E-Book, Deutsch, 513 Seiten
Archer Die Stunde der Fälscher
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-442-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Thriller | Der größte Coup des Jahrhunderts ...
E-Book, Deutsch, 513 Seiten
ISBN: 978-3-98952-442-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jeffrey Archer (geboren 1940 in London) ist ein britischer Bestsellerautor und gehört zu den erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Nach seinem Studium in Oxford schlug er eine bewegte unternehmerische und politische Karriere ein, die in einem Skandal endete. Nachdem er 2001 wegen Meineids inhaftiert wurde, wandte er sich voll und ganz der Schriftstellerei zu und hat seitdem zahlreiche internationale Bestseller geschrieben. Jeffrey Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in abwechselnd in London, Cambridge und auf Mallorca. Die Website des Autors: www.jeffreyarcher.com/ Der Autor bei Facebook: www.facebook.com/JeffreyArcherAuthor/ Der Autor auf Instagram: www.instagram.com/jeffrey_archer_author/ Bei dotbooks als eBook erhältlich sind seine hochkarätigen Anthologien »Der perfekte Dreh«, »Falsche Spuren«, »Ein echter Gentleman«, »Der gefälschte König« und »Verbrechen lohnt sich«. »Der perfekte Dreh« und »Falsche Spuren« sind auch als Hörbuch bei SAGA Egmont erhältlich. Außerdem erscheinen bei dotbooks der Thriller »Die Stunde der Fälscher« und der Kurzroman »Das Evangelium nach Judas«.
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Kapitel 1
New York, 15. Februar 1993
Antonio Cavalli musterte verstohlen den Araber, der seiner Meinung nach für einen Botschaftssekretär, zudem Stellvertreter des Botschafters, viel zu jung aussah.
»Einhundert Millionen Dollar«, sagte Cavalli. Er betonte jedes Wort langsam, beinahe andächtig.
Hamid Al Obaydi schob klickend eine Perle seiner Gebetsschnur über den sorgfältig manikürten Nagel seines Daumens. Dieses Klicken ging Cavalli allmählich auf die Nerven.
»Einhundert Millionen – einverstanden«, erwiderte der stellvertretende Botschafter in abgehacktem Englisch.
Cavalli nickte. Das Einzige, was ihn an der Sache störte, war, daß Ali Obaydi nicht einmal den Versuch machte zu handeln, obgleich diese Summe das Doppelte dessen war, womit der Amerikaner eigentlich gerechnet hatte. Cavalli hatte aus bitterer Erfahrung gelernt, niemandem zu trauen, der nicht feilschte. Es bedeutete für gewöhnlich, daß der andere von vornherein gar nicht zu zahlen beabsichtigte.
»Wenn der Preis also klar ist«, sagte er, »bleibt nur noch die Frage, wie und wann die Zahlungen erfolgen sollen.«
Der Botschaftssekretär klickte eine weitere Perle über den Daumennagel, dann nickte er.
»Zehn Millionen Dollar sofort in bar«, sagte Cavalli. »Die restlichen neunzig Millionen auf ein Schweizer Bankkonto, sobald der Vertrag erfüllt ist.«
»Aber was bekomme ich für meine ersten zehn Millionen?« fragte der stellvertretende Botschafter und fixierte den Mann, dessen Abstammung ebenso schwer zu verheimlichen war wie seine eigene.
»Nichts«, entgegnete Cavalli, obwohl er zugeben mußte, daß die Frage des Arabers durchaus berechtigt war. Schließlich hatte der Botschaftssekretär viel mehr zu verlieren als nur das Geld seiner Regierung, wenn Cavalli seinen Teil der Abmachung nicht erfüllte.
Al Obaydi klickte mit einer weiteren Perle. Er wußte, daß ihm kaum eine Wahl blieb – er hatte volle zwei Jahre gebraucht, diese Besprechung mit Antonio Cavalli überhaupt zustande zu bringen. Inzwischen war Präsident Clinton ins Weiße Haus eingezogen, und sein eigener Chef war nicht mehr gewillt, noch länger auf seine Rache zu warten. Wenn er nicht auf Cavallis Bedingungen einging, waren die Aussichten, einen anderen zu finden, der diesen Auftrag vor dem 4. Juli erledigen konnte, so groß wie die eines Roulettespielers, der seine letzten Chips auf Zahl setzt.
