E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: Anna di Santosa
Artmeier Stille Donau
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96041-630-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: Anna di Santosa
ISBN: 978-3-96041-630-2
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Hilde Artmeier, geb. 1964 in Oberbayern, arbeitete lange in der Industrie als Biologin, Fremdsprachenkorrespondentin und Übersetzerin und lebt heute als freie Schriftstellerin in Regensburg und Karlsruhe. Bisher erschienen insgesamt zehn Kriminalromane und Thriller aus ihrer Feder, zuletzt 'Donauherz' (Emons, 2018) und 'Gleißender Tod' (Knaur, 2019), der erste gemeinsam mit ihrem Ehemann und Bestsellerautor Wolfgang Burger verfasste Action-Thriller.
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2
Ich sah auf den ersten Blick, dass ich nichts mehr für den an einem Vorsprung lehnenden Mann tun konnte. Einer alten Gewohnheit als ehemalige Polizistin folgend, beugte ich mich dennoch über ihn und fühlte seinen Puls. Nichts, natürlich. Sein Körper, registrierte ich, war noch warm.
Ich richtete mich auf, trat vorsichtig zurück, um keine Spuren zu verwischen, scannte in Sekundenschnelle die Umgebung ab. Schon in diesem Augenblick war mir klar, dass es sich hier um einen Tatort und nicht um einen bloßen Fundort handelte.
Der Tote saß mit dem Rücken zur Wand auf einer Steinbank am Ostende des südlichen Seitenschiffs, augenscheinlich von einem einzigen Schuss in die rechte Schläfe niedergestreckt. Mit dem Kopf und der linken Schulter lehnte er an dem Vorsprung, seine Augen blickten starr ins Nirgendwo, auf der linken Seite waren Hals, Schulter, Brust und Arm blutüberströmt.
Mir wurde flau im Magen. Dennoch nahm ich, wieder ganz automatisch, jedes Detail in mich auf. Die Eintrittsstelle des Projektils war kreisrund, mit einem Durchmesser von höchstens einem Zentimeter. Die Austrittsstelle musste umso größer sein und sich am Hinterkopf über dem linken Ohr befinden. Der Mörder hatte vermutlich direkt neben seinem Opfer gestanden.
Ich schätzte den Ermordeten auf Anfang dreißig. Die Hautfarbe verriet, dass er sich vor seinem plötzlichen Tod selten an der frischen Luft aufgehalten hatte. Das aschblonde Haar trug er kurz. Bekleidet war er mit orangefarbenen Jeans, einem T-Shirt und Sneakers einer gängigen Sportmarke. Keine Tasche, kein Rucksack, also offenbar kein Tourist. Oder sein Mörder hatte alles, was er nicht direkt am Leib trug, mitgenommen.
Ich trat noch weiter zurück und sah mich um. Ich stand in der Sailer-Kapelle, dem Aufbewahrungsort des Allerheiligsten. Trotz der Nähe zum Hochaltar, der links neben der Kapelle lag, verirrten sich nur wenige Besucher in diesen für das stille Gebet reservierten Bereich. Ein Gitter trennte ihn vom südlichen Seitenschiff. Zudem war der eigentliche Tatort durch den Vorsprung vor Blicken verborgen, was erklärte, dass bis auf die Frau, die vor dem Seiteneingang zusammengebrochen war, noch niemand die Leiche bemerkt hatte.
Um mich dröhnte Orgelmusik, machtvoll, düster und so laut, dass ich kaum etwas von den Schritten und dem Gemurmel der vielen Besucher hörte, die durch die gewaltige Kathedrale wanderten. Manche fotografierten auch oder saßen stumm in den Bänken. Im Gegensatz zur durch Lichtstrahler einigermaßen gut ausgeleuchteten Kapelle befand sich das restliche Bauwerk in dämmriger Dunkelheit. Das Sonnenlicht drang nur schwach durch die bunt bemalten, haushohen und uralten Fenster, da und dort flackerte Kerzenschein.
