E-Book, Deutsch, 250 Seiten
16 Uhr 50 ab Ellingen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7472-0303-3
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein fränkisch-britischer Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-7472-0303-3
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sigrun Arenz, 1978 geboren, lebt als Lehrerin, Schriftstellerin und Übersetzerin aus dem Englischen in Fürth. Bei ars vivendi erschienen u. a. ihre Kriminalromane 'Das ist mein Blut' und 'Nicht vom Brot allein' sowie ihr Freizeitführer Jakobswege in Franken.
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Prolog
Aufforderung zum Tanz
»Ich betrachte einen Tanz als Sinnbild für die Ehe. Treue und Verbindlichkeit sind in beiden Fällen die wichtigsten Pflichten beider Parteien; und diejenigen Männer, die sich entscheiden, selber nicht zu tanzen oder zu heiraten, sollten nichts zu schaffen haben mit den Partnerinnen oder Ehefrauen ihrer Mitmenschen.«
»Aber es handelt sich um so unterschiedliche Dinge! Zwei Menschen, die heiraten, können sich nie wieder trennen und müssen im selben Haus wohnen. Wenn man miteinander tanzt, steht man sich lediglich eine halbe Stunde lang in einem großen Saal gegenüber.«
»Sie müssen aber doch zugeben, dass in beiden Fällen der Mann das Privileg der Wahl hat, die Frau nur die Freiheit, nein zu sagen; dass es sich in beiden Fällen um eine Verbindung handelt, die zum gegenseitigen Nutzen eingegangen wird und dass man verpflichtet ist, dem anderen keinen Grund zu dem Wunsch zu geben, sich für jemand anderen entschieden zu haben.«
Jane Austen, Northanger Abbey
Schon die Aufforderung zum Tanz bietet Gelegenheit zu einer Menge Chaos.
Und da ist von Konkurrenz, Geheimnissen und Mord noch nicht einmal die Rede.
Die Musiker spielten auf, und die Dame im langen Kleid sank in einen eleganten Knicks, während der Mann, der ihr gegenüberstand, sich verbeugte. Die beiden reichten sich die behandschuhten Hände und schritten zwischen dem nächsten Paar hindurch. Unter ihren zierlichen Schuhen glänzte das alte Parkett des großen Tanzsaals wie neu.
»Fuck, Johannes, das kann doch wohl nicht dein Ernst sein!«, rief Markus Wieland aus.
Sein Kollege beugte sich nach vorn zum Bildschirm und drückte auf Pause. Die Musik verstummte, und die Tänzer erstarrten in der Bewegung.
»Warum nicht?«, gab Johannes ungerührt zurück. »Das passt super in die Reihe über Hobbys und Sportarten in Franken. Du nimmst Kontakt mit einer dieser Gruppen in der Gegend auf, schaust dir das Ganze an, und wir machen einen netten kleinen Beitrag darüber.«
Er ließ den Youtube-Film weiterlaufen. Auf dem Bildschirm »sprangen« gerade mehrere Leute im Kreis herum, ehe die Männer und Frauen wieder in die ursprünglichen Reihen zurückkehrten. »Netter kleiner Beitrag, na klar«, grummelte Markus. »Mittelalterliches Rumgehüpfe – das wird der Knaller!«
Johannes lachte auf. »Komm schon, hab dich nicht so, wir müssen alle Opfer bringen. Ich würde es selbst machen, aber ich bin leider mit dem Bouldern und der Splashdiving-Meisterschaft völlig ausgelastet.«
»Splashdiving?«, fragte Markus in der Hoffnung, dem Thema »Historischer Tanz« für ein paar Minuten zu entfliehen.
