E-Book, Deutsch, Band 2, 366 Seiten
Reihe: Élise Andrioli
Aubert Tod im Schnee: Élise-Andrioli-Reihe 2
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95824-968-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 2, 366 Seiten
Reihe: Élise Andrioli
ISBN: 978-3-95824-968-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Brigitte Aubert gehört zu Frankreichs profiliertesten Spannungsautorinnen. Neben Kriminalromanen und Thrillern schreibt sie Drehbücher und war Fernsehproduzentin der erfolgreichen »Série noire«. Heute lebt sie in Cannes und führt ein altes Kino, das sie von ihren Eltern übernommen hat. Bei dotbooks veröffentlichte Brigitte Aubert ihre Krimireihe um Marcel Blanc mit den Bänden »Tödliche Riviera« und »Mörderische Riviera« (auch als Sammelband erschienen). Außerdem ihre Reihe um Élise Andrioli mit den Bänden »Im Dunkel der Wälder« und »Tod im Schnee« sowie ihre Frankreich-Thriller »Die vier Söhne des Doktor March«, »Marthas Geheimnis«, »Sein anderes Gesicht«, »Schneewittchens Tod«.
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KAPITEL 1
Da bin ich also. Wie eine Königin throne ich am Fuß der Pisten, bis zur Nasenspitze eingemummt. In diesen Dingen ist Verlass auf Yvette; sie hat mich in meinen alten blauen Skianzug gesteckt, dazu in knallrote Moonboots von meinem Onkel, und hat mir eine schwarze Kosakenmütze auf den Kopf gestülpt. Die Ohrklappen aus Schaffell jucken, ich bin schweißgebadet. Die Sonne brennt, doch es kommt nicht in Frage, mich um einen Webfaden zu erleichtern. Yvette passt auf und zieht meine Decke zurecht, sobald sie um einen Millimeter verrutscht. Dabei kommentiert sie die Ereignisse.
»Da hat einer vielleicht einen Sturz gedreht, und er hat den Baum nur um Haaresbreite verfehlt … Und der andere auf seinem Snowboard, eine echte Gefahr für die Menschheit … Ein Schluck Tee?«
Verneinendes Handzeichen. Wir sitzen auf der Terrasse des Chalet Canadien, dem strategischen Mittelpunkt des Ortes. Alle Zweibeiner auf Urlaub müssen irgendwann einmal hier vorbei. Ich strecke heimlich die Hand nach meiner Kosakenmütze aus, und sofort ertönt Yvettes schneidende Stimme:
»Kommt nicht in Frage! Die Kälte dringt doch vor allem durch die Ohren ein. Das wäre was, wenn Sie sich hier eine Grippe einfangen würden!«
Ich bekomme keine Grippe, und das Thermometer zeigt fünf Grad plus, das habe ich vorhin im Radio gehört. Aber Yvette verständlich machen, dass wir nicht in der sibirischen Tundra biwakieren, geht über meine Kräfte. Und mir ist nicht nach Diskussionen zumute.
Die Luft hallt wider vom metallischen Klicken der Skilifte, ich höre Gelächter und Kinderrufe. Ein Baby weint. Seine Mutter versucht es zu überzeugen, dass es keinen Grund zum Weinen gibt. Es geht mir gut. Ich habe den Eindruck, mich mit frischer Luft vollzupumpen. Ich werde braun gebrannt und gesund aussehen. Ich taste nach meiner Tasse und führe sie zum Mund.
»Elise Andrioli! Sie sind Elise Andrioli, nicht wahr?«, ruft eine Frau hinter mir.
Ich zucke zusammen und verschütte den Tee.
»Ich bin Francine Atchouel, vom CLMPAH«, fährt sie fort. CLMPAH? Was ist das?
»Ihr Onkel hat mir gesagt, dass Sie kommen. Ich habe Sie auf der Stelle erkannt.«
Das dürfte wohl nicht allzu schwierig sein: Ich denke nicht, dass es hier in der Gegend Scharen von hinreißenden jungen Blinden in elektrischen Rollstühlen gibt.
»Entschuldigen Sie, aber Mademoiselle Elise kann Ihnen nicht antworten«, bemerkt Yvette vorwurfsvoll.
»Ich weiß, ich weiß. Monsieur Andrioli hat es mir erklärt. Er ist so nett, Ihr Onkel. Er ist einer unserer wichtigsten Geldgeber.«
Wovon redet sie eigentlich?
