Arenz | Ehrlich & Söhne | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 424 Seiten

Arenz Ehrlich & Söhne


1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-86913-327-0
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 424 Seiten

ISBN: 978-3-86913-327-0
Verlag: ars vivendi
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Bestattungsunternehmer Friedrich Ehrlich hat einen ungewöhnlichen Beruf, aber auch vier ungewöhnliche Kinder. Diese bunt gemischte Familie lässt sich auch vor Krisen wie dem Wiederauftauchen einer 25 Jahre alten Wachsleiche und der Erpressung durch einen Ex-Terroristen nicht erschüttern. Wie der Bestatter seine mittlerweile erwachsenen Söhne und Töchter nach Hause holt, um mit einer sehr unorthodoxen Bestattung auch seine RAF-Vergangenheit zu begraben und wie sich das komplizierte Liebesleben des Ich-Erzählers, Samuel Ehrlich, entwickelt, davon berichtet dieser Familienroman mit viel Geist, Herz und gnadenlosem schwarzen Humor.

Ewald Arenz, geboren 1965 in Nürnberg, studierte Geschichte, amerikanische und englische Philologie. Im ars vivendi verlag erschienen seine erfolgreichen Romane Der Teezauberer (2002), Die Erfindung des Gustav Lichtenberg (2004), Der Duft von Schokolade (2007), Ehrlich und Söhne (2009) und Das Diamantenmädchen (2011) sowie mehrere Bände mit humorvollen Kurzgeschichten. Für sein literarisches Werk wurde er u.a. 2004 mit dem Bayerischen Staatsförderpreis ausgezeichnet.
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1

Es war der ideale Tag für eine Beerdigung. Der Himmel wirkte herbstlich und tief. Nieselregen kam in Schwaden, die Bäume trieften. Trostloser konnte die Stimmung kaum sein. Johannes stand auf der anderen Seite des Sarges, der auf den Brettern über dem offenen Grab ruhte, und vermied es, mich anzusehen, aber es entging mir nicht, dass er sich in den Zeigefinger biss. Um seine Mundwinkel zuckte es trotzdem. Ich konnte nicht anders – ich suchte seinen Blick, aber er sah konsequent weg. Ich spürte, wie das Lachen wieder in mir hochstieg. Die Trauergemeinde war jetzt auch bis zum Grab herangekommen, der Pfarrer suchte sich einen schwankenden Platz auf den Brettern, die über die Grube gelegt waren, und begann zu sprechen. Eine Bö ließ die Ewigen Lichter auf den Nachbargräbern flackern und klebte ihm den Talar an die Beine. Das half auch nicht. Ich blickte schnell zu den Wolken hoch, aber sogar die sahen komisch aus. Ich versuchte, nicht darüber nachzudenken, damit ich nicht lachen musste.

Johannes hatte damit angefangen. In der Aussegnungskapelle. Bevor wir den Sarg zuschrauben konnten, war der Pfarrer in die Halle gekommen und hatte überall und sehr nervös nach etwas gesucht. Johannes und ich sahen uns an. Wir kannten ihn nicht, aber das hatte nicht viel zu bedeuten – wir waren ja auch Jahre nicht mehr hier gewesen. Er sah jung aus, vielleicht war er sogar noch Vikar. »Können wir helfen?«, fragte ich höflich. »Nein, nein«, winkte er leicht abwesend ab, »nur die Predigt. Ich weiß, ich hab’ sie irgendwo hier gelassen.« Er ging in der Sakristei suchen, er kam wieder in die Halle, er sah auf und unter den Stühlen nach, und schließlich, als Johannes und ich eben den Deckel anhoben, machte er eine fahrige Handbewegung, ging mit ein paar schnellen Schritten zum Sarg und hob zerstreut das Kissen an einer Ecke etwas an, als ob sich seine Predigt dort versteckt haben könnte. Im Sarg. Unter dem Kissen. Unter dem Kopf des Toten. »Nee«, murmelte er dann halb zu sich, halb zu uns, »da auch nicht.« Schließlich eilte er aus der Kapelle, und ich sah ihm verblüfft nach. In all den Jahren hatte ich so etwas noch nie erlebt. Ich sah zu Johannes hinüber; er hob auch nur die Schultern. Aber dann grinste er, zischte »Pst!« und machte eine kleine Kopfbewegung zum Sarg hin. Zuerst dachte ich, Johannes hätte die Predigt vielleicht versteckt, aber dann sah ich, was er meinte. Während ich nämlich dem Pfarrer nachgesehen hatte, hatte Johannes dem Toten eine Augenbraue nach oben gezogen. Der verstorbene Richter Bader machte auf einmal ein Gesicht, als sähe er dem zerstreuten Pfarrer leicht tadelnd hinterher.

