Angetter-Pfeiffer | Rausch, Gift und Heilung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Angetter-Pfeiffer Rausch, Gift und Heilung

Irrwege und Umwege medizinischer Behandlungen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-903441-40-8
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Irrwege und Umwege medizinischer Behandlungen

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-903441-40-8
Verlag: Amalthea Signum
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Unglaublich aber wahr Wussten Sie, dass Drogen, Alkohol und selbst die Tabakpflanze aus der heutigen Medizin nicht wegzudenken sind, dass Aderlass und Blutegel noch im 21. Jahrhundert zur Lebensrettung beitragen? Nicht nur Sebastian Kneipp verbreitete, was Güsse mit kaltem Wasser vermögen, sondern Eisbaden ist wieder in und Kälte wird sogar in der Krebstherapie eingesetzt. Ins Gehirn zu bohren, um psychisch Kranke zu heilen, war den Nobelpreis wert, heute profitieren Schlaganfallpatienten davon. Staunen Sie darüber, was man nicht alles tat, um schön und schlank zu sein. Erfahren Sie, warum Beethoven mittels Knochenleitung auch als Schwerhöriger noch komponieren konnte und wie dieses Phänomen heute in der Medizin genutzt wird. Und wie viele andere vermeintliche Kuriositäten und absurde Behandlungen jetzt wieder neu entdeckt werden.

Daniela Angetter-Pfeiffer, Dr., geboren in Wien, studierte Geschichte und Germanistik und ist am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Die aktive Notfallsanitäterin befasst sich intensiv mit Medizin-, Militär-, (Natur-) und Wissenschaftsgeschichte, Notfall- und Katastrophenmedizin.
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Einleitung


Aderlass, bis der Patient nahezu ohnmächtig wird, Operationen und Amputationen ohne Narkose, Wundversorgung durch Glüheisen, Löcher in den Schädel bohren, um Verletzungen oder psychisch kranke Personen zu heilen, Quecksilber zur Bekämpfung der Syphilis oder mit eiskaltem Wasser Infektionskrankheiten kurieren. Die Vorstellung solcher medizinischer Maßnahmen lässt uns heute einen kalten Schauer über den Rücken laufen und froh sein, dass das »finstere« Mittelalter Geschichte ist.

Doch viele unserer heutigen medizinischen Behandlungsmethoden haben ihren Ursprung im Mittelalter, wenn nicht sogar schon in der Antike. Obwohl man noch nichts von Bakterien und Viren wusste, geschweige denn auf Erkenntnisse der Mikrobiologie zurückgreifen konnte, hatten sowohl gelehrte Mediziner als auch handwerklich ausgebildete Chirurgen, Wundärzte und Bader oft ein Näschen beziehungsweise Händchen dafür, was ihren Patienten guttat. Genau dieses Wissen, das auf (Selbst-)Versuchen und Erfahrung aufbaute, ebnete unserer modernen Medizin den Weg.

Sind Opiate heute in der Anästhesie, in der Notfall- und Intensivmedizin beziehungsweise zur Behandlung starker Schmerzen nicht wegzudenken, soll künftig verstärkt mit Cannabis, Magic Mushrooms und Ecstasy bei bestimmten Fällen von posttraumatischen Belastungsstörungen oder Depressionen therapiert werden, so verabreichte man bereits in der Antike verschiedenste Drogen unter anderem zur Schmerzbekämpfung, zur Linderung von Magen- und Darmbeschwerden, beim Geburtsvorgang, zur Heilung von Wunden, vor Operationen und bei diversen Erkrankungen und Vergiftungen. Äther war schon im 13. Jahrhundert bekannt, auch wenn er als Narkosemittel erst im 19. Jahrhundert seinen Durchbruch erzielte. Natürlich konnte man es mit diversen Substanzen auch übertreiben: Heroin im Hustensaft oder zur Schmerzlinderung beim Zahnen der Babys, Kokain in Wein, Sekt, Zuckerln und Limonaden sowie Ätherpartys trugen nicht gerade zur medizinischen Empfehlung »So viel an Drogen wie nötig und so wenig wie möglich« bei.

