Atwood | Moralische Unordnung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Atwood Moralische Unordnung

Roman
14001. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8270-7802-5
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-8270-7802-5
Verlag: eBook Berlin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



In ihrem Roman Moralische Unordnung führt uns Margaret Atwood mitten hinein in ihr eigenes Leben: Sie erzählt die Geschichte von Nell, schildert deren kluge, lebenstüchtige, aber kühle Mutter, den Vater, einen Insektenforscher, und die viel jüngere, kapriziöse und psychisch labile Schwester. Als Nell das Elternhaus verlässt, verdient sie ihr erstes Geld als freie Lektorin. Sie lernt den Mann ihres Lebens, Tig, kennen, der aber noch mit Oona verheiratet ist und zwei Söhne hat.Vor dieser Ehe läuft Tig nur sehr langsam davon, bis Oona Tig und Nell zusammenbringt, aber nicht aushalten kann, was sie angerichtet hat. Ein großartiges Buch, in dem die stilistische Virtuosität, die Leichtigkeit, der Witz und die Ironie Atwoods wie Scheinwerfer auf ihre eigene Geschichte gerichtet sind.

Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, gehört zu den bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit. Ihr »Report der Magd« wurde für inzwischen mehrere Generationen zum Kultbuch. Zudem stellt sie immer wieder ihr waches politisches Gespür unter Beweis, ihre Hellhörigkeit für gefährliche Entwicklungen und Strömungen. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem renommierten Man Booker Prize, dem Nelly-Sachs-Preis, dem Pen-Pinter-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Margaret Atwood lebt in Toronto.
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DIE KUNST DES KOCHENS UND AUFTRAGENS

Mit elf habe ich einen Sommer lang viel gestrickt. Ich strickte mit zäher Ausdauer still vor mich hin, bequem war es nicht, sich ständig über die Wollknäuel und die Stahlnadeln und den länger werdenden Streifen zu beugen. Ich hatte zu jung stricken gelernt, um den Trick, den Faden um den Zeigefinger zu legen, zu beherrschen – der Finger war noch zu kurz –, also musste ich mit der rechten Nadel in die Masche stechen, sie mit zwei Fingern der linken Hand festhalten und die rechte Hand komplett heben, um den Faden um die Nadelspitze zu legen. Ich hatte Frauen zugeguckt, die in der Lage waren, gleichzeitig zu stricken und zu reden, ohne einen Blick auf ihre Strickarbeit zu werfen, aber das konnte ich nicht. Mein Strickstil erforderte totale Konzentration, und mir taten bald die Arme weh, und ich ärgerte mich sehr.

Ich strickte eine Babyausstattung: Alles, was ein neugeborenes Baby braucht, um warm eingepackt zu werden, wenn es aus der Klinik nach Hause kommt. Dazu gehören mindestens zwei Fäustlinge, zwei dicke Strümpfe, eine Strumpfhose, ein Jäckchen und ein Mützchen. Wer Lust und Zeit hat, kann noch eine Decke stricken und ein sogenanntes Babyhöschen. Eine Art kleine Shorts mit kürbisförmigen Beinchen, wie die Beinkleider auf den Porträts von Sir Francis Drake. Stoffwindeln und Gummihöschen sind häufig undicht, und das Babyhöschen soll da Abhilfe schaffen. Aber ich hatte nicht vor, eins zu stricken. Damals konnte ich mir die Fontänen, Bäche, Ströme von Pipi gar nicht vorstellen, die ein Baby in der Regel produziert.

