E-Book, Deutsch, 295 Seiten
Archer Verbrechen lohnt sich
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-946-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Stories | Für alle Fans von Ferdinand von Schirach: 14 Erzählungen des Weltbestseller-Autors
E-Book, Deutsch, 295 Seiten
ISBN: 978-3-98952-946-5
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Jeffrey Archer (geboren 1940 in London) ist ein britischer Bestsellerautor und gehört zu den erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Nach seinem Studium in Oxford schlug er eine bewegte unternehmerische und politische Karriere ein, die in einem Skandal endete. Nachdem er 2001 wegen Meineids inhaftiert wurde, wandte er sich voll und ganz der Schriftstellerei zu und hat seitdem zahlreiche internationale Bestseller geschrieben. Jeffrey Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in abwechselnd in London, Cambridge und auf Mallorca. Die Website des Autors: www.jeffreyarcher.com/ Der Autor bei Facebook: www.facebook.com/JeffreyArcherAuthor/ Der Autor auf Instagram: www.instagram.com/jeffrey_archer_author/ Bei dotbooks als eBook erhältlich sind seine hochkarätigen Anthologien »Der perfekte Dreh«, »Falsche Spuren«, »Ein echter Gentleman«, »Der gefälschte König« und »Verbrechen lohnt sich«. »Der perfekte Dreh« und »Falsche Spuren« sind auch als Hörbuch bei SAGA Egmont erhältlich. Außerdem erscheinen bei dotbooks der Thriller »Die Stunde der Fälscher« und der Kurzroman »Das Evangelium nach Judas«.
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DER SACHVERSTÄNDIGE ALS ZEUGE
»Ein verdammt guter Schlag«, lobte Toby, als er beobachtete, wie der Ball seines Gegners durch die Luft sauste. »Dürften zweihundertdreißig, wenn nicht zweihundertfünfzig Meter sein«, fügte er hinzu. Er beschirmte die Augen vor der Sonne und beobachtete, wie der Golfball mitten auf dem Fairway hüpfte.
»Danke.« Harry freute sich.
»Was hattest du heute zum Frühstück, Harry?«, fragte Toby, als der Ball schließlich liegen blieb.
»Streit mit meiner Frau«, lautete die lakonische Antwort. »Sie wollte, dass ich diesen Vormittag mit ihr einkaufen gehe.«
»Wenn die Freuden und Leiden des Ehelebens mein Golfspiel so sehr verbessern würden, könnte ich fast in Versuchung kommen, ebenfalls zu heiraten.« Toby wandte sich dem Golfball zu. »Verdammt!«, fluchte er einen Augenblick später. Sein Schlag war verunglückt; der Ball war keine hundert Meter weit im dichten Rough gelandet.
Tobys Spiel war den ganzen Vormittag schwach, doch als sie zum Lunch ins Clubhaus zurückkehrten, warnte er seinen Gegner: »Nächste Woche hole ich mir im Gerichtssaal meine Revanche.«
»Hoffentlich nicht«, entgegnete Harry lachend.
»Wieso?«, fragte Toby beim Betreten des Clubhauses.
Harry grinste. »Weil ich von deiner Seite als Sachverständiger geladen bin.« Sie setzten sich an einen Tisch.
»Seltsam«, murmelte Toby. »Ich hätte schwören können, dass du Sachverständiger für die Gegenseite bist.«
Sir Toby Gray, prominenter Strafverteidiger und Anwalt der Krone, und Professor Harry Bamford standen im Gerichtssaal nicht immer auf derselben Seite.
»Alle Personen, die sich vor dem Lordoberrichter in der nun zu verhandelnden Rechtssache eingefunden haben, mögen näher treten.« Der Leeds Crown Court hatte Platz genommen. Richter Fenton führte den Vorsitz.
Sir Toby musterte den ältlichen, im Staatsdienst ergrauten Juristen. Er hielt ihn für einen liebenswürdigen und gerechten Mann; allerdings war seine Verhandlungsführung mitunter ein wenig umständlich.
Richter Fenton nickte Toby zu.
