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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 93, 64 Seiten

Reihe: Tom Prox

Art Tom Prox 93

Der Rancher und die Totenvögel
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7517-3159-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Rancher und die Totenvögel

E-Book, Deutsch, Band 93, 64 Seiten

Reihe: Tom Prox

ISBN: 978-3-7517-3159-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieser Auftrag wird Tom Prox und Snuffy Patterson an die Grenze ihrer Belastbarkeit und manchmal auch darüber hinaus bringen. Der Captain und sein Sergeant suchen einen Mann, von dem sie nicht einmal wissen, wie er aussieht. Dieser Unbekannte soll im amerikanisch-mexikanischen Grenzland zwei Morde begangen und die Opfer regelrecht hingerichtet haben. Seine Spur führt in Richtung Norden und wird die beiden Ghosts bis in die verschneiten, eisigen und unbarmherzigen Weiten Kanadas führen. Nur, um zu spät zu kommen, denn der Mörder hat erneut zugeschlagen!

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2. Kapitel


Niemand in Low Websters »Holiday Inn« hatte jemals so ein ungleiches Paar gesehen. Die Frau sah ausgezeichnet aus, darüber waren sich sämtliche Männer Lochiels einig. Rassig und voller Temperament war sie. Sie trug meistens eng anliegende Blusen aus feinem weißem Leinen, dazu eine maßgearbeitete Reithose und zierliche, hohe Reitstiefel.

Dass sie mit einem eleganten, silberbeschlagenen Waffengürtel im Ort herumging, nahm ihr niemand weiter übel. Aus der vernickelten Waffe war sicher noch nie ein Schuss abgegeben worden.

Ein Mädel wie die, dachten die Männer, braucht wohl einen Colt nur, um die Liebhaber im Schach zu halten. Haha, sie sollte lieber den ulkigen Vogel abknallen, mit dem sie herumzog. So was war kein Mann, das war 'ne Vogelscheuche. Klein, dick und versoffen, nein, so eine Trauergestalt war einmalig! Unbegreiflich, wie das Mädel auf den hatte hereinfallen können.

Der aber, dem das abfällige Interesse galt, machte sich nicht das Mindeste aus den Bemerkungen seiner Tischnachbarn. Mit freundlichem Grinsen hockte er auf dem Stuhl hinter einem wohlgefüllten Glas und sah den Darbietungen der sechs verlebten Tänzerinnen zu, die sich auf der knarzenden Bühne des Etablissements in einem lahmen Tanz produzierten.

»Mächtige Stimmung heute Abend«, meinte der Dicke zu seiner Begleiterin. »Rassige Weiber, was?«

»Du leidest neuerdings wohl an Geschmacksverwirrungen, Ben«, entgegnete das Mädchen. »Wenn du denen die Puderschicht abkratzt, siehst du nur noch Falten und Krähenfüße. Sergeant Closter ist hinter Tänzerinnen her!«

»Na, hör mal!«, erwiderte Ben Closter. »Mit dir ist es ja doch nur plattonisch.«

Ruby Long glaubte nicht recht verstanden zu haben. Die Kapelle machte einen solchen Lärm, dass eine Unterhaltung kaum möglich war.

»Was?«

»Ich sage, dass so was Plattonisches nichts für meine Figur ist, Ruby«, wiederholte Ben großmäulig.

»Plattonisch? Du meinst wohl ›platonisch‹. Kommt von Plato«, sagte Ruby.

»Ich hatte mal 'n Hund, der hieß so«, erwiderte Ben. War 'n alter Feldherr, ich weiß. Wenn's was Historisches ist, da ist der Ben auf der Höhe!«

»Plato war aber ein griechischer Philosoph, Mann!«

»Ach ja, war der Kerl, der in einem Fass wohnte und dem einer aus der Sonne gehen sollte.« Ben nickte verständnisvoll und nahm einen kräftigen Schluck. Dann betrachtete er tiefsinnig das Glas, aber es war leer.

