass niemand Sage aufhielt, als sie um etwa drei Uhr morgens an den Pool ging. Und es war auch nicht ungewöhnlich, dass niemand sie ansprach, als die Sonne aufging und sie tief und fest auf einer Liege schlief. Schließlich war sie dafür bekannt, dass nichts und niemand sie aufwecken konnte, sobald sie einmal eingeschlafen war. Paparazzi hatten Sage schon bei einem Schläfchen in abgetrennten VIP-Bereichen von exklusiven New Yorker Bars abgelichtet, in einem Skilift in Gstaad (sie hatte stundenlang darin ihre Runden gedreht) und sogar bei der Premiere eines ihrer letzten Filme, einem aufwendig animierten Abenteuerfilm, der auf dem Spiel Candy Crush Saga basierte. (Sage verkörperte einen der seltenen zitronengelben Spielsteine.) Mit zurückgelegtem Kopf hatte sie während des ganzen furchtbar schlechten Films geschnarcht. Jemand hatte sie dabei gefilmt, das Video wurde auf einem Nachrichtenportal namens Lady-ish.com veröffentlicht und ging sofort viral. Orla hatte es gepostet.

Sage hatte bis etwa acht Uhr morgens still am Pool gelegen, als ein Handtuchjunge sah, wie ihr eine Möwe direkt auf den Bauch kackte. Sage zuckte nicht einmal zusammen. Der Handtuchjunge – »Mitarbeiter des Handtuchservice«, wie er später einen Journalisten korrigierte – ging zu ihr und überlegte, welcher Teil ihres Körpers wohl am angenehmsten anzufassen wäre. Da sah er ihre blauen Lippen. Ihre Augen waren starr und halb geschlossen, wässrige Schlitze unter spröden Wimpern.

Er berührte ihre Schulter, die von der Sonne beschienen wurde. Sie war kalt.

Orla bestellte gerade ihren Salat, als die Nachrichten auf dem Flachbildschirm über ihrem Kopf eine Luftaufnahme des Hotels zeigten. Die Kamera kreiste über dem grauen Schieferdach und verharrte über den nichts ahnenden Werbetafeln am Sunset Boulevard. Der Nachrichtensprecher verkündete, dass irgendwo da unten Sage Sterling im Alter von siebenundzwanzig Jahren gestorben war.

Eine junge Frau hinter Orla, in schmuddeligen Flipflops und Kostümrock, sah von ihrem Handy auf und sagte gelangweilt: »Ich dachte, die wäre schon längst tot.«

Der kräftige Guatemalteke hinter dem Tresen seufzte und vermischte braunrandigen Romana-Salat mit seiner Zange, während Orla mit offenem Mund auf den Bildschirm starrte. Er wartete darauf, dass sie ein weiteres Topping auswählte. Orla tat immer eine ganze Weile so, als würde sie über weiteres Gemüse nachdenken, bis sie dann, als sei es ihr ganz plötzlich eingefallen, sagte: »Ach, einfach zweimal Croûtons, bitte.«

Der Mann vor Orla tippte in Großbuchstaben in sein Handy: SAGESTERLINGISTTOT! Als ob niemand davon erfahren würde, dachte sie, wenn dieser Typ die Neuigkeit nicht im Internet postete.

Nicht, dass sie sich so sehr von ihm unterschied. Im Büro von Lady-ish würde ihre Praktikantin bereits den Nachruf überprüfen, den Orla vor achtzehn Monaten für Sage geschrieben und den sie mit dem Vermerk Auf keinen Fall veröffentlichen, bevor … gekennzeichnet hatte. Sage war in den letzten Jahren in der Redaktion Orlas Hauptthema gewesen. Ingrid, Orlas Chefin, hatte schon früh Sage als Ursache für »irrwitzigen« Traffic auf der Website ausgemacht, nachdem ein Beitrag von Orla über Sages Nageldesign neunzigtausend Klicks in zehn Minuten eingebracht hatte. Von da an musste Orla zu allem, was Sage betraf, Artikel schreiben – wo sie sich aufhielt, welchen Mann oder welche Frau sie küsste, welches Kleid sie trug. Die Klicks wurden immer mehr, vor allem, als Sages Wutanfälle bekannt wurden: Sage packte die Kameras der Fotografen und zwang sie nach unten Richtung Gehsteig. Sage kratzte einen Türsteher so heftig, dass dieser beinahe erblindete. Sage stieß ihren Freund von der Jacht seiner Eltern. Für Storys, die an einem Tag über fünf Millionen Aufrufe erzeugten, erhielt Orla Bonuszahlungen. Sages Ausbruch auf der Jacht hatte Orlas Laptop finanziert. Jetzt versuchte sie sehr angestrengt, nicht darüber nachzudenken, wie viel ihr der Tod des Stars einbringen könnte, verdrängte den Gedanken an ein Paar Stiefel, das sie letztens in einem Schaufenster gesehen hatte – kniehoch und aus hellgrauem Wildleder, für Temperaturen, die noch Wochen entfernt waren. Vielleicht sogar Monate, angesichts der momentanen Hitze.

