E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Atze »Unser Hitler«
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8353-2051-2
Verlag: Wallstein Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Hitler-Mythos im Spiegel der deutschsprachigen Literatur nach 1945
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-8353-2051-2
Verlag: Wallstein Verlag
Format: PDF
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Marcel Atze, geb. 1967, studierte Bibliothekswesen in Tübingen und Stuttgart sowie Germanistik, Literaturvermittlung und Volkskunde in Bamberg. 1997/98 war er als Kurator der Ausstellung 'Ortlose Botschaft. Der Freundeskreis H. G. Adler, F. B. Steiner und Elias Canetti im englischen Exil' am Schiller-Nationalmuseum in Marbach tätig. Seit April 2002 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt am Main.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhalt;6
2;Vorwort;14
3;1. Einleitung;16
3.1;1.1 Die Formel Unser Hitler;16
3.2;1.2 Der Hitler-Mythos: Herstellung und Funktion;18
3.3;1.3 Das mythische Konstrukt Hitler;23
3.4;1.4 Die Inszenierung des Mythos: Ernst Cassirers Begriff des mythischen Raums;30
3.5;1.5 Hitler als literarischer Stoff;31
3.6;1.6 Literarische Arbeit am Hitler-Mythos: Rezeption als Destruktion;34
3.7;1.7 Hitler und der Holocaust in der Wissenschaft: Intentionalismus vs. Funktionalismus;38
3.8;1.8 Unser Hitler in der deutschsprachigen Literatur: Textauswahl und -anordnung;40
4;2. Die literarische Rezeption von Hitlers mythischer Vita nach 1945;46
4.1;2.1 Geburt und Kindheit des ›Auserwählten‹;54
4.2;2.2 Der Weg der Prüfungen oder »Wiener Lehr- und Leidensjahre«;67
4.3;2.3 »Ich habe Schiß«. Das große Abenteuer als Destruktion des heldischen Soldaten;78
4.4;2.4 »Gott liebt mich «. Das Initiationserlebnis: Hitlers Damaskus-Stunde in Pasewalk;91
4.5;2.5 Hitlers Tod und Wiederkehr;99
5;3. Zentrale Mytheme des Hitler-Mythos in der deutschsprachigen Literatur nach 1945;130
5.1;3.1 »Auf den Hund gekommen«. Zur Destruktion des Natur- und Tierfreund-Mythems;139
5.2;3.2 Die »Lösung der Mikroben-Frage «. Zur Destruktion des Asketen-Mythems (Vegetarier);149
5.3;3.3 Architekt des Genozids. Zur Destruktion des Künstler-Mythems;162
5.4;3.4 ›Vater Hitler‹;175
6;4. »Hitler wie ihn keiner kennt«. Mythisches Konstrukt vs. Privatmann;222
6.1;4.1 Der Privatmann Hitler – eine Leerstelle des Mythos;222
6.2;4.2 »Geschlechtsverkehr dient nicht der Lust«. Das Asexualitäts-Mythem;231
6.3;4.3 Zur Destruktion des Asexualitäts-Mythems;234
7;5. Das Redner-Mythem;254
7.1;5.1 »Demagogicus tertii imperii«. Der literarische Diskurs um das unmittelbare Erleben des Redners Hitler;257
7.2;5.2 »Tausend Finsternisse todbringender Rede«. Der literarische Diskurs um die medial vermittelte Stimme Hitlers;298
8;6. Hitler, da weiß man, was man hat. Name und Gesicht als Markenzeichen von Mythos – und Holocaust;372
8.1;6.1 »Symbol einer ganz bestimmten Niedertracht«. Hitlers Name im literarischen Diskurs;376
8.2;6.2 »Mit Hitler hat das Böse ein Gesicht.« Physiognomie als Markenzeichen;399
9;7. Epilog: Schreiben über Hitler.;428
10;8. Abkürzungsverzeichnis;463
11;9. Literaturverzeichnis;464
11.1;9.1 Primärliteratur;464
11.2;9.2 Ungedruckte Quellen;468
11.3;9.3 Sekundärliteratur;469
12;10. Personenregister;490
(S. 253-254)
»Ich begann mit aller Lust und Liebe. Bot sich mir doch
jetzt mit einem Male die Gelegenheit, vor einer größeren
Zuhörerschaft zu sprechen; und was ich früher immer,
ohne es zu wissen, aus dem reinen Gefühl heraus einfach
angenommen hatte, traf nun ein: ich konnte ›reden‹.«
Adolf Hitler: Mein Kampf
»Tatsächlich hat kaum ein anderer Politiker der neueren Geschichte in solchem Maße seinen Erfolg auf die Macht der Rede gegründet, gründen können und – gründen müssen.«1 Wie es scheint, vertraute Hitler vom ersten Tag seiner politischen Laufbahn an auf seine vermeintliche Rednergabe. Den Glauben an die Wirkung des gesprochenen Wortes kehrte Hitler keineswegs nur nach außen, sondern sein Selbstbewußtsein definierte sich weitgehend über erfolgreiche Auftritte als Vortragender. Nicht zufällig schließt der erste Band von Mein Kampf mit Hitlers Redepremiere vor einer größeren Menschenmenge, nämlich der Verkündung des 25-Punkte-Programms der NSDAP am 24. Februar 1920:
Von Viertelstunde zu Viertelstunde wurden die Zwischenrufe mehr und mehr zurückgedrängt von beifälligen Zurufen. Und als ich endlich die fünfundzwanzig Thesen Punkt für Punkt der Masse vorlegte und sie bat, selber das Urteil über sie zu sprechen, da wurden sie nun eine nach der anderen unter immer mehr sich erhebendem Jubel angenommen, einstimmig und immer wieder einstimmig, und als die letzte These so den Weg zum Herzen der Masse gefunden hatte, stand ein Saal voll Menschen vor mir, zusammengeschlossen von einer neuen Überzeugung, einem neuen Glauben, von einem neuen Willen.
Der Redner als das vielleicht wichtigste Mythem hatte seinen Ursprung in der mythischen Vita. Der Held wird erkannt und, so Hitler, als »Vertreter einer neuen Lehre«3 akzeptiert. Die These, daß die »Rede wirkungsvoller als Schrift«4 sei, stellt er paradoxerweise im eigenen Buch auf: Sie sollte dann auch den gesamten späteren Herrschaftsstil bestimmen. Zudem wurde Hitler als Redner zum personifizierten Medium seines Mythos: »Wenn wir heute die alten Filmstreifen sehen«, bemerkt Günter Kunert, »diesen überschwenglichen, hysterischen Jubel beim Auftreten Hitlers, so schütteln wir den Kopf, ohne zu ahnen, daß ein Mythos sich da verlebendigte.«
Was meint der Begriff ›Mythen-Medium‹? Hitler kontrollierte nicht nur die Stabilität des mythischen Konstrukts über seine Reden, sondern mit diesen hatte er auch die Grundlage für seinen Mythos gelegt. Er wurde zum ›Mythen-Medium‹, d.h. er stellte verbal eine »zweite Wirklichkeit «6 her. Hitler erprobte die mythischen Leitbilder erst mündlich, bevor er sie schriftlich in Mein Kampf niederlegte. Diese Art Mythospflege betrieb Unser Hitler auch in den nach 1933 über den Rundfunk verbreiteten Ansprachen: Jetzt konnte er sich vor aller Ohren als auserwählt bezeichnen und die ständig propagierten Mytheme flächendeckend popularisieren.




