Arnold-Forster | Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Arnold-Forster Nostalgie. Geschichte eines gefährlichen Gefühls

Warum uns die Vergangenheit nie loslässt
Deutsche Erstausgabe
ISBN: 978-3-15-962443-3
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Warum uns die Vergangenheit nie loslässt

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-15-962443-3
Verlag: Reclam Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sehnsucht nach einem goldenen Zeitalter? Warum sehnen wir uns nach der »guten alten Zeit«? Agnes Arnold-Forster führt uns auf eine faszinierende Reise durch die Geschichte der Nostalgie - von ihrer »Entdeckung« im 17. Jahrhundert in der Schweiz, wo sie als Krankheit galt, bis zu ihrer modernen Rolle als Marketing- und Politikinstrument. Die renommierte Historikerin zeigt, wie Nostalgie Ängste spiegelt, Erinnerungen prägt und uns zugleich bei heutigen Herausforderungen hilft. Ein Buch für alle, die verstehen wollen, warum uns die Vergangenheit nie loslässt.

Agnes Arnold-Forster ist Historikerin und Autorin. Sie studierte in Oxford sowie am Imperial College London und schloss am dortigen King's College ihren Ph. D ab. Sie untersucht insbesondere die europäische und nordamerikanische Geschichte mit den Schwerpunkten Gesellschaft, Kultur, Medizin, Wissenschaft, Technologie, Emotionen und Arbeitswelt.
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Einleitung Die gute alte Zeit?


Ich war ein sehr nostalgisches Kind, das in Märchen und der Kult-Buchreihe schwelgte. Ich konnte Stunden damit verbringen, mir Zeitreisen in die Vergangenheit auszumalen und das 17., 19. und frühe 20. Jahrhundert zu verklären. Begeistert verschlang ich Enid-Blyton-Romane und bestürmte meine Eltern in den 1990er Jahren, mich nach der Grundschule in ein »Fünfzigerjahre-Internat« in Cornwall zu stecken. Mein Flehen verhallte ungehört, weshalb ich Tag für Tag in Faltenrock und weißer Bluse in meine öffentliche Schule ging – ganz ohne schicke Internatsuniform und voller Sehnsucht nach einer Welt, in der ich nie gelebt hatte. Irgendwie schaffte ich es trotzdem, Freunde zu finden. Als Erwachsene befreite ich mich von dieser emotionalen Abhängigkeit und entwickelte eine neue, deutlich zynischere Haltung zur Vergangenheit. Ich studierte Geschichte, promovierte in diesem Fach und verbot mir als Akademikerin strikt jegliche Gefühlsduselei. Auch privat war ich nicht länger nostalgisch. Stattdessen genoss ich das Hier und Jetzt und freute mich auf die Zukunft. Ich halte mich für progressiv und sehe mich eindeutig als Optimistin. Doch trotz dieser politischen und persönlichen Überzeugungen sitze ich jetzt hier und schreibe ein Buch zur Verteidigung der Nostalgie. Oder zumindest ein Buch, das sich diesem Gefühl, diesem Phänomen, respektvoll nähert und versucht, seiner Komplexität, seiner Macht und seiner erstaunlichen Wandelbarkeit gerecht zu werden.

Schaut man ins Wörterbuch, findet man eine relativ unkomplizierte Definition von Nostalgie. Gemeint ist eine »vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert, deren Mode, Kunst, Musik o. Ä. man wieder belebt«.1 Psychologen interpretieren den Begriff ähnlich, und obwohl sie seine Komplexität anerkennen, betrachten sie ihn als klar umrissenes wissenschaftliches Fachgebiet. Es handelt sich um »ein komplexes Gefühl, das mit Rückwärtsgewandtheit und gemischten Gefühlen einhergeht«.2 Oder vereinfacht gesagt, um ein bittersüßes, auf die Vergangenheit bezogenes Gefühl. Geweckt wird es dann, wenn man Erinnerungen wachruft oder darin schwelgt. In der Regel sind das nicht irgendwelche Erinnerungen, sondern solche, die einem lieb sind, die eine besondere Bedeutung haben. Oft nimmt man sie durch eine rosarote Brille wahr, es kann dabei auch zu Niedergeschlagenheit und Traurigkeit kommen: Man vermisst einen bestimmten Moment, der unwiederbringlich vorbei ist, und sehnt sich nach ihm. Man trauert ihm hinterher, ja wünscht sich unter Umständen sogar in diese Zeit zurück. In die Freude über die Erinnerung mischt sich ein Gefühl von Verlust, Bedauern oder Wehmut.