Sir Toby erhob sich, um mit der Verteidigung zu beginnen. »Eure Lordschaft, werte Geschworene, ich bin mir meiner großen Verantwortung bewusst. Einen Angeklagten zu verteidigen, der des Mordes beschuldigt wird, ist nie leicht. Es erschwert den Fall zusätzlich, wenn es sich bei dem Opfer um die Frau des Angeklagten handelt, mit der er über zwanzig Jahre glücklich verheiratet war. Das ist der Krone bekannt; sie hat es formell bekundet.«
»Meine Aufgabe wird auch dadurch nicht leichter, Mylord«, fuhr Sir Toby fort, »dass mein verehrter Kollege, Mr Rodgers, bei seiner Eröffnungsrede gestern die Indizienbeweise so geschickt aufführte, dass der Angeklagte schuldig zu sein schien. Ich jedoch beabsichtige«, Sir Toby schob die Daumen in seinen schwarzen Seidentalar und wandte sich den Geschworenen zu, »einen Zeugen aufzurufen, dessen Name als Sachverständiger wohl jedem ein Begriff ist. Ich bin zuversichtlich, dass er Ihnen, meine Damen und Herren Geschworenen, kaum eine andere Wahl lässt, als den Angeklagten für nicht schuldig zu befinden. Ich bitte nun Professor Harold Bamford in den Zeugenstand.«
Ein elegant in blauem Doppelreiher, weißem Hemd und der Krawatte des Yorkshire County Cricket Clubs gekleideter Herr betrat den Gerichtssaal und nahm seinen Platz im Zeugenstand ein. Nachdem der Gerichtsdiener ihm das Neue Testament hingelegt hatte, sprach er die Vereidigungsformel mit einer Selbstverständlichkeit, die unter den Geschworenen keinen Zweifel daran ließ, dass dies nicht sein erster Auftritt in einem Mordfall war.
Sir Toby zupfte seinen Talar zurecht, während er durch den Gerichtssaal zu seinem Golfpartner blickte.
»Professor Bamford«, begann er, als hätte er diesen Mann nie zuvor gesehen, »um uns Ihrer Sachkenntnisse zu vergewissern, wird es nötig sein, Ihnen zuerst einmal ein paar Fragen zu stellen, die vielleicht ein wenig unbequem sind. Aber es ist von größter Wichtigkeit, dass ich den Damen und Herren Geschworenen Ihre Befähigung nachweisen kann, soweit es diesen besonderen Fall betrifft.«
Harry nickte ernst.
»Professor Bamford, Sie haben in Leeds das Gymnasium besucht.« Sir Toby blickte auf die ausschließlich aus Yorkshire stammenden Geschworenen. »Wo Ihnen ein Stipendium für ein Jurastudium auf dem Magdalen College gewährt wurde ...«
Wieder nickte Harry und sagte: »So ist es«, während Toby scheinbar auf seine Notizen blickte – was völlig unnötig war, da er das Ganze bereits in einigen früheren Fällen mit Harry durchexerziert hatte.
»Aber Sie haben dieses Stipendium nicht angenommen«, fuhr Sir Toby fort, »weil Sie es vorzogen, hier in Leeds zu studieren. Stimmt das?«
»Ja«, antwortete Harry. Diesmal nickten die Geschworenen beifällig. Es gibt nichts Loyaleres oder Stolzeres als einen Yorkshirer, wenn es um irgendetwas Yorkshirisches geht, dachte Sir Toby zufrieden.
»Und haben Sie Ihr Studium an der Universität von Leeds – ich ersuche Sie nur zur Bestätigung um Antwort – mit Auszeichnung abgeschlossen?«
»Ja.«
»Und bot Ihnen die Harvard University, eine der bedeutendsten amerikanischen Universitäten, nicht einen Studienplatz an, damit Sie dort Ihren Magister- und danach Ihren Doktortitel machen konnten?«
Harry nickte knapp und bestätigte es. Wie gern hätte er gesagt: »Nun mach schon weiter, Toby«, doch er wusste, dass sein alter Sparringspartner so viel wie nur möglich aus diesem Gespräch herausholen wollte.
»Und Sie wählten für Ihre Doktorarbeit das Thema ›Handfeuerwaffen bei Mordfällen‹?«
»So ist es, Sir Toby.«
»Ist es auch so«, führ der Strafverteidiger fort, »dass Ihre Dissertation ein solches Interesse beim Prüfungsausschuss erweckte, dass die Harvard University Press diese Arbeit veröffentlicht hat, und dass sie nun jedem empfohlen wird, der sich auf forensische Wissenschaft spezialisiert?«
»Es ist sehr freundlich von Ihnen, es so zu formulieren«, sagte Harry und gab Toby damit das Stichwort für den nächsten Satz.
