E-Book, Deutsch, 444 Seiten
Appignanesi Die andere Frau
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-8412-1750-9
Verlag: Aufbau Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 444 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1750-9
Verlag: Aufbau Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Die Liebe und die Macht der Frauen.
Maria ist eine klassische Femme fatale. Die Männer umschwärmen sie - und den Frauen erscheint sie unweigerlich als Rivalin. Als sie aus New York nach Paris zurückkehrt, beschließt sie, dass die Zeit ihrer Affären vorbei ist. Doch dann trifft sie einen rätselhaften Mann, bei dem plötzlich alles anders ist. Zum ersten Mal lernt Maria die wahren Abgründe der Liebe kennen ...
Lisa Appignanesi wurde in Polen geboren, wuchs aber in Frankreich und Kanada auf. Sie war stellvertretende Direktorin am Londoner Institute of Contemporary Arts, bevor sie freie Autorin wurde. Neben Romanen und Kriminalromanen hat sie u.a. Bücher über Marcel Proust, Simone de Beauvoir und die Frauen Sigmund Freuds geschrieben. Im Aufbau Taschenbuch ist ebenfalls ihr Roman 'In der Stille des Winters' lieferbar.
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6. Kapitel
Die Wohnung liegt im fünften Stock eines Hauses an der Rue d’Oudinot, einer unauffälligen kleinen Straße im Siebten Arrondissement. Das Appartement selbst ist bemerkenswert. Ein langer, in einem blassen Ockerton gehaltener Raum macht den größten Teil der Wohnung aus. Die rechte Wand wird von fünf Schiebefenstern durchbrochen, von denen man einen Blick auf einen wunderschönen Garten hat. Rasen, ein Baum, den ich erst identifizieren kann, wenn seine kahlen Äste Blätter bekommen, und ein ovaler Brunnen. Gobelinbezogene Stühle bilden kleine Enklaven in dem Raum. Die zentrale Stelle markiert der Kamin. Über seinem Sims schweben rechts und links zwei plumpe Putten, die Kerzenständer halten. In einer Ecke des Raumes schließt sich eine kleine, wohl ausgestattete Küche an. Auf der anderen Seite mündet eine polierte Leiter in eine Galerie mit einem Schreibtisch und einem Diwan. Am anderen Ende der Wohnung liegt das Schlafzimmer mit einem zierlichen Himmelbett.
Ich bin verzaubert. Steve und Chuck haben eine Sammlung von Bildern und Figuren zusammengetragen, die überrascht und den Blick fesselt. Ein filigranes Gesims eines gotischen Bauwerks steht neben einer dorischen Halbsäule an einem der Fenster. Über dem Kaminsims hängt ein kleines, wunderbar gemaltes Ölbild, das nur die Waden und Füße einer Frau in Ledersandalen zeigt. Sie geht graziös, aber zielstrebig durch eine offensichtlich antike Landschaft.
Eigentlich möchte ich das Buchregal inspizieren, aber meine Blicke kehren immer wieder zu diesen leicht beschuhten Füßen zurück. Wohin gehen sie? Ich mache es mir auf einem der geschwungenen Stühle bequem und starre das Bild an, bis die Dämmerung mich aus meiner Träumerei schreckt. Ich habe keine Ahnung, wohin der Tag verschwunden ist, aber ich fühle mich merkwürdig ruhig. Ich wüsste keinen Grund, der mich zwingen könnte, dieses Zimmer jemals wieder zu verlassen.
Was ich drei Tage später allerdings doch tue. Ich bin kühn. Und ich weiß genau, wohin ich gehe. In das Viertel, das ich bisher gemieden habe.
Ich spaziere an der Seine entlang, vorbei an Notre Dame und über die Pont de la Tournelle auf die Ile St-Louis. Weder bleibe ich stehen, um mir das Wunder der Strebebögen anzusehen, noch stöbere ich in den kleinen Läden, die über die ganze Insel verteilt sind. Ich fürchte, dass ich meinen Mut verliere, wenn ich eine Pause mache. Rasch überquere ich den Pont Marie, gehe am Quai des Célestins vorbei und biege in die Rue St-Paul ein.
