E-Book, Deutsch, Band 1, 272 Seiten
Reihe: Anna-di-Santosa-Reihe
Artmeier Die Tote im Regen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-492-97603-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Anna di Santosa
E-Book, Deutsch, Band 1, 272 Seiten
Reihe: Anna-di-Santosa-Reihe
ISBN: 978-3-492-97603-9
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hilde Artmeier, geboren 1964 in Oberbayern, schrieb schon als Zehnjährige Kinderkrimis für ihre Mitschülerinnen. Nach dem Abitur verbrachte sie ein halbes Jahr in Schottland, später war sie als studierte Biologin und Fremdsprachenkorrespondentin tätig. Heute lebt sie mit Mann und zwei Kindern bei Regensburg, wo sie als Übersetzerin und Autorin arbeitet. »Die Tote im Regen« ist der erste Fall für Anna di Santosa.
Autoren/Hrsg.
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1
»Hast du mich eigentlich geliebt?«, hatte Nikolai mich vor zwei Tagen gefragt.
Und nun sah ich seinen leblosen Körper im Licht der Autoscheinwerfer vor mir liegen und fragte mich verzweifelt, warum ich ihm keine Antwort gegeben hatte. Kaum nahm ich die Gestalt wahr, die sich über ihn beugte, so laut klopfte mein Herz.
Nein, dachte ich. Bitte nicht.
Ich hielt auf dem Parkplatz vor der Klinik an, sprang aus dem Wagen. Die Gestalt hob den Kopf. Eine junge Frau mit bleichem Gesicht. Sie starrte mich an, sah jedoch durch mich hindurch, als wäre ich ein Geist. Dann beugte sie sich wieder nach unten, ihr dicker, dunkler Zopf fiel nach vorn. Sie legte den Kopf auf Nikolais Brustkorb, horchte, tastete mit routinierten Bewegungen seinen Brustkorb ab, lauschte wieder.
»Die Kollegen sind gleich da.« Sie sprach langsam und betonte jedes einzelne Wort, als fiele es ihr schwer, es richtig auszusprechen. Ihre Stimme klang ungewöhnlich rauchig.
»Was ist passiert? Ist er tot?« Ich war wie erstarrt. »Eben haben wir doch noch telefoniert …«
Neben Nikolai lag ein Handy, in sämtliche Einzelteile zersprungen.
»Lange kann es nicht mehr dauern, bis jemand kommt.« Die Frau klang, als wollte sie nicht mich, sondern sich selbst beruhigen. Der Aussprache und ihrem Aussehen nach zu urteilen, war sie Ausländerin, vermutlich aus Asien. »Ich habe ihn gefunden. Gerade eben, als ich zum Wagen gehen wollte.«
»Wer sind Sie?« Kaum erkannte ich meine eigene Stimme wieder. »Sagen Sie doch – was ist geschehen?«
»Er hat eine schwere Kopfverletzung.«
Erst jetzt bemerkte ich, dass der Asphalt unter Nikolais Hinterkopf nass glänzte. Im Dämmerlicht der wenigen Straßenlaternen, die ein trügerisch warmes Licht verbreiteten, wurde die kleine dunkle Lache stetig größer.
»Er atmet«, fügte die Frau auf ihre bedächtige Weise hinzu. »Herzschlag und Puls sind schwach, aber spürbar. Vielleicht ist er ausgerutscht. Wo es doch so glatt ist.«
Er atmet, hatte sie gesagt.
»Ich brauche etwas Warmes, etwas zum Zudecken.«
Mit einem Mal löste sich meine Erstarrung. Ich rannte zum Wagen, dessen Tür noch offen stand, zerrte am Kofferraumdeckel. Er ging nicht auf. Wo war der Schlüssel? Kein klarer Gedanke. Er atmet. Nur das war wichtig. Ich war einfach ausgestiegen, der Schlüssel musste noch stecken. Also zurück zum Fahrersitz. Auf dem Weg dorthin geriet ich ins Rutschen, der Boden war tatsächlich glatt. Ja, da war der Schlüssel.
