E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Lübbe Life
Arvay / Moog In Zukunft selbstversorgt
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-4274-0
Verlag: Lübbe Life
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wegweiser in ein autarkes Leben. Mit einem Beitrag von Wolf-Dieter und Christine Storl
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: Lübbe Life
ISBN: 978-3-7517-4274-0
Verlag: Lübbe Life
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Inflation, Energiekrise, drohende Rezession: Immer mehr Menschen sorgen sich, dass unsere Grundversorgung bald nicht mehr bezahlbar ist. Auch Umweltschäden und begrenzte natürliche Ressourcen fordern ein Umdenken. Für ein nachhaltiges und kostengünstiges Leben setzen Clemens Arvay und Alessandra Moog auf mehr Selbstversorgung. Nicht nur in Sachen Nahrungsmittel, sondern auch bei Energieversorgung, Bauen und Wohnen sowie im Alltag. Sie besuchen Expertinnen, Selbstversorgerinnen und Ökodörfer und vermitteln alles, was man in Theorie und Praxis auf dem Weg in ein autarkes Leben wissen sollte. So zeigt der Wegweiser mit vielen konkreten Tipps, wie wir unsere Zukunft lebenswert gestalten können.
Clemens G. Arvay ist Biologe und Autor mit dem Schwerpunkt Gesundheitsökologie sowie Doktorand am Institut für Biologie der Universität Graz. Er hat zahlreiche Sachbücher verfasst, darunter mehrere SPIEGEL-Bestseller. Alessandra Moog ist Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und lebte in Südamerika über mehrere Jahre als Selbstversorgerin. Als freie Journalistin schreibt sie zu gesellschaftlichen und ökologischen Themen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 2
Selbstversorgt – aber wo und mit wem?
Die Reise beginnt
Am Anfang der Reise in ein autarkes Leben stehen einige grundlegende Fragen, zum Beispiel: In welchen Bereichen möchte ich mich unabhängig machen? Wo möchte ich mich niederlassen? Mit wem möchte ich Selbstversorgung verwirklichen?
Scouting
Die Suche nach einem geeigneten Stück Land wird im Englischen Scouting genannt, was »Erkundung« bedeutet. In Teilen der Ökologie- und Selbstversorgerbewegung hat sich daher für die Landsuche auch der eingedeutschte Begriff »scouten« entwickelt. Dabei wird in einer potenziellen Zielregion systematisch und vor Ort nach Baugrundstücken, landwirtschaftlichen Flächen und gegebenenfalls bereits bestehender Bausubstanz oder vorhandener landwirtschaftlicher Infrastruktur gesucht, die sich für eine Einzelperson, Familie, Gruppe oder größere Gemeinschaft als künftige Lebensorte eignen. In den meisten Fällen handelt es sich um ländliche Regionen, da der Anbau von Lebensmitteln für viele Priorität hat. Landwirtschaft, Gartenbau und sogar die Bewirtschaftung eines Stücks Wald sind allerdings auch am Rand einer Großstadt oder in deren Umland prinzipiell möglich. Über die Frage der Leistbarkeit von Grundstücken werden wir uns in diesem Kapitel noch einlassen.
Natürlich kann das Scouting auch online über Inserate oder Datenbanken mit Immobilien erfolgen, die zum Verkauf, zur Miete oder zur Pacht angeboten werden – zum Beispiel Ackerland oder Bauernhöfe. Eine deutsche Internetseite mit provisionsfreien Angeboten lautet zum Beispiel www.ohne-makler.net. In Österreich stößt man auf www.willhaben.at unter der Rubrik »Immobilien« ebenfalls auf private Inserate mit verfügbaren Grundstücken, Häusern und Bauernhöfen. Allerdings empfehlen sich auch persönliche Besuche in der ausgewählten Zielregion, da man dabei mit der Bevölkerung vor Ort in Berührung kommt sowie Kontakte schließen und Mundpropaganda für sich nutzen kann.
