E-Book, Deutsch, Band 1, 131 Seiten
Reihe: Die Geheimnisse von Engeløya
Angelsen Die Tochter des Doktors
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98585-282-6
Verlag: Adrian & Wimmelbuch DIG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der große Erfolg aus Skandinavien
E-Book, Deutsch, Band 1, 131 Seiten
Reihe: Die Geheimnisse von Engeløya
ISBN: 978-3-98585-282-6
Verlag: Adrian & Wimmelbuch DIG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Norwegen, 1862: An einem frostigen Winterabend kehrt Dorfarzt Gabriel Høyer von einem Krankenbesuch nach Engeløya zurück, als sein Pferd plötzlich stehen bleibt. Am Straßenrand liegt ein lebloses Mädchen. Ohne zu zögern nimmt er es mit in seine Kutsche - doch weiß er, worauf er sich einlässt? Das gesamte Dorf steht vor einem Rätsel. Wer ist sie? Woher kommt sie? Und warum bleibt das Mädchen selbst stumm? Die geheimnisvolle Fremde sorgt für große Aufregung - nicht nur in Gabriels Haus, sondern in der ganzen Dorfgemeinschaft. Der Start der erfolgreichen Serie um den Ort Engeløya, in dessen Mittelpunkt das Doktorhaus Breidablikk steht, begeisterte in Norwegen und Schweden bereits das Publikum. Endlich auf Deutsch. Bestsellerautorin Trine Angelsen entführt die Hörer*innen in die atemberaubende Natur des norwegischen Vestfjords und gewährt einen Blick hinter die Fassade einer kleinen, eingeschworenen Dorfgemeinschaft.
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1
Das Pferd wirbelte Schnee auf, als es in großer Geschwindigkeit den Weg entlangtrabte. Die lange Mähne lag wie eine weiße Fahne über dem roten Fell. Hinten im Schlitten saß der Dorfarzt. Gabriel Høyer war erst fünfunddreißig, aber ein höchst respektierter Mann und allseits beliebt, sowohl wegen seines guten und milden Wesens als auch wegen seines Fleißes. Die Leute kamen nicht ohne Not zu ihm, denn es kostete Geld, den Arzt aufzusuchen. Aber als der gute Mann, der er war, nahm er gerne einen Klumpen Butter oder eine Tüte Kaffeebohnen für seine Arbeit als Bezahlung an. Einige wollten anschreiben lassen und es wurde ihnen oft erlaubt. Aber meistens zahlten die Leute. Ein paar Mal war ihm gesagt worden, er würde seinen Lohn im Himmel bekommen!
Doch nun hatte sich die Krankheit Diphtherie im Dorf ausgebreitet und in einer solchen Mission war er unterwegs gewesen. Es gab vieles, an das er sich gewöhnen musste, aber Kinder leiden zu sehen, war wohl das Allerschlimmste. Dieses Mal war es ein Junge von nur zehn Jahren, der die Halskrankheit bekam. Und wie immer hatte er die Familie über Sauberkeit belehren müssen. Sie sollten nicht aus demselben Becher trinken oder mit demselben Löffel essen. Ansonsten konnte er nur die Leiden des armen Kerls lindern und hoffen, dass er überleben würde.
Atemwolken stiegen sowohl aus dem Maul des Pferdes als auch aus dem Mund des Mannes und die Kälte stach ihnen ins Gesicht. Jetzt sehnte er sich nur noch nach Hause, wo er eine Weile vor dem Ofen in seinem privaten Amtsraum sitzen, heißen Kaffee trinken und vielleicht die Kekse probieren konnte, die von Weihnachten übriggeblieben waren. Er würde die Augen schließen und versuchen, zur Ruhe zu kommen, bevor er zu Bett ging. Es war jetzt spät und mehrere der Häuser, an denen er vorbeikam, dunkel.
Elen, seine treue Haushälterin, wartete sicher auf ihn. Er konnte sich vorstellen, wie sie am Küchentresen stand und in die Dunkelheit starrte. Auf Elen konnte er sich immer verlassen, sie war fast wie eine Mutter für ihn geworden, und er hatte ihr viel zu verdanken.