»Nicht ich habe es so formuliert«, entgegnete Sir Toby. Er erhob sich zur vollen Größe und blickte die Geschworenen eindringlich an. »Dies sind die Worte von keinem Geringeren als Richter Daniel Webster vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Aber gestatten Sie mir, weiterzumachen. Verlassen wir Harvard und kehren nach England zurück. Kann ich zu Recht sagen, dass Sie in einen Gewissenskonflikt gerieten, als die Oxford University Ihnen den ersten Lehrstuhl für forensische Wissenschaft anbot? Aber Sie schlugen auch dieses Angebot aus und zogen es vor, zu Ihrer Alma Mater zurückzukehren, zunächst als Dozent und später als Professor – habe ich Recht, Professor Bamford?«
»Sie haben Recht, Sir Toby«, antwortete Harry.
»Diese Professorenstelle haben Sie nun seit elf Jahren inne, obwohl Ihnen die renommiertesten Universitäten der Welt lukrative Angebote unterbreitet haben. Dann aber hätten Sie Ihr geliebtes Yorkshire verlassen müssen, und das wollten Sie nicht.«
An dieser Stelle blickte Richter Fenton, der das alles ebenfalls nicht zum ersten Mal hörte, vom Richtertisch hinunter und unterbrach Toby: »Ich würde sagen, Sir Toby, Sie haben ausreichend deutlich gemacht, dass Ihr Zeuge ein brillanter Sachverständiger ist. Könnten wir jetzt fortfahren und uns mit dem vorliegenden Fall befassen?«
»Mit Vergnügen, Mylord, vor allem nach Euren großzügigen Worten. – Es wird nicht mehr nötig sein, weiteres Lob auf die Schultern des verehrten Professors zu häufen.« Wie gern hätte Sir Toby dem Richter gesagt, dass er bereits am Ende seiner Vorstellung angelangt war, kurz bevor der Richter ihn unterbrochen hatte.
»Da ich die Jury nun mit Professor Bamford bekannt gemacht habe, werde ich – mit Eurer Erlaubnis, Mylord – zum vorliegenden Fall kommen.« Kurz wandte er sich wieder dem Professor zu und tauschte einen verstohlenen Blick mit ihm.
»Zu Beginn der Verhandlung erörterte mein geschätzter Kollege, Mr Rodgers, als Ankläger kenntnisreich den Tatbestand. Er ließ keinen Zweifel daran, dass dieser Fall nur auf einem einzigen Beweisstück beruht, nämlich ›der rauchenden Feuerwaffe, die nie rauchte‹.«
Es war eine Wendung, die Harry schon viele Male aus dem Mund seines alten Freundes gehört hatte und zweifellos in Zukunft noch des Öfteren hören würde.
»Ich spreche von der Pistole mit den Fingerabdrücken des Angeklagten, die neben der Leiche seiner bedauernswerten Gemahlin, Mrs Valerie Richards, gefunden wurde. Die Anklage geht davon aus, dass der Angeklagte, nachdem er angeblich seine Frau getötet hatte, voller Panik aus dem Haus rannte und die Handfeuerwaffe mitten im Zimmer liegen ließ.« Sir Toby schwang zu den Geschworenen herum. »Auf der Grundlage dieses einzigen dürftigen Indizes – und ich werde Ihnen noch zeigen, wie dürftig es ist –, sollen Sie, meine Damen und Herren Geschworenen, einen Mann des Mordes für schuldig befinden und ihn für den Rest seines Lebens hinter Gitter bringen.« Er legte eine Pause ein, um den Geschworenen Zeit zu geben, sich der Bedeutung dieser Worte klar zu werden.
»Nun komme ich wieder zu Ihnen, Professor Bamford, und möchte Ihnen – als brillantem Sachverständigen auf Ihrem Fachgebiet, um Mylords Charakterisierung Ihres Status zu benutzen – eine Reihe von Fragen stellen.«
Harry erkannte, dass das Vorgeplänkel vorüber war.
»Lassen Sie mich mit der Frage beginnen, Professor, ob es Ihrer Erfahrung nach wahrscheinlich ist, dass ein Mörder, nachdem er sein Opfer erschossen hat, die Mordwaffe am Tatort zurücklässt?«
»Nein, Sir Toby,...




