E-Book, Deutsch, 286 Seiten
Arnim Die Günderode (Briefe) (Kommentiert)
1. Auflage 2014
ISBN: 978-80-268-0559-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erweiterte Ausgabe. Romantische Briefe über Frauenfreundschaft, Freiheit, Liebe und weibliche Selbstbehauptung
E-Book, Deutsch, 286 Seiten
ISBN: 978-80-268-0559-5
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Die Günderode (Briefe)' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Bettina von Arnim (1785/1859) war eine deutsche Schriftstellerin und bedeutende Vertreterin der deutschen Romantik. Aus dem Buch: 'Die Ihr gleich goldnen Blumen auf zertretnem Feld wieder aufsprosset zuerst! In fröhlichen Zukunftsträumen der Muttererde huldigt, harrend voll heiligem Glauben, daß endlich Eurer Ahnung Gebild vollende der Genius und Fesseln der Liebe Euch umlege und großer Männer Unsterblichkeit in den Busen Euch säe - Die Ihr immer rege, von Geschlecht zu Geschlecht, in der Not wie in des Glückes Tagen auf Begeistrungspfaden schweift; in Germanias Hainen, auf ihren Ebnen und stolzen Bergen, am gemeinsamen Kelch heiligkühner Gedanken Euch berauschend, die Brust erschließt und mit glühender Träne im Aug Bruderliebe schwört einander, Euch schenk ich dies Buch.'
Weitere Infos & Material
Zweiter Teil
Wenn Dich eine höhere Vorstellung durchdringt von einer Menschennatur, so zweifle nicht, daß dies die wahre sei, denn alle sind geboren zum Ideal, und wo Du es ahnst, da kannst Du es auch in ihm zur Erscheinung bringen, denn er hat gewiß die Anlage dazu.
Wer das Ideal leugnet in sich, der könnte es auch nicht verstehen in andern, selbst wenn es vollkommen ausgesprochen wär. – Wer das Ideal erkannte in andern, dem blüht es auf, selbst wenn jener es nicht in sich ahnt.
Die Günderode im Jahr 4
Mahomets Traum in der Wüste
Bei des Mittags Brand
Wo der Wüste Sand
Kein kühlend Lüftchen erlabet,
Wo heiß, vom Samum nur geküsset,
Ein grauer Fels die Wolken grüßet,
Da sinket müd der Seher hin.
Vom tragenden Schein
Will der Dinge Sein
Sein Geist, betrachtend hier, trennen,
Der Zukunft Geist will er beschwören,
Des eignen Herzens Stimme hören
Und folgen seiner Eingebung.
Hier flieht die Gottheit,
Die der Wahn ihm leiht
Der eitle Schimmer zerstiebet.
Und ihn, auf den die Völker sehen,
Den Siegespalmen nur umwehen,
Umkreist der Sorgen dunkle Nacht.
Des Sehers Traum
Durchflieget den Raum
Und all die künftigen Zeiten,
Bald kostet er, in trunknem Wahne,
Die Seligkeit gelungner Plane,
Dann sieht er seinen Untergang.
Entsetzen und Wut
Mit wechselnder Flut
Kämpfen im innersten Leben,
Von Zweifeln, ruft er, nur umgeben
Verhauchet der Entschluß sein Leben!
Eh Reu ihn und Mißlingen straft
Der Gottheit Macht,
Zerreiße die Nacht
Des Schicksals vor meinen Blicken!
Sie lasse mich die Zukunft sehen,
Ob meine Fahnen siegreich wehen?
Ob mein Gesetz die Welt regiert?
Er sprichts; da bebt
Die Erde, es hebt
Die See sich auf zu den Wolken,
Flammen entlodern den Felsenklüften,
Die Luft, erfüllt von Schwefeldüften,
Läßt träg die müden Schwingen ruhn.
Im wilden Tanz
Umschlingt der Kranz
Der irren Sterne die Himmel;
Das Meer erbraust in seinen Gründen,
Und in der Erde tiefsten Schlünden
Streiten die Elemente sich.
Und der Eintracht Band,
Das mächtig umwand
Die Kräfte, es schien gelöset.