Er versank in Gedanken, in der sicheren Gewissheit, dass das Pferd von selbst den Weg nach Hause finden würde. Vor zwei Jahren war er glücklich verheiratet gewesen. Nur der Herrgott wusste, wie sehr er Rosa geliebt hatte. Sie hatte ihre Familie in Christiania verlassen, um ihm in die Nordlande zu folgen. Sie waren so glücklich gewesen und nichts konnte zerstören, was zwischen ihnen war. Das dachten sie zumindest damals. Sie war alles für ihn gewesen. Seine über alles große Liebe.
Als sie schwanger wurde, war das Glück vollkommen, und als die Wehen einsetzten, war er natürlich anwesend. Aber etwas ging schief. Das Kind steckte fest und er musste mit ansehen, wie ihr Leben langsam erlosch. Er versuchte alles, was ihn sein Studium und seine Erfahrung als Arzt gelehrt hatten, aber hier reichte es nicht aus. Gott hatte andere Pläne für sie.
»Weine nicht um mich«, hatte sie geflüstert, kurz bevor sie einschlief. »Eines Tages werden wir uns wiedersehen. Du, ich und unser kleines Kind. Im Himmelreich gibt es keine Tränen. Denk daran, mein Lieber. Ich warte auf dich.«
Gabriel verfiel in eine so tiefe Trauer, dass er glaubte, nie wieder daraus aufzutauchen. Sein Herz war gebrochen und er sah keinen Lichtblick mehr im Leben. Alles, was er sich wünschte, war zu sterben, damit er sie wiedersehen konnte. Er, der früher seinen Patienten über den Verlauf der Trauer gepredigt hatte. Dass sie weinen, all den Schmerz fühlen und sich dann über die kleinen Momente freuen sollten. Schließlich würden sie sehen, dass das Leben dennoch lebenswert war. All das vergaß er und weigerte sich, als Arzt weiterzuarbeiten.
Aber Elen war nicht bereit, so etwas zu akzeptieren. Sie rüttelte ihn wach, jagte ihn aus dem Bett, wenn er sich sträubte aufzustehen, und peitschte ihn zu täglichen Spaziergängen aus dem Haus. Als er eines Tages plötzlich gerufen wurde, weil eine Frau gebären sollte, meinte er, andere müssten sich darum kümmern. Er sei nicht in der Lage, jemandem zu helfen. Er wollte seine Sachen packen und das Dorf verlassen.
»Du hast einen Eid geschworen, den Leuten zu helfen«, erinnerte Elen ihn. »Du hast gefälligst rauszugehen und zu helfen. Rosa kommt nicht zurück, auch wenn du noch so viele andere Leute sterben lässt.«
Er ließ sich überzeugen und die Frau brachte einen großen und wohlgestalteten Jungen zur Welt.
An diesem Abend stieß er mit Elen mit Cognac an. Es war das erste und letzte Mal, dass sie ein alkoholisches Getränk probierte. Sie mochte es nicht, meinte, es könnte als Läusemittel oder Rattengift verwendet werden, aber wenn es ihn erfreue, würde sie ein Glas trinken.
Nach zwei Jahren waren die Trauer und die Sehnsucht immer noch da, aber dennoch spürte er, dass das Leben weiterging. Er dachte oft an das ungeborene Kind. War es ein Junge oder ein Mädchen gewesen? Er bildete sich ein, es wäre eine Tochter geworden, die ihrer Mutter ähnelte – ein Gedanke, der sich einfach festgesetzt hatte und ihn nicht loslassen wollte.
Irgendwo in der Ferne vernahm er das Heulen eines Tieres. Vielleicht war es ein Fuchs oder nur ein Hund. Das Pferd reagierte nicht, trabte einfach weiter. Die Hufe waren von weißem, langem Haar umgeben, in denen sich jetzt unzählige kleine Schneekugeln gesammelt hatte. Plötzlich scheute es zur Seite, tänzelte ein wenig herum und weigerte sich weiterzugehen.
»Brrrr, so ists gut, so ists gut.
»Was ist denn los, Melle?«, fragte er und straffte die Zügel. Die große Stute begann rückwärtszugehen und er schlug leicht mit den Zügeln über die Kruppe. Sie gehorchte und machte ein paar Schritte vorwärts, dann blieb sie stehen und schnaubte schwer durch die Nase.
