Archan | Die Alpen sehen und sterben | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: MörderMitzi und Agnes

Archan Die Alpen sehen und sterben

Kriminalroman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-489-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: MörderMitzi und Agnes

ISBN: 978-3-96041-489-6
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Killerjagd mit Alpenblick Ein kaltblütiger Mord im idyllischen Kufstein. Die einzige Zeugin ist Mitzi, eine naive junge Frau. Was sie zunächst aus der Bahn wirft, übt bald eine düstere Faszination auf sie aus, und sie kommt dem Täter immer näher. Kann die ehrgeizige Inspektorin Agnes Kirschnagel, die mit der Aufklärung des Falls betraut ist, ihr trauen? Je mehr Zeit vergeht, desto mehr Menschen sterben. Und der Killer findet immer größeren Gefallen an der 'MörderMitzi'.

Nach vielen Jahren als Schauspielerin an Staats- und Stadttheatern in Österreich, der Schweiz und Deutschland lebt und arbeitet Isabella Archan heute freiberuflich in Köln. Hier begann auch ihre Laufbahn als (Krimi-)Autorin. Neben dem Schreiben ist die gebürtige Grazerin immer wieder im TV zu sehen, u.a. im Kölner 'Tatort' und in der 'Lindenstraße'. Ihre MordsTheaterLesungen zu ihren Krimis erfreuen sich großer Beliebtheit.
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2


Es war dieser Moment.

Wenn er davon in Büchern las oder die Pupillen eines Sterbenden in Großaufnahme auf einer Kinoleinwand im neuesten Blockbuster vorgeführt bekam, überkam ihn immer ein leises Giggeln. Kein richtiges Lachen, denn in der Menge der anderen Kinobesucher wollte er nicht auffallen. Doch Giggeln ging, bei diesem Laut konnte sein Sitznachbar gemeinhin denken, sein Magen würde sich nach der riesigen Tüte Popcorn melden, die er schon am Beginn eines Filmes gern verschlang.

Gemeinhin.

Das erste seiner Lieblingswörter im Monat August.

Beim Frühstück im Hotel hatte er es an einem der Nachbartische aufgefangen, und wie alle seine Ohrwurmwörter war es hängen geblieben. Bis in die Nacht hinein hatte er es bereits in einige seiner Sätze eingebaut. Der Juli und mit ihm zehn auserkorene Lieblingswörter waren eingetütet, der August begann also mit »gemeinhin«.

In diesem schönen Ausdruck steckte der Begriff »gemein«, ohne dass die Bedeutung wirklich eine gemeine war. Es bezog sich auf »allgemein«, »Gemeinschaft«, »Gemeinde« und vieles mehr. Die Interpretationen gefielen ihm.

Dutzende Varianten konnte er damit bilden. Selbst zu diesem magischen Augenblick hatte es gepasst.

Magie des Sterbens.

Nicht das Erstarren der Pupillen, nicht das Ausbleiben des nächsten Atemzugs begeisterte ihn. Seltsamerweise atmeten sie alle immer noch einmal aus, bisher kein einziger Tod, wo nach dem Einatmen Schluss gewesen wäre. Manchmal, an stillen Orten, konnte er den Herzschlag hören, das schnelle Rasen, wenn die Angst ihn beschleunigte, das Galoppieren. Gefolgt vom Abschwellen, Langsamerwerden, bis zum letzten Klopfen. Eine individuelle Komposition des Abgangs, er hatte unterschiedliche Tempi herausgehört. Ebenso different gestaltete sich das Einsetzen der Schreie und ihre erreichbare Lautstärke, die er jedoch nur selten zulassen konnte.

Hier zeigte sich gemeinhin die Einzigartigkeit eines Individuums.

Wenn er länger keinen Auftrag annahm und seine Finger symbolisch juckten – »symbolisch« war eines seiner Lieblingswörter im Juli gewesen –, dachte er manchmal daran, ein Tier als Ersatz zu nehmen. Würde sich der verebbende Herzschlag einer Katze anders anhören als der eines Hundes oder eines Schafs? Aber dies blieb ein Gedankenspiel, er tötete niemals Tiere. Einer seiner Grundsätze. Nicht für alles Geld der Welt hätte er jemandes Nachbartöle beiseitegeschafft. Den Nachbarn ja, aber das Haustier niemals.

