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Arslan | Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Reihe: Humanities, Social Science (German Language)

Arslan Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum

Türkische Graue Wölfe in Deutschland
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-531-91867-9
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark

Türkische Graue Wölfe in Deutschland

E-Book, Deutsch, 264 Seiten

Reihe: Humanities, Social Science (German Language)

ISBN: 978-3-531-91867-9
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark





Emre Arslan ist Lehrbeauftragter an der Fakultät für Soziologie an der Universität Bielefeld.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Danksagung;5
2;Inhalt;6
3;1. Einleitung;9
3.1;1.1 Globalisierung und Nationalismuswelle;9
3.2;1.2 Ziel und Fragestellung der Arbeit;12
3.3;1.3 Aufbau der Arbeit;15
4;2. Türkische Migranten in Deutschland;19
4.1;2.1 Geschichtliche Hindergründe der Migration aus der Türkei;20
4.2;2.2 Strukturelle Diskriminierung und Rassismus in Deutschland;25
4.3;2.3 Diskurse über Multikulturalismus und Integration;30
4.4;2.4 Ethnisierung gesellschaftlicher Probleme in Deutschland;34
5;3. Wissenschaftliche Einbettung und Methoden der Arbeit;37
5.1;3.1 Wissenschaftlicher Diskurs über Graue Wölfe in Deutschland;37
5.2;3.2 Ideologie der Grauen Wölfe;45
5.3;3.3 Methoden der Arbeit;57
6;4. Mythos und Nation in der Moderne;63
6.1;4.1 Mythos in der Vormoderne und Moderne;64
6.2;4.2 Mythos als Metapher und Rohstoffreservoir;73
6.3;4.3 Die Konstruktion eines Mythos der Nation;79
6.4;4.4 Staat, Nation und Mythos;86
7;5. Der Grundmythos der Ülkücüs: Die Herrschernation;91
7.1;5.1 Der Graue Wolf: Ein mächtiger Jäger;92
7.2;5.2 Ergenekon als Vorbereitung und Zentrum für die Macht;100
7.3;5.3 Die Symbolik der Drei Halbmonde: Macht durch Islam;107
7.4;5.4 Basbug als mächtiger Befehlshaber;110
7.5;5.5 Töre als Sonderethos für die Herrschenden;114
7.6;5.6 Turan und „Roter Apfel“ als imperialer Traum;118
7.7;5.7 Schlussfolgerung: Der Grundmythos der Herrschernation;121
8;6. Vereine zwischen Islam und Nation;124
8.1;6.1 Türkische Föderation und natürliche Lobby des türkischen Staats;125
8.2;6.2 AT B und die Grenzen der nationalen Mythen;130
8.3;6.3 ATB und der Verein als sichere Insel in der Fremde;134
8.4;6.4 Mythos, Erinnerungskultur und Festtagsgedächtnis;138
8.5;6.5 Transnationale Übergänge der Ülkücü-Organisationen;142
8.6;6.6 Schlussfolgerungen;148
9;7. Mythen und Weltbild eines Nationalisten;150
9.1;7.1 Werdegang eines Ultranationalisten;151
9.2;7.2 Sicheres Gefühl und feste Identität im Verein;160
9.3;7.3 Pendel zwischen „Heimat“ und „Vaterland“;167
9.4;7.4 Ultranationalistische Mythen und Alltagsgedächtnis;170
9.5;7.5 Schlussfolgerungen;175
10;8. Gruppe als moralisches Subjekt;177
10.1;8.1 Mythen und Grenzen des Nationalstolzes;178
10.2;8.2 Natürliche Hierarchien und Männlichkeitsideal;184
10.3;8.3 Suche nach Sauberkeit;189
10.4;8.4 Gewalt im Alltagsleben und kollektive Verantwortung;193
10.5;8.5 Schlussfolgerungen;197
11;9. Nationales Wesen im transnationalen Raum;199
11.1;9.1 „Nationales Wesen“ im Weltbild der Ülkücüs;201
11.2;9.2 Mythen und Herrschaftsvorstellungen;208
11.3;9.3 „Globalisierung der Türken“;213
11.4;9.4 Neonazis und Türkische Ultranationalisten;217
11.5;9.5 Staatsmacht und Selbstbewusstsein;221
11.6;9.6 Schlussfolgerungen;226
12;10. Fazit;228
12.1;10.1 Momente des Werdegangs zum türkischen Ultranationalisten in Deutschland;228
12.2;10.2 Stärke und Schwäche der politischen Mythen;234
12.3;10.3 Graue Wölfe in der Türkei und in Deutschland: ein Vergleich;236
12.4;10.4 Grenzen des Nationenmythos im Transnationalen Raum;237
13;Verzeichnis der Abkürzung und türkischen Begriffe;239
14;Literaturverzeichnis;245


2. Türkische Migranten in Deutschland (S. 21)

Die Situation der Ülkücü-Bewegung als eine ultranationalistische Gruppierung erscheint sehr paradox. Wie andere Ultranationalisten verherrlichen die Ülkücüs die eigene Nation und den eigenen Staat. Daher muss die Ülkücü-Politik dem türkischen Nationalstaat eine verstärkte Aufmerksamkeit entgegenbringen.