Die Luft entsinkt der Wolken Schleier,
Und aus dem Abgrund steigt das Feuer
Und zehret alles Irdsche auf.
Mit trüberer Flut
Steigt erst die Glut,
Doch brennt sie stets sich reiner,
Bis hell ein Lichtmeer ihr entsteiget,
Das lodernd zu den Sternen reichet
Und rein und hell und strahlend wallt.
Der Seher erwacht
Wie aus Grabesnacht,
Und staunend fühlt er sich leben,
Erwachet aus dem Tod der Schrecken,
Harrt zagend er, ob nun erwecken
Ein Gott der Wesen Kette wird.
Von Sternen herab
Zum Seher hinab
Ertönt nun eine Stimme:
»Verkörpert hast du hier gesehen,
Was allen Dingen wird geschehen.
Die Weltgeschichte sahst du hier.
Es treibet die Kraft,
Sie wirket und schafft
In unaufhaltsamem Regen;
Was unrein ist das wird verzehret,
Das Reine nur, der Lichtstoff, währet
Und fließt dem ew'gen Urlicht zu.«
Jetzt sinket die Nacht,
Und glänzend ertagt
Der Morgen in seiner Seele.
Nichts! ruft er, soll mich mehr bezwingen:
Daß Licht nur werde! sei mein Ringen,
Dann wird mein Tun unsterblich sein.
An die Günderode
Frankfurt
Günderödchen, der Clemens läßt Dich tausendmal grüßen. Ich muß es zuerst schreiben, denn er steht hinter mir und zwingt mich dazu; er spricht von einem Dompfaffen oder Blutfinken, der in Dich verliebt sei, und er sei so anmutig dumm, daß er Dir prophezeit, Du werdest ihm nicht widerstehen, denn die Dummheit sei Deine Schwäche; Du fallest drüber her wie ein Raubvogel über ein neugeboren Gänschen, und er hab Dich mehrmals sehen lauern und schweben mit gierigem Blick über Dummheitsphänomenen, und die würdest Du Dir auch nie haben abjagen lassen, und Du seist gewiß im Rheingau auf der Jagd danach, während hier die merkwürdigsten Exemplare Dir in die Hände laufen würden und auch mehrere für ein Geringes an Geld zu sehen sind.
Alleweil hat er den Hut genommen, um zu dem Puppenspiel Plätze zu bestellen; er will die Pauline hineinfahren, um ihr augenscheinlich zu machen, wie es in ihrem Magen aussieht. Denn sie habe ein Puppenspiel im Leib, und wenn sie mit ihm spricht, so antwortet er dem Pantalon, dem Scaramutsch, dem Hanswurst, der Colombine etc. – und sooft sie was sagt, so oft antwortet er einer andern Person vom Puppenspiel und so passend, daß das Puppentheater, nämlich der Pauline Magen, am meisten vom Lachen erschüttert wird. Er ist unerschöpflich an Witz, und alles läuft ihm nach. Daß Du nicht hier bist, hat ihn merklich betroffen; er wollt, ich könnt Dich bewegen zu kommen, aber Du wirst die Gärten des Dionysos nicht verlassen, wo Du jeden Morgen reife Beeren kostest, die der Gott Dir zum Fenster hinanreicht, um hier auf der schmutzigen Meß die Bären tanzen zu sehen. Hätt der Clemens nicht hier auf mich gewartet, so hätt ich mögen mit Dir im Rheingau bleiben, der Franz hätt's wohl erlaubt, ich hab mehrmals dran gedacht; wie schön wär's gewesen, da wären wir herumgeschweift – überall – wo andre Menschen nicht hinkommen; – oft ist ein klein verborgen Plätzchen, das niemand kennt, das schönste von der Welt. – Ich sag Dir, wir hätten Quellchen entdeckt tief im Gras und Gestein und einsame Hüttchen im Wald und vielleicht auch Höhlen – ich durchforsche gar zu gern die Natur Schritt vor Schritt. Ich dächt, wir sähen uns auch einstweilen um, nach einem Ort, wo wir unsere Hütten bauen wollen – Du auf dem Berg weit ins Freie hinaus, und ich im Tal, wo die Kräuter hoch wachsen und alles versteckt ist, oder im Wald, aber nah beisammen, daß wir uns zurufen können. Du rufst durchs Sprachrohr: »Bettine, komm herauf!