Es war also nicht der Blick, nicht der Herzschlag, nicht der Atem und schon gar nicht das Entweichen einer Seele. Auch wenn er an Gott in einer abstrakten Form glaubte, dachte er nie über ihn nach. Die Tötung eines Geschöpfes war Sünde, und deshalb ließ er alles göttlich Mahnende außen vor. Er hatte keine Seele je entweichen sehen. Vorher war der Mensch da, danach war der Mensch tot, das war es.

Was ihn betörte, war das Fallenlassen.

Dieses Erschlaffen nach der Anspannung in den Muskeln, im gesamten Körper. Das Loslassen nach dem Widerstand. Kämpfe hatte es nur zweimal gegeben, denn auch die Wütenden, sich Aufbäumenden kapitulierten und gaben sich ihm schließlich hin.

»Hingabe«.

Ein Wort, das er seit Jahren mochte.

Er empfand keine Zuneigung, kein Mitleid, nur der Moment wirkte, ließ die Zeit stillstehen und hallte nach. Die kurze Zweisamkeit, in der ein Mensch in seine Arme glitt. Oft blieben nur noch Sekunden, wenn er dieses Gleiten spürte. Und er verweigerte den Sterbenden nie ihre letzte Umklammerung.

Als Teenager hatte er in einem Buch über die Mythologie des Fährmanns Charon gelesen, der die Toten über den Styx hinüber in den Hades, die Unterwelt, brachte. Er selbst hob sie hinüber, wo und wie diese Welt nach dem Tod auch sein würde.

Auch Karsten Trinckas hatte losgelassen.

Als er Karstens erschlaffenden Körper in seinen Armen hielt, unter ihnen der Fluss und über ihnen die sternklare Augustnacht, war es fast, als würden sie einen Grundstein ihrer eigenen Mythologie setzen. Beide vereint an einem Knotenpunkt zwischen Leben und Tod.

Großartig.

Selten hatte er einen dermaßen romantischen Ort und eine perfektere Kulisse erlebt. Das Wasser rauschte, die Luft roch würzig. Ein lauer Wind zupfte an der Krempe seines Cowboyhutes, den er sich in einem der Souvenirläden gekauft hatte. Wie Fremdkörper hatten drei Exemplare zwischen Tirolerhüten und Kappen mit Edelweiß auf dem Verkaufsstand gelegen. Der Shop war voller Touristen gewesen, er hatte keine Sorge gehabt, dass ihn die verschwitzte Frau an der Kasse später möglicherweise beschreiben konnte.

Vor heute Nacht hatte er bereits drei Tage gewartet, immer wieder Möglichkeiten geprüft und Begegnungen vorüberziehen lassen.

Einmal wäre es auf der Herrentoilette neben dem Hotelempfang fast so weit gewesen. Als er jedoch am Urinal gestanden hatte, seinen Penis in der einen Hand, den Griff des Messers unter der Jacke mit der anderen bereits umfasst, hatte er es sich spontan anders überlegt. Vielleicht, weil er noch einen weiteren Tag in Kufstein verbringen wollte, ohne das Hotel wechseln zu müssen, vielleicht auch, weil Karsten Trinckas fröhlich neben ihm gepisst und gepfiffen hatte. Einen Mann in den Tod zu schicken, der gleichzeitig pisste und pfiff, war ihm nicht richtig vorgekommen.

Statt des Messers hatte er sein iPhone aus seiner dunkelblauen Jeansjacke mit der extra angenähten langen und verstärkten Innentasche herausgeholt. Mit Karsten ein Gespräch über die ständige Erreichbarkeit in der modernen Welt – selbst am Klo hatte man keine Ruhe – begonnen. Die Tür hinter ihnen hatte sich geöffnet, und drei weitere Herren hatten den Ort der Erleichterung aufgesucht. Wie immer hatte er instinktiv richtig gehandelt.

Viel besser war die Gelegenheit vorhin nach Verlassen der Bar gewesen. Wie einstudiert hatte sich Karsten schwankend auf die Brücke zubewegt, wie geplant hatte sich kein Mensch außer ihnen dort aufgehalten.

Er hatte den richtigen Zeitpunkt gefühlt.

Genau jetzt, hatte er gedacht, und sich einen Satz mit dem ersten Lieblingswort dieses Monats ausgedacht. Die Idee mit dem guten Gedanken war ihm ebenso zugeflogen. Eine letzte Fragestellung, die sich ab sofort öfter verwenden ließ.