»Ich gebe es auf mit dir, Ben«, stöhnte Ruby. »Diogenes saß im Fass. Soll ich dir vielleicht auch noch erklären, was ein Fass ist, Kleiner?«

»Nee.« Ben strahlte. »Was 'n Fass ist, das weiß ich. Mit solchen Sachen kenne ich mich aus.« Er warf einen Blick durch den verräucherten Saal, in dem die Zigarettenschwaden wie Wolken unter der dunklen Holzdecke hingen. Die Tänzerinnen waren abgetreten.

»Ist er da?«, fragte Ben mit gesenkter Stimme.

Drüben sitzt er neben dem stiernackigen Bullen. Der mit dem kohlschwarzen Haar und der Hakennase ist Sandy Fletcher.«

»Na, dann mal ran.« Ben grinste. »Kannst jetzt zeigen, wie dein Sex-Appel auf die Männer von Lochiel wirkt.«

»Sex-Appeal«, verbesserte Ruby gewohnheitsgemäß. Sie schickte einen eindeutigen Blick über den Saal. Der Schwarzhaarige fing ihn auf und rückte sich den Hut ins Genick. Ben überlegte, dass die Sitten in den vergangenen zehn Jahren doch erheblich nachgelassen hatten.

»Nimm bloß nicht den Falschen«, warnte er. »Hab keine Lust, dich aus 'ner soliden Schießerei rauspauken zu müssen.«

»Unsinn, das ist doch Sandy Fletcher. Hab mich genau nach ihm erkundigt. Er hat am Ausgang des Kaffs 'nen Store. Lebt seit fünf Jahren hier. Sie sagen, dass er ein ruhiger Bürger sei. Vergangenes Jahr hätten sie ihn um ein Haar zum Sheriff gewählt. Aber er wollte nicht. Niemand in Lochiel hat's verstanden.«

»Na, Kunststück, der Mann müsste ja nicht alle Tassen im Schrank haben, wenn er sich zum Sheriff wählen ließe. Dann kommt nämlich heraus, dass er mit dem ermordeten Ted Moran ein dickes Racket gedreht hat. Zwei Jahre Zuchthaus hat er abgebrummt, Ruby! Bankraub, glaube ich.«

»Wird verflucht schwierig werden«, schimpfte die Agentin. »Herumsitzen und saufen, das ist auch alles, was du kannst! Immer muss ich die Kastanien aus dem Feuer holen.«

»Und ich dich aus dem Fegefeuer«, ergänzte Ben gelassen. »Tom hat mir aufgetragen, auf dich aufzupassen, Kleine, und das werde ich tun. Ist ein gewagtes Spiel, das wir spielen, Ruby! Fletcher ist ein alter Komplize von Moran, den sie bei Sunnyside erdrosselt haben, und er kannte auch Marlow, Dickson und Parker, die ebenfalls ins Gras beißen mussten. Das haben wir inzwischen herausgeknobelt. Aber ich finde Toms Idee, ausgerechnet Fletcher aufs Korn zu nehmen, mehr als dämlich. Was soll dabei schon herauskommen, he?«

»Fletcher ist der einzige, von dem wir wissen, dass er die Toten von früher kannte, und der dazu noch in der Nähe von Sunnyside wohnt. Abgesehen von Harry Spencer, der irgendwo in Kanada herumschwirrt. Vielleicht haben Tom und Snuffy Glück. Was wir brauchen, Ben, das ist das Motiv für die Morde, sonst nichts! Mit dem Motiv fassen wir auch den Mörder.«

»Die Mörder«, verbesserte Ben ruhig. »Willst du etwa behaupten, ein einziger Mann habe diese Schweinerei geschaukelt? Ausgeschlossen, Mädchen.«

»Sicher nicht. Aber einer muss der Drahtzieher sein. Die Mörder werden bezahlte Banditen sein.«

Die Kapelle hatte zu einem müden Foxtrott angesetzt. Die Tänzerinnen mischten sich in grellbunten, gewagten Kleidern unter die Männer und ließen sich mit Alkohol versorgen. Drei, vier Paare drehten sich schlurfend auf der Tanzfläche.