»Besser bekannt unter der Bezeichnung ›Arschbombe‹«, antwortete sein Kollege knapp und kehrte direkt zum unbeliebten Gegenstand zurück. »Bei deinem Ausflug in die galante Zeit des englischen Regency Dancing arbeitest du mit Elif Aydin zusammen. Sie macht die Filmsequenzen, du kümmerst dich um die Texte. Ich lasse euch alle Freiheiten, Hauptsache, es kommt etwas Sehenswertes dabei heraus.«
In diesem Moment lief die Praktikantin an ihnen vorbei, und ihr Blick fiel auf die Tänzer und Tänzerinnen. »Oh, wie cool«, rief sie aus. »Wie bei Jane Austen. Wie bei Bridgerton. Ich wusste nicht, dass es so was in echt gibt.« Sie sah die beiden Männer strahlend an. »Ich fänd’s super, wenn wir darüber was machen würden. Ist doch mal was anderes als immer nur Fußball oder Zumba!« Dann eilte sie weiter auf die Kaffeeküche zu. Der Sender versuchte zwar, seine Praktikanten sinnvoll in die Arbeit mit einzubinden, aber faktisch verbrachten sie trotzdem immer noch sehr viel Zeit mit Kaffeekochen. Oder waren die modernen Praktikanten vielleicht einfach überdurchschnittlich koffeinsüchtig? Markus wusste es nicht, und er hatte momentan auch wirklich andere Sorgen.
Johannes grinste ihn triumphierend an. »Siehst du? Das wird super ankommen … zumindest bei den Frauen. Ehrlich gesagt ist meine Frau ein riesiger Fan von Jane Austen. Als sie erfahren hat, dass es hier in Franken Tanzgruppen gibt, die genau diese historischen Tänze lernen, meinte sie, da müssten wir unbedingt was drüber bringen.« Er zuckte die Schultern. »Frauen halt. Hm …«, räusperte er sich. »Das habe ich jetzt natürlich nicht gesagt. Und was auch immer du tust, wenn du dich mit dem Thema befasst, lass die Fans nicht hören, dass du es ›mittelalterliches Rumgehüpfe‹ nennst. ›Regency Dancing‹ oder ›Jane-Austen-Tänze‹ heißt das, okay?«
Markus fügte sich in das Unvermeidliche und holte sein Handy aus der Tasche. »Ich ruf Elif an. Oder hast du ihr schon Bescheid gesagt?«
Johannes schüttelte den Kopf. »Sie ist momentan unterwegs. Kannst du das mit ihr ausmachen? Ich verlass mich auf euch – ihr macht das schon«, sagte er noch und klopfte Markus auf die Schulter.
Markus verdrehte die Augen und ging ein paar Schritte, um Elif Aydin anzurufen. Sie arbeitete seit zwei Jahren beim Sender, und er hatte schon ein paar Sendungen mit ihr zusammen gemacht. Sie war eine exzellente Kamerafrau und Fotografin und, was in diesem Moment fast noch wichtiger war: eine Frau. »Gut, dass ich dich erwische, Elif«, begann Markus ohne Umschweife, als sie sich meldete. »Johannes hat einen Job für uns. Und ich habe eine Frage: Wer in aller Welt ist Jane Austen?«
Sie hatten ihre Hausaufgaben gemacht, als er und Elif zehn Tage später an einem regnerischen Novembertag in Erlangen aus dem Auto stiegen, um an Magda Schneiders Workshop »Historische Tänze der englischen Regency-Ära« teilzunehmen. Beide hatten sich über die englische Schriftstellerin Jane Austen informiert, deren sechs berühmte Gesellschaftsromane zur Weltliteratur gehörten und unzählige Male verfilmt worden waren. Tatsächlich hatte er sich während seiner Recherchen wieder daran erinnert, dass seine Exfrau Sarah solche Filme angesehen und ihn zu seinem Nachteil mit Alan Rickman oder Colin Firth verglichen hatte. Überhaupt war er durch seine Nachforschungen zu dem Schluss gekommen, dass anscheinend sogar bei den vernünftigsten und emanzipiertesten Frauen der Verstand aussetzte, wenn sie Mr.Darcy mit nassem Hemd aus dem See steigen sahen. Es war fast eine Erleichterung gewesen, dass Elif, als er vom Studio aus angerufen hatte, mit völligem Unverständnis reagiert hatte: »Jane Austen? Sagt mir nichts.«
»Ich wette, bei dem Workshop werden lauter Frauen sein, die alle hoffen, hier ihren ›Mr. Darcy‹ zu finden«, grummelte Markus, als sie die Treppe zum Tanzstudio hinaufstiegen. Immerhin hatte er es sich verkniffen, »verrückte Weiber« zu sagen. Ob Mann wollte oder nicht, seit der #MeToo-Debatte achtete auch er ein bisschen mehr auf seine Wortwahl – eine Tatsache, die seine Exfrau wohl gar nicht bemerkt hätte.