Gabriel lehnte sich zur Seite, um herauszufinden, was sie erschreckte. Da sah er es. Etwas Braunes, es sah aus wie ein Mensch. Oder war es vielleicht nur ein Stein? Er befestigte die Zügel am Schlitten und ging hin, um genauer nachzusehen.
»Gott bewahre«, flüsterte er und starrte auf das leblose Mädchen. Schnell riss er sich den großen Bärenfellmantel vom Leib und wickelte sie darin ein. Dann setzte er sich mit ihr in den Schlitten und schlug hart mit den Zügeln. »So, los jetzt, Melle. Schnell, schnell!«
Das Pferd begann zu traben, aber nach einem weiteren Schlag mit den Zügeln ging es in einen rasenden Galopp über. Der Schnee wirbelte um sie herum auf und die Geschwindigkeit trieb ihm Tränen in die Augen. , schoss es ihm durch den Kopf, als er nach links abbog. Auf der rechten Seite passierte er das große Pfarrhaus und straffte die Zügel, während er das Pferd beruhigte.
Draußen auf dem Hof konnte er Elen am Küchenfenster sehen, kurz darauf kamen sowohl sie als auch der Knecht herausgelaufen.
»Kümmert euch um das Pferd, legt eine Decke über ihren Rücken und gebt ihr um Himmels willen kein kaltes Wasser.«
»Ja, ich weiß, ich weiß«, antwortete der Knecht und führte das Pferd weg.
Er hatte einen guten Umgang mit den Tieren und wusste genau, was zu tun war.
»Was bringst du da?«, fragte Elen und folgte ihm hinein.
»Ich habe sie gefunden. Ist es warm in der guten Stube?«
»Natürlich ist es das.« Sie watschelte hinterher, klein und rund, wie sie war. »Aber um Himmels willen, das ist ja ein junges Mädchen!«
Gabriel kommentierte es nicht, sondern legte das junge Mädchen auf ein Sofa und riss ihre Kleider auf. Dann legte er sein Ohr an ihre Brust und lauschte. Ja, das Herz schlug!
»Leg mehr in den Ofen, hol eine Daunendecke und eine Wolldecke.« Er war mit seinen Anweisungen noch nicht am Ende, bevor Elen schon den Raum verließ.
Der schmächtige Körper war nackt, als die Haushälterin mit allem zurückkam, und das Mädchen wurde eingepackt.
»Ist sie verletzt?«, fragte sie vorsichtig.
»Nicht, dass ich etwas feststellen kann«, sagte er leise. Er schwieg eine Weile, spürte Elens Nervosität hinter sich. »Ich werde die Nacht hier verbringen. Wenn du einen Kessel Kaffee kochen könntest, wäre das schön.«
Sie eilte hinaus und er wusste, dass sie mit belegten Broten und Kaffee zurückkommen würde.
Er hatte den ganzen Körper des Mädchens nach Anzeichen von Erfrierungen abgesucht, aber nichts deutete darauf hin. Vielleicht hatte sie nicht so lange dort gelegen?
Er beugte sich vor und strich ihr über das verfilzte, braune Haar. Es war genauso schmutzig wie der Rest ihres Körpers und vor allem ihre Kleider.
Er schätzte sie auf zwölf oder dreizehn Jahre, aber es war schwer zu sagen. Armenkinder waren oft klein gewachsen aufgrund mangelnder und nährstoffarmer Ernährung.
Elen kam mit Kaffee und Essen herein. Einige kleine Kuchen lagen auch auf dem Tablett. Sie stellte alles auf einem Tisch ab, bewegte ihren Kopf zur Seite und fragte: »Hat sie sich bewegt?«
»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Elen, geh einfach zu Bett. Du hattest einen langen Tag.«
»Und du?«
»Ich komme schon zurecht.«
Sie blieb trotzdem noch ein wenig stehen, knetete ihre molligen Hände. »Ich kann dir wenigstens eine Wolldecke holen.«
»Danke, aber es ist warm genug hier drinnen.« Er lächelte kurz. »Ruh dich jetzt aus, wir sprechen morgen früh.«
»Ja, ja.« Sie zögerte noch ein wenig, als wolle sie nicht loslassen von all dem, was gerade geschah. Elen wollte immer gerne helfen, egal worum es ging. Aber gerade in medizinischen Dingen durfte sie sich nicht einmischen.
Sie ging.
Eisblumen...