Als ich ankomme, hole ich tief Luft. Das ist das Terrain meiner Kindheit. Hier wurde ich geboren. Nach der Brücke, die ich vor ein paar Momenten überquert habe, wurde ich benannt. Meine Mutter überquerte sie täglich und liebte die Abgeklärtheit ihrer Steine, ihre unregelmäßigen Bögen, die Buketts aus gemeißelten Zitronen. Aber nicht die Jungfrau Maria ist meine Namensvetterin, sondern der Hauptbrückenbauer Henris Quatres, ein gewisser Christophe Marie. Maries Brücke brauchte lange, bis sie endlich vollendet war. Der Grundstein wurde erst gelegt, als Henri Quatre bereits seinem Mörder begegnet war und eine andere Marie, diesmal die überraschend geschäftstüchtige Marie de’ Medici, Witwe Henris, designierte Regentin und meine zweite Namensvetterin, begann, sich um die wuchernden Wohnblocks von Paris zu kümmern. Selbst dann dauerte es noch sechsundzwanzig geschichtsträchtige Jahre, sie fertigzustellen. Vielleicht sollte ich mich ja von meiner Brücke ermutigen lassen. Sie hat zwar nur langsam ihr Ziel erreicht, seitdem jedoch unerschütterlich die Jahrhunderte überdauert.
Ich biege um die Ecke in die schmale Rue de Lions-St.-Paul ein und bleibe vor Nummer elf stehen. Es ist das Haus meiner Mutter, in dem ich meine ersten achtzehn Jahre verbracht habe. Ich stoße die große, mit Nägeln beschlagene Tür auf und betrete den gepflasterten Innenhof. Das Klappern meiner Absätze ist in der Stille besonders gut zu hören und beschwört Erinnerungen herauf. Am anderen Ende des Hofs spielt ein kleines Mädchen lustlos Seilhüpfen. Das könnte ich sein. Hier habe ich ebenfalls gespielt. Ich stelle mir die Tochter von Madame de Sévigné vor, eine weitere Marie, wie meine Mutter mir stets erklärte, die hier ebenfalls Seilspringen spielte, allerdings mehr als drei Jahrhunderte früher. Die Tochter wurde hier geboren und errang durch die geschwätzigen Briefe ihrer Mutter Unsterblichkeit. Mit sechs verlor die kleine Marie ihren Vater, und Madame la mère wurde mit sechsundzwanzig zu einer sehr fröhlichen Witwe.
Ich blicke zu den oberen Fenstern hinauf und frage mich, wie die Wohnung jetzt wohl aussieht. Als wir dort wohnten, waren die alten Dachbalken im Wohnzimmer teilweise noch freigelegt. An einem war ein uralter Haken befestigt, und ich stellte mir immer vor, dass sich eine arme Seele daran erhängt hatte, statt sich von der Guillotine köpfen zu lassen. Von diesem etwas düsteren Wohnzimmer gingen drei Räume ab. Einer, das Schlafzimmer meiner Mutter, schmiegte sich in den niedrigen Dachboden, den man nur über eine wacklige steile Treppe erreichte.
Bei dem Gedanken an den Boden überlief es mich kalt. Ich erinnere mich an Olivier, aber ich möchte eigentlich nicht an ihn denken. Deswegen bin ich nicht hier. Doch plötzlich steht er vor mir, fast greifbar, mit seiner massigen Gestalt. Ich verlasse den Hinterhof und gehe unwillkürlich schneller. Trotz der Menschenmenge ist er immer noch bei mir, als ich die Rue St. Antoine erreiche. Und als ich mich in dem Eckcafé auf einen Stuhl fallen lasse, nimmt er neben mir Platz.
Als meine Mutter starb, war ich siebzehn. Ich war gerade in die Classe Terminale im Lyzeum gekommen, dieses anstrengende letzte Jahr, in dem ich mein Abitur machen würde. Überflüssig zu erwähnen, dass ich Sprachen studierte. Mein Englisch war so fließend, dass meine Lehrer glaubten, ich wäre gelangweilt, und mich mit zusätzlichen Arbeiten überhäuften. Spanisch war da schon etwas schwieriger. Aber meine Probleme hatten nichts mit der Schule zu tun. Der Tod meiner Mutter hatte mich in tiefste Verwirrung gestürzt. Ich wusste nicht, wie ich zur Bank gehen sollte, ganz zu schweigen davon, wie ich Strom oder Telefon bezahlen konnte. Meine Mutter besaß kaum Ersparnisse, und es konnte Monate dauern, bis ich aus ihrer Pension schlau werden würde. Noch wichtiger war, dass ich dem Gesetz nach keine Erwachsene war und keinen Vormund hatte. Also drohte mir der Status eines Staatsmündels, was bedeutete, der erbarmungslosen Gnade einer blinden Bürokratie ausgeliefert zu sein.