Warum war ich nur zu spät gekommen? Warum hatte ich Nikolai nicht gesagt, was mir auf der Seele lastete, als ich die Gelegenheit dazu hatte? Und warum hatte ich seine verfluchte Frage nicht beantwortet? Was, wenn er jetzt starb, in dieser Winternacht, auf diesem schwarzen, eiskalten Asphalt?
Mit einer muffeligen Wolldecke in den Händen, die ich das ganze Jahr spazieren fuhr, lief ich zurück. Die Frau mit dem langen Zopf, die Krankenschwester oder Ärztin zu sein schien, deckte Nikolai so sanft zu, als wäre er ein frierendes Baby.
»Dieser Wagen!«, erinnerte ich mich plötzlich. »Vorhin, auf dem Weg zur Klinik, da hat mich jemand fast gerammt. Der Kerl ist gefahren wie ein Wahnsinniger. Der muss doch von hier gekommen sein. Haben Sie ihn gesehen?«
Die Frau sah mich mit leeren Augen an, blieb stumm. Dann widmete sie sich wieder ihrem Patienten.
Ein feiner, eisiger Wind strich an mir vorbei, winzige Flocken streiften meine Wangen. Auf einmal spürte ich, wie
kalt meine Zehen und Finger waren. Die Handschuhe lagen irgendwo im Auto. Ob es an Weihnachten endlich richtig schneite?
Er atmet, hatte sie gesagt.
Dann endlich Fußgetrappel, Stimmen, knappe Anweisungen, etwas Schweres rollte durch die Nacht. Gestalten in weißen Anzügen unter dick wattierten Parkas drängten an mir vorbei, eine Krankentrage auf Rädern kam zum Stillstand, die Frau mit dem Zopf trat zur Seite, wechselte leise Worte mit einem hageren Mann. Jemand untersuchte die Wunde an Nikolais Kopf, man schnitt seine Jacke auf, Infusionen wurden angelegt, alles wirkte so professionell und routiniert. Ein anderer Mann, dessen Atem nach Pfefferminzbonbon roch, bat mich, Platz zu machen. Nebenbei orderte er telefonisch den Rettungshubschrauber, der Nikolai in die Uniklinik bringen sollte.
Er atmet, hatte sie gesagt.
Vor einer Woche hatte Nikolai mich angerufen, wie aus dem Nichts nach jahrelanger Funkstille, und um ein Treffen gebeten. Meine Nummer hatte er im Internet erfahren. Also hatten wir uns verabredet. Und vor zwei Tagen stand ich ihm dann gegenüber, in einem Bistro in Regensburg. Die erste Begegnung nach drei Jahren. Es war der zweite Adventssonntag, an einem unsagbar kalten Nachmittag.
Zuerst redeten wir über dies und das, doch jeder von uns scheute sich, die Vergangenheit zum Thema zu machen. Warum ich der Verabredung zugestimmt hatte, wusste ich von Anfang an: Ich wollte ihn um Verzeihung bitten, endlich dieses Schuldgefühl loswerden, das mich seit drei Jahren verfolgte. Was Nikolai sich von unserem Wiedersehen erhoffte, verstand ich jedoch nicht sofort. Aber ganz egal, ob er von seiner neuen Stellung als Oberarzt in einer Privatklinik in der Nähe von Regensburg oder der kürzlich bezogenen Wohnung erzählte, ob er sich nach meinem Sohn erkundigte, meiner Boutique – immer wieder schien sich diese eine Frage zwischen uns zu drängen, die auch ich mir seit unserer letzten Begegnung so oft gestellt hatte. Ich sah sie in Nikolais moosgrünen Augen brennen, entdeckte sie in den jungenhaften Grübchen neben seinen Lippen, die mit einem Mal ganz schmal wurden, und auf seiner nicht mehr ganz so glatten Stirn.
Wie gerne hatte ich sie früher berührt, liebkost, geküsst.
Und tatsächlich fragte er mich irgendwann mitten im Gespräch: »Hast du mich eigentlich geliebt?«
Erst seit einer knappen halben Stunde saßen wir an diesem kargen, rauchgrauen Tisch, umgeben von dem Gemurmel der anderen Gäste und den Marilyn-Monroe-Filmplakaten an den Wänden, die Nikolai immer wieder angespannt betrachtete. Ich brauchte noch ein wenig Zeit, um über meine Gefühle von damals reden zu können. Also drückte ich nur sanft seinen Arm und deutete auf den Verband an seinem linken Handgelenk.
