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Aubert | Im Dunkel der Wälder: Élise-Andrioli-Reihe 1 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 317 Seiten

Reihe: Élise Andrioli

Aubert Im Dunkel der Wälder: Élise-Andrioli-Reihe 1


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95824-967-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, Band 1, 317 Seiten

Reihe: Élise Andrioli

ISBN: 978-3-95824-967-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Ein einzigartiger Gänsehaut-Krimi aus der Feder der französischen Erfolgsautorin: 'Im Dunkel der Wälder' von Brigitte Aubert als eBook bei dotbooks. Gelähmt, blind und stumm ... Als Elise etliche Monate nach einem verheerenden Bombenattentat aus dem Koma erwacht, hat sich ihr Leben radikal verändert. Nur das Gehör ist ihr geblieben und der feste Wille, weiterhin am Leben teilzunehmen. Als die siebenjährige Virginie ihr eine seltsame Geschichte erzählt, weiß Elise, sie muss sich bemerkbar machen: Von einer 'Bestie' ist da die Rede, vom 'Tod im Wald' und von kleinen Kindern, die niemand retten kann - und tatsächlich geschieht kurz darauf ein Mord an einem Kind. Und dann noch einer. Und noch einer. Elise freundet sich mit Virginies Eltern an, denn sie vermutet den Mörder in deren Kreisen ... Doch wie nahe sie der Wahrheit wirklich kommt, erfährt sie erst, als sie selbst bedroht wird. Jetzt als eBook kaufen und genießen: 'Im Dunkel der Wälder' von Brigitte Aubert. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Brigitte Aubert gehört zu Frankreichs profiliertesten Spannungsautorinnen. Neben Kriminalromanen und Thrillern schreibt sie Drehbücher und war Fernsehproduzentin der erfolgreichen »Série noire«. Heute lebt sie in Cannes und führt ein altes Kino, das sie von ihren Eltern übernommen hat. Bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Aubert ihre Krimireihe um Marcel Blanc mit den Bänden »Tödliche Riviera« und »Mörderische Riviera« (auch als Sammelband erschienen). Außerdem ihre Reihe um Élise Andrioli mit den Bänden »Im Dunkel der Wälder« und »Tod im Schnee« sowie ihre Frankreich-Thriller »Die vier Söhne des Doktor March«, »Marthas Geheimnis«, »Sein anderes Gesicht«, »Schneewittchens Tod«.
Aubert Im Dunkel der Wälder: Élise-Andrioli-Reihe 1 jetzt bestellen!

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Kapitel 2


Heute ist der große Tag. Ich bin sehr früh aufgewacht. Das weiß ich, weil ich lange warten mußte, bis Yvette kam, mich aufrichtete, mich wusch, mir die Bettschüssel unterschob, mich anzog. Glücklicherweise habe ich meine Blase mehr oder weniger unter Kontrolle. Das beruhigt mich und läßt mich hoffen, daß ich eines Tages wieder selbständiger sein werde. Ich wäre zufrieden, wenn ich die Arme bewegen, den Kopf schütteln, lächeln könnte. Schade um den Sex. Schade ums Sprechen. Aber sehen können. Wieder sehen, mit den anderen kommunizieren können. Warum schenkt mir niemand einen Stimmcomputer? Weil ich weder reich noch berühmt oder genial bin; man muß sich mit den Gegebenheiten abfinden.

Das Bett ist mit einer Spezialvorrichtung ausgestattet, die es Yvette ermöglicht, mich in den Rollstuhl hinübergleiten zu lassen. Und schon sitze ich. Wenn wir außer Haus gehen, zieht sie mich an, eine mühsame Prozedur. Ein T-Shirt, das sich am Rücken ständig verwurstelt. Ein Rock und darüber eine Decke. Sie setzt mir die obligate Brille auf und bindet mir einen Schal um den Hals, weil, wie sie mir erzählt, draußen ein kühler Wind wehe. Ich schwitze mich zu Tode. Wir brechen auf. Glücklicherweise ist das Haus ebenerdig. Das sind die kleinen Details, die mich davor bewahrt haben, in einem Pflegeheim untergebracht zu werden. Das und das Geld, das mein Onkel für das Kino bekommen hat. Er hat es an meiner Stelle weitergeführt. Ich erinnere mich an seinen Besuch Ende Januar. Er legte seine Hand auf meine Schulter und sagte mit einer Stimme, die er immer in ernsten Situationen anschlägt: »Hör mal, mein Mädchen, ich habe lange nachgedacht. Du brauchst Geld und du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert. Ich habe beschlossen, das Kino zu verkaufen. Ich bin sicher, daß das auch in Louis’ Sinn wäre. (Louis ist mein verstorbener Vater, der das Kino gegründet hat.) Ich weiß, wie sehr du daran hängst. Aber ein Kino kann man wieder zurückkaufen. Deine Beine nicht. Du mußt alles daransetzen, wieder gesund zu werden. Und das wird teuer. Ich will, daß du die beste Behandlung bekommst. Das Beste vom besten. Den besten Rollstuhl, all das. Verstehst du? Also, ich hab’s verkauft. An Jean Bosquet.« Ich war so wütend. Ausgerechnet Bosquet! Dieser Scheißkerl, der im Jaguar durch die Gegend fährt und in den Siebzigern mit Pornos ein Vermögen gemacht hat. Er hat die schmuddeligsten und ältesten Kinosäle in der Gegend. Was wird er aus meinem Trianon machen?