Elif hatte gerade die Tür zum Tanzsaal aufgeschoben, schaute hinein und begann zu lachen. »Ich würde mal sagen, da stehen die Chancen schlecht«, antwortete sie amüsiert.
Magda Schneider verfügte trotz ihres fortgeschrittenen Alters über die gerade Haltung und Körperspannung einer professionellen Balletttänzerin. Ihr Haar war in einem strengen Dutt zusammengefasst, der bestimmt auch nach der anstrengendsten Tanzstunde noch immer so akkurat aussah. Mit kühlem Adlerblick musterte sie die Eingetroffenen kritisch, und Markus musste plötzlich an seine strenge Französischlehrerin aus seiner Schulzeit denken.
Der Raum war ein typischer Ballettsaal einer Tanzschule: verspiegelte Wand und ein strapazierfähiger Kunststoffboden voll schwarzer Streifen. Mit dem Youtube-Video vom Jane-Austen-Festival, das Johannes ihm vorgespielt hatte, oder dem glänzenden Ball in der Romanverfilmung, die sie sich zu Recherchezwecken angesehen hatten, hatte er nichts gemeinsam.
»Bequeme Sportkleidung« hatte in der Anmeldung gestanden, und so fanden sie hier auch keine historischen Kleider, sondern T-Shirts und Gymnastikschuhe vor. Elif hatte im Vorfeld sehr deutlich gemacht, dass jede Kooperationsbereitschaft auf ihrer Seite in dem Moment zu Ende sein würde, wenn jemand von ihr erwartete, sich historisch korrekt in Schale zu werfen.
»Willkommen zu diesem Workshop über historische Tänze«, begann die Tanzlehrerin, sobald alle aus den Umkleiden in den Saal gekommen waren. Sie klang auch genau wie seine ehemalige Französischlehrerin, und Markus wettete, dass ihnen erst einmal eine Vorlesung bevorstand, ehe es mit der Praxis losgehen würde. Er fand sich bestätigt, als sie begann: »›Regency Dancing‹ ist streng genommen eine falsche Bezeichnung«, erklärte Magda gerade, »und was ›Jane-Austen-Tänze‹ angeht, so wird diese Formulierung nur verwendet, weil es das ist, womit die meisten Laien gerade noch etwas anfangen können. In den Verfilmungen ihrer Romane finden wir meist die sogenannten Country Dances, aber die entstammen nicht unbedingt der Regency-Epoche, die im engeren Sinn als die Regentschaft des späteren Königs George IV. ohnehin nur die Zeit von 1811 bis 1820 umfasst.« Neben Markus stieß Elif einen hörbaren Seufzer aus.
Die junge Frau, die zu seiner Linken stand, unterbrach die Dozentin: »Magda, ich glaube, du überforderst die Leute hier gerade mit den historischen Feinheiten. Die meisten sind zum ersten Mal hier. Lass sie doch erst tanzen, bevor sie sich mit der Theorie beschäftigen.«
Die übrigen Kursteilnehmerinnen setzten ausdruckslose Gesichter auf und vermieden es, irgendwen anzuschauen. »Wie in der Schule«, flüsterte Elif Markus zu.
Er grinste. »Genau wie in der Schule«, wisperte er zurück.
Magda, die ihn gehört hatte, warf ihm einen strengen Blick zu, aber der Rest der...




