E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Anthologie Am Zug
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7017-4482-4
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Neue Texte übers Bahnfahren
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4482-4
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit Texten von Alois Brandstetter, Kurt Palm, Erika Pluhar, Julya Rabinowich, Peter Rosei, Eva Rossmann, Gerhard Roth, Tex Rubinowitz, Julian Schutting, Susanne Scholl, Ilija Trojanow, Anna Weidenholzer und vielen anderen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Tex Rubinowitz
TRANCE-SIBIRISCHE EISENBAHN
Am 24. Dezember 1984 bestieg ich mit meiner damaligen finnischen Freundin Vilma um 21 Uhr am Wiener Südbahnhof den Zug nach Moskau. Wien war wie ausgestorben, wattiert durch alle urbanen Geräusche und menschliche Widrigkeiten schluckenden Neuschnee, eine echte stille Nacht, eine gefräßige Stille, alle hatten gegessen und ihre Geschenke ausgepackt, die sie jetzt von allen Seiten betrachteten, sich freuten oder ärgerten, die Kerzen waren halb heruntergebrannt. Der leere D-Wagen brachte uns zum Bahnhof, der einsam seinen Dienst versehende Schaffner schaute immer in seinen Spiegel, wenn ich Vilma küssen wollte, sie wehrte mich ab, sagte: bitte nicht hier drinnen, meinte aber: nicht in dieser unberührten Nacht.
Am Bahnsteig wurden wir von einem Waggonschaffner empfangen, stilecht, wie ich fand, er lächelte, sein Gebiss war ganz golden, seine Uniform noch sowjetisch, also von einer militärischen nur mit kundigem Auge zu unterscheiden.
Er brachte uns zu unserem Abteil, der Zug war auch nicht viel voller, als die Straßenbahn gewesen war, ein paar Russen mit verschnürten Pappkartons, Feierlichkeit gab’s hier keine, aber es war ja auch nicht ihr Weihnachtsfest heute Nacht, das orthodoxe findet ein paar Tage später statt, der gregorianische Kalender geht etwas nach, oder unserer vor.
Der Zug fuhr an, und jetzt begann, mit nur einer Unterbrechung, eine magische Fahrt, deren Zauber nicht unbedingt im Ankommen lag, sondern sich eher auf der Strecke zwischen zwei Punkten entfaltete, die immer kleiner wurden, je konstanter und monotoner der Zustand, der Stillstand in der Bewegung wurde. Denn der Weg, den wir vor uns hatten, war lang, er ging nach Peking. Zunächst 40 Stunden nach Moskau, und dann sechs Tage nach China, Tage, die man schon nicht mehr in Stunden messen kann, so diffus werden sie im elastischen Raum.
Und dieses Erlebnis war unfassbar billig zu haben, so unwirklich wie der metaphysische Zustand, den man bei der Zugfahrt erreichen würde, nur 2000 Schilling pro Person, also irgendwas knapp über einem dreistelligen Eurobereich, dafür musste man sich aber auf einem komplizierten Weg ein chinesisches Visum besorgen, irgendwo ist ja immer ein Haken.
Weil es noch komplizierter gewesen wäre, an ein mongolisches Visum zu kommen, eine mongolische Botschaft gab’s in Wien nicht, nur in Budapest, wofür man ebenfalls ein Visum brauchte, beschlossen wir, die Route um die Mongolei herum zu nehmen, aber ein chinesisches Visum musste dennoch her, das russische Transitvisum war im Fahrkartenpreis inbegriffen, immerhin. Das Problem war dabei, dass die Chinesen gar kein Interesse hatten, Visa auszugeben, da kommen Leute mit spottbilligen Fahrkarten ins Land, geschickt von der alles kaputt subventionierenden Sowjetunion, was wollen die Touristen bei uns, was sind überhaupt Touristen, das Land ist noch gar nicht für sie vorbereitet, nur Verrückte machen Ferien in einer Volksrepublik, und nicht nur aus Stabreimgründen, ein diesbezüglicher Servicegedanke existierte jedoch noch nicht. So wurde mir gesagt, ich müsse ein Telex nach Peking schicken, vom Telegrafenamt, man diktierte einem Beamten einen englischen Text, ein Visumsansuchen, in eine merkwürdige Maschine, aus der sich dann ein Lochstreifen schlängelte, der in eine riesige Maschine eingespeist wurde, die unser Gesuch nach Peking, ja, was? Kabelte? Kaum vorstellbar, dass der Streifen durch ein Kabel, nun ja, kroch. In Peking kam dann ein ebensolcher Lochstreifen aus einer vermutlich noch viel größeren Maschine, ich stellte mir blinkende Lämpchen und schnarrende Geräusche vor, und wenn der dechiffriert war und für o.k. befunden wurde, wurde das auf dem gleichen Weg in die chinesische Botschaft in Wien geschickt und man konnte sich das Visum abholen. Nur funktionierte es nicht, jedes Mal, wenn ich in der Botschaft war, meinte man, nein, kein Lochstreifen angekommen, ich war verzweifelt, es waren nur noch wenige Tage vor der Abfahrt, kroch der Streifen so langsam, war das Kabel verstopft, was hab ich falsch gemacht? Ein zufällig anwesender Reiseleiter, der gerade für eine Gruppe einen Stapel Pässe, die mit den kompliziert zu beschaffenden Visa vollgestempelt waren, abholte, erklärte mir, dass er mein Problem kenne, der Streifen käme zwar in China an, würde aber dort ignoriert, weil er vermutlich von dem Normansuchen abweiche, er diktierte mir den Standardsatz, die Wortwahl müsse exakt so sein, Abweichungen ließen sie nicht zu, ich ließ ihn abermals nach China qua Lochstreifen kabeln, und am nächsten Tag war die Bestätigung in der Botschaft, die Pässe konnten gestempelt werden.