Orla entschuldigte sich bei dem Guatemalteken und trat ins Freie. Die Praktikantin würde Sages Nachruf unter Orlas Namen bereits veröffentlicht haben. Die Klicks würden durch die Decke gehen, Ingrid schier ausflippen. Nur dieses eine Thema würde heute im Internet wichtig sein. Orla konnte sich jetzt – sowohl zeitlich als auch finanziell – die gute Salatbar leisten.

An diesem Abend schrieb sie dreihundertsechsundneunzig Wörter für ihren Roman, während sie eine Datingshow im Fernsehen ansah. Eigentlich hatte sie sich sechshundert Wörter als Ziel gesetzt, doch die Show war zu fesselnd gewesen. Eine Finalistin hatte sich mit einem Taschentuch die Nase abgetupft und gestanden, dass sie bipolar war. Der haferbreigesichtige Moderator hatte die Augenbrauen gehoben und geantwortet: »Wow. Das hatten wir auch noch nicht.«

Orla nahm sich vor, am nächsten Tag mehr zu schreiben. Dreihundertsechsundneunzig Wörter konnte sie leicht auf sechshundert erweitern, wenn sie noch ein paar Informationen über die orthodoxen Juden einbaute, die sie allerdings erst noch recherchieren musste. Sie selbst kannte keine orthodoxen Juden, doch neben Themen wie Selbstfindung und weiblicher Sexualität sowie kleinen selbst gezeichneten Kritzeleien und Grafiken brauchte das Buch ihrem Gefühl nach einen oder zwei orthodoxe Juden, um edgy und relevant zu sein. Fürs Erste markierte sie jedoch die betreffenden Stellen und fügte am Rand den Vermerk »Noch ausbauen« hinzu.

Sie schrieb an einem Buch, das sie eigentlich gar nicht schrieb. Das Frustrierende war, dass sie das früher einmal sehr gut gekonnt hatte. Als Kind hatte Orla ihre Nachmittage über der elektrischen Schreibmaschine auf dem Zimmerteppich verbracht. Sie hatte nicht einmal Zeit, die blauen Schulkniestrümpfe auszuziehen, war so voller dringender, grotesker Tragödien. Zum Beispiel die von der mörderischen Küchenhilfe, die ihre kindlichen Opfer zu Tacofleisch verarbeitete, oder die von dem Baseballspieler, der von einem wilden Pitch getötet wurde, einem Fastball, der seine neun Töchter mit albernen Namen als Waisen zurückließ. Sie war ungeheuer produktiv.

Doch es gab einen bedeutenden Unterschied zwischen der Zeit in der zweiten Klasse und jetzt. Damals hatte sie noch kein Internet. Wenn sie jetzt mit einem Satz kämpfte oder gar nicht erst den Anfang fand, gab sie auf. Sie ließ ihren Blick von dem trostlosen Word-Dokument zu dem verlockenderen Bildschirm ihres Handys wandern. Plötzlich war es dann ein Uhr nachts, und sie reihte im Halbschlaf irgendwelche Sätze aneinander – wenn sie Glück hatte, in ihrem Manuskript, ansonsten bei Facebook.

Das ganze Scrollen und Starren hielt sie von ihrem großen Lebensplan ab. Orla hatte nämlich schon immer gewusst, dass sie nach New York – die Stadt der Schriftsteller – ziehen würde. Und genau das wollte sie sein. Als Kind hatte sie immer angenommen, dass die Romane in den Regalen der Buchläden allesamt von dem jeweils besten Schreibtalent einer amerikanischen Highschool stammen mussten, die als Erwachsene quasi automatisch zu Autorinnen und Autoren geworden waren. Auf ihrer Schule war sie das größte Talent gewesen und hatte ständig Preise für ihre überzeugenden Essays gewonnen, die von Dingen handelten, die mittlerweile keine Rolle mehr spielten. Sie hatte vom Governor eine Auszeichnung für ihren Artikel über Napster erhalten. Damals hatte sie sich fröhlich vorgestellt, dass New York nur auf sie wartete. Dann kam sie nach New York und stellte fest, dass dem nicht so war. Keinen interessierte ihre Auszeichnung. Sie lernte, was frühere Schulstars wirklich taten, sobald sie in die Stadt gezogen waren. Sie bloggten.

Seit sechs Jahren bloggte sie nun schon auf Lady-ish.com und versuchte genauso lange, ein Buch zu schreiben. Sie gab sich Mühe, ihre alten Lehrer zu ignorieren, die sie auf Facebook aufgestöbert hatten und die ihr zwischen FarmVille-Posts freudige Nachrichten hinterließen, dass sie schon gespannt auf ihr nächstes Projekt warteten.

Doch nicht die Voraussagen und Erwartungen ihrer...


Angelo, Megan
Megan Angelo ist in Quakertown, Pennsylvania, aufgewachsen und hat an der Villanova University studiert. Sie hat u.a. bereits für The New York Times, The Wall Street Journal, Glamour and Elle geschrieben. Sie lebt mit ihrer Familie in Pennsylvania. Followe Me ist ihr Romandebüt.



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