« und da komm ich, und der Kanarienvogel fliegt voran, der weiß schon, wo's hingeht, und der Spitz kommt nachgebellt, denn im Tal muß man einen Hund haben. Hör! – und im Frühjahr nähmen wir unsre Stecken und wanderten, denn wir wären als Einsiedler und sagten nicht, daß wir Mädchen wären. Du mußt Dir einen falschen Bart machen, weil Du groß bist, denn sonst glaubt's niemand, aber nur einen kleinen, der Dir gut steht, und weil ich klein bin, so bin ich als Dein kleiner Bruder, da muß ich mir aber meine Haare abschneiden. – So eine Reise machen wir im Frühjahr in der Maiblumenzeit, aber da versäumen wir die Erdbeeren! Denn im Tal wär als alles übersäet, erst mit Veilchen und dann mit Erdbeeren, davon leben wir sechs Wochen; Kohl pflanzen wir nicht. – Im Herbst sind wir wieder da und essen die Trauben; ach, könnt's nur einen Sommer wahr werden! – mir kömmt's vor, als könnt man so immer und immer sein wollen. Denn wahrhaftig, mir strömt alle Weisheit aus Deinem Angesicht, ich hab mehr als zuviel, was in mich hineinspricht, wenn ich Dich seh, und wenn Du auch nur stillschweigst, so redst Du doch, Du bist ein groß Geheimnis, aber ein offenbares, aber ich schlafe in Deiner Gegenwart, Dein Geist schläfert mich ein, so träum ich, daß ich wache, und empfinde nur alles im Traum, und das ist gut, denn sonst würd ich verwirrt sein.
Wie der Clemens nach Haus gekommen war, hat er gleich nach meinem Brief gefragt, er wollt auch dran schreiben, ich hab ihn aber zerstreut durch allerlei, was ich von Dir erzählte, denn ich wollt ihn nicht gern lesen lassen, daß ich als Einsiedler mit Dir leben wollt, denn er hätt's gewiß im Puppenspiel angebracht; so erzählt ich ihm von unsrer Rheinfahrt in der Mondnacht mit der Orangerie auf dem Verdeck, das machte ihm so viel Freude, er frug nach allem, was noch vorgefallen, nach jedem Wort, nach den Ufern, nach dem Mond; und ich erzählte ihm alles, denn ich wußte alles, jed Lüftchen, was sich erhoben hatte, und wie der Mond durch die Luken und Bogen hinter den Bergfesten geschimmert hat, und alles, und er frug auch, was wir gesprochen, ich sagte: nichts oder nur wenig Worte, denn es sei die ganze Natur so schweigend gewesen. – Und wie er alles ausgeforscht hatte, da ging er fort und sperrte mich ein und sagte, ich sollt ein Gedicht davon machen, grad so, wie ich's erzählt habe, und sollt es nur aufschreiben immer in kurzen Sätzen, wenn es sich auch nicht reime, er wolle mich schon reimen lehren, und so ging er hinaus und schloß die Tür ab, und vor der Tür rief er: nicht eher kommst Du heraus, bis Du ein Gedicht fertig hast. – Da stand ich – ganz widersinnig im Kopf. – Ans Aufschreiben dacht ich nicht. – Aber ich dacht an das Versmachen, wie seltsam das ist. – Wie in dem Gefühl selbst ein Schwung ist, der durch den Vers gebrochen wird. – Ja, wie der Reim oft gleich einer beschimpfenden Fessel ist für das leise Wehen im Geist. Belehr mich eines Besseren, wenn ich irre, aber ist es nicht wahrscheinlich, daß Reim und Versmaß auf den ursprünglichen Gedanken so einwirke, daß er ihn verfälscht? – Überhaupt, was seelenberührend ist, das ist Musik, das hab ich schon lang...




