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E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Angern Cholera

Louis von Angern ermittelt. Ein Fontane-Krimi
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95958-726-6
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Louis von Angern ermittelt. Ein Fontane-Krimi

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-95958-726-6
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Berlin, 1892: Als Baron Oscar von Jouquieres, ein reicher Fabrikant und aufstrebender Politiker, von einer Geschäftsreise zurückkehrt, erkrankt er an Cholera. Er hat sich in Hamburg angesteckt, in der Hansestadt grassiert eine Epidemie. Doch dank umfassender ärztlicher Pflege wird von Jouquiere wieder gesund. Einige Tage nach seiner Genesung erleidet er einen Unfall. An seiner Kutsche bricht ein Rad. Wie durch ein Wunder bleibt er unverletzt. Nach einem Theaterbesuch trifft ihn der nächste Schicksalsschlag: Der Baron wird ausgeraubt. Es kommt zu einem Handgemenge, bei dem der Fabrikant mit einem Messer tödlich verletzt wird. Kriminalpolizei-Inspektor Louis von Angern untersucht den Raubmord. Von Anfang an hat er Zweifel, dass die Cholera-Infektion und der Kutschenunfall Zufälle waren. Er vermutet ein politisches Komplott. Theodor Fontane, von Angerns väterlicher Freund, ordnet die Indizien und erkennt schließlich die wahren Zusammenhänge, die weniger erhaben sind, als gedacht ... Wolf von Angern, Urenkel des Kriminalinspektors Louis von Angern, hat in Cholera die ihm überlieferten handschriftlichen Notizen des Polizisten in ein romanhaftes Geschehen gekleidet - ein unwiderstehliches Lesevergnügen!

Wolf von Angern, geboren vor annähernd 60 Jahren in Berlin, ist als Rechtsanwalt etwas außerhalb der Hauptstadt tätig. Sein Großvater Louis von Angern war vor 1914 langjähriger Kriminalist bei der Berliner Polizei, ermittelte in Dutzenden schweren Verbrechen - und pflegte, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, eine Freundschaft zum berühmten Schriftsteller Theodor Fontane. Todeszeit ist der Auftakt einer mehrteiligen Folge von Kriminalromanen.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1. In der Morgue

Die Not lehrt beten, sagt das Sprichwort, aber sie lehrt auch denken.

Theodor Fontane, Wanderungen durch die Mark Brandenburg

HAMBURG, AUGUST 1893

Im Jahr 1893 stöhnte das Deutsche Kaiserreich über einen ungewöhnlich heißen Sommer. Seit Anfang August hatten die Tagestemperaturen permanent bei über dreißig Grad Celsius gelegen. Selbst die Nächte brachten kaum noch Abkühlung. In der Freien und Hansestadt Hamburg ging der Wasserstand der Elbe spürbar zurück. Der aufgeheizte Fluss stank faulig und modrig. Tierkadaver, Fäkalien und aller anderer nur denkbarer Unrat trieben in Richtung Cuxhaven und von dort aus weiter in die Nordsee.

Die Geruchsbelästigung nahm beständig zu. Obwohl die Hamburger durch die nur schwer zu ertragenden Miasmen des Fischmarkts und die offenen Abwassergräben einiges gewohnt waren, trauten sich viele Einwohner nur noch mit vor die Nasen gebundenen Tüchern auf die Straßen. Der Pesthauch war zwar schon unangenehm genug, aber das eigentliche Übel lag ganz woanders. Als äußerst verhängnisvoll erwies sich nämlich, dass der Pegel im Hamburger Hafenbecken bei Flut regelmäßig um knapp zwei Meter anstieg.

Diese simple Tatsache führte zu einer tödlichen Kettenreaktion: Das völlig verdreckte und inzwischen hochtoxische Wasser wurde flussaufwärts bis zur wichtigsten Wasserstation der Stadt gedrückt. Dort waren immer noch keine Filteranlagen vorhanden. Bei ihrem seit langem geplanten Bau hatte es Verzögerungen gegeben. Fest eingeplante Gelder waren einem anderen Verwendungszweck zugeführt worden. Doch nun, im glühendheißen Sommer des Jahres 1893, hatten diese menschlichen Unzulänglichkeiten gravierende Folgen. Es gab weder ersatzweise anzapfbare Tiefbrunnen noch irgendeinen Notfallplan. Deshalb musste das Trinkwasser direkt und ungeklärt aus der Elbe in die Leitungen gepumpt werden. Anderenfalls wären große Teile der Stadt von der Wasserversorgung abgeschnitten gewesen. Die warme, eklig schmeckende Brühe bildete eine perfekte Brutstätte für die verschiedensten Keime und Krankheitserreger. Das städtische Gesundheitsamt forderte zwar die Bevölkerung mit großformatigen Anschlägen an den Litfasssäulen auf, nur noch abgekochtes Wasser zu trinken und für die Speisenzubereitung zu verwenden. Aber längst nicht alle Leute hielten sich daran.

