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E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Annandale Legend of the Five Rings: Fluch der Ehre
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96658-409-8
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-96658-409-8
Verlag: Cross Cult Entertainment
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
DAVID ANNANDALE ist Dozent an einer kanadischen Universität und beschäftigt sich dort mit Themen von englischer Literatur über Horrorfilme bis hin zu Videospielen. Er ist der Autor zahlreicher Romane aus dem Universum der New-York-Times-Bestseller-Reihe Horus Heresy und Warhammer 40.000 und außerdem Co-Moderator des für den Hugo Award nominierten Podcasts Skiffy and Fanty.
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Kapitel Eins
Hinter den Gipfeln der Berge sah er den Winter bereits näher kommen und wusste, der heutige Tag würde sich in die lange Liste seiner Fehlschläge einreihen.
Hida no Kakeguchi Haru hatte seinen Blick noch einmal Richtung Norden gewandt, um den Fortschritt der Handelskarawane im Auge zu behalten. Der Pfad durch die Dämmerberge, den er gewählt hatte, war an dieser Stelle steil und der Wagenzug war nicht so dicht, wie er gehofft hatte, da die Pferde Schwierigkeiten hatten, die beladenen Karren aufwärtszuziehen. Zunächst war er lediglich etwas gereizt. Alles an dieser Reise hatte länger gedauert als geplant und mit jedem weiteren Tag rückte zu seiner Schande die Aussicht in weitere Ferne, die Burg der Morgenröte an dem Tag zu erreichen, für den er seine Rückkehr versprochen hatte.
Und dann sah er die Wolken. Schwer, bedrohlich silbern und grau schimmernd wälzten sie sich über die Berge. Haru hatte nie zuvor so deutlich gesehen, wie eine Jahreszeit in eine andere überging, wusste aber sofort, was hier geschah. Diese Wolken zogen eine Grenze zwischen Himmel und Erde. Wenn sie über seinen Kopf hinwegzogen, würden sie ihm das Licht und die Wärme der Sonne entziehen und weißer Ruin würde fallen. Der Nordwind pfiff bereits kälter und zerrte an den Säumen seiner Uniform. Haru fühlte, wie ihm die Kälte in den Nacken biss. Bald würde seine Haut taub werden.
Langsam schoben sich die Wolkenmassen voran wie der Bug eines Schiffes, das die Kälte mit sich brachte. Gestalt gewordene Unvermeidlichkeit. Die Vorboten seines Versagens.
Vor mehr als einer Woche hatte die Karawane die Sommerlande verlassen. Und sie hatten immer noch fast einen Tagesmarsch vor sich bis zur Burg der Morgenröte. Zumindest bei gutem Wetter. Und es war bereits die Stunde des Pferdes.
»Leutnant Haru, werden wir Morgenröte noch vor dem Unwetter erreichen?« Auch Chen, der Anführer der Händler, hatte die Wolken bemerkt. Der grauhaarige Mann saß auf seinem Wagen, hielt die Zügel fest umklammert und sah Haru mit diesem Ausdruck an, den der Kaufmann wohl für reserviert hielt, aus dem aber Angst und Hilflosigkeit sprachen. Haru verabscheute den Mann und wie immer kostete es ihn Mühe, seine Verachtung nicht zu zeigen. Allein der Klang von Chens Stimme, rau, als müsse er sich ständig räuspern, und mit einem Unterton, der nur eine Nuance von Jammern entfernt schien, war nervtötend.
»Wir werden sicher in Morgenröte ankommen«, sagte Haru. Es gefiel ihm nicht, mit jemandem von so niedrigem Stand zu sprechen. Sich mit Chen zu unterhalten bedeutete einen Abstieg und in Harus Leben hatte es bereits mehr als genug Abstiege gegeben. Aber den Kaufmann zu beruhigen war leider ein notwendiges Übel. Chen war nervös und wenn man dem Anführer der Karawane nicht sofort seine Sorge nahm, würde sie sich ausbreiten. Haru wollte jetzt nur, dass jeder sich darauf konzentrierte, so schnell wie möglich voranzukommen. »Es gibt keinen Grund, am erfolgreichen Ausgang unserer Reise zu zweifeln«, fügte er noch hinzu.
Chens Augen weiteten sich. Vermutlich wurde ihm gerade klar, dass er ihn, ohne es zu wollen, beleidigt hatte. »Ihr habt sicher recht, Leutnant Haru«, sagte er. »Bitte verzeiht meine unüberlegte Frage. Ich wollte damit nicht andeuten, dass ich an Euch zweifle.«
Haru bedachte den Kaufmann mit einem langen Blick und wandte sich dann ab. Er hatte sein Ziel erreicht. Chen hatte jetzt mehr Angst vor ihm als vor dem nahenden Winter. Zumindest für eine Weile. Damit war die Gefahr einer Panik eingedämmt.
Solange alle nach vorn blickten und sich nicht zu der Wolkenfront umdrehten.
