Arenz | Die Erfindung des Gustav Lichtenberg | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 223 Seiten

Arenz Die Erfindung des Gustav Lichtenberg


1. Auflage 2004
ISBN: 978-3-86913-326-3
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 223 Seiten

ISBN: 978-3-86913-326-3
Verlag: ars vivendi
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In einem vergessenen Archiv findet Ludwig Lang den Plan zu einer rätselhaften Erfindung. Er baut die seltsame Maschine nach, aber als sie zum ersten Mal läuft, passiert - nichts. Oder doch? Völlig unerwartet begegnet Ludwig seiner großen Liebe - Elsa, der schönen Geigerin. Ein Roman über die Kraft des Erfindens, die Macht der Musik und die Kunst zu lieben.

Ewald Arenz, geboren 1965 in Nürnberg, studierte Geschichte, amerikanische und englische Philologie. Im ars vivendi verlag erschienen seine erfolgreichen Romane Der Teezauberer (2002), Die Erfindung des Gustav Lichtenberg (2004), Der Duft von Schokolade (2007), Ehrlich und Söhne (2009) und Das Diamantenmädchen (2011) sowie mehrere Bände mit humorvollen Kurzgeschichten. Für sein literarisches Werk wurde er u.a. 2004 mit dem Bayerischen Staatsförderpreis ausgezeichnet.
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8

»Gußeisen?« fragte der Werkmeister ungläubig »Gußeisen? Sie wissen schon, daß Aluminium bereits entdeckt ist, oder? Gußeisen können wir hier gar nicht herstellen!«

Ludwig stand in der Werkstatt des physikalischen Instituts und hielt einen Stoß Blätter in der Hand. »Die Gehäuse für die Vakuumpumpen sind auch gegossen«, sagte er etwas unsicher, froh, daß er diese Reaktion vorausgesehen hatte.

»Ja«, sagte der Werkmeister sichtlich verärgert, »aber das ist Grauguß. Was Sie wollen, ist Temperguß. Sie wissen ja wohl, was der Unterschied ist, oder? Wozu brauchen Sie die Teile überhaupt? Ich hab so was noch nie gesehen!«

Das wunderte Ludwig nicht. Außer ihm hatte diese Teile noch kaum jemand gesehen. Er hatte zwei Nächte damit zugebracht, die Skizzen aus Lichtenbergs Explosionszeichnung auf modernes Papier zu übertragen und mit der entsprechenden Beschriftung zu versehen. Erst dann war er sich endgültig darüber klar geworden, daß er bereits dabei war, die Maschine zu bauen. Und erst dann hatte er sich Gedanken darüber gemacht, wie er überhaupt an die Bauteile kommen sollte. Ihm war klar, daß er sich fast alle Bestandteile der Maschine fertigen lassen mußte und daß er das niemals bezahlen konnte. Temperguß zum Beispiel dauerte Tage. Jedes einzelne Teil mußte mindestens zweiundsiebzig Stunden lang geglüht werden, damit der Kohlenstoff im Eisen zur Temperkohle und der Guß schmiedbar wurde. Er war am Küchentisch gesessen, eine Tasse Kaffee vor sich, und hatte mutlos den Plan angesehen, bis ihm eingefallen war, wo er die Teile herstellen lassen konnte, ohne sie bezahlen zu müssen. Als ihm das physikalische Institut in den Sinn kam, war ein plötzliches Hochgefühl durch ihn geströmt. Doch er müßte etwas Verbotenes tun. Natürlich. Und er war kein Draufgänger, aber hier hatte er auf vage Weise das Gefühl, daß es gerecht sei zu lügen. Er konnte doch niemandem erklären, daß er eine uralte Maschine bauen wollte, um herauszufinden, wozu er da war, wieso er auf so seltsame Art mit dieser Maschine verbunden war, daß er sie unbedingt bauen mußte.

In der Experimentalphysik gab es eine eigene Werkstatt, die Geräte für die einzelnen Arbeitsgruppen baute. Wenn man Student war. Und wenn man einen vom Professor unterschriebenen Auftragszettel hatte. Und wenn man die Materialkosten über die Arbeitsgruppe abrechnete.