Es roch nach Weihrauch, den Hoffnungen und Tränen vergangener Jahrhunderte und in der Kapelle auch nach Tod. Was wohl Gott zu dem Frevel in seinem Haus sagte, an diesem würdevollen Ort, der schon während seiner Entstehung untrennbar mit dem Stolz und Leid so vieler Menschen verbunden gewesen war?
Ich zog das Handy aus der Tasche und verständigte die Rettungsleitstelle. Bis zum Eintreffen von Notarzt und Polizei, versprach ich der Beamtin am anderen Ende der Leitung, würde ich den Tatort gegen die Neugierigen abschirmen, die sich früher oder später zwangsläufig einfinden würden.
So leid es mir tat, aber Mona musste noch ein wenig länger warten.
***
»Ich kann hier nicht weg«, erklärte ich Mona eine halbe Stunde später, das Mobiltelefon erneut am Ohr. »Der Polizist, der meine Zeugenaussage aufgenommen hat, möchte mir noch ein, zwei Fragen stellen.«
Ein weiteres Mal stand ich draußen vor der Seitentür des Doms, wo jetzt ein fürchterliches Gedränge herrschte. Ich hatte Mühe, mich zu verständigen, berichtete Mona aber dennoch in ein paar knappen Sätzen, was seit unserem letzten Gespräch geschehen war. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie mich anrufen würde. Aber sie hatte sich nicht wieder gemeldet, um zu fragen, wo ich so lange blieb.
Zwei Rettungs- und drei Streifenwagen standen am Straßenrand, auch ein Team von der Kripo und die Spezialisten von der Spurensicherung waren eingetroffen. Mehrere Polizisten versuchten, die vielen Passanten und Schaulustigen im Zaum zu halten. Manche drängten durch die eilig errichteten Absperrungen, andere hielten ihre Smartphones in die Höhe, um Fotos zu schießen oder ein Video zu drehen. Viele fragten auch einfach nur, was geschehen war.
»Alles paletti, bin schon fast beim Amtsgericht.« Mona schien gar nicht richtig zugehört zu haben.
Ich drängte mich durch die Menge, um mir ein ruhigeres Plätzchen zu suchen, während sie jetzt ihrerseits mit den letzten Neuigkeiten lossprudelte. Vor etwa zwanzig Minuten war Benedetta im »BellaDonna« erschienen, meiner Boutique für hochwertige Secondhandmode und italienische Designerkleidung, und hatte schließlich doch noch ihre Schicht angetreten. Ein wenig atemlos zwar, aber immerhin. Mona hatte sich den fälligen Anpfiff verkniffen und sich auf den Weg zum Anwalt gemacht, der sie in einem Büro im Amtsgericht erwartete.
»Hab ich das eben richtig verstanden – jemand wurde erschossen?«, fragte sie. »Ja, wer denn?«
»Ein Journalist, wie du, aber bei der ›Süddeutschen Zeitung‹ in München. Er war noch keine zweiunddreißig, madonna.«
Das alles hatte ich von Armin Hellweg erfahren, der meine Aussage aufgenommen hatte. Ich kannte ihn von meinen Besuchen in Paolos Büro, meinem Ex-Mann und Vincenzos Vater.
Paolo selbst, Hellwegs Vorgesetzter und Hauptkommissar bei der Kripo Regensburg, war zurzeit in Urlaub, ein Umstand, den ich begrüßte. Sonst hätte ich mir gewiss wieder einmal anhören müssen, wie unfassbar es sei, dass er ausgerechnet seine geschiedene Frau an seinem Tatort antreffe.
»Bei der ›SZ‹?«, fragte Mona. Sie war nebenberuflich als freie Mitarbeiterin für die hiesige »Mittelbayerische Zeitung« tätig. »Da kenne ich jemanden, ziemlich gut sogar. Der Jakob, der hat nämlich mit mir studiert, und …«
»Jakob?«, unterbrach ich sie alarmiert. »Und wie noch?«
»Landauer.« Sie lachte. »Aber das wird ja wohl nicht der Tote im Dom sein, oder?«
»Doch. Genau so heißt er.«
Mona schnappte nach Luft. Dann murmelte sie etwas, offenbar stand sie vor der Tür des Anwalts, die gerade aufgegangen war. Sie versprach, sich später noch einmal bei mir zu melden, und legte auf.
