Arnold / Fitze | Entmenschlicht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Arnold / Fitze Entmenschlicht

Sklaverei im 21. Jahrhundert
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-85869-954-1
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Sklaverei im 21. Jahrhundert

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-85869-954-1
Verlag: Rotpunktverlag
Format: EPUB
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Die Sklaverei wird weltweit in vielen internationalen Abkommen und nationalen Gesetzen geächtet. Das hat nichts daran geändert, dass sie weiterhin existiert. Über vierzig Millionen Menschen, mehrheitlich Frauen und Kinder, sind moderne Sklaven, überall auf der Welt. Sie leben im Schatten, auch unter uns. Sie sind ebenso Opfer traditioneller Sklaverei wie neuer Formen von Ausbeutung und Gewalt. Die Produkte ihrer erzwungenen Arbeit finden sich in Verkaufsregalen und Computerprogrammen, sie schuften in Haushalten und Bordellen, auf Plantagen, in Nähereien, am Bildschirm, sie ziehen als Kindersoldaten in den Krieg und werden von diktatorischen Staaten in die Arbeit gezwungen. Die Autoren, seit drei Jahrzehnten im freien Journalismus tätig, zeigen auf, wie die moderne Sklaverei unseren Alltag durchdringt und in die globalen Wertschöpfungsketten verstrickt ist. Ihre Recherchen führen uns in chinesische Arbeitslager für Uiguren, auf brasilianische Großfarmen und hinter die Fassaden vermeintlicher Familienidyllen bei uns. Sie blicken in die Vergangenheit auf der Suche nach Motiven und Erklärungen für diese anthropologische Konstante der Gewalt, erzählen von Würde und Widerstand der Ausgebeuteten, offenbaren Gleichgültigkeit und Wegsehen - und sie suchen nach Wegen aus der modernen Sklaverei.

Martin Arnold, geboren 1961, und Urs Fitze, geboren 1962, arbeiten beide seit über dreißig Jahren als freie Journalisten zu gesellschafts- und umweltpolitischen Themen. Zusammen haben sie das Pressebüro Seegrund (www.seegrund.ch) mit Sitz in St.?Gallen gegründet und Sachbücher veröffentlicht, u.?a. 'Die strahlende Wahrheit. Vom Wesen der Atomkraft' (Zürich 2015) und 'Kinder auf der Flucht' (Zürich 2020).
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Historischer Abriss zur Sklaverei


»Meine Mutter ist weiß, meine Großmutter ist weiß, aber ich habe Farbe«

Sie trugen grüne Armbänder als Erkennungszeichen; die (Königin) und die (großen Mütter) hatten zusätzlich ein grünes Band umgehängt. Sie trafen sich zum Essen, zum Tanz, manchmal mit ihren Liebhabern, und sie sparten Geld, um diejenigen unter sich freizukaufen, die von ihren Besitzern missbraucht und misshandelt wurden. Von einer Selbsthilfegruppe würde man heute sprechen. Im Jahr 1817 schlägt der Statthalter der Stadt Santiago de Cuba im Osten Kubas Alarm. Die Insel ist Teil des »Vizekönigreichs Neuspanien«. Diese (von Franzosen versklavte schwarze Frauen) verbreiteten Unruhe und gefährdeten den Frieden in der Stadt. Es sei deshalb nötig, ihnen einen Schrecken einzujagen und die Vereinigung zu verbieten, schreibt er an seinen Vorgesetzten, den Gouverneur Kubas. Dieser wendet sich direkt an die Real Audiencia in Madrid, das höchste Justizorgan des spanischen Königreiches. Er verlangt eine »demütigende Bestrafung unter Berücksichtigung der Interessen ihrer Eigentümer«. Damit solle ein Exempel statuiert werden. Ob die Frauen bestraft wurden, ist nicht überliefert. Tatsächlich hatten sie nicht an den Grundfesten einer Gesellschaft gerüttelt, für die die Haltung von Versklavten berechtigt und durch den Buchstaben des Gesetzes gerechtfertigt war. Sie hatten nicht einmal explizit ihre Freiheit, für die sie zu zahlen bereit gewesen wären, sondern die Wahrung ihrer körperlichen Unversehrtheit verlangt.