Olivier bewahrte mich davor. Er tauchte aus der großen Menge von Trauergästen bei der Beerdigung auf. Meine Mutter hatte zwar viele Kollegen, aber keinen Vertrauten, den ich hätte ausmachen können. Er legte mir sanft den Arm um die Schultern, bevor er mich umdrehte und mich zwang, ihm direkt in die Augen zu sehen. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er. »Ich kümmere mich um alles.«
Ich war nur zu gern bereit, ihm mein Vertrauen zu schenken.
Olivier Boucciault war Leiter der historischen Abteilung an dem Lyzeum, an dem meine Mutter unterrichtet hatte. Ich war ihm einige Male begegnet, aber er war kein häufiger Besucher bei uns. Das Leben meiner Mutter drehte sich um ihre Arbeit und ihre Komitees. Zu Hause waren wir, abgesehen von den Durchreisenden, die wir aufnahmen, und den üblichen Besuchen meiner Schulkameradinnen meistens allein. Eine feste kleine Zwei-Personen-Einheit. Am Wochenende gingen wir ins Kino, ins Theater oder ins Museum. Manchmal zusammen mit anderen Freunden. Sehr selten lud sie zum Abendessen ein. Bei einer solchen Gelegenheit habe ich wohl auch Olivier kennengelernt.
Ich hatte ihm niemals besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Er war einfach nur eine dieser vagen Existenzen, die zu der Welt meiner Mutter gehörten. Damals muss er um die vierzig gewesen sein, noch gerade in der Blüte seiner Jahre, ein Mann mit einem breiten Kinn, blondem schütterem Haar und einem Gesicht, das man eher einem Boxer denn einem Lehrer zugetraut hätte.
Jedenfalls brachte Olivier mich von der Beerdigung nach Hause und setzte dabei seine Fragen fort. Was wollte ich? Lieber bei einer Familie wohnen oder hierbleiben, wenigstens bis das Jahr vorbei war? Hatte ich Angst davor, auf mich allein gestellt zu sein? Sollte jemand bei mir wohnen, ein Untermieter oder eine Haushälterin vielleicht? Konnte ich meine Schulausbildung weitermachen? Wußte ich, wie man einkauft? Wie man die Wäsche wäscht? Hatte ich Alpträume? Er war sehr sachlich, etwas grob und dabei merkwürdig tröstend.
Seit dem Tod meiner Mutter war ich nur in die Wohnung zurückgekommen, um meine Kleidung zu wechseln. Bis dahin hatte ich bei einer Freundin und ihrer Familie übernachtet, aber das war nur eine Übergangslösung. Am Ende dieses ersten Abends mit Olivier war mir klar, dass ich in der Wohnung meiner Mutter bleiben wollte. Hier kannte ich alle Nachbarn, und sie waren nett. Außerdem fühlte ich mich hier sicher. Es war schließlich mein einziges Heim. Aber war das auch möglich?
Olivier arrangierte es. Er verhandelte mit Behörden, Vermietern und den Bankiers. Er sprach mit der Putzfrau meiner Mutter und verabredete mit ihr, dass sie zweimal in der Woche kommen und auch Lebensmittel einkaufen sollte. Er organisierte eine Sammlung am Lyzeum meiner Mutter, damit ich etwas Geld zur Verfügung hatte, bis die Pension meiner Mutter und die restliche Hinterlassenschaft geklärt waren. Er besuchte mich zwei bis dreimal pro Woche, sprach mit mir über die Schule und das Leben und rief mich jeden Tag an.
Etwa zwei Monate nach dem Tod meiner Mutter kam Olivier mit einem großen Paket an, das in Geschenkpapier eingewickelt...