»Sie können hier nicht durch«, quäkte eine aufgeregte Stimme neben mir. »Ich nehme die Personalien auf und … Oh, verzeihen Sie, Herr Pfarrer.«
Der Angesprochene, seiner Kleidung nach ein hochgestellter Würdenträger der Diözese, quetschte sich durch die Lücke, die sich gerade zwischen mir und einer jungen Streifenpolizistin auftat, einer mittelgroßen Blondine mit Pickeln auf dem Kinn. Ich beneidete sie und ihre Kollegen nicht um ihre Arbeit. Sie mussten den Tatort sichern, mögliche Zeugen ausfindig machen, die Neugierigen ringsum in ihre Grenzen weisen – immer bemüht um den richtigen Ton.
Die Frau, die die Leiche gefunden hatte, wusste ich mittlerweile, hieß Karin Haavestedt und war Anfang fünfzig. Der Schock stand ihr noch ins Gesicht geschrieben. Sie war umringt von aufgeregt durcheinandersprechenden Menschen, vermutlich ihre Reisegruppe, ein Kegelverein aus Mönchengladbach.
Inzwischen kannte ich den Ablauf: Karin Haavestedt, fasziniert von der Pracht und ehrfurchteinflößenden Architektur des Doms, hatte ihre Kegelgefährten aus den Augen verloren. Beim Anblick des Mannes hinter der Säule, der eine ähnliche Hose wie ihr Sitznachbar im Bus trug, eilte sie erleichtert auf ihn zu. Dann aber starrte sie auf sein blutverschmiertes Hemd und verlor fast schon an Ort und Stelle das Bewusstsein.
Bisher gab es keinen Hinweis auf den Täter. Niemand hatte etwas beobachtet, niemandem war etwas aufgefallen. Karin Haavestedt hatte zwar gemeint, einen leisen Knall gehört zu haben, in der Nähe des Hochaltars und kurz bevor sie den Toten entdeckte. Möglich, dass es sich dabei um einen Schuss handelte, aber die Orgelmusik habe das Geräusch fast übertönt. Auf meine Frage, ob jemand aus der Sailer-Kapelle gekommen sei, hatte sie nur mit den Schultern gezuckt.
Die junge Polizistin sprach nun auch mich an. Meine Aussage, wurde ich belehrt, solle ich so schnell wie möglich zu Protokoll geben, »am besten sofort, also gleich im Anschluss, jedes Detail ist für uns wichtig, das haben Sie schon verstanden, oder?« Es schien ihr erster Einsatz bei einem Kapitalverbrechen zu sein.
Wenn wirklich Benedetta die Frau mit Pferdeschwanz und Käppi vor dem Dom gewesen war, überlegte ich, als die Polizistin sich entfernte, hatte sie nur wenige Minuten Zeit gehabt, um in die Pfarrergasse zu meinem Laden zu sausen und Mona abzulösen. Das hätte sie mühelos geschafft. So unzuverlässig Benedetta in vielerlei Hinsicht war, so sportlich war sie doch. Wenn sie vielleicht sogar im Dom auf ihrer Kirchenbesichtigungstour gewesen war – die Frau, die ich gesehen hatte, musste aus Richtung der Seitentür gekommen sein –, hatte sie vielleicht etwas Verdächtiges bemerkt.
Ich nahm mir vor, sie später darauf anzusprechen. Ich wollte ohnehin ein ernstes Wörtchen mit meiner flatterhaften Praktikantin aus Rom wechseln.
***
Das Firmenschild, vor dem ich eine Stunde später stand, war so unauffällig, dass ich fast daran vorbeigelaufen wäre. »Manfred Billich, Agency«, las ich auf einem nicht einmal handtellergroßen silbernen Schildchen. Von meinen Auftraggebern wusste ich jedoch, dass sich hinter der nichtssagenden Bezeichnung ein Kunsthändler verbarg, der mit Gemälden aller Art und Preisklassen handelte, ein...




