Angern | Todeszeit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Mörderischer Osten

Angern Todeszeit

Ein Fontane-Krimi
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95958-712-9
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Fontane-Krimi

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Mörderischer Osten

ISBN: 978-3-95958-712-9
Verlag: Bild und Heimat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Am 1. April 1893 wurde im ganzen deutschen Kaiserreich die Mitteleuropäische Zeit eingeführt, und zwar nach den Balkanstaaten, Österreich-Ungarn und Italien, aber vor den nordischen Ländern und weit vor den Benelux-Staaten. Kriminalkommissar Louis von Angern untersucht einen Raubmord, der sich am 15. März 1893, also zwei Wochen vor eben jener historischen Zeitumstellung, in Berlin ereignet hat. Ein Jahr später kann er endlich einen Verdächtigen ausmachen. Er muss ihn aber wieder laufen lassen, weil der Beschuldigte für die Todeszeit ein hieb- und stichfestes Alibi hat, das durch mehrere unabhängige Zeugen bestätigt wird. Sein väterlicher Freund und Ermittlungspartner im Geiste Theodor Fontane gibt den entscheidenden Hinweis, dass die Zeitangaben falsch sein müssen. Sie differieren um die entscheidenden zehn Minuten, weil zum Zeitpunkt des Verbrechens noch die Berliner Zeit galt ... Todeszeit beruht auf wahren Tatsachen, die sich als umfangreiches handschriftliches Konvolut im Nachlass des »echten« Louis von Angern fanden und die sein Enkel in ein romanhaftes Geschehen kleidete. Ein rasanter Krimi in der pulsierenden Hauptstadt des wilhelminischen Deutschland, ein vertrackter Fall, ein gewitzter Kriminalist und ein alternder Großschriftsteller als ermittelnder Ideengeber - kurzum: Ein unwiderstehliches Lesevergnügen!

Wolf von Angern, geboren vor annähernd 60 Jahren in Berlin, ist als Rechtsanwalt etwas außerhalb der Hauptstadt tätig. Sein Großvater Louis von Angern war vor 1914 langjähriger Kriminalist bei der Berliner Polizei, ermittelte in Dutzenden schweren Verbrechen - und pflegte, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, eine Freundschaft zum berühmten Schriftsteller Theodor Fontane. Todeszeit ist der Auftakt einer mehrteiligen Folge von Kriminalromanen.
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2. Das Geständnis

Um acht oder wenig später werden auf dem sechs
Meter im Quadrat großen Hof Decken geklopft.
Ehe man noch fertig ist, erscheint ein Leierkasten-
mann. Ein Glück, dass das Deckenklopfen noch
nicht ganz fertig ist. So frisst eins das andere auf.

Theodor Fontane in einem Textfragment
aus dem Jahr 1893

Berlin, 15. März 1893

Das Polizeipräsidium am Alexanderplatz war nach dem Stadtschloss das größte Gebäude der Stadt. Es umschloss acht offene Höfe und eine glasüberdachte Kuppelhalle im Zentrum. Außer den vielfältigen Büroräumen beherbergte es mehrere Dienstwohnungen, Stallungen, Wachlokale für die berittene Schutzmannschaft sowie einen Komplex von Arrestzellen. Darin konnten nach der gültigen preußischen Belegungsvorschrift für Zuchthäuser dreihundert Männer und hundert Frauen untergebracht werden. Wenn einmal Not am Manne sein sollte, ließ sich die Zahl der Inhaftierten aber problemlos verdoppeln.

Kommissar Paul Bärenzung war seit fünfzehn Jahren im Dienst und zuständig für die leichten Mordfälle. Er nannte ein kleines Bäuchlein sein eigen, trug einen üppigen Schnauzbart und hatte glatt nach hinten gekämmtes Haar, das sich am Hinterhaupt bereits stark lichtete. Der Kriminalpolizist zählte nicht zu den großen Leuchten seines Standes, und sein Fachwissen war auch nur eng begrenzt. Aber er konnte gut kombinieren und verfügte darüber hinaus über eine bei Menschen seines Standes seltene Eigenschaft, nämlich eine Engelsgeduld. Auch ließ er sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Es machte ihm überhaupt nichts aus, zehnmal hintereinander die gleiche Frage zu stellen, wenn ihm die Antwort nicht gefiel. In der Unterwelt wurde er deshalb auch respektvoll »Klebefinger« genannt, denn wenn er sich erst einmal mit einem Verdächtigen befasste, wurde der ihn so schnell nicht wieder los.

