E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Beobachter-Ratgeber
April Sex - was heisst schon normal?
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-03875-434-3
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gelassen mit der eigenen Sexualität umgehen
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Reihe: Beobachter-Ratgeber
ISBN: 978-3-03875-434-3
Verlag: Beobachter-Edition
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kurt April ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie. Er verfügt über langjährige praktische Erfahrungen mit Paaren und Menschen, die Probleme mit ihrer Beziehung und ihrer Sexualität hatten. Er veröffentlichte zahlreiche Artikel für Fachzeitschriften und ist Präsident des Vereins «Ärzte für sexuelle Gesundheit».
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Herausforderung Paarbeziehung
Die Liebe ist für die Menschen ein grosses Wagnis, trotz der atemberaubenden Fortschritte in der Medizin und den Sozial- und Kulturwissenschaften. Auch heute noch kann die Liebe den Menschen vor seine grösste Lebensaufgabe stellen. Es beginnt nur schon bei dem Mut zur Partnerwahl. Die Partnersuche wird trotz oder gerade wegen der digitalen Möglichkeiten nicht einfacher. Die Risiken einer festen Beziehung bleiben.
Ohne Risiko gibt es kein Glück. Studien zufolge wünschen sich weit über 90 % der Menschen einen festen Partner. Damit das Glück auch eintritt und andauert, ist aber von beiden Partnern ein hohes Lernvermögen erforderlich. Im Folgenden stelle ich Ihnen einige häufige Stolpersteine und Lösungsmöglichkeiten vor.
Info Die Scheidungsrate hat in den vergangenen Jahren zwar zugelegt, aber eine Ehe oder eine stabile Partnerschaft bleibt für die meisten Menschen weiterhin ein Ideal. So haben sich Eheschliessungen zwar zunächst verringert, blieben aber in den letzten zwei Jahrzehnten stabil.
Beziehungsfähigkeit ist lernbar
Der Mensch lernt nicht nur seine praktischen und schulischen Fähigkeiten, sondern auch seine Sozialkompetenz. Für Partnerschaften braucht es dazu verschiedene Tools, die im Folgenden erklärt werden. Oft sind es einfache Verhaltensweisen, die sich entweder aufbauend oder zerstörerisch auf eine Beziehung auswirken. Die Beachtung dieses Wissens kann Ihnen viel Leid und Tränen ersparen und zu einer Partnerschaft führen, die Sie zufrieden und ausgeglichen macht.
Tipp Übernehmen Sie Verantwortung für eine Beziehung, nur so können Sie diese mitgestalten. Ein Partner, der sich in der Partnerschaft treiben lässt und Entscheidungen und Aktivitäten der Partnerin überlässt, übernimmt wenig Verantwortung. Es ist notwendig, herauszufinden, was dem Gegenüber guttut und wo die wunden Punkte liegen. Durch diese Beobachtung schulen Sie Ihr Einfühlungsvermögen. Auch Personen, die eine Gefühlskommunikation nicht gewohnt sind, können eine angemessene Beziehungsaufnahme lernen. Sie können jederzeit beginnen, eine bessere Beziehungsfähigkeit zu lernen, dafür ist es nie zu spät, und es ist selbst in hohem Alter noch möglich.
Eine neue Partnerschaft erfordert immer wieder von Neuem ein Kennenlernen oder ein Beziehungstraining. Lernen Sie, Ihre Partnerin in all ihren Facetten zu beobachten, und diskutieren Sie über Auffassungen und Vorlieben und was sie mag oder eben nicht mag. Wichtig ist auch, dass Sie sich grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Es werden bei beiden Emotionen aufkommen, die nicht rational und der Situation nicht angemessen sind. Sie können aber davon ausgehen, dass sie sich gegenseitig nicht verlezten oder erniedrigen möchten. Es ist normal, dass man seine Emotionen nicht immer im Griff hat. Häufig kommen unbewusste Gefühle auf, für die nicht Sie der Grund, sondern höchstens der Auslöser sind. Der wahre Grund sind meist Emotionen, die in der Kindheit, in der Beziehung zu den Eltern und Geschwistern, entstanden sind und Sie irgendwann, wenn sich das Hirn an etwas aus der Vergangenheit erinnert, automatisch so reagieren lassen wie früher als Kind. Diese Verhaltensweisen bei sich und dem Partner zu erkennen, ist ein wichtiger Teil, um die Beziehung positiv zu gestalten.