Nostalgie ist also weitaus mehr, als sich an die Vergangenheit zu erinnern, zumal die Erinnerung trügen kann. Nostalgie ist ein emotionaler Zustand – wir sind dann nostalgisch, wenn es um Momente geht, die bedeutsam für uns sind. Einige historische Epochen – seien sie nun im persönlichen oder im kollektiven Gedächtnis verankert – sind stärker mit Bedeutung aufgeladen als andere. Gut möglich, dass wir unsere Vergangenheit bewusst oder unbewusst beschönigen, Erinnerungen an verschiedene Zeiten und Orte entsprechend festigen und Informationen so rekonstruieren, dass sie besser zu unseren heutigen (moralischen) Werten beziehungsweise zu unserem Selbstbild passen. Nostalgie ist beteiligt an dieser Rekonstruktion. Sie nimmt das, was passiert ist, und lädt es emotional auf, lässt es erstrahlen und taucht es in ein schmeichelhaftes Licht.

Obwohl es allgemeine Definitionen dieses Gefühls gibt, kann Nostalgie die unterschiedlichsten Formen annehmen: Mal sehnt man sich voller Wehmut nach Dingen, die man selbst erlebt hat, unter Umständen nach der Kindheit, Pubertät oder Studienzeit. Mal nach einer Zeit, in der man noch gar nicht geboren war (so wie ich damals), nach einer Zeit, an die man sich gar nicht erinnern kann, will weit in die Vergangenheit reisen. Je nachdem, wen man fragt, welche Experten man interviewt, kann Nostalgie eine zutiefst persönliche, individuelle emotionale Erfahrung sein oder aber eine kollektive – ein Gefühl, das durch Rituale oder gemeinsame Erlebnisse geweckt, von den Medien beschrieben oder von Politikern gepflegt und strategisch eingesetzt wird. Diese kollektive Nostalgievariante ist sowohl ein tatsächliches Gefühl als auch ein abstraktes Konzept. Liest man Zeitungsartikel, die von einer ganz anderen Vergangenheit schwärmen, muss der Autor beim Schreiben nicht unbedingt selbst Nostalgie empfunden haben. Vielleicht war ihm das Gefühl sogar vollkommen fremd. Stattdessen wusste er genau, welche Wirkung ein nostalgischer Artikel auf die Leser hat.

Doch selbst wenn wir uns erst einmal auf persönliche Nostalgie konzentrieren, ist diese so wie alle menschlichen Gefühle komplizierter als zunächst gedacht. Heute lokalisieren sie die meisten Gefühlsforscher im Gehirn. Bahnbrechende Forschung aus dem 19. und 20. Jahrhundert wies nach, dass Gefühle mit einer Funktionseinheit des Gehirns, dem sogenannten limbischen System, zu tun haben.3 Für viele Neurowissenschaftler und Psychologen sind Emotionen angeboren, biologisch determiniert und klar erkennbar – und zwar über unterschiedliche Kulturen und gesellschaftliche Gruppen hinweg. Wie im Pixar-Film werden wir alle von Freude, Angst, Wut, Kummer und Ekel beherrscht. Diese »Basisemotionen« lassen sich an unseren jeweiligen Gesichtern, aber auch an Körperreaktionen wie sich aufstellenden Härchen und unserem Puls ablesen.4