Dabei haben sie am feinen Duft der Freiheit schon einmal geschnuppert. Sie tragen in ihren Köpfen das Versprechen der Französischen Revolution von 1789, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, und das fürchten die beiden kubanischen Amtsträger am meisten. Die Frauen sind mit Tausenden anderen 1803 aus der französischen Kolonie Sainte-Domingue nach Kuba geflohen, weil dort schwere Kämpfe toben. Am 18. November 1803 verlieren die Truppen des französischen Kaisers Napoleon die Entscheidungsschlacht, am 1. Januar 1804 ist Sainte-Domingue unter dem neuen Namen Haiti unabhängig. Eine halbe Million Sklaven sind nach dreizehn Jahren Befreiungskrieg frei. Schon einmal, 1794, hatte die französische Nationalversammlung, beeindruckt vom Aufstand der Sklaven im Norden der Insel, sie zu freien Bürgerinnen und Bürgern Frankreichs erklärt. Doch Napoleon hatte diesen Beschluss 1802 rückgängig gemacht und eine Armee nach Sainte-Domingue entsandt, um die Sklaverei wieder einzuführen.

Zum ersten Mal ist es Sklaven gelungen, das Joch ihrer Unterdrücker aus eigener Kraft abzuwerfen. Sklavenaufstände haben die Geschichte der Sklaverei seit Jahrtausenden begleitet. Stets waren sie, oft mit brutalster Gewalt, niedergeschlagen worden. Drei Jahre dauerte der Spartakusaufstand, von 73 bis 71 vor unserer Zeit. Nach blutigen Kämpfen siegten die römischen Legionäre. Fünftausend gefangene Aufständische wurden gekreuzigt.

In der niederländischen Kolonie Suriname kämpften Söldnertruppen unter dem Genfer Louis Henri Fourgeoud in den Jahren 1772 bis 1777 gegen aufständische »Maroons«, ins Hinterland geflohene schwarze Sklaven, die eigene Gemeinwesen aufgebaut hatten. John Gabriel Stedman (1744–1797), schottischer Söldner in niederländischen Diensten, hinterlässt ein illustriertes Tagebuch über die Geschehnisse, das später veröffentlicht wird. Die Schilderungen und Zeichnungen der Gräueltaten zeigen die Brutalität einer Sklavenhaltergesellschaft, die sechzigtausend schwarze Sklaven unterdrückt. Sie zeigen aber auch die Ambivalenz des Autors, der sich als Freund der Schwarzen bezeichnet. Er verliebt sich in die fünfzehnjährige Sklavin Joanne. Sie haben einen Sohn. Stedman möchte die beiden freikaufen und mit nach Europa nehmen. Es ist nicht sicher überliefert, ob ihm der Freikauf gelungen ist. Joanne weigert sich, mitzukommen. Sie stirbt 1782. Stedman befürwortet die Sklaverei, solange es sich um Gefangene aus einem »gerechten« Krieg handle – und betet damit ein Gewohnheitsrecht nach, das seit Jahrtausenden zu hören gewesen war und unter den antiken Römern Einzug in das Völkerrecht fand. Die Sklaverei sei zudem zur wirtschaftlichen Ausbeutung der Kolonien gerechtfertigt. Gegen die Brutalität der niederländischen Sklavenhalter brauche es aber schärfere Gesetze, zu denen die Zulässigkeit der Aussagen von Sklaven vor Gericht zählen müsse. Die Niederlande sind der letzte europäische Staat, der die Sklaverei 1863 abschafft, nicht ohne die Sklaven weitere zehn Jahre zur Zwangsarbeit zu verpflichten.

Stets haben Sklavinnen und Sklaven Formen des aktiven und passiven Widerstands entwickelt, um sich gegen die Ungeheuerlichkeit ihrer Versklavung zu wehren. Die Philosophin Iris Därmann beschreibt in ihrem Buch diesen Widerstand in den »Gewalträumen« der Sklaverei als »existenziell« für die Betroffenen. Es werde »immer mehr Scharfsinn, Fintenreichtum, List und affektive Kraft erforderlich sein, um zu widerstehen, als es nicht zu tun, vor allem aber, als Befehle zu erteilen und Gewalt auszuüben«. Dazu zählte das Sich-Dumm-Stellen gegenüber dem Sklavenhalter, die bewusste Langsamkeit bei der Arbeit, das »aus Dummheit« geschehene Zerstören von Pflügen oder wenn Kühe auf bestes Ackerland zum Weiden getrieben wurden. Als letzter Ausweg blieb, vor allem auf den Sklavenschiffen, die Selbsttötung – und die Revolution. Aufstände und Rebellionen auf Sklavenschiffen waren so häufig, dass der Historiker Michael Zeuske von der »Revolution auf hoher See« spricht.