Torri Superiore als »Schutzraum«
In Torri Superiore hat die italienische Gemeinschaft gleich ein ganzes verlassenes Dorf im traditionellen ligurischen Baustil erworben, das an eine Festung erinnert und vor etwa 700 Jahren erbaut wurde. Vor mehr als 30 Jahren, als das heutige Ökodorf nach dem Zusammenlegen von Ersparnissen und der Beschaffung finanzieller Mittel über einen eigens gegründeten Kultur- und Förderverein gemeinschaftlich erworben wurde, war es fast eine Ruine. »Ein Teil des Dorfs war schon kurz davor, einzubrechen«, erinnerte sich Lucilla, Gründungsmitglied der ersten Stunde. »Wir sind stolz darauf, dieses Juwel der Architektur bewahrt zu haben, das durch ganz normale Leute errichtet wurde. Es wurde nicht von einer reichen Familie, einem Feldherrn, einem König oder einer Königin erbaut. Es war ein Dorf für Hirten- und Kleinbauernfamilien, die vermutlich in Armut lebten – und das über viele Jahrhunderte.«
Und wie fühlt es sich an, in einem so verwinkelten, alten Gemäuer zu leben? »Es ist ausgesprochen bereichernd«, antwortete Lucilla lächelnd. »Denn es ist wie ein Schutzraum für Menschen. Es wurde vermutlich auch als Schutz vor Piraten und Angriffen errichtet. Du kannst dich darin verstecken und zurückziehen. Es ist angenehm, manchmal den Ort wechseln zu können, und niemand findet dich. Auch ist es ein bisschen wie ein Labyrinth. Ich bin immer wieder verblüfft, dass sich unsere Gäste darin verlaufen. Dann müssen wir sie suchen und zurückbringen. Es ist ein Ort, den man entweder liebt oder hasst. Wir lieben ihn ganz offensichtlich.« Die Gemeinschaft ist stolz auf ihr Werk, denn dieses Dorf wäre verfallen, wäre sie nicht gekommen, um es zu restaurieren.
Günstiges mediterranes Klima
Auch hinsichtlich der Naturräume eignet sich die Lage des Dorfes hervorragend für die Selbstversorgung. Torri Superiore liegt in sonnenexponierter Hanglage nahe der ligurischen Küste und der Küstenstadt Ventimiglia. »Wir befinden uns nahe dem Mittelmeer, mit dem Gesicht nach Süden. Das schafft ein besonders günstiges Kleinklima, welches für die Selbstversorgung exzellent geeignet ist«, erklärte Permakultur-Designer Massimo, als er uns durch einen dicht mit Obstbäumen, Beerensträuchern, Gemüsepflanzen und Kräutern bewachsenen terrassierten Garten führte.
»Der Winter ist die grünste Zeit im Jahr«, schwärmte Lucilla. Da es in Torri Superiore nie friert und die Temperaturen auch im Winter nur selten unter zehn Grad Celsius sinken, gleichzeitig aber mehr Regen als in jeder anderen Jahreszeit fällt, ist Gartenbau das ganze Jahr über möglich. Mangold, Salat, Bohnen, Fenchel, Lauch, Kohl und viele andere Gemüsearten können auch zur kalten Jahreszeit durchgehend geerntet werden. Die Gartensaison kommt nie zum Stillstand. Die Olivenernte zieht sich bis in den Spätherbst, Zitronen, Orangen und Grapefruits können während der gesamten dunklen Jahreshälfte auf den Bäumen belassen und teilweise auch erst im nächsten Frühjahr geerntet werden – zum Beispiel, um daraus Marmeladen und Säfte zu machen. Aufgrund der klimatischen Begünstigung ist in Torri Superiore der Anbau einer echten Besonderheit möglich, die ihre Ursprünge in Zentralamerika und Mexiko hat. »Hier an der Küste ist das Klima für den Avocado-Anbau geeignet«, berichtete Massimo mit Freude und Stolz. »Wir essen also selbst angebaute Avocados.«
Mediterrane Gefilde sind tatsächlich besonders passend für die Selbstversorgung, da die harten Winter wegfallen, in denen in Mitteleuropa im Garten wenig wächst. Jedoch werden wir sehen, dass der eigene Lebensmittelanbau auch in vielen anderen Klimazonen möglich ist, sofern man die nötigen Lagerbedingungen für die winterliche Selbstversorgung schafft und sich mit dem Haltbarmachen von Lebensmitteln auseinandersetzt. Außerdem existieren auch winterharte Gemüsesorten, vor allem aus der Familie der Kohlgewächse, die uns selbst bei Schnee und Eis mit frischen Vitaminen, Mineralstoffen und anderen Nährstoffen versorgen. Das Scouten ist in jeder Klimazone spannend.
