Aus einer kleinen Stadt (Kommentiert) | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 177 Seiten

Aus einer kleinen Stadt (Kommentiert)

Erweiterte Ausgabe. Provinzleben, bürgerliche Moral und leise Gewissenskonflikte in einer psychologischen Erzählung
1. Auflage 2018
ISBN: 978-80-268-8464-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erweiterte Ausgabe. Provinzleben, bürgerliche Moral und leise Gewissenskonflikte in einer psychologischen Erzählung

E-Book, Deutsch, 177 Seiten

ISBN: 978-80-268-8464-4
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Es währte lange, ehe die erschrockene Frinda das Vorgefallene in einigem Zusammenhange erfuhr, dann aber sagte sie begütigend: 'Und warum bei dieser Möglichkeit, ihn immer zu sehen, die Furcht, daß es zum letzten Male war? Ich bitte Dich, Julie, nimm den Antrag an, verdirb nicht aus übertriebener Gewissenhaftigkeit Deine ganze Zukunft. Du hast ja zu bestimmen, einzurichten, Alles wie Du willst, und kannst das Verhältniß in einer Art gestalten, daß kein Vernünftiger Arg darin findet.'

Frau von W. war eine um 1837 auftretende deutsche Novellistin. Ihre Anonymität wurde bis heute gewahrt. Bemerkenswert ist sie durch ihre auffällig subtile Kenntnis des Gefühlslebens junger Frauen und Mädchen. Dies gewann ihr Leserinnen. Sie vereint dabei (biedermeierlich formuliert) Zartsinn mit realistischer Beobachtungsgabe und tieflotender Dialogführung. Ihre unprätentiöse Sprache steht auf der guten Bildungshöhe ihrer Zeit, mit Einflüssen der Berliner Romantik. Inhaltlich zeigt sie Milieukenntnis des Offiziers- und Landadels, geografische Kenntnisse etwa von Norddeutschland, Italien und Frankreich und künstlerische, vor allem musikalische Interessen und malerische und landschaftsgärtnerische Kenntnisse.
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Die ersten beiden Tage nach dem für sie so inhaltreichen Pfingstfest verstrichen Julien einförmig, und sie wäre fast versucht worden, die fremdartigen Erscheinungen desselben ins Reich der Träume zu verweisen, hätte nicht Vetter Franz, bei der nächsten Morgenpromenade, ihr erzählt, daß Graf Sensky nun auch ihm bekannt geworden, indem er einen Besuch bei seinem Vater — dem Hofprediger des Fürsten abgestattet und gewünscht habe, auch des Sohnes Bekanntschaft zu machen. Hier nun war der vornehme Gast der Schüchternheit des jungen Mannes so liebenswürdig entgegengekommen, hatte so geschickt gewußt, die innere Gediegenheit desselben ans Licht zu fördern, ihn aufgefodert, in der fürstlichen Bibliothek, die viele werthvolle Werke enthielt, sein Cicerone zu sein und die alten Sprachen zu verdollmetschen, und dabei so viel eigenes Wissen offenbart, daß Franz ganz entzückt von der Aussicht war, so genußreichen Unterhaltungen mehr entgegenzusehen und Julien um Vergebung bat, wenn in Folge dessen, ihre gemeinschaftlichen Spaziergänge vorerst eine Störung erleiden würden. Diese freute sich ausnehmend einer solchen Anerkennung und Anregung für den Vetter, hatte aber kaum zu Hause erzählt, wie der fremde Gast anfange, in der Stadt Besuche zu machen, als Therese voll Schreckens ausrief: „O, Himmel, dann ist er im Stande und klopft auch an unsere Thüre — welch' eine Plage ist es doch, eine liebenswürdige Schwester zu haben!“