»Er hat mir versichert, dass Sie bestimmt gern unser Zentrum besuchen und unsere Heimbewohner kennen lernen möchten. Sie sind ein Vorbild für sie … Sie müssen Madame Holzinski sein«, fährt sie zu Yvette gewandt fort, »ihre treue Mitarbeiterin.«
»So ist es. Ich hätte nicht gedacht …«, plustert sich Yvette geschmeichelt auf.
»Aber jeder hat von Ihnen gehört! Ich, zum Beispiel, habe das Buch allen meinen Freunden ausgeliehen. Was für eine schreckliche Geschichte! Umso schrecklicher, als es sich um eine wahre Geschichte handelt. Sie müssen grauenvolle Augenblicke durchgemacht haben. Oh, entschuldigen Sie, da kommt unser Transporter, ich muss mich beeilen. Hier meine Visitenkarte, rufen Sie an, damit wir einen Termin ausmachen können. Bye, bye!«
»Sie ist weg«, informiert mich Yvette. »Sie steigt in einen grünen Minibus mit gelber Aufschrift, die ich nicht entziffern kann. Sie hat uns ihre Visitenkarte dagelassen … Mal sehen … Hier: Francine Atchouel, Direktorin, und unten ›CENTRE LOISIRS MONTAGNE POUR ADULTES HANDICAPES‹
mit einer Telefonnummer.«
Ich beginne zu begreifen. Die gute Frau will mich ihren Schäflein als Beweis dafür vorführen, was man trotz einer Behinderung auf die Beine stellen kann. Und mein Mistkerl von Onkel hat mich natürlich nicht davor gewarnt. Auf alle Fälle ist das völlig idiotisch. Ich kann nicht sprechen und werde keinen Vortrag in der Taubstummensprache halten.
»Sie scheint nett zu sein«, meint Yvette, »aber ein bisschen … na ja … überschwänglich. Und dieser Wollpullover mit Rosenblüten, ganz ehrlich, der schmeichelt ihr nicht gerade. Er trägt eher auf, und da sie nicht eben dünn ist … Was halten Sie von einem Blaubeertörtchen?«
Ablehnende Handbewegung. Wir haben schon jeder zwei Crêpes verputzt, und ich mache nicht genug Gymnastik, um mir hemmungslos den Bauch vollschlagen zu können.
»Na gut, ich hole mir trotzdem eins«, beschließt Yvette und erhebt sich. »Die Bergluft macht hungrig.«
Es gelingt mir schließlich, einen Schluck von dem inzwischen kalten Tee zu trinken. Fröhliche Stimmen junger Leute. Schulterklopfen, Schreie. Auch ich bin früher die Hänge hinuntergebrettert, rot vor Kälte und Vergnügen. Ich spüre noch die Anspannung in meinen Fußgelenken. Die Erschütterungen auf den Buckelpisten, das berauschende Gefühl der Geschwindigkeit. Mit Benoît habe ich Langlauf angefangen – lange Wanderungen durch glitzernden Pulverschnee. Und Snowboard auf den Übungshängen. Im Keller muss immer noch die nagelneue Ausrüstung stehen. Wir hatten sie kurz vor … vor dem Unfall erstanden. Schluss damit. Es ist wie lebenslänglich, nur dass die Zelle der eigene Körper ist. Halt, stopp, keine negativen Gedanken, ich will doch nicht in aller Öffentlichkeit zu heulen anfangen.
»Elise …«
Eine Stimme zu meiner Linken, sanft, flüsternd. Noch ein Bekannter, der unvermutet aufkreuzt?
»Elise …«
Ich hebe die Hand, um kundzutun, dass ich gehört habe. »Ich habe ein Geschenk für Sie«, fährt die Stimme fast zärtlich fort.
Ein Verehrer? Ich spüre eine Hand die meine berühren, trockene, warme Haut. Meine Finger werden um das Ende eines Plastikbeutels geschlossen.
»Bis später …«
Ich sitze überrascht da, den Beutel in der Hand.
»Sie hätten doch eines nehmen sollen; das Törtchen sieht köstlich aus!«
Yvette lässt sich in den Sessel sinken.
»Was ist denn das für ein Beutel?«
Ich reiche ihn ihr und kritzele auf meinen Block: Hast du jemanden mit mir sprechen sehen?