Ludwig hörte dem Murren des Werkmeisters mit einem freundlichen Gesicht zu. War er das? dachte er ungläubig. Er war doch zurückhaltend, und außer den vielen kleinen Unehrlichkeiten, die jeder halb unbewußt begeht, hatte Ludwig noch nie jemanden betrogen, jemanden so dreist belogen. Es mußte an der Maschine liegen. Er hatte ja auch noch nie das Gefühl gehabt, daß er in seinem Leben etwas wirklich Wichtiges getan hätte. Es hätte, dachte er verbittert, auch keinen Unterschied gemacht, wenn es ihn gar nicht gäbe.

»Passen Sie auf«, wandte er sich an den Werkmeister, »wenn Sie wollen, rufen wir den Professor an, und Sie beschweren sich bei ihm. Woher soll ich wissen, warum er ausgerechnet Temperguß braucht? Ich gebe bloß den Auftrag ab und ...«

Der Werkmeister beruhigte sich, und Ludwig merkte erstaunt, wie sicher ihn der Ärger gemacht hatte, oder besser das Verlangen, eine Spur zu hinterlassen und nicht einfach irgendwer zu sein. Es wurde ihm klar, daß er nicht wollte, daß von ihm nur so halbverwehte Abdrücke blieben wie von Lichtenberg.

Es war schwer gewesen, an den Auftragszettel zu kommen. Er wußte aus seinen Studientagen, daß einer seiner Professoren bereits unterschriebene Zettel im Büro der Arbeitsgruppe verwahrte, damit man nicht jedesmal zu ihm kommen mußte, wenn man einen Auftrag hatte. Nur kannte er niemanden aus der Gruppe mehr, und deshalb hatte er wie ein Dieb im Gang warten müssen, bis der Raum leer war, hatte sich mit klopfendem Herzen in den Raum geschlichen und die Schubladen durchgesehen, hektisch, mit schwitzenden Händen und sogar zitternd, bis er endlich ein Blatt gefunden hatte, es an sich riß und aus dem Büro stürzte. Und das Schlimmste kam ja erst noch – er würde die Teile abholen müssen, und die Arbeitsgruppe würde eine Rechnung bekommen für etwas, das sie nie bestellt hatte. Ludwig hatte plötzlich das Gefühl, sich in wenigen Minuten völlig verstrickt zu haben, aber er konnte ja immer noch zurück, er mußte nur dem Werkmeister die Papiere abnehmen, sagen: »Ich frage lieber noch einmal nach«, und alles wäre vorbei. »Wann kann ich die Teile abholen?« fragte er statt dessen und fügte noch hinzu »Es ist eilig.«

»Ach«, sagte der Werkmeister, »erzählen Sie mir was Neues« und ging zum Kalender.

»Donnerstag in einer Woche«, sagte er, »nachmittags.«

»Danke«, sagte Ludwig und verließ die Universität. Er mußte sich zwingen, nicht zu rennen, und schrak zusammen, als ihn ein Assistent grüßte, der ihn noch von früher kannte. Aber schon begann er sich vorzustellen, wie er das Holzwägelchen mit den Gußstücken aus der Uni schieben würde, stumpfgrau, aber noch warm und nach Öl riechend. Die Lichtenbergmaschine, dachte er dann. Ich baue die Lichtenbergmaschine.

Eine Woche noch, bis die Teile fertig waren. Ludwig verließ das Amt jetzt immer mit den anderen, aß auswärts in einem der billigen Lokale und wanderte stundenlang durch die Stadt, um müde zu werden und schlafen zu können, damit es schneller Morgen wurde. Er besorgte all die Teile für die Lichtenbergmaschine, die er sich nicht anfertigen lassen mußte. Seine Wohnung nahm immer mehr den Charakter einer Werkstatt an. Metallschrauben, Nieten, Schellen und Blei zum Dichten häuften sich an den Wänden. Aber irgendwann war er auch damit fertig, und das Gefühl des Schwebens und Wartens wurde immer stärker. Die Vorstellung vom Bau der Maschine nahm zwanghafte Züge an, und er konnte nicht mehr einschlafen. Seine Gedanken gingen im Kreis, verhedderten sich zwischen den Linien der Zeichnung, und die Glocken der Kirchen waren die einzigen Anker in der Nacht. Sie erinnerten ihn leise und ohne Nachdruck an zu Hause, an ruhige Abende, bis er endlich einschlief.