Cavalli blickte auf das riesige Porträt an der Wand hinter dem Schreibtisch des Botschaftssekretärs. Sein erster Kontakt mit Al Obaydi hatte nur wenige Tage nach dem Ende des Golfkriegs stattgefunden. Damals hatte der Amerikaner es abgelehnt, mit dem Araber zu verhandeln; denn wie die meisten war Cavalli davon ausgegangen, daß der Auftraggeber dieses Mannes den Zeitpunkt, an dem erste Vorgespräche zustande kommen konnten, gar nicht mehr erleben würde.
Im Lauf der Monate sah es dann jedoch ganz so aus, als würde Cavallis potentieller Klient länger auf der Bildfläche bleiben als Präsident Bush. Also wurde ein erstes Treffen im Büro des Botschaftssekretärs in der Neunundsiebzigsten Straße Ost vereinbart. Der Treffpunkt war für Cavallis Geschmack ein wenig zu exponiert, sprach jedoch für die Glaubwürdigkeit eines Geschäftspartners, der einhundert Millionen Dollar in ein so waghalsiges Unternehmen zu investieren bereit war.
»Wie möchten Sie die ersten zehn Millionen haben?« erkundigte sich Al Obaydi, als würde er einen Immobilienmakler nach der Anzahlung für ein Häuschen auf der weniger vornehmen Seite der Brooklyn Bridge fragen.
»Die gesamte Summe muß in gebrauchten, unmarkierten Hundertdollarscheinen bei einem unserer Bankiers in Newark, New Jersey, deponiert werden«, antwortete der Amerikaner. »Und, Mr. Obaydi«, fügte er hinzu, »ich brauche wohl nicht darauf hinzuweisen, daß wir über Möglichkeiten verfügen, mit denen sich feststellen läßt ...«
»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, daß wir unseren Teil der Abmachung nicht erfüllen«, unterbrach Al Obaydi ihn. »Diese Summe ist für uns nur ein Tropfen im Ozean. Meine Sorge ist, ob Sie in der Lage sein werden, Ihren Teil der Vereinbarung einzuhalten.«
»Sie hätten sich nicht so um dieses Treffen bemüht, wenn Sie bezweifeln würden, daß wir die Richtigen für diesen Job sind«, entgegnete Cavalli. »Aber kann ich mich darauf verlassen, daß Sie so kurzfristig eine so große Summe Bargeld aufbringen können?«
»Es dürfte Sie interessieren, Mr. Cavalli«, antwortete der stellvertretende Botschafter, »daß das Geld sich bereits in einem Safe im Keller des Gebäudes der Vereinten Nationen befindet. Niemand würde so viel Bargeld in der Stahlkammer einer derart bankrotten Organisation vermuten.«
Das Lächeln auf Al Obaydis Gesicht verriet, daß er sich über diesen Witz amüsierte, obgleich Cavalli keine Miene verzogen hatte.
»Die zehn Millionen werden bis morgen mittag auf Ihrer Bank sein«, fuhr Al Obaydi fort, als er sich vom Tisch erhob und damit andeutete, daß die Besprechung, soweit es ihn betraf, zu Ende war. Der Botschaftssekretär streckte die Hand aus, und sein Besucher schüttelte sie zögernd.
Cavalli warf noch einmal einen Blick auf das Porträt Saddam Husseins, drehte sich um und ging.
Als Scott Bradley den Saal betrat, herrschte erwartungsvolles Schweigen.
Er legte seine Notizen vor sich auf den Tisch und ließ den Blick durch den Hörsaal schweifen. Der Saal war bis auf den letzten Platz mit eifrigen jungen Studenten besetzt, die Kugelschreiber und Bleistifte über gelben Notizblöcken bereithielten.
»Ich bin Scott Bradley«, stellte der jüngste Professor der juristischen Fakultät sich vor, »und heute werden Sie meine erste von vierzehn Vorlesungen über Verfassungsrecht hören.« Vierundsiebzig Gesichter blickten zu dem hochgewachsenen, etwas verlottert aussehenden Mann hinunter, der offenbar nicht bemerkt hatte, daß sein oberster Hemdknopf fehlte, und der sich am Morgen anscheinend nicht hatte entscheiden können, auf welcher Seite er sein Haar scheiteln sollte.