Der Rollstuhl holpert über den Bürgersteig und reißt mich aus meinen Erinnerungen. Yvette redet pausenlos, kommentiert alles, was sie sieht: den neuen Regenmantel von Madame Berger, der Lehrerin, die nicht so lange Sachen tragen sollte. So wirkt sie fast wie eine Tonne. Die wirklich ungünstige Frisur der armen, kleinen Sonia, die glaubt, nur weil sie ein Kosmetikdiplom habe, könne sie sich wie ein Starlet aufführen, usw., usw.

Doch was sie dann sagt, erregt meine Aufmerksamkeit.

»Oh! Da ist die bedauernswerte Madame Massenet, die Mutter des armen kleinen Michaël, Sie erinnern sich sicher an den kleinen Michaël, den man letzten Samstag im Wald gefunden hat, ein kleiner blondgelockter Junge, immer höflich … Wie traurig sie aussieht! Und die dunklen Ringe unter ihren Augen! Wie tapfer von ihr, ihre Einkäufe hier zu erledigen. Ich an ihrer Stelle würde ja in einen anderen Supermarkt gehen. Nun gut, ich lasse Sie hier. Der Wächter ist nicht weit weg, ich werde ihn bitten, ein Auge auf Sie zu haben. Bis gleich.«

Ich höre, wie sie davongeht und vor sich hinmurmelnd nach der Münze für den Einkaufswagen kramt.

Ich warte gespannt. Bei jedem Schritt, der sich in meine Richtung bewegt, spüre ich, wie sich meine Muskeln anspannen. Wird sie kommen? Und mit einemmal ist sie da.

»Guten Tag, Madame. Geht es dir gut?«

Zeigefinger.

»Willst du, daß ich dir meine Geschichte weitererzähle?« Zweimal Zeigefinger.

»Die Polizei hat Michaël gefunden. Im Wald. Er war mausetot. Ich wußte, daß sie ihn gesucht haben, aber ich konnte ihnen doch nicht sagen, wo er war, sonst hätten sie mich gefragt, woher ich das weiß, verstehst du?«

Und wie ich das verstehe!

»Ich wußte es, weil wir zusammen Angeln gespielt haben. Da angeln wir nicht wirklich, wir binden ein Band an einen Stock und tun nur so. Seine Mama will nicht, daß er am Fluß spielt, aber wir lügen, wir sagen, daß wir Fahrrad fahren. Und dann hatte ich keine Lust mehr zu angeln, weil er gesagt hat, daß er alle Fische gefangen hat und ich keinen einzigen, und dann habe ich gesagt, daß ich nach Hause gehe. Ich bin weg, aber ich habe einen schönen Pilz gefunden, und als ich wieder aufblickte, habe ich gesehen, daß er der Bestie begegnet ist.«

Ich habe gute Lust, sie kräftig durchzuschütteln. Wem ist er begegnet, verdammt noch mal?

»Und da wußte ich, daß er bald tot sein würde, so wie die anderen, weil die Geschichte immer gleich abläuft. Ich wollte weg, aber ich bin geblieben und habe mich hinter einem Baum versteckt. Ich wollte zusehen.« Ihr helles Stimmchen. Fast gleichgültig spult sie ihre Litanei des Grauens ab.

»Michal hat der Bestie guten Tag gesagt und dann hat sich sein Gesichtsausdruck auf einmal verändert, er ging einen Schritt zurück, dann noch einen, und dann ist er hingefallen. Damit war er verloren, weißt du, er hat noch versucht, wieder aufzustehen, aber es war schon zu spät. Die Hände haben sich um seinen Hals gelegt und einfach zugedrückt, er ist ganz rot geworden, dann ganz violett, und dann kam seine Zunge aus dem Mund, und er ist auf den Boden zurückgefallen, mit weit aufgerissenen Augen. Ich hab mich nicht vom Fleck gerührt, mir war heiß, weißt du, ich habe geschwitzt, aber ich wußte, ich darf mich nicht von der Stelle rühren, und dann haben die Hände losgelassen und …«