»Nicht lustig!«, sagte ich halb betroffen und musste dann doch grinsen.

»Doch!«, sagte Johannes vergnügt, aber weil in diesem Augenblick die Tür aufging und der Organist hereinkam, konnten wir das nicht vertiefen.

Dann begann der Gottesdienst, und als sich unsere Blicke wieder trafen, als der Pfarrer das zweite Mal von »der lieben Verstorbenen« sprach, zog ich sehr langsam die Augenbraue hoch, und Johannes musste sofort wegsehen, aber sein Rücken hörte lange nicht auf zu vibrieren.

Und nun standen wir am Grab und bemühten uns, einander nicht anzusehen, aber es hatte keinen Sinn. Der Sarg war sehr schön und sehr schlicht. Er stand schwarz und nass glänzend zwischen uns. Die Blumen leuchteten in der Regenluft, und die Bänder hatte der Regen glatt auf den Lack geklebt. »Aus der Ferne in Liebe. Herbert und Eva.« – »Schlaf wohl. Deine Kollegen.« Und dann gab es ein Band, auf dem wohl »In unvergesslicher Liebe« stehen sollte, aber zwei unglückliche Falten machten den letzten Gruß zu »unerlicher Liebe.« Ich konnte aus den Augenwinkeln sehen, wie Johannes die Augenbraue wieder hob, und ich deutete unauffällig auf das Trauerband, biss mir auf die Lippen, so fest ich konnte, spürte jedoch, wie das Lachen glucksend hochstieg, und kämpfte dagegen an. Als ich aber hörte, wie Johannes leise prustende Geräusche machte, hielt ich es auch nicht mehr aus. Mit einem Hustenanfall, der niemanden täuschte, rannte ich zu einer Birke ein paar Meter weiter. Johannes tat, als müsse er mir helfen, und kam mir nach. Wir lehnten uns an den Stamm und lachten, wie es nur unter Brüdern möglich ist, versuchten, das Lachen zu unterdrücken, um nicht aufzufallen, und lachten doch hilflos immer weiter.

»Du gefühlloses Monster«, flüsterte Johannes atemlos, »du gottloses Schwein!«

Ich holte auch tief Luft. »Wir müssen den Sarg runterlassen«, keuchte ich, noch immer lachend, »hör auf jetzt! Hör auf!«

Der Pfarrer war fast am Ende seiner Ansprache und sah besorgt in unsere Richtung. »Denn von der Erde bist du genommen«, sagte er unsicher, »und zu Erde sollst du wieder werden.«

Johannes und ich kamen hinter dem Baum hervor. Wir gaben uns wirklich Mühe, aber ich glaube, jeder konnte sehen, dass hinter diesem Baum nicht getrauert worden war. Ich hustete noch ein- oder zweimal, aber wahrscheinlich konnte ich niemanden überzeugen. Es gab jetzt mehr als eine hochgezogene Augenbraue, als wir uns zu beiden Seiten des Sarges aufstellten und die Gurte ergriffen.

»Jetzt!«, murmelte Johannes, ohne mich anzusehen, und wir hoben an. Der Friedhofsgärtner zog die Bretter weg. Wir ließen den Sarg hinunter. Ich hatte die Schleife mit der unerlichen Liebe noch glatt ziehen wollen, um meine Pietätlosigkeit wiedergutzumachen, aber jetzt sank sie mit ins Grab, wie sie eben lag. Ich konnte Johannes noch immer nicht ansehen. Er ließ die Tragschlaufen von den Schultern gleiten, und ich zog die Seile auf meiner Seite nach oben. Dann, endlich, konnten wir zurücktreten. Ein Trauergast nach dem anderen kam nach vorne, schob sein Schäufelchen in den Erdhaufen neben dem Grab und warf etwas davon auf den Sarg.

»Lass uns gehen«, flüsterte ich Johannes zu, »die laden uns sowieso nicht zum Leichenschmaus ein. Niemals.«

»Undank ist der Welten Lohn«, sagte Johannes nicht eben leise, und wir wandten uns zum Gehen.

Der Regen hatte aufgehört, aber der Wind wehte stetig durch den Friedhof, und überall tropfte es von den Bäumen. Die Kuppel des Krematoriums schimmerte kupfergrün zwischen den Kastanien durch, unter denen überall die braun glänzenden Früchte lagen. Der Herbst hatte eben erst begonnen, und es war ein wunderbarer Tag, als ich mit meinem Bruder den langen Weg vom Südende des Friedhofs bis zur Aussegnungshalle ging, wo unser Leichenwagen stand. Für mich ist es immer dieser Tag gewesen, an dem die Geschichte angefangen hat.