Und nun saßen wir also im Zug, gefangen genommen von einem freundlichen Sowjetmann mit goldenem Gebiss, endlich frei, endlich erlöst zumindest für 40 Stunden und 6 Tage, auch wenn wir nicht wussten, von was eigentlich erlöst, draußen verschwand Weihnachten in der Finsternis, alle Sorgen zurücklassend, bildeten wir uns ein, wir fahren ans Ende der Nacht.
Nur vage weiß ich noch, was wir an Gepäck mitnahmen, genau kann ich mich aber an einen kleinen, tragbaren Batterieplattenspieler erinnern und an eine Handvoll Singles, ich erinnere mich an: Eydie Gormé/ , Petula Clark/ , Helen Shapiro/ , Jackie Trent/ , Lesley Gore/ , Bessy Banks/ , Babs Tino/ , The Ronettes/ .
Wir liebten dieses Zeug, wir definierten unsere Liebe über diese bittere Mädchenmusik, letztlich waren diese Platten der Kitt, der uns zusammenhielt, einmal am Tag gab es eine kleine Disco mit unserer mobilen Jukebox im engen, überheizten Abteil, und wir fühlten uns so einzigartig und unverwundbar und unzertrennlich, wie es eben jungen, unrealistischen Verliebten eigen ist.
Was ich auch noch weiß, ist, dass wir ungefähr 5 Kilo Orangen mitnahmen, irgendwie mussten wir erfahren oder uns selbst zusammengereimt haben, dass die Kost im Zug nicht unbedingt vitaminreich sein würde, gar Skorbut drohe.
Die Strecke von Wien nach Moskau verschliefen wir hauptsächlich, allenfalls unterbrochen von einer Orange und einem kleinen, schaukelnden Tänzchen.
Im bitterkalten Moskau holte uns ein sinisterer Mann mit Pelzmütze am Bahnsteig ab, indem er unsere Namen mit einer zur Flüstertüte zusammengerollten Prawda ausrief, er übergab uns einem anderen Mann, der vorm Bahnhof mit einem Wolga-Taxi wartete, der Übergabezettel wurde unterschrieben und abgestempelt mit einem Stempel, der angehaucht wurde, Ersatz für ein Stempelkissen, russischer Atem färbt wohl ab, der Fahrer brachte uns ins gigantische Hotel Kosmos (1777 Zimmer), wir waren ja nur Transitreisende und hatten kein Visum für die Sowjetunion, kein Schritt von uns sollte unbeobachtet sein, hinter den gilbenden Tapeten waren vermutlich Wanzen, oder man schätzte uns, zu Recht, als zu unergiebig ein, Vilma war 20, ich 23, was sollten wir denn schon wissen, was ausspionieren?
Trotzdem machten wir einen zögerlichen Ausflug in die Stadt und kamen uns verwegen vor, den Transitkosmos zu verlassen, ein paar Gehversuche wie auf einem fremden Planeten, im All braucht man ja auch kein Visum. Einmal lief ein Mann hinter uns her, keine Ahnung, was er wollte, er sagte, er heiße Viktor, einmal lief ein Mann von uns weg, wir kauften mit Schillingen ein sehr schwarzes Kastenbrot und bekamen Rubel zurück, wir fuhren U-Bahn mit dem Brot, und gingen wieder ins Kosmos, es war einfach zu kalt.
Am nächsten Morgen wieder das gleiche Abhol- und Abgabeprozedere, und wir bestiegen endlich die große Mutter Transsib.
Eine kleine dicke Frau war unsere Waggonbetreuerin, sie hatte nicht soviel Gold im Mund und ihre Uniform war auch nicht so militärisch wie bei unserem Mann auf der ersten Strecke, sie versorgte uns mit Tee aus dem ununterbrochen kochenden Samowar, den sie mit ihrer einzigen deutschen Frage: »Wünschen Sie Biskuit?« in unser Abteil brachte. Wir hatten das Abteil für uns alleine, und der Zug fuhr los, zur Feier spielten wir auf unserem kleinen Plattenspieler von Nino Tempo & April Stevens , im Lied geht es darum, dass April Nino rausschmeißen will, er soll nach Hause gehen, aber er bettelt, bleiben zu dürfen, weil es eben draußen so kalt sei und er sich erkälten würde, sie sind Opfer des Wetters, das Synonym ihrer Liebe, wir tanzten ein bisschen, unsere kleine Frau schaute rein, was geht da vor sich, sie lächelte halbgolden und fragte: »Wünschen Sie Biskuit?«
Die Tage verrannen wohltuend ereignisarm, ein ewiges, monotones Geruckle und Geklopfe und Geschaukle, man geriet in Trance, die dadurch noch verstärkt wurde, dass die Abteile überheizt waren, draußen in der schwarzweißen sibirischen Birkenendlosigkeit 40 Grad minus, hier drinnen uterusartige Plusgrade, während wir sechs Zeitzonen durchfuhren, und um einen Überblick zu behalten und die fahrplanmäßigen Ankünfte und Abfahrten zu vereinheitlichen, waren an allen Bahnhöfen die Uhren auf...




