E-Book, Deutsch, 468 Seiten
Anhelm Winterbachs Spiegelsaal
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-7603-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
oder Im Anfang der Geschichten
E-Book, Deutsch, 468 Seiten
ISBN: 978-3-7578-7603-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fritz Erich Anhelm, geb. 1944, studierte Germanistik und Pädagogik und promovierte in Politischen Wissenschaften. Er war Generalsekretär des Zusammenschlusses Evangelischer Akademien in Deutschland, der Vereinigung Ökumenischer Tagungszentren in Europa und Direktor der Evangelischen Akademie Loccum.
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ZWEITES KAPITEL
Der verdrängte Widerspruch
WINTERBACH, DER KOMPONIST und Moderator. Heraklit, der Aristokrat und Beerensammler. Vom Denken und der Wirklichkeit. Winterbachs Waldspaziergang und Unstets Ausflug in die jüngere Geschichte. Susanne Landmanns Männerkarriere. Reflexionen über die geschminkte Realität und die Konfrontation mit dem sozialen Konflikt.
WIE DER OST-WEST-GEGENSATZ zu einem Kunstgebilde wurde und die Industriekultur in soziale und ökologische Krisen führte. Unstet doziert. Susanne Landmann wehrt sich. Und Winterbach macht sich lustig.
DIE GROSSE KOMPENSATION und was dabei auf der Strecke bleibt. Eine arme Mehrheit und die Natur. Winterbachs aventiure und triuwe. Zwischen Aben teuer und Geborgenheit und von den Schwierigkeiten der Selbstbegrenzung.
***
Intensiver als üblich hatte er sich gerade auf diese Tagung und seine Einleitung dazu vorbereitet. Das lag sicher daran, dass er ahnte, wie hart er gegen den Strom schwimmen musste. Es war ein Experiment, dessen Ablauf und Ausgang er nicht übersah und von dem er nur hoffen konnte, es unter Kontrolle zu halten. Obgleich auf Tagungen sich immer wieder heftige Konflikte zuspitzten, die vermittelndes Eingreifen erforderten, war seine Rolle als Moderator bisher noch nie in Frage gestellt worden, zumal er auf seine Fähigkeit setzte, mit distinktiver Gelassenheit auf emotionale Zuspitzungen einwirken zu können.
Genau im Gelingen des verbindenden und verbindlichen Stimulierens von Bezügen und Beziehungen liegt für ihn das Geheimnis der Tagungsarbeit, wie sie sich an den Akademien nach dem Zweiten Weltkrieg herausbildete und nun seit fast fünfzig Jahren den Gang der gesellschaftlichen Diskussion begleitete.
Es stört ihn nicht, in der Rolle des Moderators den eigenen Gefühlen und Positionierungen nur begrenzt Raum geben zu können. Statt sich direkt zu artikulieren, fließen sie doch mehr indirekt in die Komposition seiner Programme ein.
Der Sprung auf die Ebene des eigenen Rollenverständnisses erscheint Winterbach als erneute Flucht vor der Wirklichkeit einer unangenehmen Erinnerung. Er muss sich eingestehen, dass schon das Geschehen am ersten Abend ihn mehr getroffen hat, als er zuzugeben bereit war.
Nachdem er kurz die Gepflogenheiten des Hauses und die Referentinnen und Referenten vorgestellt hatte, beeilte er sich, nach dem kurz vorangestellten Programmaufriss zum inhaltlichen Teil der Tagung zu wechseln.
Am Ende der Bipolarität, also der Auflösung des Ost-West-Gegensatzes und am Beginn des vermeintlichen Sieges von Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft, so hatte er eingeleitet, machte auch das Wort vom Ende der Geschichte die Runde. Er sparte sich polemische Anmerkungen. Stattdessen griff er auf den zurück, in dem er den Urvater aller philosophischen Beschäftigung mit dem Widerspruch sieht.
Ein unbelehrbarer Einzelgänger, der als Aristokrat das gemeine Volk verachtete und im späten Alter als beerensuchender Eremit zu Beginn des fünften Jahrhunderts v. Chr. in den Bergen verschollen war. Der „Dunkle“ wurde er nicht allein dieser Geschichte wegen genannt, sondern auch wegen der geheimnisvollen Art, wie er den Lauf der Geschichte deutete. Er ist der Entdecker des Logos. Zwar konnte er ihn ebensowenig festmachen, wie die, die ihm als Interpreten des Weltgeschehens folgten. Aber bis heute geistert der Logos, in immer neuen Umkreisungen gefeiert und bekämpft, durch die abendländische Philosophie und Theologie. Da gibt es keinen Anfang und auch kein Ende der Geschichte. Diese sei ein unablässig fließendes Kontinuum, das sich unablässig in sich selbst verändere. Der Satz, dass niemand zweimal in den gleichen Fluss steigen könne, stammt von ihm.