Ich fuhr. Schon als Kind hatte ich mir immer gewünscht, den Wagen fahren zu dürfen. Obwohl es natürlich hin und wieder neue Wagen gegeben hatte, hatten sie doch alle gleich ausgesehen: Lang und hoch, damit auch große Särge bequem hineinpassten, schwarz glänzender Lack und dunkle Scheiben – ich hatte nie gefunden, dass sie traurig aussahen. Ernst und vornehm, aber nicht traurig. Ich mochte den silbernen Olivenzweig, der unaufdringlich aus den verchromten Handgriffen der hinteren Türen hervorging. Sonst gab es keinen Schmuck und auch keinen Namen – mein Vater war immer der Ansicht gewesen, dass sein Name auf den Leichenwagen nichts zu suchen hatte. Der Wagen gehört den Toten, hatte er irgendwann einmal gesagt, wer ihn fährt, will keiner wissen.

»Wie lange hast du Urlaub?«, fragte ich Johannes.

»Bis Mittwoch«, sagte er, »aber ich muss am Dienstag schon zurück sein. Wäre gut, wenn wir morgen schon fahren könnten.«

»Ich habe die ganze Woche«, sagte ich, »wir fahren ja sowieso mit zwei Autos, dann kann ich noch zwei Tage in Berlin bleiben und mich um Großmutters Wohnung kümmern und so.«

»Um Großmutters Wohnung kümmern«, wiederholte Johannes ernst, »klar. Und mit osteuropäischen Straßenbahnschaffnerinnen in den Friedrichshain ziehen. Womöglich mit zweien gleichzeitig. Ich kenne deine dunklen Neigungen. Alle.«

»Mein lieber Bruder«, sagte ich ebenso ernst, »nicht jeder hat ein so unverkrampftes Verhältnis zu mehrdimensionalen Beziehungen wie du. Euch Ärzten ist ja nichts Menschliches heilig.«

»Ich bin kein Arzt«, sagte Johannes heiter, »ich bin Pathologe. Das ist was völlig anderes. Es ist der beste Beruf von allen. Ich stehe unter keinerlei Erfolgsdruck. Ich muss nichts reparieren. Ich bin so was wie ein Mechaniker, der auseinandernehmen darf, ohne wieder zusammensetzen zu müssen.«

»Ja, klar«, sagte ich, »das macht dann Papa. Mit sehr viel Schminke. Ihr Pathologen seid Metzger! Wenn die Angehörigen die Leichen so zu sehen bekämen, wie ihr sie liefert …«

»Ich muss bloß herausfinden, warum jemand gestorben ist. Und da ich so lange an den Toten herumfummeln kann, wie ich will, klappt das auch meistens. Würdest du bitte anhalten«, sagte Johannes in unverändertem Ton, »die Ampel ist rot.«

Ich trat auf die Bremse.

»Spießer«, murmelte ich. »Wenn du dich anschnallen würdest, hättest du keine Angst vor roten Ampeln.«

»Samuel«, sagte Johannes streng, »nenn mich nicht Spießer. Ich bin der Einzige, der die Familientradition weiterführt. Das ist nicht spießig. Das ist wertekonservativ.«

Die Ampel sprang wieder auf grün. Ich gab Gas. Johannes wurde in den Sitz gedrückt. Ich sagte lächelnd: »Es hat in dieser Familie noch nie einen Teilzeitpathologen gegeben, der den größten Teil seines Geldes mit Saxophonspielen in einer Bigband verdient. Das ist nicht wertekonservativ. Jazz ist wirklich bloß spießig.«

»Neid«, sagte Johannes lässig, »aus dir spricht der blanke Neid, weil du nur mit Toten spielen darfst, wenn du übers Wochenende bei den Eltern bist. Du...


Ewald Arenz, geboren 1965 in Nürnberg, studierte Geschichte, amerikanische und englische Philologie. Im ars vivendi verlag erschienen seine erfolgreichen Romane Der Teezauberer (2002), Die Erfindung des Gustav Lichtenberg (2004), Der Duft von Schokolade (2007), Ehrlich und Söhne (2009) und Das Diamantenmädchen (2011) sowie mehrere Bände mit humorvollen Kurzgeschichten. Für sein literarisches Werk wurde er u.a. 2004 mit dem Bayerischen Staatsförderpreis ausgezeichnet.



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