Wer kann sich heute noch vorstellen, dass man gegen Asthma Zigaretten empfahl, und das bis in die 1980er-Jahre. Selbst wenn wir alle wissen, wie gefährlich das Rauchen für die Gesundheit sein kann, so sind Tabakpflanzen heute ein wichtiger Bestandteil in der medizinischen und pharmakologischen Forschung. Sie dienen als Produktionsstätte von Antikörpern. Forschungen im 21. Jahrhundert befassen sich zudem mit einer möglichen positiven Auswirkung des Rauchens auf Parkinson und Darmerkrankungen. Die Hoffnung, mit dem Einblasen von Nikotin in den Darm Menschen wiederzubeleben, erfüllte sich allerdings nicht. Vielleicht mag es dafür verwundern, wie viele unserer häufig verwendeten Arzneimittel Alkohol enthalten.

Nicht nur Drogen sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken, auch Pflanzengift wird zur Heilung benötigt. Warnt man speziell Bärlauchsammler vor Verwechslungen mit Maiglöckchen und Herbstzeitlosen, so kommt die Medizin ohne Colchicin, ein Medikament, das aus der Herbstzeitlose gewonnen wird, nicht aus. Das wusste man bereits in der Antike, und seit 2009 ist das Präparat von der United States Food and Drug Administration, der Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, wieder zugelassen und wird auch in Österreich verschrieben. Hände weg vom Fingerhut – nur dann nicht, wenn man unter einer zu geringen Herzleistung leidet, denn in dem Fall kann das Gift Leben retten. War es in früheren Zeiten Heroin, das den Husten erleichtern sollte, ist es heute Efeu, obwohl alle Teile der Pflanze giftig sind. Schwor bereits die Äbtissin Hildegard von Bingen auf Arnika, so hilft diese Giftpflanze heute bei Schmerzen im Bewegungsapparat und stumpfen Verletzungen. Zu den vermutlich schlimmsten Diagnosen zählt eine Krebserkrankung. Doch Vorsicht ist bei der vielfach propagierten Misteltherapie geboten.

Wellness, Entschleunigung, Work-Life-Balance … Man muss etwas Gutes tun für Körper, Geist und Seele. Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hieß dies mitunter Aderlass. Regelrechte Partys wurden veranstaltet, oft beginnend mit einem entspannenden Bad, dann folgte die Ausleitung des Bluts, und danach wurde man mit einem Mahl wieder gestärkt. Doch Vorsicht! Zu viel an Blutverlust kostet das Leben. Heute kann diese Maßnahme bei bestimmten Bluthochdruckpatienten oder bei Patienten, die an der Eisenspeicherkrankheit leiden, äußerst wichtig sein. Man ist jedoch längst nicht mehr so blutrünstig wie in der Antike oder im Mittelalter. Statt eineinhalb bis zwei Liter Blut reichen heute oft wenige Milliliter.

Manchmal benötigt die moderne Medizin Hilfe aus dem Tierreich: So stützt sich die Transplantationsmedizin auf Blutegel, ein Wissen, das man bereits in der Antike hatte. Rund 50 Mal werden sie pro Jahr im Wiener Allgemeinen Krankenhaus eingesetzt, aber auch in anderen renommierten Kliniken wie der Berliner Charité.

Nicht erst seit Sebastian Kneipp ist bekannt, dass man mit Wasser heilen kann. Bereits in der Antike kurierte man mit kaltem Wasser. Nicht verwunderlich, dass seit einigen Jahren der Trend zum Eisbaden – ein Fan davon ist übrigens die britische Thronfolgerin Prinzessin Kate – immer mehr zunimmt und es sogar Eisbadewannen für zu Hause gibt. Aus der anfänglichen »Kurmedizin«, die Sebastian Kneipp und Vincenz Prießnitz vertraten, entwickelte sich die Hydrotherapie als Wissenschaft. Aber auch das berühmte Wiener Gänsehäufel verdankt sein Entstehen den Ideen von Kneipp und Prießnitz. Und wem kaltes Wasser nicht reicht, der könnte noch barfuß durch Schnee und Eis laufen oder spärlich bekleidet den Mount Everest erklimmen.

Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache in vielen Zivilisationsländern wie auch in Österreich. Ein Loch im Kopf kann in dieser Akutsituation Leben retten, weil es zur Druckminderung im Gehirn führt. Ein Loch in den Kopf zu bohren, war im Jahr 1949 sogar den Nobelpreis wert, die Ursache dafür allerdings fragwürdig. Psychiatrische Patienten sollten mit einem Herumstochern im Gehirn gefügig und apathisch gemacht werden. Der Held für die unter solchen Patienten leidenden Anverwandten oder Pflegekräfte war Walter Freeman. Eines seiner bedauernswerten Opfer war Rosemary Kennedy, die Schwester von John F. und Robert F. Kennedy, die nach dem Eingriff schwerbehindert war. Aber das eingesetzte, als »Lobotomie« bezeichnete Verfahren ist aus der heutigen Medizin nicht wegzudenken und kann bei Epilepsiepatienten zu positiven Entwicklungen führen.