Die Haitianische Revolution inspirierte den Philosophen Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zu seinem Werk . Im vierten Kapitel beleuchtet er die Ungleichheit der Menschen. Danach strebten alle Menschen gleichermaßen nach Anerkennung, aus der sie ihr Selbstbewusstsein schöpften. Im Verhältnis zwischen »Herr und Knecht« sei diese gegenseitige Anerkennung, das ungetrennte »Tun des Einen als des Andern«, außer Kraft. Es werde durch ein »einseitiges und ungleiches Anerkennen« ersetzt. Es sei der Herr, der seinen Knecht nicht anerkennt – oder wenn, dann nur als willenloses Wesen – und zugleich diese Anerkennung von diesem mit Gewalt einfordere. Gerade dieser Zwang mache die Anerkennung für den Herrn wertlos und bringe ihn zugleich in die – hier moralisch verstandene – Abhängigkeit von seinem Knecht. Hegel unterscheidet das »selbständige« vom »unselbständigen« Bewusstsein. »Die Wahrheit des selbstständigen Bewusstseins ist […] das knechtische Bewusstsein.« Dieses erscheine, weil erzwungen, nur auf den ersten Blick als nicht wahr. »Aber wie die Herrschaft zeigte, dass ihr Wesen das Verkehrte dessen ist, was sie sein will, so wird auch wohl die Knechtschaft vielmehr in ihrer Vollbringung zum Gegenteile dessen werden, was sie unmittelbar ist; sie wird als in sich zurückgedrängtes Bewusstsein in sich gehen, und zur wahren Selbstständigkeit sich umkehren.« Das sei, schlussfolgerte der fortschrittsgläubige Karl Marx einige Jahrzehnte später, nicht nur die perfekte Umschreibung einer ungleichen Gesellschaft, sondern, wie die Haitianische Revolution zeige, auch der Beweis, dass ungleiche gesellschaftliche Verhältnisse nicht überdauern könnten. Hegel geht nicht so weit. Er sieht die Lösung im Ausgleich, in der gegenseitigen Anerkennung – das ist die Utopie eines Staates, der die Ungleichheit beseitigt hat.

Die »Verfügbarkeit über den Körper« sei das eigentliche Wesensmerkmal der Sklaverei, sagt Zeuske, »dass der Körper eines Menschen, Mann, Frau und Kind, durch Institutionen geschützt und berechtigt, unter Kontrolle eines Halters (deshalb Sklavenhalter) steht, der ihn mit Gewalt seiner Mobilität und Entscheidungsfreiheit beraubt«. Der Historiker Peter Kolchin bringt diese strukturelle Gewalt auf den Punkt: »Mit Gewalt erschaffen, überdauerte die Sklaverei durch die Peitsche.« Die Peitsche »markiert mit lautem Knall, dass weder Menschen noch Tiere ohne schmerzhaften Zwang für einen anderen arbeiten und ergebene Dienste tun«, so Därmann. Zu dieser endlosen Gewalt kommt der »soziale Tod«, nach dem Soziologen Orlando Patterson die »permanente, gewaltsame Beherrschung familiär entfremdeter und allgemein entehrter Personen«, zu der die »Entfremdung von den Geburtsrechten« gehört; auch die Kinder versklavter Menschen haben keinen rechtlich und gesellschaftlich anerkannten Status. Sklavinnen – sie bilden bis heute die Mehrheit der Versklavten – und Sklaven sind »Unpersonen«, sie gehören nicht zu der Gemeinschaft, in die sie hineingeboren oder, in der Mehrheit der Fälle, hineingebracht wurden. Sklaven haben keine Geschichte und keine Zukunft. Und keine Stimme.

Das ändert sich auf der karibischen Insel Sainte-Domingue um die Wende...


Martin Arnold, geboren 1961, und Urs Fitze, geboren 1962, arbeiten beide seit über dreißig Jahren als freie Journalisten zu gesellschafts- und umweltpolitischen Themen. Zusammen haben sie das Pressebüro Seegrund (www.seegrund.ch) mit Sitz in St.?Gallen gegründet und Sachbücher veröffentlicht, u.?a. "Die strahlende Wahrheit. Vom Wesen der Atomkraft" (Zürich 2015) und "Kinder auf der Flucht" (Zürich 2020).



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