E-Book, Deutsch, 344 Seiten
Asato / Bauer 86 - EIGHTY-SIX (deutsche Light Novel): Band 4 - Unter Druck
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98961-893-0
Verlag: JNC Nina
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 344 Seiten
Reihe: 86 - EIGHTY-SIX (deutsche Light Novel)
ISBN: 978-3-98961-893-0
Verlag: JNC Nina
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Alte Freunde, neue Feinde.
Nach dem Sieg über den Morpho scheinen Shin und die Eighty-Six endlich einen Moment der Ruhe gefunden zu haben. Lenas Wiederkehr erfüllt ihr Versprechen, die Spearhead-Schwadron wiederzufinden - und schafft zugleich eine neue Nähe zwischen ihr und Shin, die nicht jedem gefällt. Doch die Atempause währt nur kurz: Unter Lenas Kommando erhält das 86. Sturmgeschwader seine erste Mission. Ziel ist die nördliche Nebenhauptstadt Charité. In den Tiefen eines verlassenen U-Bahn-Tunnels wartet bereits der gähnende Schlund eines Legion-Stützpunkts. Aus der Dunkelheit erhebt sich eine neue Prüfung - und nichts ist sicher, nicht einmal der kurze Frieden, den sie gerade erst gewonnen haben.
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Kapitel 1 – Call of Duty
Die Verluste der letzten Operation beliefen sich auf rund sechzig Prozent von vier Korps, mehrere Hunderttausend Tote und Verwundete. Da die Transportkapazitäten nicht ausreichten, war das Hauptquartier der Westfrontarmee über lange Zeit ein Leichenlager geblieben. Noch jetzt hing dort ein schwacher Hauch von Verwesung in der Luft.
„Strike Package Eighty-Six – das Unabhängige Mobile Angriffsbataillon.“ Trotz des Frühlings lag eine eigentümliche Kälte in der Luft, als Generalmajor Richard Altner, Kommandeur der 177. Panzerdivision und Befehlshaber des Einsatzkontingents für die ehemalige Republik San Magnolia, diesen Namen aussprach. „Eine unabhängige, hochmobile Einsatztruppe für gezielte Schläge gegen die Legion. Ausgestattet mit Reginleif-Einheiten – de facto eine Fremdenlegion, bestehend aus den Eighty-Six. Und nun … setzen sie sich in Bewegung. Gemeinsam mit ihrer Königin.“
Er wandte den Blick vom Gästequartier, in dem die Offizierin aus der alten Republik untergebracht war, und sah über den aufsteigenden Dampf seines Ersatzkaffees hinweg seinen Gesprächspartner an.
„Glauben Sie, das geht gut?“
„Zumindest was die Kampfkraft betrifft, habe ich keine Bedenken.“ Generalstabschef Willem Ehrenfried der Westfrontarmee antwortete mit gewohnt kühler Gelassenheit. In den fein geschnittenen, fast makellosen Zügen eines Sprosses des Kaiseradels lag ein Hauch von schneidender, kalter Ironie.
„Die geretteten Eighty-Six sind größtenteils das, was sie selbst nennen – Veteranen, die jahrelang in Sektor 86 überlebt haben, wo die jährliche Überlebensrate unter 0,1 Prozent liegt. Selbst im Vergleich zu unseren regulär ausgebildeten Soldaten kann man sie ohne Übertreibung Elite nennen. Aus rein militärischer Sicht wäre es Wahnsinn, auf sie zu verzichten.“
Auch wenn es nur Ersatzkaffee war, wurde er für die Generäle von einem Adjutanten sorgfältig gebrüht und in weiße Porzellantassen eingeschenkt – wenigstens ein Hauch von Eleganz. Der Duft war leicht blumig und süß, offenbar mit etwas zugesetztem Aroma, und Willem genoss ihn ruhig, ehe er weitersprach: „Dank ihnen haben sich auch die Reginleif als wirklich brauchbar erwiesen. Allein in Bezug auf ihre Mobilität sind sie vergleichbar mit dem Grauwolf, dem schnellsten Nahkampftypus der Legion. Dass wir nun keine wertvollen Operator mehr verheizen müssen, haben wir den Eighty-Six zu verdanken.“
„Ich meine ihr Wesen, Willem. Ihre Art.“ Generalmajor Richard stellte die Tasse auf die Untertasse zurück. Das hauchdünne Porzellan ließ einen klaren, hohen Ton erklingen. „Sie kennen keinen Frieden, haben keine Heimat, nichts, was es zu schützen gilt. Und doch stellen wir sie Seite an Seite mit unseren Leuten. Da entstehen zwangsläufig Spannungen. Glauben Sie wirklich, solche Menschen können zu einem Schwert der Föderation werden?“
Ungewollt waren die fünf Kindersoldaten, die zuerst aufgenommen worden waren, zum Prüfstein geworden. Man hatte ihnen ein friedliches Leben angeboten. Sie hatten es nicht angenommen – oder nicht annehmen können. Sie kämpften todesmutig, ohne an sich selbst zu denken, aus reinem Stolz. Und obwohl sie beispiellose Erfolge erzielt hatten, war es unmöglich gewesen, sie in reguläre Verbände der Föderation zu integrieren.