»Bist du schon wieder da, du kleines Plappermaul? Kannst du die Dame nicht in Ruhe lassen?«

Ihr Vater muß in unmittelbarer Nähe stehen. Ich rieche sein Rasierwasser. Frisch und würzig. Ich spüre die Sonne nicht mehr, er muß direkt vor mir stehen, seine Stimme, die plötzlich ganz nah ist, klingt sehr sanft:

»Hören Sie, es ist nicht so, daß ich nicht will, daß die Kleine mit Ihnen spricht, aber ich weiß nicht, ob es Sie nicht stört … Oh, guten Tag, Madame … Virginie ist mir einfach davongelaufen und hierhergekommen …«

»Das macht doch nichts. Mademoiselle Elise hat Kinder immer gern gehabt. Ich glaube nicht, daß sich das geändert hat. Sie hat sich immer gefreut, wenn sie kamen, um sich die Zeichentrickfilme anzusehen. Wissen Sie, im Kino, dem Trianon …«

»Ja, das kenne ich. Früher haben wir in Saint-Quentin gewohnt, aber jetzt sind wir nach Boissy gezogen, in den Stadtteil Merisiers.«

Saint-Quentin! Der kleine Renaud, von dem in den Nachrichten die Rede war, wurde in Saint-Quentin getötet!

»Aber da wohnen Sie ja quasi gleich nebenan! Wir sind Nachbarn! Was für ein Zufall! Nun, Mademoiselle Elise war die Besitzerin des Trianon.«

Wie kommt sie dazu, ihm aus meinem Leben zu erzählen? Jetzt hält er mich sicher für eine verklemmte alte Jungfer, die Kinder mit Eis vollstopfte und ihnen den Kopf tätschelte.

Auf meinem Schoß werden Tüten abgestellt. Der Rollstuhl setzt sich in Bewegung. Die Unterhaltung zwischen Yvette und Virginies Vater geht weiter. Sehr gut!

»Sie haben wirklich eine entzückende kleine Tochter!«

»Tja, sie sieht aus wie ein Engel, aber sie hat es faustdick hinter den Ohren, nicht wahr, Virginie?«

»Haben Sie noch mehr Kinder?«

»Ich … Nun, ich … ich hatte einen Sohn, aber, oh, da steht mein Auto. Ich muß jetzt los. Hören Sie, ich würde Sie ja gerne mitnehmen, aber mit dem Rollstuhl …«

»Das ist trotzdem sehr nett von Ihnen. Ach, es tut ganz gut, ein bißchen spazierenzugehen«, erwidert Yvette taktvoll, ohne weiter zu insistieren.

»Auf Wiedersehen, Elise, bis nächsten Samstag!« höre ich Virginies lebhaftes Stimmchen rufen.

»Auf Wiedersehen, Virginie. Ich glaube, Elise wird sich sehr freuen, wenn du kommst und ihr guten Tag sagst … natürlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben, Monsieur …«

»Aber nein, ganz und gar nicht! Komm, beeil dich, Virginie. Mama wartet sicher schon. Auf Wiedersehen.«

Türenschlagen.

Yvette geht weiter.

»Ich weiß nicht, was er mit der Bemerkung über seinen Sohn gemeint hat, merkwürdig, ganz so als wollte er nicht darüber sprechen, sicher hat es einen Unglücksfall in der Familie gegeben. Jedenfalls mag die Kleine Sie sehr. Es ist schön, wenn man Kinder trifft, die ein Herz haben. Ich erinnere mich zum Beispiel …«

Yvette setzt zu einem langen Exkurs über all die hinterlistigen und mißratenen Kinder an, denen sie in ihrem Leben schon begegnet ist. Ich höre nicht mehr zu. Ich denke nach. Virginie hatte behauptet, daß ihr Bruder tot sei. Das Verhalten ihres Vaters läßt vermuten, daß das stimmt. Eins zu null für das Kind. Jetzt müßte ich nur noch herausbekommen, ob er Renaud hieß. Doch wenn Virginie tatsächlich Zeugin des Mordes an dem kleinen Michal war, dann ist sie in Gefahr. Der Mörder wird sie sicher aus dem Weg räumen wollen. Es sei denn, er hat sie nicht bemerkt. Wie soll man das wissen? Ich ertrage diese Machtlosigkeit nicht. Ich ersticke, ich ersticke, ich habe das Gefühl, in einer Zwangsjacke zu stecken und einen verrückten Doktor anzuflehen, mich freizulassen. Doch es wird nie jemand kommen und mich befreien. Ich möchte schreien. Die Arme heben können. Einfach nur diese verfluchten Arme heben können.

»O je! Sie schwitzen ja! Warten Sie, ich werde Ihnen den Schal ausziehen.«

Ja, nimm mir den Schal ab, knote eine Schlinge und häng mich am...



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