E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Atwood Das Herz kommt zuletzt
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8270-7937-4
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-8270-7937-4
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde für inzwischen mehrere Generationen zum Kultbuch. Zudem stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
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I – WOHIN?
BEENGT
Das Schlafen im Auto ist beengt. Als Dritte-Hand-Honda ist es ohnehin schon kein Palast. Wär’s ein Transporter, hätten sie mehr Platz, aber sich so einen leisten zu können, nie im Leben, nicht mal damals, als sie noch Geld zu haben glaubten. Stan sagt, sie hätten Glück, überhaupt ein Auto zu haben, und das stimmt, aber dieses Glück macht das Auto nicht größer.
Charmaine findet eigentlich, dass Stan hinten schlafen sollte, weil er mehr Platz braucht – es wäre nur fair, er ist größer –, aber er muss vorne sein, um im Notfall schnell losfahren zu können. Unter solchen Bedingungen zu funktionieren, traut er Charmaine nicht zu: Sie wäre viel zu beschäftigt mit Schreien, sagt er. Also kann Charmaine den geräumigeren Rücksitz haben, wobei nicht mal sie sich ausstrecken kann, sondern sich wie eine Schnecke zusammenrollen muss.
Die Fenster lassen sie meist zu, wegen der Mücken und der Gangs und der allein herumziehenden Vandalen. Letztere haben eher selten Gewehre oder Messer dabei – wenn ja, muss man dreimal so schnell das Weite suchen –, sind aber dafür meist massiv gestört, und ein Irrer mit einem Stück Metall oder einem Stein oder selbst einem hochhackigen Schuh kann jede Menge Schaden anrichten. Die halten einen für einen Dämon oder einen Zombie oder eine Vampirhure, und nichts, was man auch nur irgendwie zur Beruhigung zu ihnen sagen könnte, wird sie von dieser Überzeugung abbringen. Wie Oma Win immer zu sagen pflegte: Um Verrückte sollte man einen Bogen machen oder am besten gleich die Beine in die Hand nehmen.
Bei den bis auf einen winzigen Spalt geschlossenen Fenstern wird die Luft irgendwann knapp und schwer von ihren eigenen Ausdünstungen. Es gibt kaum Möglichkeiten, zu duschen oder seine Sachen zu waschen, und das schlägt Stan aufs Gemüt. Auch Charmaine schlägt es aufs Gemüt, aber sie bemüht sich, dieses Gefühl zu verdrängen und die Sache positiv zu sehen, denn was nützt das Jammern?
Was nützt überhaupt irgendwas?, denkt sie des Öfteren. Aber was soll es nützen, auch nur zu denken, Was nützt es? Also sagt sie stattdessen: »Sind wir doch optimistisch, Schatz!«
»Wozu?«, könnte Stan erwidern. »Nenn mir einen verdammten Grund, verdammt noch mal optimistisch zu sein.« Oder er könnte sagen: »Halten wir lieber die Klappe, Schatz«, wobei er ihren leichten, positiven Tonfall imitiert, was gemein von ihm ist. Er kann gemein sein, wenn er schlechte Laune hat, doch im Grunde seines Herzens ist er ein guter Mann. Die meisten Menschen sind im Grunde ihres Herzens gut, wenn sie die Chance bekommen, ihre Güte zu zeigen: Charmaine ist wild entschlossen, auch weiterhin daran zu glauben. Eine Dusche bringt das Gute im Menschen hervor, denn, wie Oma Win zu sagen pflegte: Reinlichkeit kommt gleich nach Frömmigkeit, und Frömmigkeit bedeutet Gutmütigkeit.
Das war so einer ihrer Sprüche, genau wie: Deine Mutter hat sich nicht das Leben genommen, das ist dummes Gerede. Dein Vater hat sein Bestes getan, aber irgendwann wurde es ihm zu viel. Du solltest wirklich versuchen, alles andere zu vergessen, ein Mann ist nicht zurechnungsfähig, wenn er getrunken hat. Und dann sagte sie: Lass uns Popcorn machen!
Und dann machten sie Popcorn, und Oma Win sagte: Guck nicht aus dem Fenster, Herzchen, das willst du gar nicht sehen, was die da draußen machen. Das ist nicht schön. Die brüllen einfach aus Lust und Laune. Das ist Selbstdarstellung. Komm, setz dich zu mir. Es ist doch jetzt alles gut, denn schau, du bist hier, und wir sind jetzt glücklich und in Sicherheit!
Aber es war nicht von Dauer. Das Glück. Die Sicherheit. Das Jetzt.
WOHIN?
Stan rutscht im Fahrersitz hin und her und sucht nach einer bequemen Lage. Aber keine Chance. Was kann er also tun? Wohin können sie sich wenden? Es gibt keinen sicheren Ort, es gibt keine Anweisungen. Es ist wie von einem heftigen, aber sinnlosen Wind im Kreis herum geweht zu werden. Ausweglos.
Er fühlt sich so einsam, und Charmaines Gegenwart verstärkt dieses Gefühl manchmal sogar noch. Er hat sie enttäuscht.