Therese war ein originelles Mädchen, jung, ohne die Vorrechte und Genüsse der Jugend zu kennen und zu würdigen, klug, unterrichtet, ohne es Jemanden zu zeigen, voll häuslicher Tugenden, stets fleißig, immer für Andere geschäftig, wohlthätig, sehr religiös — ihrem kleinen Kreise unentbehrlich und doch nie sich selbst genügend, unzufrieden mit ihren Leistungen, barock in mancher Ansicht des Lebens und fast menschenscheu, obgleich sie unter den ihrigen und den nächsten Bekannten oft die beste Laune hatte — die trefflichsten Einfälle zu Tage förderte. Nur durfte vor Allem kein männliches Wesen zugegen sein! Der plötzliche Tod einer Freundin, die am gemeinschaftlichen Konfirmationstage von einem Nervenschlage getroffen, an ihrer Seite starb, mochte wol ihrem Wesen die seltsame Richtung gegeben haben, wenigstens schrieb sich von dieser Zeit ihre Abneigung gegen alle geselligen Freuden her, und sie war auch lange sehr nervenschwach und gereizt geblieben, stets einen schnellen Tod für sich oder ihre Angehörigen fürchtend. So verschieden beide Schwestern waren, so liebten sie sich dennoch innig, erkannten gegenseitig ihre Vorzüge an und führten sie auch fast beständig kleine, scherzhafte Kriege untereinander, so arteten dieselben nie in wirklichen Zwist aus, dienten vielmehr zur Erheiterung ihrer Häuslichkeit und wurden oft gutmüthig schalkhaft von der Mutter, einer trefflichen, von Jedermann hochgeachteten Matrone selbst befördert.

Eben hatte Therese, am dritten Tage nach Pfingsten, für einen Augenblick ihren Versteck verlassen, in welchem sie sich, von dem gräflichen Besuch bedroht, jetzt für gewöhnlich aufhielt, als die Magd eiligst und in großer Aufregung eintrat, um einen vornehmen unbekannten Herrn, der einen großen Stern auf der Brust trage, zu melden. Wie ein Blitz fuhr Jene in ihre Kammer zurück und die Räthin Selling und Julie traten dem — Grafen Sensky entgegen. Mit der gewinnendsten Artigkeit begrüßte er die Damen, bat sein Kommen mit dem Wunsch zu entschuldigen, eine angenehme Bekanntschaft fortzusetzen und eine neue zu gewinnen, und zeigte sich von Haus aus so natürlich, so behaglich in dem kleinen Raume, der ihn aufnahm, daß jede Befangenheit davor schwinden mußte. Auch trug das kleine Gynäceum, das ihn empfing, zu sehr den Stempel traulicher Wohnlichkeit, ja, sauberer Eleganz, als daß es nicht ganz, natürlich schien, leicht und frei darin zu athmen. Therese war fast pedantisch ordentlich, nicht ein Stäubchen durfte sichtbar sein, nicht die Spur einer Werktagsarbeit, deren jede in das Nebengemach verbannt war, worin sie jetzt weilte, die Harmonie dieses Aufenthalts entweihen, und ernstlich böse wurde sie, wenn Julie, um, wie sie sagte, einen genialen Umschwung in das Einerlei zu bringen, mitunter hier ein Tuch, dort ein paar Handschuh, eine Arbeit oder sonstige profane Gegenstände umher streute; auch hatte das Ganze durchaus keinen Anstrich von steifer, peinlicher Förmlichkeit. Ein schön gestickter Teppich, ein Fortepiano, hellglänzende Meubles, allerlei zierliche Kleinigkeiten auf dem Gesimse des Kamins ausgestellt — ein schwebendes Bücherbrett, mit den Lieblingsdichtern der Schwestern; an den Wänden zahlreiche Gemälde, zum Theil fleißig und gut gearbeitete Handzeichnungen Juliens, die eine vorzügliche Blumenmalerin war — in den Fensternischen, die wie kleine für sich bestehende Kabinette ausgeputzt waren, zwei Nähtische mit angefangenen Stickereien halb verdeckt von den reich herabfallenden Vorhängen und einem mit Epheu überkleideten Gitter, und endlich die Produkte der mütterlichen Liebhaberei, duftende und blühende Gewächse vor den Fenstern und auf einer Estrade ausgestellt, — das waren die einzelnen Theile des dem Auge wohlthuenden Ensemble, welches Graf Sensky behaglich überschaute. Den Ehrenplatz, welchen ihm die Räthin Selling neben sich auf dem Sopha anbot, nahm er jedoch nicht an, holte sich selbst einen Stuhl, als auch Julie, über die Kleinstädterei scherzend, denselben sich einzunehmen weigerte, und saß bald in so gemüthlichem Gespräch neben den Frauen, jede Gêne durch sein offenes, Zutrauen erweckendes Wesen verbannend, daß Julie mit Freuden wahrnahm, wie seine Anwesenheit ihrer Mutter ganz bequem schien, und er ihr doppelt liebenswürdig vorkam in jener gewinnenden Höflichkeit des Herzens, die sich, der alternden Frau gegenüber, bemühte ein Lieblingsthema derselben aufzufinden. Daß dies die Blumenzucht sei, hatte er bald ergründet, bewunderte theilnehmend einige seltene Exemplare von blühenden Kaktus, welche ihm die Räthin leuchtenden Auges präsentirte, gab allerlei Rathschläge für Pflege und Verbesserung der lieblichen Zöglinge und erzählte dann von seinen Treibhäusern daheim, der Flora fremder Länder, den Versuchen, die er mit Umsiedelungen und Verpflanzungen gemacht, und gewann sich vollends das Herz der für neues in diesem Gebiet schwärmenden Matrone, als er ihr versprach, eine Anzahl ganz auserlesener Pflanzen und Saamengattungen demnächst zuzusenden.