Was hält Paare zusammen?
Die meisten Paare trennen sich nicht, weil sie Meinungsverschiedenheiten oder ab und zu Streit haben. Ihre Beziehung scheitert an einer destruktiven Streitkultur und dem Mangel an Lob und positiver Zuwendung. John Gottman, ein bekannter Forscher über Partnerschaften, beobachtete Paare über Jahre und Jahrzehnte. Er befragte seine Probanden nicht nur, sondern nahm zusätzlich viele Stunden von Paarkommunikation auf Video auf und wertete sie aus. Er fand heraus, dass nicht Streit per se verantwortlich für eine Trennung war. Es streiten sich alle Paare, auch glückliche sagen sich manchmal Dinge, die sie später bereuen und für die sie sich entschuldigen. Der entscheidende Punkt ist, dass glückliche, langjährige Paare fünf Mal mehr positive als negative Interaktionen haben. Heisst: Sie gehen häufiger positiv aufeinander zu, loben sich, geben einander Wertschätzung oder Anerkennung. Frisch Verliebte geben sich im Durchschnitt zwanzig Mal so viel Anerkennung und Wertschätzung wie Kritik und schlechte Laune. Wenn sich das Verhältnis von positiven Zuwendungen zu Kritik langsam verkleinert auf 4:1, dann 3:1, kann es zu einem Selbstläufer werden. Eine kritische Aktion wird mit einer Gegenkritik beantwortet, und so kann es sehr schnell gehen, bis das Verhältnis unter 1 fällt und eine Trennung bald Wirklichkeit sein könnte. Will ein Paar in Frieden zusammenleben, braucht es von beiden Partnern den bewussten Wunsch, dem anderen möglichst viele gute Erlebnisse zu bescheren und sich wohlwollend zu begegnen. Eine solche Einstellung kann sich jeder aneignen.
Tipp Gehen Sie ganz bewusst positiv auf Ihre Partnerin zu. Denken Sie es nicht nur, sondern sagen Sie direkt, wie Sie sich auf das Wiedersehen gefreut haben oder dass Sie sich auf das gemeinsame Wochenende freuen. Machen Sie Ihrem Partner Komplimente, sagen Sie, wie gut er riecht, dass sie wieder einmal besonders gut aussieht oder wie sehr Sie die Grübchen lieben, wenn er lacht. Zeigen Sie Ihre Anteilnahme und das Interesse an seinem Alltag, indem Sie nachfragen.
Auch wenn Sie sich jeden Abend sehen: Die Freude zu zeigen, tut gut. Auch nach einem schlechten Tag können Sie sich vornehmen, Ihre schlechte Laune nicht an Ihrer Partnerin auszulassen. Schaffen Sie es nicht, Ihre Stimmung zu verbessern, reden Sie darüber. Erklären Sie, warum Ihre Gemütsverfassung schlecht ist. Vielleicht brauchen Sie zuerst einen Moment für sich, um Musik zu hören oder sich die Füsse zu vertreten. Geben Sie Ihrem Partner die Chance, Ihnen Gutes zu tun.