»Ich möchte diese erste Vorlesung mit einer persönlichen Bemerkung beginnen«, sagte er. Einige der Kugelschreiber und Bleistifte wurden wieder niedergelegt. »Es gibt viele Gründe, in diesem Land Jurist zu werden«, fuhr er fort, »doch es gibt nur einen wesentlichen Grund, der Richtschnur für Sie sein sollte und der, was mich betrifft, ausschlaggebend ist. Er gilt für jeden Rechtsbereich, auf den Sie sich spezialisieren mögen, und er wurde nie besser ausgedrückt als in jener Erklärung, die 1776 einstimmig von den dreizehn Gründerstaaten der USA verabschiedet wurde:
›Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören‹ Dieser eine Satz unterscheidet Amerika von allen anderen Staaten der Erde.
In mancher Hinsicht hat unsere Nation sich seit 1776 beachtlich weiterentwickelt«, fuhr der Professor fort. Er hatte noch keinen Blick auf seine Notizen geworfen, als er nun auf und ab ging und an den Aufschlägen seiner abgetragenen Tweedjacke zupfte.
»...während in anderen Bereichen unsere Entwicklung eher rückläufig gewesen ist. Jeder von Ihnen in diesem Saal kann zur nächsten Generation von Gesetzgebern oder Gesetzesbrechern gehören ...« Er machte eine Pause und ließ den Blick über seine stummen Zuhörer schweifen. »Und Ihnen wurde die größte aller Gaben mitgegeben, die Ihnen hilft, diese Entscheidung zu treffen: ein hervorragender Verstand. Wenn meine Kollegen und ich Sie gelehrt haben, was sich an Wissen vermitteln läßt, steht es Ihnen offen, die verschiedensten juristischen Berufe zu ergreifen. Dann können Sie die Unabhängigkeitserklärung ignorieren, als wäre sie nicht mehr wert als das Pergament, auf dem sie geschrieben steht, veraltet und bedeutungslos in der heutigen Zeit. Oder«, fuhr er fort, »Sie können sich entscheiden, Gutes für die Gesellschaft zu tun, indem Sie für das Gesetz eintreten. Das ist der Weg, den bedeutende Anwälte einschlagen. Schlechte Anwälte – und das heißt keinesfalls dumme Anwälte – beugen das Gesetz so weit, daß sie nur noch einen kleinen Schritt davon entfernt sind, es zu brechen. Jenen unter Ihnen, die diesen Weg einschlagen möchten, kann ich nur sagen, daß ich Ihnen nichts mehr zu vermitteln habe, weil Ihre Bildung abgeschlossen ist. Sie können natürlich meine Vorlesungen besuchen, doch es wird nur ein ›Besuch‹ bleiben.«
Es war so still im Saal, daß Scott aufblickte, um sich zu vergewissern, daß die Studenten sich nicht davongestohlen hatten. »Diese Worte stammen nicht von mir«, erklärte er, während er in die aufmerksamen Gesichter blickte, »sondern von Rektor Thomas W. Swann, der hier in den ersten siebenundzwanzig Jahren dieses Jahrhunderts seine Vorlesungen hielt. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, seine Philosophie an die neuen Studenten der juristischen Fakultät von Yale weiterzugeben.«
Der Professor schlug zum ersten Mal den Hefter auf, der vor ihm lag. »Logik«, begann er, »ist die Wissenschaft, sachliche und genaue Schlußfolgerungen zu ziehen. Nein, es ist nur gesunder Menschenverstand, höre ich Sie sagen. Nichts Ungewöhnliches, wie Voltaire geschrieben hat. Aber jene, die nach dem ›gesunden Menschenverstand‹ rufen, sind häufig dieselben, die zum Lernen zu faul sind.
Oliver Wendell Holmes schrieb einmal: ›Das Gesetz lebt nicht durch Logik, sondern durch Erfahrung.‹ ...«
Kugelschreiber und Bleistifte begannen über Papier zu huschen und hörten die nächsten fünfzig Minuten damit nicht mehr auf.
Als Scott Bradley am...