Das Büro des Kommissars lag ebenerdig im Nordflügel und war nur einen Quergang vom Zellentrakt entfernt. Morgens um zehn Uhr hatte sich Bärenzung einen gewissen Simon Landshoff bringen lassen. Der Achtunddreißigjährige bezeichnete sich als »Agent für Häuser und Hypotheken«. Er war des Mordes verdächtig an der hauptberuflichen Schneiderin und Häklerin Sally Dennerlein. Selbige hatte sich ein Zubrot als Amüsiermatratze, Chaiselongue-Akrobatin und Lastermilbe verdient. Inzwischen taugte sie allerdings nur noch als Präparationsobjekt für Studiosi der medizinischen Wissenschaften, die eine heimliche Freude daran empfanden, in den abgekühlten Gedärmen fremder Menschen zu wühlen.

Simon Landshoff war ein extrem hellhäutiger Mensch mit dünnem weißblondem Haupthaar. Er sah aus, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Der Häftling war mittelgroß und spindeldürr. Er hatte lange wachsbleiche Finger, die wie Spinnenbeine wirkten. Landshoff war bereits am Abend zuvor, unmittelbar nach dem Mord, verhaftet worden. Der Kriminalbeamte hatte ihn mit voller Absicht zwölf Stunden lang schmoren lassen, um ihn weichzukochen. Er war der einzige Tatverdächtige, und er saß hinter Gittern. Das Einzige, woran es noch mangelte, war ein umfassendes Geständnis.

Das Signalement hatte der Kanzleisekretär gleich nach der Einlieferung angefertigt. Der Kommissar studierte die Angaben Punkt für Punkt und versuchte, sich ein erstes Bild zu machen. Er ließ sich Zeit dabei. Die Minuten verrannen.

Schließlich hielt es der Untersuchungshäftling nicht länger aus und sagte: »Falls die Schrift schwer lesbar sein sollte, kann ich gerne alles noch einmal mündlich vortragen. Also ich heiße …«

Paul Bärenzung hielt den rechten Zeigefinger an den Mund und schüttelte den Kopf. Simon Landshoff sackte in sich zusammen. Er hatte sich nach seiner Einlieferung gründlich waschen dürfen. Er war mit Gefängnisdrillich eingekleidet worden, weil seine blutbeschmutzten Privatkleider zu nichts mehr zu gebrauchen waren.

Der Kommissar hatte in seinem Leben schon so einiges erlebt und wollte kein Risiko eingehen. Deshalb musste der Untersuchungshäftling auch weiterhin Handschellen tragen, obwohl er inzwischen so harmlos wie ein Messdiener wirkte. Der Kriminalbeamte konnte sich noch sehr gut an den Fall der verhinderten Selbstmörderin Adalgunde Engelbach erinnern, einer ätherischen Person von außergewöhnlicher Schönheit, die mitten in der Befragung ohne jede Vorwarnung aufgesprungen war und ihm schmerzhaft in die Nase gebissen hatte.

Bärenzung registrierte ganz genau, dass sein Gegenüber bereits nach einigen Minuten des eisernen Schweigens ungeduldig auf dem Stuhl hin und her zu rutschen begann. Das war ein gutes Zeichen. Bald würde sich die Zunge des Arretierten ganz wie von allein lösen. Der Kommissar ließ ihn noch eine Weile zappeln. Erst als die Spannung im Raum nahezu greifbar wurde, nahm er die Glocke auf dem Schreibtisch und schellte. Kurz darauf betrat ein Protokollant, der wie eine graue Maus wirkte, den Raum. Er setzte sich in der Ecke an ein kleines Pult mit einer Bank davor, raschelte mit Papier, entkorkte das Tintenfass und leckte die Feder an.

Nachdem wieder Ruhe im Verhörzimmer eingekehrt war, fragte der Kriminalbeamte in einem freundlichen Ton, der ehrliches Interesse heucheln sollte: »Was tut ein ›Agent für Häuser und Hypotheken‹ anderes als ein Makler? Wodurch unterscheiden sich diese beiden Berufe?« In Wahrheit interessierte ihn das nicht die Bohne. Bei seinem bescheidenen Gehalt würde er sich nie ein Haus in guter Lage leisten können. Es ging ihm lediglich darum, eine Beziehung zu dem anderen Menschen aufzubauen. Der Kommissar stellte sich nämlich einen Tatverdächtigen immer wie eine Burg vor, die vom Feind belagert wurde. Die Staatsmacht war der Angreifer. Damit man in das Innere der Festung gelangen konnte, musste zuerst von innen die Zugbrücke herabgelassen werden. Und das bedurfte eines gewissen Verständnisses für die Gegenseite. Auch wenn es danach ständig vergiftete Pfeile in Form von Lügen und Halbwahrheiten regnen würde.