Abwesenheit von Kritik genügt nicht
Einige gestandene Paare gehen davon aus, dass die Abwesenheit von Kritik schon Anerkennung genug ist. Beispielsweise äusserte in einer Paartherapiesitzung ein Ehemann zu seiner Frau, die sich über zu wenig Wertschätzung beklagte: «Wenn ich dich nicht gut finden würde, wäre ich schon längst nicht mehr mit dir zusammen. Ich habe dir schon mehrmals erklärt, dass ich zufrieden mit dir bin. Das sollte doch Wertschätzung genug sein.» In diesen Zusammenhang passt der Ausspruch von Benjamin Franklin: «Es ist ein Zeichen von Mittelmässigkeit, nur mittelmässig zu loben.» Es ist zwar richtig, dass Paare den Partner das Wohlwollen und die unausgesprochene Anerkennung auf einer nonverbalen Ebene spüren lassen. Umgekehrt ist es auch unerlässlich, unausgesprochenes Wohlwollen und andere bejahende Gefühle des Partners wahrzunehmen. Es braucht eine positive Grundhaltung beider Partner. Allerdings braucht jeder Mensch aktive positive Wertschätzung, sonst «trocknet» er aus, und sein Selbstwert wird kleiner. Aktiv Wertschätzung zu vermitteln, heisst: aufmerksam sein, Lob aussprechen, sich für die Belange des anderen interessieren, zuhören und aufeinander eingehen. Erotische und körperliche Zuwendung sowie Sexualität vermittelt dem Partner ebenso, dass er oder sie attraktiv ist und begehrt wird. Damit solche Gefühle nach der anfänglichen Verliebtheit nicht verloren gehen, muss die Partnerin die Anerkennung und das Lob auch hören und fühlen. Der deutsche Maler Anselm Feuerbach schrieb zu Recht: «Tadeln ist leicht, deshalb versuchen sich so viele darin; mit Verstand zu loben ist schwer, darum tun es so wenige.»
Tipp Vergessen Sie nicht, Ihre Partnerin zu loben, zeigen Sie Anerkennung. Zu viel loben ist fast unmöglich. Allerdings müssen Sie es auch aufrichtig meinen. Lassen Sie Ihren Partner auch spüren, dass Sie seine Zuwendung und Worte der Anerkennung schätzen. Lassen Sie ihn nicht ins Leere laufen, indem Sie seine positive Aktion nicht beachten oder gar abwerten.
Reden und Schweigen
Die differenzierte Kommunikation durch Sprache ist für den Menschen überlebenswichtig. Sie ist bei der Kooperation unerlässlich, im sozialen Zusammenleben, aber auch in der differenzierten Arbeitswelt. Für eine positive Entwicklung Ihrer Partnerschaft ist ebenfalls eine Verständigung durch Sprache unabdingbar. Es gibt aber auch negative Gesprächsführung, es kommt also auf das Wie an, ob ein Gespräch produktiv ist oder nicht. Manchmal kann Reden aber auch eine Stimmung kaputtmachen und Schweigen bedeuten, den Augenblick zu geniessen. Schweigen kann aber genauso ein Mittel zur Dominanz sein. Stunden, ja tage- oder wochenlang zu schweigen, um den Partner für ein Verhalten zu bestrafen, kann sehr schmerzhaft sein und gehört zur psychischen Gewalt in einer Beziehung.
Tipp Lassen Sie Ihren Emotionen nicht einfach freien Lauf. Der vermeintlich banale Rat, auf zehn zu zählen, an die frische Luft zu gehen, bis der gröbste Ärger verraucht ist, funktioniert tatsächlich. Nehmen Sie sich etwas vor, das Ihnen hilft, überbordende Emotionen in den Griff zu bekommen. Das geht aber nicht von selbst. Es muss geübt werden. Manchmal hilft auch eine Vereinbarung mit dem Partner: beispielsweise, dass sie ein Codewort sagt, eine vereinbarte Bemerkung, die Sie emotional herunterholt. Denken Sie daran, dass der Partner Ihnen gut gesinnt ist. Manchmal gelingt es bei Uneinigkeiten, einen guten Kompromiss zu finden, mit dem Sie beide leben können und keiner den Kürzeren zieht....