„Diese Monster, geschaffen von der Republik“ – so nannte man sie. Heute wusste man: Selbst wenn man sie einfach in ein friedliches Leben entließ, würden sie nur verwirrt sein und irgendwann daran ersticken.
„Ein guter Jagdhund muss nun mal scharf sein“, sagte Willem. „Ihn zu führen und richtig auf die Beute anzusetzen, ist die Kunst des Halters, nicht wahr, mein Lieber?“
Richard verzog das Gesicht bei dieser arroganten, menschenverachtenden Adelsrhetorik. Doch Willem zuckte nur anmutig mit den Schultern.
„Natürlich müssen wir sie an den Frieden gewöhnen – sonst wird es nach dem Krieg für beide Seiten unangenehm. Auch wir wollen keine tickenden Zeitbomben, keine potenziellen Verbrecher in unserer Gesellschaft.“
Richard zog eine Braue hoch.
„Das überrascht mich, Willem. Von dir hätte ich eher so etwas erwartet wie: ‚Eine Kugel für jeden, Problem gelöst.‘“
„Hinzu kämen Spritkosten für das Verbrennen der Leichen, Kosten für die psychologische Betreuung der Vollstrecker, die ganze Bürokratie beim Vertuschen der Vermissten und das Schweigegeld für alle Beteiligten. Auch das summiert sich. Und dann kommt trotzdem alles ans Licht … so wie es in der Republik geschehen ist.“
Nach der letzten Operation zur Ausschaltung der elektromagnetischen Railgun Morpho konnten neben dem Vereinigten Königreich, der Waldpaktallianz und der Republik auch in einigen anderen Staaten und Regionen Überlebende bestätigt werden. Und all diese Nationen und Regionen wussten inzwischen um die Gräueltaten der Republik.
Die Eighty-Six – in der Republik als Minderheit verfemt, die Colorata, die „Farbigen“ –, waren in anderen Ländern einfach Menschen derselben Hautfarbe und Herkunft. Und sie alle wussten nun, welches unmenschliche Ausmaß die Verfolgung der Eighty-Six hatte – ein systematisches Verbrechen, das mit Fug und Recht als eines der schlimmsten der Menschheitsgeschichte galt. Dieser Makel würde ihnen anhaften – für lange Zeit, vielleicht für immer, falls die Menschheit überhaupt überlebte.
„Im Vergleich dazu ist es immer noch sinnvoller, ihnen beizubringen, wie man im Frieden lebt, und ihnen gleich auch die entsprechende Ausbildung zum Sonderoffizier zu geben. Wenn alles gut läuft, gewinnen wir damit eine ganze Brigade voll junger Leute mit Zukunftsperspektive. … Außerdem …“
Willem erwiderte den Blick, den Richard ihm aus seinem einzelnen Auge zuwarf und sein Lächeln verlosch.