Er sprach kaum während dieser Tage. Seltsam, es war ihm nie aufgefallen, wie wenig er redete. Die Gespräche mit den Kollegen ließen sich ohne Anstrengung führen, oberflächlich und in dem Augenblick vergessen, in dem sie endeten. Und Freunde? Es war nicht so, daß er sich in Gesellschaft gar nicht bewegen konnte, aber die Menschen um ihn herum blieben ihm fremd, wohl vor allem deshalb, weil er sich nur ganz selten für jemanden wirklich interessierte. Die Welt war übervoll von Rätseln, die zu lösen waren, voller Strukturen, die man nachzeichnen und entschlüsseln konnte. Dagegen erschienen ihm die Menschen oft sehr gleichförmig und bestenfalls wie einfache Unbekannte in einer Gleichung. Für die Lösung konnte man den einen an die Stelle des anderen setzen und kam doch zum Ergebnis. Nur selten traf er Menschen, die ihn mehr interessierten, die nicht nur komplex und voller Widersprüche waren, sondern dabei auch noch in einer Weise auf ihn wirkten – und er auf sie –, die er nicht verstand, nicht einmal ansatzweise. Er wußte nur, daß diese wechselseitige Wirkung existierte.

An dem Tag, an dem er die Werkstücke abholen konnte, wachte er lange vor der Zeit mit einem Ruck auf. Die Stimmen der Vögel waren noch unterscheidbar, denn es dämmerte eben erst. Die Kirchturmuhr schlug fünf Uhr. Vor Ludwig stand der Plan der Lichtenbergmaschine, ohne daß er die Augen öffnen mußte. Er konnte im Geist jede Verbindung nachfahren. Und er stellte sich vor, wie er ein Teil an das andere setzen würde. Er fühlte fast die schwarze, unregelmäßige Oberfläche des Tempergusses, hörte das sanfte Reiben, wenn die Stücke ineinanderglitten, und den dumpf metallischen Ton, wenn das Ende der Muffe erreicht war und man hören konnte, daß die Rohre saßen. Er stellte sich vor, wie die Maschine wuchs, es war, als ob die Linien auf dem Plan sich vom Papier lösten und sich zu einem Modell formten, dicker und grau wurden und schließlich die Maschine bildeten.

Und dann kam er nicht weiter, seine Phantasie trug ihn nicht über den Augenblick hinaus, in dem die Maschine angeworfen würde. Es war, als ob es in seinem Geist eine Schwelle gäbe, die er nicht überschreiten konnte, hinter der alles nichtssagend leer war. Ludwig erschrak zuerst über seinen Mangel an Vorstellungskraft. Möglichkeiten! Es mußte doch Möglichkeiten geben. Aber dann verstand er, warum das so war: Er müßte die Maschine nicht bauen, wenn er sich vorstellen könnte, was in dem Augenblick geschähe, wenn er sie anschaltete. Der Leerlauf ist zu Ende, dachte er und warf die Bettdecke zurück, endlich. Eine besondere Erregung überkam ihn, während er sich anzog, frühstückte, nervös auf und ab ging, bis es Zeit wurde, in die Universität zu fahren. Er hatte sich schon am Vortag krankgemeldet, weil er sich nicht vorstellen konnte, im Amt zu sitzen und auf den Abend zu warten, um dann erst anzufangen, die Maschine zu bauen.

Das Holzwägelchen, das der Werkmeister halb mißmutig, halb stolz auf die Fertigstellung in der kurzen Zeit präsentierte, war ungeheuer schwer.

»Ich gebe Ihnen jemanden mit«, sagte der Werkmeister großzügig, nachdem Ludwig den Wagen in drei Minuten eben bis zur Schwelle gezerrt hatte.

»Nein!« wies Ludwig ihn fast schroff zurück, »ich schaffe das schon.«

»Wie Sie meinen«, zuckte der Werkmeister die Achseln, »ich wollte, ich hätte soviel Zeit wie ihr Studenten«, und kümmerte sich nicht mehr um ihn.

Ludwig war froh darüber, denn er hätte nur schwer erklären können, wieso er nicht den Lastenaufzug in den zweiten Stock nahm, woher der Auftrag...


Ewald Arenz, geboren 1965 in Nürnberg, studierte Geschichte, amerikanische und englische Philologie. Im ars vivendi verlag erschienen seine erfolgreichen Romane Der Teezauberer (2002), Die Erfindung des Gustav Lichtenberg (2004), Der Duft von Schokolade (2007), Ehrlich und Söhne (2009) und Das Diamantenmädchen (2011) sowie mehrere Bände mit humorvollen Kurzgeschichten. Für sein literarisches Werk wurde er u.a. 2004 mit dem Bayerischen Staatsförderpreis ausgezeichnet.



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