Die Decke reizte mich – ich hatte eine mit Kaninchenmuster gesehen, die ich zu gerne nachgestrickt hätte –, aber ich wusste, dass mir die Zeit davonlief und ich mich auf das Wesentliche beschränken sollte. Wenn ich trödelte, würde mir das Baby zuvorkommen, und dann wäre es gezwungen, bunt zusammengewürfeltes Zeug zu tragen, das vor ihm andere Babys getragen hatten. Ich hatte mit den Fäustlingen und der Strumpfhose angefangen, weil sie mir ziemlich einfach erschienen – meist abwechselnde Reihen, glatt und kraus, mit etwas Rippenmuster dazwischen. Auf diese Weise konnte ich mich zum Jäckchen vorarbeiten, das komplizierter war. Das Mützchen bewahrte ich mir für den Abschluss auf. Es sollte mein chef-d’œuvre werden. Dazu gehörten Seidenbänder, um das Mützchen unter dem Kinn des Babys zusammenzubinden. Damals dachte man nicht daran, dass sich ein Baby damit strangulieren könnte. Dicke Rosetten gehörten auch dazu, die zu beiden Seiten des Babygesichtchens abstehen würden wie kleine Kohlköpfe. Auf diese Weise wirkten Babys wie Dragées – das hatte ich im Bienenkorb-Strickmusterheft gesehen –, sauber und süß, köstliche kleine Bündel mit Pastellzuckerguss.

Als Farbe hatte ich Weiß gewählt. Das war so üblich, auch wenn manche Bienenkorb-Muster in einem blassen Elfengrün oder einem praktischen Gelb abgebildet waren. Aber Weiß war am besten: Sobald wir wussten, ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen war, konnte ich die Seidenbänder in Blau oder Rosa hinzufügen. Ich stellte mir vor, wie das Ganze aussehen würde, wenn es fertig war – rein, leuchtend, vorbildlich, ein Tribut an meinen guten Willen und meine Freundlichkeit. Mir war noch nicht bewusst, dass es dafür auch ein Ersatz sein könnte.

Ich strickte diese Ausstattung, weil meine Mutter ein Baby erwartete. Ich vermied das Wort schwanger, wie andere auch: Schwangerschaft war ein plumpes, schweres Wort, es zog einen herunter, wenn man darüber nachdachte, während Erwartung eher an einen Hund mit aufgestellten Ohren erinnerte, einen Hund, der gespannt lauschte und den herannahenden Schritten freudig entgegensah. Eigentlich war meine Mutter für so etwas zu alt: Das hatte ich mir jedenfalls zusammengereimt, aus ihren Gesprächen mit ihren Freundinnen in der Stadt, die ich belauscht hatte, aus dem besorgten Gesichtsausdruck dieser Freundinnen, den Falten auf der Stirn, den zusammengepressten Lippen, dem Oh-je-Tonfall und der Aussage meiner Mutter, sie müsse einfach das Beste daraus machen. Ich reimte mir zusammen, dass aufgrund des Alters meiner Mutter etwas mit dem Baby nicht ganz in Ordnung war, aber was? Ich hörte zu, sooft es ging, aber ich kam zu keinem Ergebnis, und es gab niemanden, den ich fragen konnte. Würde es keine Hände haben, würde es einen winzigen Kopf haben, würde es schwachsinnig sein? Schwachsinnig wurde in der Schule als Schimpfwort gebraucht. Ich war nicht sicher, was es bedeutete, aber es gab Kinder, die man auf der Straße nicht anstarren durfte, weil es nicht ihre Schuld war, sie waren ja nur so geboren.

Mein Vater hatte mir im Mai gesagt, dass meine Mutter ein Baby erwartete. Es machte mir große Angst, unter anderem weil er mir auch sagte, dass dieser Zustand für meine Mutter eine Gefahr bedeuten würde, bis mein neuer Bruder oder meine neue Schwester geboren war. Etwas Schreckliches könnte ihr zustoßen– etwas, was sie sehr krank machen würde–, und wenn ich nicht richtig aufpasste, wäre die Gefahr, dass ihr etwas zustieße, noch größer. Mein Vater sagte nicht, was ihr zustoßen würde, aber so ernst und knapp, wie er sprach, ging es hier um etwas Wichtiges.