„Der Morpho wurde zerstört, die Überlebenden aus der Republik gerettet. Die Öffentlichkeit feiert den Sieg. Aber in Wahrheit hat sich die Lage verschlechtert: die Verluste werden mehr, die Westfront ist geschwächt, neue Kriegssteuern werden erhoben … Und jetzt, wo sich der Volkszorn gegen die Republik richtet … wenn die Eighty-Six sich nicht gerade als brauchbare Jagdhunde bewähren … dann werden sie die Ersten sein, die es trifft.“
†
Es war ein Albtraum, den sie schon viele Male gehabt hatte.
Ein namenloses Ödland irgendwo am Rand der Welt.
Ein verbranntes, vernarbtes Schlachtfeld.
Stahlgraue Horden der Legion stürmten wie ein Tsunami heran, und ihnen gegenüber: kopflose Skelette in ausgebleichten Kampfanzügen, die sich ihnen entgegenwarfen.
Ohne Nachschub, ohne Unterstützung. Zerschunden, erschöpft, chancenlos unter einer erdrückenden Übermacht. Einer nach dem anderen wurde niedergemacht, bis die letzte verbliebene Nahkampfeinheit von einer Horde schwerer Dinosaurier-Panzer eingekesselt und grausam zerrissen wurde.
Seine zerbrochene Hochfrequenzklinge – einst Nahkampfwaffe – ragte wie ein namenloser Grabstein aus dem Boden. Doch damit endete das Gemetzel noch nicht. Die Legion umringten das zerbeulte Cockpit, rissen es gewaltsam auf. Und aus dem übermäßig roten Blut, das hervorschoss, zogen sie den reglosen Leichnam des Processors, wie eine kaputte Puppe.
Kein Respekt für die Toten, keine Würde. Nur das Ziel, den Kopf zu entwenden – dafür rissen sie die Leiche in Stücke.
Lena kannte ihre Gesichter nicht. Selbst als die Gestalt in Wüsten-Tarnuniform von den Legion zerrissen wurde, konnte sie sein Gesicht nicht sehen. Bis zuletzt konnte Lena nur zusehen. Keine Stimme erreichte ihn. Kein Schuss fiel, um ihnen zu helfen. Sie stand da und sah zu, wie sie einer nach dem anderen starben.
Wie oft war sie aufgeschreckt, hatte seinen Namen geschrien? Wie oft hatte sie, obwohl sie wusste, dass keine Verbindung mehr bestand, verzweifelt das RAID-Device angelegt, den Para-RAID aktiviert – nur um wieder und wieder zu erleben, dass niemand antwortete? Nur weil sie es nicht in Wirklichkeit gesehen hatte, nur weil sie es nicht wusste, hieß es nicht, dass es nicht geschehen war. Wahrscheinlich war es in Wahrheit noch grausamer gewesen, als sie es sich vorstellen konnte. Dieser Gedanke ließ sie jedes Mal erneut erzittern. Aber sicher war: Diesen Traum würde sie nie wieder haben.
An einem Morgen im Gästezimmer des Hauptquartiers der Westfrontarmee der Föderation zog Lena ihre Uniform an. Sie knöpfte das gestärkte Hemd bis zum Kragen zu und schlüpfte in die schwarzgefärbte Uniformjacke. Schloss das Koppel um die Hüfte, streifte die Armbinde über, setzte die Offizierskappe auf, und strich sich schließlich die eine blutrotgefärbte Strähne aus dem Gesicht. Wie ein Ritter, der sich Stück für Stück seine Rüstung anlegt, bevor er in den Kampf zog. Mit Entschlossenheit. Mit Haltung.
Im Spiegel blickten ihr zwei silberfarbene Augen entgegen – dieselbe Farbe wie ihr Haar. Das Schwarz der Trauer – für die Kameraden, die nur sie hatte sterben lassen. Das Blutrot, das nur sie hatte vergießen lassen. Die Farben der blutigen Königin. . Hart. Unerbittlich.
Gerade als sie ihren Krawattenknoten band, unterbrach ein zurückhaltendes Klopfen die morgendliche Stille.
„Oberst …?“
Ein sanftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Sein Gesicht hatte sie nie gesehen. Kein einziges Mal. Aber seine Stimme …
In den sechs Monaten vor zwei Jahren hatte sie sie so oft gehört. Zwei Jahre lang...