Es kam, wie es kommen musste: Am 14. August 1893 wurde der städtische Rinnenreiniger Albert Sahling ins Spital eingeliefert, weil er unter starkem Erbrechen und Diarrhöe litt. Seine Ausleerungen waren dünnflüssig, beinah farblos und schleimig. Sie erinnerten an Reiswasser oder Mehlsuppen. Das ließ auf Geschwüre des Dickdarms, Tuberkulose, Typhus oder Cholera schließen. Der Kranke wirkte stark benommen. Er befand sich in einem stadium asphycticum mit minimalem Pulsschlag und subnormaler Köpertemperatur. Stunde um Stunde schüttelten ihn immer stärker werdende Krämpfe. Weil die Ärzte die genaue Ursache noch nicht kannten, konnten sie ihm kein geeignetes Gegenmittel verabreichen. Die einzige Möglichkeit bestand in dem Versuch, die lebensbedrohlichen Symptome zu lindern: Um die Durchfallneigung zu vermindern, wurden dem städtischen Arbeiter Klistiere verabreicht. Sie enthielten Tannin als kräftiges adstringierendes Mittel. Gegen den starken Flüssigkeitsverlust verordneten die Doktoren regelmäßige intravenöse Infusionen von physiologischen Kochsalzlösungen. Den eigentlichen Kampf mussten die körpereigenen Abwehrkräfte ausfechten.

Doch der erhoffte Erfolg blieb aus. In der Nacht zum 15. August verschied Albert Sahling. Sein ausgemergeltes Gesicht hatte sich blaugrau verfärbt und war faltig geworden. Die Augen lagen tief in ihren schwarzumrandeten Höhlen.

Die Ärzte wussten zwar immer noch nicht genau, woran sie eigentlich waren, aber sie befürchteten das Schlimmste. Gleichwohl verhallte ihre Warnung an den Senat und an die Bürgerschaft ungehört. Niemand wollte die Verantwortung dafür übernehmen, einschneidende Maßregeln anzuordnen. Ohnehin wären alle Vorbeugemaßnahmen längst zu spät gekommen. Bereits einen Tag nach dem Tod von Albert Sahling, am 16. August 1893, brach in Hamburg die Cholera mit großer Wucht und Härte aus. Sie griff explosionsartig um sich. Tausende Menschen erkrankten binnen weniger Stunden. Die letale Quote lag bei fünfzig Prozent. Bis zum Februar 1894 starben in der Hansestadt von den amtlich erfassten sechzehntausendneunhundertsechsundfünfzig Cholera-Patienten mehr als die Hälfte, nämlich achttausendsechshundertfünf Personen. Hinzu kam eine nicht unerhebliche Dunkelziffer, weil viele Tote verscharrt oder in Kalkgruben geworfen wurden, ohne den Leichenbeschauer zu benachrichtigen.

Es mussten vor allem arme Menschen daran glauben, weil die hygienischen Verhältnisse in ihren Wohnquartieren am schlechtesten waren. Viele von den Patienten hatten sich bereits auf dem Wege der Besserung befunden. Aber die Seuche war tückisch. Nach einer Phase, in der die Durchfälle und das Erbrechen nachließen, der Pulsschlag wieder fühlbar und der Kranke ansprechbar wurde, die Sekretionen in Gang kamen und leichte Nahrung verabreicht werden konnte, trat urplötzlich die schwere Nierenerkrankung Choleranephritis auf, die erbarmungslos zu schweren Krämpfen und dann zum Tode führte.