Obwohl die meisten Ülkücüs in Deutschland leben wollen, ist Deutschland nicht das erste Ziel oder der erste Raum für ihre Politik. Sie leben in einem Territorium, das aus ihrer politischen Perspektive wesentlich unwichtiger ist. Anders gesagt ist das Zentrum ihrer politischen Weltanschauung ein anderes Territorium als das, in dem sie leben.

Obwohl sich auch andere türkische politische Organisationen in Deutschland zur Türkei hinwenden, befinden sich die Ülkücüs in einer besonderen Situation: Für andere Ideologien wie den Sozialismus, den Liberalismus und sogar dem Islamismus gibt es keine ontologischen oder wesentlichen Hindernisse, um ihre politische Zielrichtung nach Deutschland hin zu orientieren.

Die Ultranationalisten hingegen müssen bereits aufgrund ihrer Definition13 ein bestimmtes nationalstaatliches Territorium als ihren Raum idealisieren und sich selbst gleichwohl in anderen nationalstaatlichen Territorien als Fremde fühlen. Die Migranten, die ursprünglich aus der Türkei kommen, bilden auch politisch gesehen eine heterogene Gruppe.

Im Gegensatz zu anderen Migrantenorganisationen können die Organisationen, die als ihren wichtigsten Identitätsfaktor den türkischen Nationalismus bestimmen, sich selbst nicht mit Deutschland identifizieren. Wenn türkische Nationalisten in Deutschland hauptsächlich der ersten Generation angehören würden, könnte man dieses Phänomen als rein nostalgische Bindung zum Ursprungsland bezeichnen.

Die hier geborenen Jugendlichen bilden jedoch den größten Teil der Anhänger der türkischen ultranationalistischen Organisationen in Deutschland. Diese Tatsache bedeutet, dass ein Teil der Jugendlichen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sich mit Deutschland nicht identifizieren können oder wollen.

Die Existenz einer hohen Anzahl von Jugendlichen bei den Grauen Wölfen in Deutschland ist ein Zeichen dafür, dass die deutsche Gesellschaft einige Faktoren produziert, die den türkischen Ultranationalismus in Deutschland verlockend machen. Um die genauen Ursachen zu veranschaulichen, beschäftigt sich dieses Kapitel mit der geschichtlichen, soziologischen und politischen Situation der türkischen Migranten in Deutschland.

2.1 Geschichtliche Hindergründe der Migration aus der Türkei

Wegen der großen Bevölkerungsbewegungen von Deutschen in andere Länder, v. a. nach Amerika, im 18. und 19. Jahrhundert wurde Deutschland lange Zeit als ein wichtiges Auswanderungsland bezeichnet. In Wirklichkeit war Deutschland seit seiner Nationalstaatsgründung 1871 immer gleichzeitig ein Einwanderungsland (Terkessidis, 2000:10).

In den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden zahlreiche Migranten – insbesondere aus Polen – entweder als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft oder als Industriearbeiter im Bergbau oder im Baugewerbe beschäftigt (Herbert, 2003: 14-79). Nach dem zweiten Weltkrieg wurde diese Eigenschaft von Deutschland deutlicher: Millionen Arbeiter aus unterschiedlichen Ländern wurden mit zeitlich beschränktem Vertrag von Deutschland rekrutiert.

Um den temporären Charakter der Arbeitsmigration zu betonen, wurden diese Arbeiter als „Gastarbeiter“ bezeichnet (Melotti, 1997: 81). Obwohl 1954 in Deutschland über eine Million, bzw. 7 % Arbeitslose gemeldet hatte, verhandelte damalige Bundeswirtschaftsminister mit dem italienischen Außenminister über die Zulassung der italienischen Arbeiter in Deutschland. Der Grund dafür waren die ungleichmäßige Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Prognosen des weiteren Wirtschaftswachstums (Herbert, 2003: 202).

1955 lag die durchschnittliche Arbeitslosigkeit bspw. in Baden-Wüttenberg bei 2,2 % und in Nordrhein-Westfalen bei 2.9 %. Die stärkere Einbeziehung von Frauen in dem Arbeitsmarkt war von deutscher Politik und Wirtschaft aus „familienpolitischen“ Gründen unerwünscht. „Die problemlos mobilisierbaren deutschen Arbeitskräfte waren in den wirtschaftlich starken Regionen nahezu vollständig beschäftigt“ (Herbert, 2003: 204).



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