Ishiko schloss zu ihm auf. Sie war die dienstälteste Wächterin in der Eskorte, die Haru anführte. Ihre Rüstung war nicht so makellos wie seine, sondern zeigte die Spuren des Weges, den sie hinter sich hatten. Seine eigene Rüstung glänzte, weil er sie jeden Morgen nach dem Aufstehen pflegte. Haru hatte fast ebenso viele Schlachten geschlagen wie Ishiko und doch trug sie, genau wie die anderen Bushi der Truppe, Fujiki, Hino und Eikei, ihre Rüstung mit einer Selbstverständlichkeit, die Haru abging. Das verstärkte nur seine Unsicherheit. Niemals war Ishiko aufsässig gewesen oder hatte seine Anweisungen infrage gestellt. Doch oft glaubte er, eine Wertung in ihrem scheinbar so ungerührten Blick zu lesen. Ob eingebildet oder echt, vermochte er nicht zu sagen.
»Also habt Ihr es gesehen?« Ishiko deutete mit einem Kopfnicken in Richtung der Wolken.
»Das habe ich«, bestätigte Haru.
»Die Schneefront wird uns einholen.«
»Ich weiß. Dann marschieren wir eben durch den Schnee nach Morgenröte.« Er war der Meinung, in seine Stimme die angemessene Menge unerschütterlicher Ruhe gelegt zu haben, und seine Nervosität schwand. Dass er zu spät kam, würde weniger schwer wiegen als die Tatsache, dass er auch die letzte Karawane heimgebracht hatte, nicht vor dem Wintereinbruch, sondern . Er stellte sich vor, wie er ankam und welches Erfolgserlebnis das für ihn bedeuten würde. Das war gut. Er brauchte es, und nicht nur für sein Selbstwertgefühl. Es würde sein Ansehen bei seiner Mutter verbessern. Als Erbe von Daimyo Akemi musste er sich mehr anstrengen, um sich würdig zu erweisen. Vielleicht würde auch Barako ihn dann wohlwollender betrachten. Vielleicht.
Ehrlich gesagt war er nicht sicher, ob er das wirklich wollte.
»Wir nähern uns schwierigem Terrain«, sagte Ishiko. »Es während eines Schneesturms zu durchqueren wird mehr als schwierig werden.«
Haru überlegte, was vor ihnen lag, und musste ihr recht geben. Der Felskamm, zu dem sie unterwegs waren, war völlig ungeschützt den Elementen ausgesetzt. Die Hoffnung, in Ehre heimzukehren, zerrann ihm zwischen den Fingern. Er seufzte. »Diese Reise ist wirklich vom Pech verfolgt.« Durch den tagelangen heftigen Regen war die Karawane wieder und wieder in Erdrutsche und Steinschläge geraten. »Eine Springflut weniger und wir wären bereits in Morgenröte. Oder ein blockierter Pfad weniger.«
»Wir hatten allerdings mit einigen Hindernissen zu kämpfen«, bestätigte Ishiko.
Zu viele Möglichkeiten. Vielleicht trafen sie alle zu. Oder vielleicht meinte Ishiko nur genau das, was sie gesagt hatte, und den Rest flüsterten ihm seine Selbstzweifel ein. Er konnte sich ihnen kaum entziehen. Selbst in den besten Momenten waren sie schwer zu überhören.
.
Aber es hatte nun einmal nicht den befehlshabenden Offizier der Burg der Morgenröte getroffen. Es hatte ihn getroffen. .
»Wir könnten hier Schutz suchen«, schlug Ishiko vor. Sie befanden sich auf einem breiten Pass. Die Felswand zu ihrer Rechten war nur wenige Hundert Meter entfernt und wies einige Vorsprünge auf. Dort wären sie vor dem Schnee geschützt, und zu einem guten Teil auch vor dem Wind.
»Nicht groß genug für die gesamte Karawane«, bemerkte Haru. »Wir müssten uns zu sehr aufteilen. Und ich möchte hier nicht feststecken.«
»Ihr glaubt, es fällt so viel Schnee, dass er den Pass blockiert?«
»Vielleicht nicht diesen, aber es erwarten uns viel engere Pässe auf dem Weg. Und wir können nicht wissen, wie lange der Schneesturm anhält.«
»In dem Fall haben wir ausreichend Vorräte, genug für viele Tage.«
Die Aussicht, aufgrund des Sturms für längere Zeit festzusitzen, war nicht gerade verlockend. »An Lebensmitteln schon«, antwortete Haru. »Aber wie lange hätten wir Brennmaterial, um uns zu wärmen?« Ein Schneesturm in dieser Höhe konnte auf so viele Arten tödlich sein. Die Kälte war eine davon. »Das werde ich nicht riskieren. Wir ziehen weiter.«
Der Gedanke an den anderen Leutnant der Burg der Morgenröte war viel zu schmerzhaft und Haru schob ihn beiseite. .
»Wo wolltet Ihr das Nachtlager aufschlagen?«,...