Das Musterdorf Brithdir Mawr
Auch das Ökodorf Brithdir Mawr basiert auf einem alten Gebäudebestand mit traditionellen walisischen Bauernhäusern aus Stein. Nach und nach kamen weitere Gebäude aus Holz, Lehm und Stroh hinzu. Im Fall von Brithdir Mawr gehört das Farmland mitsamt dem Dorf einem der Gründungsmitglieder. Diese Person lebt heute nicht mehr in dem Ökodorf, stellt Grund, Boden und Infrastruktur der Gemeinschaft aber weiterhin gegen Pacht zur Verfügung. Anhand dieses Beispiels lässt sich bereits das erste Problem erkennen, das auftreten kann, wenn man sich für eine Variante der Pacht und Miete entscheidet. Solche Lösungen sind nicht zukunftssicher, denn man weiß nie, ob die Besitzerin oder der Besitzer nicht eines Tages die Idee hat, das eigene Anwesen anderweitig zu nutzen. Genau dieses Problem stellt sich – nach 30 Jahren – aktuell in Brithdir Mawr. Die Besitzerfamilie plant, das Land einer anderen Nutzungsart zuzuführen, was das Weiterbestehen der Gemeinschaft gefährdet. Für den Kauf verfügt sie bis dato über zu wenig Kapital. Auf ihrer Website berichten die Bewohnerinnen und Bewohner von Brithdir Mawr laufend über diesen Fall und darüber, wie es um ihr Zuhause steht.
Landschaftlich liegt Brithdir Mawr am Fuße der Carn Ingli Mountains, eingebettet in die Mystik alter moos- und farnbewachsener Eichenwälder, märchenhafter Wiesen und Lichtungen sowie wilder Hochmoore und Weidelandschaften, auf denen Hochlandrinder mit langen, geschwungenen Hörnern leben, die einer alten regionalen Rasse angehören. Das Dorf liegt am Fuße des Schlafenden Engels, von dessen Berghängen Bäche herab und durch das Ökodorf fließen.
Vorteile durch eine küstennahe Lage
Ähnlich wie Torri Superiore von der mediterranen Lage mit dem ganzjährig zum Gärtnern geeigneten Klima profitiert, besteht der größte Vorteil der landschaftlichen Einbettung von Brithdir Mawr in den vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten der küstennahen Naturgewalten für die Energieautarkie. Bei Regenwetter arbeiten die Turbinen in den Bachläufen auf Hochtouren. Bei Sonnenschein bezieht die Gemeinschaft ihren Strom vor allem über die Photovoltaik-Anlage. Und Wind ist in West-Wales niemals Mangelware, sodass die Windturbinen fast immer angetrieben werden – mal mehr, mal weniger. Mindestens eine der drei Stromquellen funktioniert in der Regel, was der besonderen naturräumlichen Lage zu verdanken ist. Gelegentliche Flauten können durch das Speichersystem mittels Batterien ausgeglichen werden. Außerdem sind die Winter in West-Wales ebenfalls milder als in Mitteleuropa. Das nahe gelegene Meer speichert die Wärme des Sommers und gibt sie über den Winter allmählich an die Luft ab. Aufgewärmt wird die Küste außerdem durch den Golfstrom, der, von Südwesten kommend, auf die britischen Inseln trifft. Daher gedeihen in den Gärten von Brithdir Mawr auch im Winter Feldsalat, Fenchel, Kohlarten und Lauch, das walisische Nationalgemüse, das neben dem Drachen eines der traditionellen Landessymbole darstellt.
Synergien nutzen in Dyssekilde
Für das dänische Ökodorf Dyssekilde wurde 1987 eine 13 Hektar, also 130.000 Quadratmeter große, brachliegende Fläche – ein ehemaliges Kartoffelanbaugebiet – erworben und mit Unterstützung der regionalen Behörden für die Errichtung eines ökologischen Pionierprojekts in Bauland umgewidmet. Die ersten Häuser des Dorfes wurden 1989 errichtet. Seither wird das Land an Familien und Einzelpersonen weiterverkauft, die der Genossenschaft beitreten. Sie errichten ihre Wohnsitze meistens, aber nicht immer, in ökologischer Bauweise. Mittlerweile verfügt die...