Die Burgmauern niederzureißen und einen Eispanzer aus Schweigen zu durchbrechen bedeutete harte Arbeit. In der Not half dann nur noch das bekannte Sprichwort weiter: »Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen.« Eine Lüge hingegen war wie ein bunter Vogel in einer weißen Winterlandschaft. Sie zu erkennen stellte selten ein Problem dar. Gute Lügner gab es kaum. Eine perfekte Lüge musste ganz nah bei der Wahrheit liegen, um nicht als eine solche erkannt werden. Die meisten Lügner schmückten ihre Berichte jedoch so farbenfroh wie möglich aus und erwähnten Details, die sie eine Stunde später bereits wieder völlig vergessen hatten. Außerdem lächelten sie an unpassenden Stellen, spielten mit ihren Fingern und senkten den Blick. Berufsverbrecher wussten, dass Lügen kurze Beine hatten, und hielten sich stattdessen lieber an die Regel »Quatsch nicht, Krause«. Oder sie gaben nur das zu, was ganz offensichtlich war.

Simon Landshoff gehörte ganz eindeutig nicht zur Riege der Professionellen. Er war ein blutiger Laie, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Er wirkte sichtlich erleichtert, nun endlich etwas sagen zu dürfen. »Ein Makler hat Häuser im Angebot und sucht die passenden Käufer dazu. Ich hingegen ermittle im Auftrag meiner Kunden geeignete Objekte und sorge – falls es gewünscht wird – für die Finanzierung. Der Makler ist der Klavierspieler, ich bin der Pianist. Oder im Vergleich mit militärischen Rängen: Ein Makler zählt als Unteroffizier, ich hingegen bin der Hauptmann.«

»Aber ich muss Sie jetzt nicht als Herr Hauptmann anreden, nicht wahr?«

Simon Landshoff lächelte verlegen. »Nein, natürlich nicht. Das war lediglich ein Vergleich.«

»Schlägt sich das höhere Niveau auch im Wert der Häuser nieder?«

»Selbstverständlich. Makler verhökern Kätnerklitschen in den Vorstädten. Ich hingegen vermittle Renditeobjekte im Stadtzentrum und hochherrschaftliche Häuser am See.«

Der Kommissar kratzte sich am Kopf. »Aha, ich verstehe. Wenn ich also nach Ihrer Haftentlassung zu Ihnen käme und sagte, ich würde eine Villa mit Remise suchen, die auf einem dreitausend Quadratmeter großen Grundstück in Waldnähe gelegen sein soll, dann würden Sie mir im Handumdrehen ein solches Anwesen besorgen können, einschließlich einer ausreichenden Hypothek?«

»Sicherlich, sofern Sie über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen«, antwortete Simon Landshoff reichlich blasiert.

»Dann verdienen Sie also sehr gut in Ihrem interessanten Beruf?«

»Ich kann nicht klagen.«

Der Kommissar runzelte die Stirn und fragte nach: »Nehmen wir einmal an, es ist so, wie Sie es sagen. Weshalb wohnen Sie dann zur Untermiete bei einer Wirtin namens Siegmunde Wallmeyer, und zwar am Arsch der Welt in der Christianastraße? Das ist eine Gegend, wo die meisten Menschen noch nicht einmal tot überm Zaun hängen wollten.«

Der Agent für Häuser und Hypotheken zuckte zusammen, als hätte er einen Schlag mitten ins Gesicht bekommen. Seine Selbstsicherheit war verflogen. »Ich, ich stehe erst ganz am A-Anfang meiner Ka-Karriere«, stotterte er.

»Wie viele Villen haben Sie bislang vermittelt?«

Der Agent senkte den Kopf. »Noch gar keine.«

»Hochherrschaftliche Häuser?«

»Ebenso wenig.«

»Andere Objekte?«

»Null.«

Der Kommissar schaute auf die Karteikarte mit dem Signalement. »Sie sind 1855 geboren worden und dürften seit den glorreichen Jahren 1870, 1871 flügge sein, als wir die Franzmänner in ihre...


Wolf von Angern, geboren vor annähernd 60 Jahren in Berlin, ist als Rechtsanwalt etwas außerhalb der Hauptstadt tätig. Sein Großvater Louis von Angern war vor 1914 langjähriger Kriminalist bei der Berliner Polizei, ermittelte in Dutzenden schweren Verbrechen - und pflegte, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, eine Freundschaft zum berühmten Schriftsteller Theodor Fontane. Todeszeit ist der Auftakt einer mehrteiligen Folge von Kriminalromanen.



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