Um sich des Wortlauts des von ihm zur Einleitung der Tagung Gesagten zu versichern, greift Winterbach aus seinen Papieren die schriftliche Fassung heraus und findet an der besagten Stelle die folgenden Sätze:
„Dieser Mann aus Ephesus hieß Heraklit. Dass er kein Ende der Geschichte anzunehmen bereit war, hing möglicherweise mit der Eroberung der politischen Macht durch die Demokraten und dem Sturz des Tyrannen zusammen. Die Aristokraten waren dabei, ihre Privilegien zu verlieren. So erfand er eine Denkfigur, die es ihm ermöglichte, den Einfluss der Aristokraten bis in alle Ewigkeit hin fortzuschreiben.“
Beim Wiederlesen des Textes stellt Winterbach fest, dass er den Begriff der „Denkfigur“ unbewusst aus dem Vokabular von Unstets Buch entliehen hatte. Aber nun lässt er keine Abschweifung mehr zu und liest weiter in seinem Text:
„Es ist die Denkfigur von der Einheit der Gegensätze, die nicht durch menschliches Handeln herbeigeführt werden könne, sondern sich erst durch den, menschlichem Zugriff entzogenen Logos, die Ur-Energie, herstelle. Um die Unabweisbarkeit dieses Gedankens zu erhöhen, nennt Heraklit, was er da herausfand, das Gesetz. Unterhalb dieses umfassenden Gesetzes hat alles, was existiert, auch sein Gegenteil, wirkt der Widerspruch. Er ist es, der die Welt verändert. Allein der übergeordnete Logos hält die Widersprüche zusammen. Sie mögen auch sagen: Das ist Heraklits Vorstellung von Gott. In der Welt werden die Widersprüche nur wahrgenommen, Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Überfluss und Hunger. In ihr ist diese Dialektik ist unauflösbar. Das also haben die Aristokraten als alles durchwirkende Weltvernunft begriffen. In der Welt herrscht der Kampf der Gegensätze. Und der Krieg ist der Vater aller Dinge. So entsteht und verändert sich Geschichte.“
Bis hierher hatte gespannte Stille im Saal geherrscht. Winterbach hatte jedoch jedoch beim Reden gespürt, wie eine leichte Unsicherheit in ihm aufstieg und ob das, was er da sagte, wirklich mit der Atmosphäre im Saal korrespondierte. Da ihm aufmerksam zugehört wurde, wenn auch darauf wartend, welche Wendung das wohl nehmen würde, hielt er an dem fest, was er sich vorgenommen hatte.
Heraklit war ihm als früher Antipode zu der anderen dialektischen Denkfigur erschienen, die viel später durch Hegel ihre Form annahm. Bei dem entwickelte sich die Welt und ihre Geschichte als eine Abfolge des Aufhebens von Widersprüchen auf ein jeweils höheres Niveau, bis zu ihrer absoluten Synergie als Endpunkt. Materialistisch gewendet begründete dies auch die Marxsche Geschichtsphilosophie und stellte sie in den Dienst der Revolution des Proletariats. Hegel und Marx ging es im Unterschied zu Heraklit also um das innerweltliche Aufheben des Widersprüchlichen als das Ziel der Geschichte, nicht um seine Anerkennung als eine notwendige Bedingung von Wirklichkeit.
So vorbereitet wollte Winterbach das Dilemma dieser beiden Varianten im Umgang mit dem Widerspruch aufzeigen: Am Ende des Aufhebens von Widerspruch durch menschliches Denken und Handeln stand der Absolutismus. Die grundsätzliche Anerkennung des Widersprüchlichen dagegen schloss ein endgültiges Ziel der menschlichen Entwicklung aus.
Während er diesen Gedanken ausgebreitet hatte, hielt die freundliche Gespanntheit des Publikums an. Manchmal sah er, wie jemand sich flüsternd zur Seite wendete. Angesprochene reagierten mit kurzen Lächeln oder Nicken des Kopfes. Winterbach deutete dies als zustimmende Gebärde, nicht als desinteressierte Ablenkung. Er hatte die Sicherheit zurückgewonnen, die sich bei ihm wie gewohnt nach der Periode des ersten Anwärmens einstellte.
So hatte er dann das bisher Ausgeführte auf die aktuelle Situation bezogen. Der Kollaps des realen Sozialismus bedeute, folge man Heraklit, keineswegs, dass der Widerspruch aus der Welt verschwunden sei. Wer sich heutzutage am Ende der Geschichte glaube, müsse nach Hegel den gegenwärtigen Zustand der Welt für den absolut besten halten. Das sei ja wohl offensichtlich nicht der Fall. Widersprüche existierten fort, bewegten sich auf eine globale Krise zu. Allerdings müssten sie nicht da gesucht werden, wo wir sie bisher vermutetet hätten, nämlich in der Konkurrenz der Systeme. Nun erst stelle sich herauss, dass wir siebzig Jahre lang einem Antagonismus aufgesessen seien, der zu nichts Anderem gedient habe, als die wirklichen Probleme zuzudecken. Dem sich längst abzeichnenden Menetekel sozialer und ökologischer Schäden sei ein Kunstgebilde übergestülpt worden, das die wahren Widersprüche in unserem Lebensalltag äußerst erfolgreich verdunkelt habe. Und dieses Kunstgebilde habe die Mittel verschlungen, die eigentlich für das Ausgleichen des sozialen Nord-Süd-Gefälles und für die Bewahrung unserer natürlichen Lebensgrundlagen hätten aufgewendet werden müssen.
Winterbach erinnert sich noch gut daran, wie an dieser Stelle Bewegung in die Zuhörenden gekommen war. Hier wurde die Sitzhaltung gewechselt, dort am Stuhl gerückt. Aus dem flüsternden Grundton traten lautere Stimmen hervor, ohne dass zu verstehen war, wovon sie sprachen. So hatte Winterbach seine Stimme ebenfalls angehoben, um der Unruhe zu begegnen.
Er stelle sich im Sinne Heraklits die Frage, ob die soziale und ökologische globale Krise nicht notwendig mit der besonderen Art unseres Wirtschaftens, verbunden sei. So gebe es eine Wechselwirkung zwischen den Segnungen ökonomischer und technischer Properität und den Katastrophen...