»Was ist mit deiner Hand passiert?«, fragte ich, strich mir eine meiner langen roten Haarsträhnen aus dem Gesicht und trank einen Schluck Espresso. Er schmeckte bitter.
Nikolai warf mir diesen prüfenden Blick zu, an den ich mich noch gut erinnerte. Als ob er rätselte, warum ich nicht Gedanken lesen konnte. Wie damals, als ich ihn nach der ersten Nacht gefragt hatte, ob er zum Frühstück Kaffee oder Tee bevorzuge.
»Vermutlich hat sich ein Patient mit einem Messer auf dich gestürzt«, neckte ich ihn. Dann lud ich einen großen Löffel Zucker in die Tasse und rührte um. »Wolltest du ihn etwa ohne Narkose operieren?«
Er lachte, und mit einem Mal wirkte er so unbeschwert wie früher. Plötzlich war nichts mehr zu spüren von dieser fiebrigen Unruhe, die ich schon beim Betreten des Bistros an ihm bemerkt hatte. Sie klebte an ihm wie die feine, zu enge Hautschicht einer Schlange, die sich bald häuten wird. Ob er aus dem gleichen Grund nervös war, aus dem ich den Zucker zuerst vergessen hatte?
»Ein kleines Missgeschick.« Er winkte ab. »Vorgestern, auf der Adventsfeier mit den Kollegen. Mein Sektglas ist zerbrochen.«
»Schlimm?«
»Nur eine Fleischwunde. Drei Stiche, kein Problem.«
»Wie hast du das denn angestellt?«
»Betty war stocksauer, weil ich ihr den Abend verdorben hab.« Er verzog das Gesicht und starrte aus dem Fenster.
Das Bistro befand sich auf der Wöhrdinsel. Man hatte direkten Blick auf die Donau, die mittelalterliche Steinerne Brücke und den Salzstadel, ein historisches Lagerhaus. Am anderen Ufer drängten sich die Häuser der Altstadt, mit ihren schiefen Gauben, verzierten Erkern, Türmen und neckischen kleinen Säulen zwischen den in der Nachmittagssonne glänzenden Rundbogenfenstern. Über den Dächern tauchte da und dort eine der vielen Kirchturmspitzen Regensburgs auf, in der Ferne sah man die Zwillingstürme des Doms. Ich liebte dieses Panorama. Aber Nikolai schien es kaum wahrzunehmen.
»Dabei wollte sie sowieso nicht mit«, fuhr er missmutig fort. »Und dann musste sie auch noch heimfahren, nach, ich weiß nicht, wie viel Glühwein, Sekt und …«
»Wer ist Betty?«
Eine üppige Blondine mit roter Zipfelmütze knallte das zweite Pils für Nikolai so übermütig auf den Tisch, dass es überschwappte.
»Meine Frau«, sagte Nikolai, als sie wieder weg war. Er sah mir nicht in die Augen, sondern fixierte das Poster neben unserem Tisch, das Marilyn Monroe in ihrer Rolle als Sängerin Sugar in Manche mögen’s heiß zeigte.
Als wäre es ihm unangenehm, in meiner Gegenwart von seiner Frau zu reden, fing er unvermittelt an, von seiner Reise nach Indien zu erzählen. Als rechte Hand des Chefs einer neurologischen Privatklinik, in der er erst seit sieben Wochen arbeitete, musste er seinem Vorgesetzten schon jetzt die eine oder andere Dienstreise abnehmen. So war Nikolai vor zwei Wochen nach Mumbai geflogen, zu einem internationalen Ärztekongress. Mit Fünfsternehotel, Frühstücksbuffet am Morgen, Sechsgängemenü am Abend, dazwischen Vorträge über die neuesten Erkenntnisse der Medizin. Im Hotelgarten ein Palmenmeer, auf den Straßen die lauten Farben
der Saris, Gelächter, Geschrei, das Rattern uralter Motorräder und Autos, überall fremde exotische Gerüche, die Klänge unbekannter Sprachen. Bei Nikolais Erzählung sah ich die Bilder, roch die...