Das Lüpfen des Hutes – wie ein Bonmot als Fußnote des Geschehens. Dazu das herrliche Grußwort »Servus«, das er in dieser Idylle, umgeben von den Tiroler Bergen, als absolut köstlich und passend empfand. Einzig der Geruch nach frischem Erbrochenen aus Karstens Mund hatte ihn gestört, doch diese Winzigkeit war leicht zu verdrängen.

Die Nachfrage zum Namen der Zielperson hätte er sich sparen können. Daran jedoch hielt er grundsätzlich fest, seit er vor ein paar Jahren einmal den falschen Bruder mit dem Messer beglückt hatte. Nein, der Mann war nicht unehrlich, sondern tatsächlich der ältere Bruder der Zielperson gewesen. Eine frappante Familienähnlichkeit und eine zu überstürzte Tötung in einem Hinterhof hatten der Verwechslung damals Vorschub geleistet.

Aber hatten nicht schon Chirurgen Patienten die falsche Niere entfernt, sogar das falsche Bein amputiert?

Seither fragte er.

Ja, es war Karsten Trinckas, und Karsten Trinckas machte ihm die Freude, sich schnell und problemlos töten zu lassen.

In dieser winzigen Zeitspanne des Auffangens von Karstens nachgebendem Körper war ihm, als sei er ein Wesen aus einer längst vergangenen Zeit, wiedergeboren in diesem Akt der Hingabe, gemeinhin mit einem »Servus« und einem seltsamen Hut ausgestattet. Ein Augenzwinkern der Ewigkeit.

Nur Bruchteile später hatte er sogar die neue Inspiration gehabt, die zu der Umgebung auf der Brücke hervorragend passte: Er hievte Karsten Trinckas hoch und warf ihn über das Geländer.

Perfekter ging es kaum.

Der Körper wurde flussabwärts getrieben, es konnte länger dauern, bis man ihn fand. Mit Glück würde die Polizei erst mal davon ausgehen, dass der Mann im betrunkenen Zustand in den Inn gestürzt war. Auch ein möglicher Suizid konnte nicht ausgeschlossen werden. Zwar würde im weiteren Verlauf der Rechtsmediziner an der Wasserleiche von Karsten Trinckas die Stichwunde entdecken, aber damit lag ein Raubüberfall oder ein Streit unter Betrunkenen nahe. Das Wasser würde alle Spuren wegschwemmen, der Körper aufgedunsen und durchweicht gefunden werden.

»Aufgedunsen«, ebenso ein schönes Wort, aber im alltäglichen Sprachgebrauch nicht gut zu verwenden. Der August hatte erst begonnen, es würden noch einige prächtige Formulierungen auftauchen.

Zeit zu gehen.

Wenn ihn jemand auf seinem Rückweg ins Hotel in den nächtlichen Straßen sehen würde und sich später im Zusammenhang mit dem Toten im Fluss überhaupt daran erinnern mochte, dann schützte ihn das neue auffällige Accessoire. Keiner sah einem Mann zuerst ins Gesicht, wenn der einen Cowboyhut mit breiter Krempe trug.

Am liebsten hätte er sich selbst auf die Schulter geklopft. Nach den letzten Wochen tat ihm der heutige Auftrag gut, endlich fühlte er wieder den Flow.

Eine letzte Geste als Anerkennung seiner Leistung musste sein.

Er überlegte kurz, und statt den Hut ein drittes Mal zu lüften, tippte er mit dem Finger an den Rand der Krempe und drehte seinen Kopf vom Wasser Richtung Brückengeländer.

Die junge Frau stand höchstens drei Meter von ihm entfernt. Im Licht der Laterne schien ihr Haar von einem Feenkranz umgeben zu sein.

Die perfekte Nacht kippte, rutschte, klatschte ebenso ins Wasser wie Karsten Trinckas.

Der Mund der jungen Frau stand offen. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Nichts an ihr bewegte sich.

»Salzsäule«, fiel ihm dazu ein.

Ebenfalls eine schöne...


Nach vielen Jahren als Schauspielerin an Staats- und Stadttheatern in Österreich, der Schweiz und Deutschland lebt und arbeitet Isabella Archan heute freiberuflich in Köln. Hier begann auch ihre Laufbahn als (Krimi-)Autorin. Neben dem Schreiben ist die gebürtige Grazerin immer wieder im TV zu sehen, u.a. im Kölner "Tatort" und in der "Lindenstraße". Ihre MordsTheaterLesungen zu ihren Krimis erfreuen sich großer Beliebtheit.



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