Ja, er hat einen Bruder, aber das wäre die letzte Instanz. Er und Conor haben damals, höflich ausgedrückt, getrennte Wege eingeschlagen. Unhöflich ausgedrückt: eine betrunkene nächtliche Schlägerei mit dem großzügigen Austausch von Worten wie Wichser und Schlappschwanz und Gehirnamputierter, das war der Weg, für den Conor sich bei ihrer letzten Begegnung entschieden hatte. Streng genommen hatte auch Stan diesen Weg gewählt, nur hatte er noch nie so ein dreckiges Mundwerk gehabt wie Con.
Stans Ansicht nach – seiner damaligen Ansicht nach – stand Conor schon immer mit einem Fuß im Gefängnis. Stan dagegen war in Cons Augen ein Opfer des Systems, Arschkriecher, Witzfigur und Feigling. Eier wie ’ne Kaulquappe.
Wo ist er heute, der aalglatte Con, was treibt er? Zumindest wird er im großen Wirtschafts- und Finanzcrash, der diesen Teil des Landes in eine Rostlaube verwandelt hat, nicht seinen Job verloren haben: Wer keinen Job hat, kann ihn nicht verlieren. Anders als Stan wird er nicht entlassen, vertrieben und zu einem hektischen Flüchtlingsleben mit verklebten Augen und ungewaschenen Achselhöhlen verurteilt worden sein. Con hat immer von dem gelebt, was er anderen abschwatzen oder abnehmen konnte, schon seit frühester Kindheit. Stan hat alles noch auf dem Schirm, sein Schweizer Messer, mühsam zusammengespart, seinen Transformer, seinen Nerf-Blaster mit Schaumstoffmunition: Alles war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt, während sein kleiner Bruder Con immer nur kopfschüttelnd dastand und sagte: Wer, ich? Ich doch nicht!
Nachts schreckt Stan aus dem Schlaf und glaubt für einen Moment, er sei zu Hause in seinem Bett oder wenigstens in irgendeinem Bett. Er tastet nach Charmaine, aber sie liegt nicht neben ihm, und dann fällt es ihm wieder ein, er ist in seinem miefigen Auto und muss pinkeln, hat aber Angst, die Tür aufzumachen wegen der plärrenden Stimmen und der Schritte, die knirschend über den Kies oder donnernd über den Asphalt kommen, und vielleicht wegen der Faust, mit der irgendeiner gegen das Autodach hämmert, bevor ein vernarbtes Gesicht mit grinsendem Mund voller Zahnstümpfe durchs Fenster glotzt: Na, wen haben wir denn da! Fickware! Mach auf die Karre! Gib mal die Brechstange!
Und dann Charmaines entsetztes Flüstern: »Stan! Stan! Wir müssen hier weg!« Ach was. Der Zündschlüssel steckt immer. Aufheulender Motor, quietschende Reifen, Gebrüll und Gejohle, Herzrasen, und dann? Alles wieder auf Anfang, anderer Parkplatz, andere Seitenstraße, irgendwo anders. Ein Maschinengewehr müsste man haben; was Kleineres würde es nicht mal annähernd bringen. So jedoch ist Flucht seine einzige Waffe.
Er fühlt sich vom Unglück verfolgt, als wäre das Unglück ein Straßenhund, der seine Witterung aufgenommen hat, der hinter der nächsten Biegung lauert. Der unterm Gebüsch hervorspäht, um ihn mit seinem bösen Blick, seinem gelben Augenpaar zu fixieren. Vielleicht braucht er vor allem einen Hexendoktor, irgendeinen handfesten Voodoozauber. Dazu ein paar Hunderter, um die Nacht im Hotel verbringen zu können, mit Charmaine an seiner Seite statt unerreichbar auf dem Rücksitz. Das wäre das Mindeste: Sich mehr zu wünschen würde den Bogen überspannen.
Charmaines Mitgefühl macht die Sache nicht besser. Sie gibt sich so viel Mühe. »Du bist kein Versager«, sagt sie. »Nur weil wir das Haus verloren haben und im Auto schlafen müssen, und nur weil du …« Gefeuert wurdest will sie nicht sagen. »Du hast nicht aufgegeben, zumindest suchst du immer noch Arbeit. Das mit dem Haus, und, und … so was ist vielen passiert. Den meisten.«
»Aber nicht allen, verdammte Scheiße«, sagt Stan dann. »Nicht allen.«
Nicht den Reichen.
Anfangs war alles so vielversprechend gewesen. Sie hatten beide einen Job. Charmaine arbeitete als Eventmanagerin in einem Seniorenheim der Ruby-Slippers-Kette – sie habe ein Händchen für ältere Menschen, sagten ihre Vorgesetzten – und machte dort gerade Karriere. Auch er war erfolgreich: Er war bei Emo-Robotics in der Qualitätssicherung, er testete das Empathiemodul für die Kundenbetreuung. Die Leute wollten nicht nur ihre Einkäufe in Tüten gepackt bekommen, erklärte er Charmaine damals gern: Sie wollten das Rundum-Shoppingerlebnis, und dazu gehörte ein Lächeln. Und das hatte seine Tücken; ein Lächeln konnte schnell zur Grimasse oder zu einem anzüglichen Grinsen werden, aber wenn man’s überzeugend rüberbrachte,...