»Wie wär's mit einer Runde, Miss?«, bleckte Fletcher die ebenmäßigen Zähne. Er kümmerte sich überhaupt nicht um Ben.

»Foxtrott ist 'n Lieblingstanz von mir«, antwortete jetzt die Agentin und lächelte ihm zu. Er pumpte den schmalen Brustkorb auf und deutete vor Ruby so etwas wie eine Verbeugung an. Dann warf er einen abfälligen Blick auf Bens etwas mageren Schopf. Verächtlich zog er den rechten Mundwinkel herab.

»Will hoffen, dass du nichts dagegen hast, Boy?«, kam es sehr drohend.

»Na, wo werde ich denn! Hauptsache, ihr macht's Spaß. Soll sich tüchtig amüsieren.«

Ben kam in Versuchung, dem geschniegelten Laffen ein Bein zu stellen. Aber er dachte daran, dass dann sofort Sandy Fletchers Kumpane ihren Bizeps ins Gefecht werfen würden. Und nichts hätte ihm ungelegener kommen können als eine allgemeine Schlägerei. An der mexikanischen Grenze saßen die Dolche verflucht locker.

Er merkte nicht, wie sich plötzlich ein Mann zu ihm an den Tisch setzte. Erst als er überrascht aufblickte, sprach ihn der andere an.

»Trinken wir einen?«

»Wenn's unbedingt sein muss«, erwiderte Ben vorsichtig. Er wurde stets misstrauisch, wenn ihm Unbekannte gleich Schnaps anboten. Meistens verbarg sich dahinter eine bestimmte Absicht. Sein Gegenüber mochte fünfzig Jahre zählen. Er trug einen schwarzen, mit einzelnen grauen Haaren durchzogenen Bart, der nach südamerikanischer Sitte gestutzt war. Sein Gesicht war kantig und mit dünnen, wie ausrasierten Brauen, unter denen blasse, verwaschene Augen unruhig um sich sahen. Bekleidet war der Mann mit der üblichen, ärmellosen Jacke, einem sauberen Baumwollhemd und starken, ledernen Reithosen. Als Ben einen schnellen Blick unter den Tisch warf, sah er, dass der Fremde glänzende, weiche Reitstiefel trug, an denen klirrende, mexikanische Silbersporen befestigt waren.

Ein Cowboy ist das nicht, dachte Ben. Dazu ist er zu gut angezogen. Auch schleppt er einen Luxuscolt mit sich herum. Vernickelt und mit gelblich-weißen Elfenbeingriffen. Muss wenigstens hundertfünfzig Dollar gekostet haben. Und der Hut, den er aufhat, ist seine vierzig Silberlinge wert.

»Sie sind wohl noch nicht lange in der Stadt, Gent?«, erkundigte sich der ungebetene Gast. »Hätte Sie sonst sicher schon mal gesehen.«

»Stimmt. Seit vorgestern.«

»Geschäfte? Oder bloß so?«

»Bloß so ...« Ben setzte ein harmloses Lächeln auf. »Sie wollte 'ne Weile an der Grenze bleiben, wissen Sie.«

»Rassiges Weib«, nickte der Mann anerkennend. »Ich überleg' mir schon die ganze Zeit, wo ich Ihr Girl schon mal gesehen habe. Irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Waren Sie mal in Deming? So vor zwei oder drei Jahren?«

Sergeant Closter blickte sein Gegenüber aufmerksam an. Dabei lief es ihm heiß und kalt den Rücken herunter. Er musste sich gewaltig zusammennehmen, um ruhig zu bleiben. Verdammt, dachte er erschrocken, das hat uns noch gefehlt.

»Deming?«, wiederholte er überlegend. »Kann mich nicht erinnern. Glaube nicht, dass sie jemals dort gewesen ist. Wir kommen vom Norden. Nevada.«

»Macht nichts, Gent.« Der Mann winkte...



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