In den letzten fünfzig Jahren wurde diese Gefühlstheorie vor allem vom Psychologen Paul Ekman vertreten. Laut Ekman sind bestimmte Emotionen universell erkennbar, und zwar unabhängig von ihrem zeitlichen, räumlichen oder kulturellen Kontext. Ein wenig anders als beim Pixar-Modell hat Ekman zunächst sechs Basisemotionen vorgestellt: Wut, Ekel, Angst, Freude, Traurigkeit und Überraschung. Später schlug er vor, dass es noch weitere universelle Emotionen geben könnte. Andere Psychologen haben Belustigung, Ehrfurcht, Zufriedenheit, Begehren, Verlegenheit, Schmerz, Erleichterung, Mitgefühl, Langeweile, Verwirrung, Interesse, Stolz, Scham, Verachtung und Triumph vorgeschlagen. Bei der Theorie der Basisemotionen geht es jedoch weniger um die genaue Anzahl oder Beschaffenheit universeller Emotionen, sondern eher darum, ob Gefühle über die Geschichte, über verschiedene Kulturen und Arten hinweg immer dieselben bleiben; ob sie angeboren sind statt erworben und ob sie körperliche Reaktionen auf das sind, was uns zustößt, oder nicht.5 Dieses Gehirnmodell darüber, wie wir fühlen und kommunizieren – also die Vorstellung, dass Emotionen untrennbar mit Botenstoffen im Gehirn verbunden sind –, ist heute in medizinischen, naturwissenschaftlichen und psychologischen Fachkreisen weit verbreitet. Aber unangefochten ist es nicht. Was Emotionen sind und was sie ausdrücken, hat sich im Lauf der Zeit dramatisch geändert – abhängig davon, wer sie analysiert und erforscht hat.

Viele Historiker zum Beispiel üben heftige Kritik an der Theorie der Basisemotionen, unter anderem weil sie die vielen Gefühlsnuancen doch recht vereinfacht.6 In seiner jüngsten, ausführlichen Geschichte der menschlichen Gefühle ist Richard Firth-Godbehere wenig überzeugt von Ekmans Theorie: »Seine sechs Basisemotionen […] gehen auf eine geringe Anzahl amerikanischer Gesichter zurück, die er wie ein Raster über alle Gesichtsausdrücke im Rest der Welt gelegt hat.«7 Firth-Godbehere legt dar, dass die Theorie der Basisemotionen die enorme Bandbreite menschlichen Verhaltens, menschlicher Mimik und Gefühle auf eine winzige, stark vereinfachte Liste reduziert.

Und nicht nur Historiker sind skeptisch. In seinem Buch über Psychologie und Neurowissenschaft der Gefühle, , zeigt Wissenschaftsautor Leonard Mlodinow die Grenzen von Ekmans Thesen auf. Im Gegensatz zur einst vorherrschenden Auffassung, dass Gefühle »angeborene, immergleiche Reaktionen auf einige archetypische Reize« sind, zitiert er den Gefühlsforscher James A. Russell, der stattdessen sagt, dass »verschiedene Sprachen verschiedene Emotionen kennen. Sie weisen bestimmte Gefühle anderen Kategorien zu.«8 Mehrere Studien zum Thema Wut veranschaulichen dies. 1970 veröffentlichte die Anthropologin Jean L. Briggs die Ethnographie einer Inuit-Gemeinschaft. Briggs stellte fest, dass das Volk der Utku nicht nur ablehnte, was sie und ihre amerikanischen Landsleute »Wut« nannten, sondern auch keinen entsprechenden Begriff, kein entsprechendes Konzept dafür hatte.9 Vor kurzem hat die Psychologin Lisa Feldman Barrett argumentiert, dass Wut kein einzelner Instinkt ist, sondern eher »eine ganze Palette von Erfahrungen und Verhaltensweisen«. Sowohl Feldman Barrett als auch Russell betrachten Emotionen als psychische .10 Mit anderen Worten: Die große Bandbreite von...



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