*

BERLIN, 25. AUGUST 1893

Im weißgekalkten und halbhoch gefliesten Arbeitsraum des Berliner Leichenschauhauses in der Hannoverschen Straße 6, welches nach seinem Pariser Vorbild auch »Morgue« genannt wurde, saßen sich zwei ältere Herren gegenüber, die verschiedener nicht hätten sein können. Der eine war ein vierschrötiger Mann von Anfang fünfzig. Sein glänzender Schädel wurde lediglich von einem schütteren Haarkranz geschmückt. Der Graukopf hieß Conrad Ackermann und hatte tagtäglich mehr mit toten als mit lebenden Menschen zu tun. Als amtlich bestellter königlich-preußischer Leichenbeschauer durfte er nicht feinfühlig sein. Den üblen Geruch, der von den menschlichen Überresten ausging, versuchte er mit dem Paffen von bestialisch stinkenden schwarzen Stumpen zu bekämpfen. Ab und an half ihm ein Schluck aus einer Flasche mit hochprozentigem Kümmel, das flaue Gefühl in der Magengegend zu unterdrücken. Doch gegen die seelischen Verkrustungen, die der ständige Umgang mit der wohl schrecklichsten Form menschlichen Elends hervorrief, halfen weder beißender Tabakrauch noch scharfer Schnaps, noch eine Prise Galgenhumor. Es war eine in diesem Berufszweig allbekannte Tatsache: Die Toten fraßen die Seelen der Lebenden auf, jedenfalls derjenigen, die mit den verwesenden Überresten zu tun hatten. Conrad Ackermann war deshalb im Laufe der Jahre zu einem Misanthropen und Bärbeißer geworden, der gesellschaftliche Konventionen verachtete und nach seiner eigenen Fasson lebte. In einer konstitutionellen Monarchie, in der die Standesvorrechte des königlich-fürstlichen Hauses und die des Reichsadels in der Landesverfassung niedergeschrieben worden waren, war despektierliches Verhalten nicht vorgesehen. Der Leichenbeschauer wurde trotz seiner Schrullen noch im Amt geduldet, weil er auf seinem Gebiet ein exzellenter Fachmann war, für den sich nur schwerlich geeigneter Ersatz finden ließ.

Bei dem anderen älteren Herren handelte es sich um einen Besucher, auf dessen Gesellschaft der Leichenbeschauer nur gar zu gern verzichtet hätte: Der Kreisphysikus Franz von Baudessin war von dürrer, hochaufgeschossener Gestalt. Mit seiner spitzen Nase und den bleichen Gesichtszügen wirkte er wie ein Wiedergänger vom Totenacker. Doch er war ein Mann von großem Einfluss. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die gesundheitlichen Verhältnisse in der gesamten Stadt zu beobachten. Wenn seiner Meinung nach Gefahr im Verzuge war, konnte er die notwendigen Verfügungen erlassen, um beispielsweise gemeingefährliche Krankheiten abzuwehren. Damit hielt er eine große Machtbefugnis in den Händen. Aber er war ein Diener zweier, wenn nicht gar dreier Herren. Er unterstand sowohl dem Polizeipräsidenten als auch dem Regierungspräsidenten. Die Berufung in das Amt wiederum war durch den preußischen Minister für Kultus und Medizinangelegenheiten erfolgt.

Es lag in der Natur der Dinge, dass Franz von Baudessin aufpassen musste wie ein Luchs, wenn er nicht zwischen allen Stühlen sitzen wollte. Der Polizeipräsident, der Regierungspräsident und auch der Minister für Kultus und Medizinangelegenheiten waren in vielen Fragen völlig unterschiedlicher Meinung. Doch allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann. Das bedeutete für das Amt eines Kreisphysikus, dass sich nur ein aalglattes, mit allen Wassern gewaschenes Naturell über längere Zeit auf diesem wohlbestallten Posten halten konnte.

Franz von Baudessin besaß zwar eine Approbation als Arzt und hatte seine medizinische Doktorwürde gemäß den gesetzlichen Vorschriften an einer preußischen Universität erworben, doch seine fachlichen Kenntnisse reichten bei weitem nicht an sein politisches Talent heran. Vor allem sein Hang zum Lavieren war der Grund dafür, dass er nicht zu den Freunden von Conrad Ackermann gehörte. Außerdem stand der Adlige bereits durch seine Herkunft eine gesellschaftliche Stufe über dem Leichenbeschauer. Aber ab und zu berührten sich ihre Kreise – so wie an diesem Tag.

Conrad Ackermann war zwar ein Hagestolz, aber kein Idiot. Als Gastgeber gab er sich Mühe, seinem Besucher alles zur Zufriedenheit zu richten, auch wenn er diesen nicht leiden mochte. Ohne zu...


Wolf von Angern, geboren vor annähernd 60 Jahren in Berlin, ist als Rechtsanwalt etwas außerhalb der Hauptstadt tätig. Sein Großvater Louis von Angern war vor 1914 langjähriger Kriminalist bei der Berliner Polizei, ermittelte in Dutzenden schweren Verbrechen – und pflegte, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, eine Freundschaft zum berühmten Schriftsteller Theodor Fontane. Todeszeit ist der Auftakt einer mehrteiligen Folge von Kriminalromanen.



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