»Aber … Wenn jemand mit Ihnen gesprochen hat, dann müssten Sie’s doch wissen!«, gibt sie mit vollem Mund zurück. »Nein, ich habe niemanden gesehen, na ja, kein Wunder bei diesem Gewimmel … Was ist das denn überhaupt? Ein Geschenkpäckchen! Jemand hat Ihnen ein Geschenk gemacht?«
Ich schreibe hastig: Ja, aber ich weiß nicht, wer. Öffne es.
Rascheln von Papier.
»Na, so was! Das ist ja völlig verrückt. Ein Steak in Plastikfolie! Was für eine Idee, ein Steak wie ein Geschenk einzuwickeln! Oder überhaupt, ein Steak zu schenken!«
Ein Steak?
Verwirrt erkundige ich mich: Was für eine Art von Steak?
»Rotes Fleisch, dick und blutig. Ich hoffe, es ist französisches Fleisch. Wir sollten es vielleicht besser wegwerfen. Oder wir geben es den Hunden. Ich möchte kein Fleisch essen, von dem ich nicht weiß, wer es Ihnen gegeben hat. Ein Steak! Also wirklich, ein starkes Stück …«
Mein Verstand arbeitet auf Hochtouren. Jemand hat mir ein Steak geschenkt, ohne seinen Namen zu nennen. Er hat sich Yvettes Abwesenheit zu Nutze gemacht, er will also anonym bleiben. Aber was steckt hinter diesem Scherz, wenn es denn einer ist?
Will man mir vielleicht eine Mitteilung überbringen? Ein Rätsel, dessen erstes Element das Steak ist? Ja, die Skiorte sind voll von Spaßvögeln, die den armen, sich langweilenden Behinderten mit Rätseln in 3D die Zeit vertreiben. Bezahlt vom Fremdenverkehrsamt, um für Stimmung zu sorgen. Das ist geglückt, ich langweile mich überhaupt nicht mehr. Ich habe sogar richtig Angst.
»Halt! Hier ist ein Aufkleber!«, ruft Yvette. »Ihr Metzger wünscht Ihnen einen guten Aufenthalt.« Für Werbung greifen die heutzutage wirklich zu allen Mitteln.
Uff, das Geheimnis wäre gelüftet. In zwei Jahren habe ich meine Dosis an Abenteuern gehabt, und alles, was vom Üblichen abweicht, bringt mich leicht aus dem Gleichgewicht, sagt mein Psy, mein Psychotherapeut.
Er ist praktisch, mein Psy: Ich kann ihn überallhin mitnehmen. Ich habe ihn mir eines Tages, als ich wirklich Lust hatte, Schluss zu machen, vor meinem geistigen Auge erschaffen. Ein großer Typ in weißem Kittel mit einem passenden Bart, eine Mischung aus Gott und Weihnachtsmann, in einem riesigen Ledersessel. Er hört mir aufmerksam und wohlwollend zu. Denn mit ihm kann ich sprechen. Die Worte sprudeln aus mir heraus wie früher. Und ich sehe. Ich sehe ihn, ich sehe das Fenster hinter ihm, den blauen Himmel, die Wolken. Und ich kann mich bewegen. Ich schlage die Beine übereinander. Ich ziehe meinen Rock zurecht. Ich bewege die Zehen in meinen Schuhen. Und Psy gibt Antworten und ermutigt mich und redet mir gut zu, nicht zu verzweifeln. Danke, Psy.
Yvette reißt mich aus meinen Tagträumereien und kündigt an, es sei Zeit zum Aufbruch, die Sonne stehe schon tief. In ihren Augen ist es hier nach Sonnenuntergang schlimmer als in Transsilvanien: Alle unvorsichtigen Fußgänger laufen Gefahr, zu erfrieren oder bei lebendigem Leib von Rudeln von Werwölfen verschlungen zu werden. Zum Glück werden wir im Warmen sein, vor dem Kaminfeuer in unserem Chalet.
Das Feuer knistert wohltuend. Ich fühle mich ein wenig benommen. Der Rest des Nachmittags ist wie im Flug vergangen. Kaum habe ich meine Muskelübungen absolviert, sitzen Yvette und ich vor dem Fernseher und machen bei einem Quiz mit. Yvette gewinnt immer. Ich frage mich, wie meine Schrift wohl aussieht, meine neue Schrift müsste ich sagen, da ich mit der linken Hand neu lernen musste zu schreiben, ohne meine...