Meine Mutter – sagte mein Vater – sollte nicht mehr fegen oder schwere Dinge tragen, wie beispielsweise Wassereimer, sie sollte sich nicht bücken oder große Gegenstände anheben. Wir müssten alle mithelfen, sagte mein Vater, und zusätzliche Pflichten übernehmen. Es sei Aufgabe meines Bruders, von jetzt an bis Juni den Rasen zu mähen. Im Juni fuhren wir nach Norden. (Da oben im Norden gibt es keinen Rasen. Und mein Bruder würde sowieso nicht da sein: Er fuhr in ein Jungencamp, um in den Wäldern irgendetwas mit Äxten anzustellen.) Was mich anging, so sollte ich mich einfach allgemein nützlich machen. Noch nützlicher als ohnehin schon, fügte mein Vater hinzu, es sollte ermutigend klingen. Er selbst würde sich natürlich auch nützlich machen. Aber er konnte nicht die ganze Zeit da sein. Er musste arbeiten, während wir da oben waren, in dem, was andere Leute die Kate, wir aber die Insel nannten. (In Katen gab es Kühlschränke und Gasgeneratoren, und man konnte von dort aus Wasserski fahren – das war bei uns alles nicht der Fall.) Er könne nicht immer da sein, leider, fuhr er fort. Aber er würde nicht lange wegbleiben, und er sei sicher, dass ich das schaffen würde.

Ich selbst war da nicht so sicher. Er dachte immer, dass ich mehr wüsste, als ich wusste, und dass ich größer wäre, als ich war, und älter und abgehärteter. Was er mit Ruhe und Tüchtigkeit verwechselte, war in Wirklichkeit Angst: deshalb starrte ich ihn schweigend an und nickte. Die Gefahr, die da lauerte, war so unbestimmt und daher so groß – wie sollte ich mich darauf überhaupt vorbereiten? Insgeheim betrachtete ich mein entschlossenes Stricken als eine Art Zauber, wie im Märchen diese Anzüge aus Nesseln, welche die stumme Prinzessin für ihre in Schwäne verwandelten Brüder nähen sollte, um sie wieder in menschliche Wesen zu verwandeln. Wenn es mir nur gelänge, die ganze Ausstattung fertigzustellen, würde sie das Baby, für das sie bestimmt war, in die Welt zaubern und auf die Weise aus meiner Mutter heraus. Sobald es draußen war, würde ich es sehen können 
– würde es ein Gesicht haben –, und damit konnte man umgehen. Vorläufig stellte das Ding eine Bedrohung dar.

Also strickte ich zielstrebig weiter. Die Fäustlinge wurden fertig, bevor wir in den Norden fuhren; sie waren mehr oder weniger makellos, mit Ausnahme der einen oder anderen fallengelassenen Masche. Nachdem wir auf der Insel angelangt waren, legte ich letzte Hand an die Strumpfhose – das eine Bein, das zu kurz geraten war, konnte man bestimmt in die Länge ziehen. Ohne mir eine Pause zu gönnen, fing ich mit dem Jäckchen an, das ein paar Reihen mit Perlmuster kriegen sollte – eine Herausforderung, aber eine, die ich zu bewältigen entschlossen war.

Unterdessen war meine Mutter überhaupt keine Hilfe. Am Anfang meines Strickmarathons hatte sie es auf sich genommen, die Strümpfchen zu machen. Sie konnte stricken, sie hatte früher gestrickt: das Musterheft, das ich benutzte, war einmal ihres gewesen. Sie konnte Fersen rundstricken, eine Fertigkeit, die ich noch nicht ganz beherrschte. Doch obwohl sie mir so viel voraushatte, wurde sie immer fauler: Alles, was sie bisher fertiggekriegt hatte, war ein halber Strumpf. Ihr Strickzeug lag ungenutzt herum, während sie in einem Liegestuhl ruhte, die Füße auf einem abgesägten Baumstamm, und historische Romane las, in denen geritten und vergiftet und mit Degen gefochten wurde – ich wusste Bescheid, ich hatte sie selbst gelesen. Oder sie döste vor sich hin, den Kopf auf einem Kissen, ihr Gesicht blass und verschwitzt, ihr Haar feucht und verklebt, und ihr Bauch ragte in einer Weise hervor, bei der mir genauso schwindlig wurde wie beim Anblick eines Menschen, der sich in den Finger geschnitten hatte. Inzwischen trug sie am liebsten einen Kittel, den sie vor langer Zeit in einen Koffer gepackt hatte; ich weiß noch, dass ich mich einmal zu Halloween damit verkleidet hatte, als dicke Dame mit Handtasche. In diesem Kittel sah sie ärmlich aus.

Es machte mir Angst, sie bei Tag schlafen zu sehen. Es passte nicht zu ihr. Sonst machte sie gern...



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