Leuchtende Fingernägel, strahlende Zähne und gefärbte Haare – dieses Aussehen musste von den sogenannten Radium Girls mit schweren körperlichen Schäden und teilweise sogar mit dem Tod bezahlt werden. Die Fabrikarbeiterinnen färbten unter anderem Ziffernblätter von Uhren mit einer radioaktiven Leuchtfarbe ein. Radium, eine »der größten Entdeckungen der Geschichte«, ist also Fluch und Segen zugleich, denn Brachytherapien und Radiojodtherapien gehören heute zu wichtigen Behandlungsmöglichkeiten. Ebenso hat das radioaktive Edelgas Radon therapeutische Wirkung. Das nutzen Patienten zum Beispiel im Gasteiner Heilstollen, selbst wenn Kritiker immer wieder behaupten, eine Kur sei nicht mehr zeitgemäß, insbesondere hinsichtlich der Kosten im Vergleich zum medizinischen Nutzen. Es liegt wohl auch an der Bereitschaft der Bevölkerung, generell im Lebensalltag bezüglich Prävention einiges selbst für ihre Gesundheit beizutragen.

Vor Kurzem lernte ich durch Zufall einen jungen Mann kennen, der geistig schwer beeinträchtigt ist. Der Grund dafür ist eine Syphiliserkrankung, die nicht rechtzeitig erkannt wurde. Eigentlich war ich schwer geschockt, dass dies im 21. Jahrhundert noch passieren kann. Doch diese Horrorseuche lässt uns seit Jahrhunderten nicht los und ist aktuell wieder stark im Kommen. Laut der Weltgesundheitsorganisation stecken sich jährlich rund sieben Millionen Menschen neu an. Lange Zeit galt Quecksilber als das Mittel dagegen, gefolgt von Arsen, bis ein Schimmelpilz die Welt revolutionierte. Und auch wenn der Entdecker Alexander Fleming hieß und aus Schottland stammte, darf Österreich stolz darauf sein, einen wesentlichen Beitrag in der Penicillinforschung geleistet zu haben und noch immer zu leisten. Alles begann damit, dass eine österreichische Bierbrauerei im tirolerischen Kundl zum Penicillin-Imperium avancierte und darüber hinaus intensiv mit der Universität Wien zusammenarbeitete.

Was ist eigentlich schön? Ein makelloser Körper, ein bestimmter Body-Mass-Index, eine enge Taille oder das richtige Makeup? Fragen, die uns seit der Antike beschäftigen. Aber was setzte man nicht alles dazu ein: Bandwürmer, die mitaßen und zum Gewichtsverlust beitragen sollten, ebenso wie Traubenkuren, Strychnin oder die aromatische Kohlenstoffverbindung Dinitrophenol. Antimon sorgte für ein hübsches Aussehen und Arsen für einen rosigen Teint. Vor allem die Steirer wissen das. Sprach die Natur gegen den Menschen, half man bereits in der Antike mit Schönheitsoperationen nach. Da könnte die vor Kurzem in Österreich auf den Markt gekommene Aleppo-Seife eine gute Alternative sein. Seit etwa 4000 Jahren hergestellt, besteht sie aus Oliven- und Lorbeeröl, wirkt gegen durch Pilze verursachte Erkrankungen, spendet der Haut Feuchtigkeit und wird bei Schuppenflechte, Ekzemen oder Akne angewandt.

Wenn auch verschiedene medizinische Gerätschaften aus heutiger Sicht nach Marterung klingen mögen, sie wirken tatsächlich positiv auf unsere Gesundheit. Streckbänke verbinden wir wohl eher mit einem Folterinstrument als mit einem positiven Effekt auf die Wirbelsäule....


Daniela Angetter-Pfeiffer, Dr., geboren in Wien, studierte Geschichte und Germanistik und ist am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Die aktive Notfallsanitäterin befasst sich intensiv mit Medizin-, Militär-, (Natur-) und Wissenschaftsgeschichte, Notfall- und Katastrophenmedizin.



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