Späterhin lenkte sich, mehr zu Julien gewandt, die Unterhaltung auf Lectüre; er erzählte von der Bekanntschaft eines jungen gelehrten Mannes, die er gemacht, der ihm bei Entzifferung eines alten Manuscripts behülflich sei, und es machte Julien Vergnügen, denselben als ihren Vetter aufführen und ihm gebührendes Lob ertheilen zu können. Dann besah er ihre Bücher und Musikalien. Lenau's, Grün's und Zedlich's Gedichte zu finden, freute ihn. „Noch vor nicht gar langer Zeit,“ sagte er, „war Oesterreich, wie in so manchem Andern, auch in der Literatur eine Art China, und es drang nur weniges davon — die Romane der Caroline Pichler hatten hierin das meiste Glück — über die hohe Mauer nach dem übrigen Deutschland; jetzt ist es anders. Unser Parnaß hat so viel Verklärung gewonnen, daß er darüber hinwegleuchtet und angestaunt wird, und es steht jetzt fast zu befürchten,“ setzte er scherzend hinzu, „daß, wie überall, die Menge der Sänger den Dichterwald confus macht.“

„Die Koryphäen,“ entgegnete Julie mit Beziehung fein, „werden immer den ersten Rang behaupten; es kommt nur darauf an, daß sie sich nennen, wie es jüngst auch Anastasius Grün gethan.“

„Der jedoch seine besten Wahrheiten incognito auf Spaziergängen gesammelt. [Spaziergänge eines wiener Poeten.] In der That, das Incognito ist heilsam in Ländern, wo Posas Bitte um Gedankenfreiheit noch keinen Eingang gefunden; heutzutage würden wir Preßfreiheit sagen!“

„Und doch, verzeihen Sie, Herr Graf! was der Mann spricht, von Munde zu Munde oder mit der Feder, muß er zu vertreten wissen, kann auch erst recht wirksam sein, wenn er sich dazu bekennt; anders ist es mit uns armen Frauen, bei uns ist das Talent eine Contrebande, die verborgen werden muß, weil ihr Besitz Gefahr bringt, und sei es auch nur die, verspottet zu werden!“

„Auf diese Gefahr hin haben es doch aber bereits viele Ihrer schönen Mitschwestern gewagt, den Wettlauf mit uns zu beginnen und Kränze davon getragen; auch wird, wenn die Gegenwart schon, so manches Vorurtheil abschüttelt, die Zukunft noch immer gerechter sein und Talent, Genie, wo sie sich finden, als Götterfunken lodern und unparteiische Anerkennung finden!“

„Ach ja,“ sagte Julie ablenkend, „denn ihr schlug das Herz etwas bei dieser Materie, die Zukunft ist stets das Oberappellationsgericht, an das sich unsere Hoffnungen wenden; aber würden Sie es vielleicht nicht verschmähen, Herr Graf! unser dürftiges Instrument mit Ihrem Spiel zu beehren?“

Der Graf schlug einige Accorde an, präludirte und phantasirte eine Weile in jener Art, die Julie schon an dem Abend bei Frau von Hagen bewundert hatte, und welche die Räthin, nicht ohne insgeheim einige Stoßseufzer für ihr Clavier auszuhauchen, als etwas nie Gehörtes pries, da ihr noch wenig von der neuen romantischen Schule der Musik bekannt geworden, und empfahl sich, nachdem auch dies interessante Thema noch besprochen, den Damen mit Dank und Bitte, mit jenem für freundliche Aufnahme seines Besuchs, mit dieser, ihn dann und wann wiederholen zu dürfen.

„Und nun,“ sagte Julie, als er geschieden war, die Thüre zu Theresens Versteck weit öffnend, „erlauben Euer Hochgeboren, daß ich noch schließlich meine Schwester Turandot, die große Männerfeindin, Hochdenselben vorstellen darf,...



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